Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1924)
- Date
- 1924-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13 November 1924 Nr. 46 Frankfurt a. 2JI., den I6 rnarcheschw«» ssss Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. W*\ L liJ Abonnement ab Januar 1924: Teatschland 1 Goldmark monatlich;, Ausland: Vierteljahrpretfs (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: 50000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 13 Fr.: Holland2 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark ßuttt Tageskurs oder 5 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschöcho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn 80000 Kronen; Dänemark ö Kronen; Norwegen b Kronen; Schweden 8.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. - ■ ' Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellensuchende 20 Goldpf., für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Tertsette 1.20 füll., vorletzte Tertseite 2.— Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines Selten Fernbriefportos. 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Dzika und Nalewki. Die zionistische Presse beschäftigt sich in den letzten Wochen eifrig mit dem Charakter des Einwanderungsstroms, der seit einigen Monaten nach Erez Jisroel flutet und der bereits vierstellige Ziffern aufweist. Weizmann selber hat in einer seiner palästinensischen Reden, mit einer gewissen Sorge von dieser neuen Einwanderung gesprochen und die Parole ausgegeben, es komme weniger auf die Quantität als auf die Qualität der Immigration an. Es find nämlich nicht mehr „Chaluzim" und „Chaluzoth", Hebräisch sprechende, religiös und kulturell revolutionär gesinnte jugendliche Elemente, die in den Häfen Erez Jisroels landen, sondern in auffällig großer Zähl kleinbürgerliche polnische Kreise, Familienväter aus dem Warschauer Ghetto und dem polnischen Provinzstädtchen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen haben und, von der Wirtschaftskrise depossediert, ihr ganzes diesseitiges und jenseitiges Heil auf dem geliebten Boden des heiligen Landes zu finden hoffen. Weizmann graut es bereits vor einem Wiederaufleben von „Dzika" und „N a l e w k i" (Judenstraßen Warschaus) im neuen, hebräischen Palästina und die „Jüdische Rundschau" ruft nach einem „Eingreifen der zwrn.,<.,chen Organisation", „ehe es zu spät ist". Soweit bei diesen Angststimmungen wirtschaftliche Erwägungen mitspielen, sind sie berechtigt, und man würde den neuen Einwanderern selber einen schlechten Dienst leisten, wollte Man sie ohne Direktive einer gänzlich anarchischen und willkürlichen Einordnung in das gebrechliche Wirtschaftsleben des Landes überlassen. Die Hauptsorge liegt aber für die Zionistischen Politiker auf kulturellem und politischem Gebiete. Solange jedes Schiff einen Nachschub von radikalen Freigeistern brachte, die in ihrem Herzen wie in ihrem Leben den Gott Israels entthront und an seine Stelle den Götzen der hebräischen Sprach e und den Kultus des modernen N a t i o n a l i s m u s gesetzt haben, war alles in schönster Ordnung. Man konnte sicher sein, daß die politische- Vormundschaft, die in Palästina nach i n n e n und außen von der kleinen Minorität europäischer Nationaljuden über die religiösen jüdischen Massen ausgeübt wird, durch die Einwanderung nicht beeinträchtigt, und daß das Netz von nationalen Schulen ad majorem gloriam der Bibelkritik und der religiösen Negation immer weiter ausgedehnt, die Jugend ungestört zur Anbetung des religionslosen Nationalismus erzogen werden könne. Wie aber, wenn allmählich zehntausend chassidische Familienhäupter, zum größten Teil agudistisch infiziert, also auch politisch nicht mehr gänzlich willenlos, ins Land kommen und sich einige Rücksicht in Gesetzgebung und Verwaltung erzwingen, altjüdisches, gar chassidisches Gemeindeleben aufpflanzen und das gefürchtete „Cheder" wieder aufleben lassen wollen? Das ists, was in Rüssel Street wie in der Sächsischen Straße schlaflose Nächte bereitet. Man möchte auf die neue Einwanderung, wenn sie schon nicht verboten werden kann, „national einwirken"! Die eben erst aus Assimilantentum und Taufbecken-Nähe zur n a - t i o n a l e n" Anpassung an das Völkertum erwachten westeuropäischen Zionistenführer wollen die alten Volljuden aus Dzika und Nalewki T»**» sein, ein Schauspiel, das komisch wäre, wenn es nicht die ganze Tragik unsrer Lage widerspiegelte. In der Tat: von dem Schicksal des jetzt anhebenden Einwandererstroms wird für die Zukunft der min auf ihrem uralten Heimatboden unendlich Vielem, vielleicht Entscheidendes abhängen. Gelingt es den Zionisten, auch diese Schicht in ihre Hände zu bekommen, sie von vornherein durch wirtschaftliche Vorteile in ihrer religiös-kulturellen Selbstbestimmung zu lähmen, ihre Kinder in die „nationalen" Schulen hineinzuziehen und durch den Glanz der von der Regierung begünstigten neuhebräischen unjüdischen Kultur die Erinnerung an das stille, reine Licht der heimatlichen Thora zum Erlöschen zu bringen — dann ist ein weiterre mächtiger Schritt zur Entjudung Palästinas und zum endlichen Zerfall aller Hoffnungen auf wahrhaften, dauernden Aufbaugeschehen. Raffte sich aber die in „Agudas Jisroel" organisierte Orthodoxie endlich zu g r o ß e n, der der Sache würdigen Opfern für Erez Jisroel auf, könnte „Agudas Jisroel" nicht nur ihren jetzt abgeschlossenen 4000-D u n a m - Kauf durch rascheste Barzahlung realisieren und zur Grundlage, zum ersten Anfang eines sich erweiternden Kolonisationswerkes machen, dieses Werk durch einen Kranz neuer Schulen und echtjüdischer Gemeinschaften krönen und die jetzt Einwandernden mit sachkundigem Rat und opferfroher Tat in die rechten Wirtschaftspositionen hineinlenken, dann wäre dieser neuen Einwanderungswelle, die man im zionistischenLagerso ungern sieht, er st der rechte, tiefe Sinn abgerungen, der ihr zweifellos alseinem Werkeder .wtor nmipn innewohnt. Der geistige Einfluß der Orthodoxie in Erez Jisroel hängt — unbeschadet der unerläßlichen Notwendigkeit, im politischen Kampfe der Thora und ihren Bekennern freie Betätigungsmöglichkeit zu schaffen — letzten Endes doch immer von der Zahl, der wirtschaftlichen Lage und der Erziehung der gesetzestreuen Juden im Lande selber ab. Siedlung und Schulgründung sind also die beiden heiligsten praktischen Aufgaben, die in dieser Schicksalsstunde jedem thoratreuen Juden, dem nw> nix» j?"nK eine lebendige mx» ist. Tag und Nacht begleiten sollten. b) M i s r a ch i u n d A g u d a. Wir möchten in diesem Zusammenhänge eine Aufforderung erwähnen, die Rabbiner Fischm a n n vom „Misrachi" in einem Wiener Organ — das wir sonst wegen seines literarischen Niveaus nicht zu zitieren pflegen — an „Agudas Jisroel" gerichtet hat. Die Aufforderung trägt offiziellen Charakter und verlangt eine Zusammenarbeit der beiden Organisationen auf dem Gebiete des palästinensischen Schulwesens. Daß Rabb. Fischmann es gleichzeitig für gut befindet, die Führer der Aguda — im Gegensatz zu unzähligen Versicherungen und ausreichenden Tatbeweisen — des mangelnden Aufbauwillens, also der Unaufrichtigkeit, zu zeihen, ist eine Unschicklichkeit, über die wir hinweggehen wollen. Man soll, in der Politik nicht beleidigt sein. Es scheint uns aber, daß Herr Fischmann über die zahlreichen Versuche in