Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1924)
- Date
- 1924-10-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 44 Der Israelit „War der Bote schon vielleicht heute früh hier?" wagte jemand zu fragen, hielt aber inne als hundert wütende Blicke ihn trafen. Hunderte konnten bezeugen und beschwören daß Nathan, der Bote, den man nie zuvor in Kairo gesehen hatte, erst im Momente, da die Gemeinde das Baldachin im Garten Chelebis umdrängte, mit einer Karawane von der Richtung Alexandrias her eintraf. Sabbatai war still,' wechselte einige Worte mi^ Jachini, und dieser verhandelte lange und viel mit Chelebi. Indes saß Sarah im anderen Gemache, verdrossen in sich gekehrt, im Kreise der Frauen Die Botschaft aus Jerusalem wie die von den „Mosessöhnen" schien ihren Geist wenig zu be schuftigen. Sie war mit dem Manne, dem lange Jahre ihr Herz entgegenschlug, ihre Seele entgegen zitterte, für ungestörte Minuten nur, zusammen gekommen. War er schön, war er so groß und erhaben, wie sie ihn im Geiste sah? Sie wußte es kaum, all das Erlebte schwamm ihr wie dichter Nebel vor den Augen. Ihr Spiel war zu Ende oder trat in eine neue Phch'tz. Wird sie es auch fein können, was sie spielte? Als die Mitternacht herankam, trat Sabbatai ganz unvermittelt in ihr Gemach, nahm sie unbe fangen an der Hand und sprach: „Komme, Sarah!" „Wohin?" „Nach Jerusalem, der heiligen Stadt." „Heute noch?" „Gleich jetzt, sie warten dort meiner. Vor dem Tore steht der Wagen." Jachini und Nathan gingen mit ihnen. Außer Chelebi, der Jachini den schweren Beutel eingehändigt hatte, hatte fast keiner ihre Abfahrt gemerkt. - Die Freude und der Jubel drinnen schlugen noch kräftige Wellen, indes das Messiasbrautpaar in der Nacht verschwunden war. Man sang im Rausche des Weines Psalmen und weltliche Lieder. Und zuletzt kamen auch die Frauen von der anderen Seite, und man reichte sich die Hand zu wilden Tänzen bis zum hellen Morgen ... Die Zeit der neuen Bindungen und Lösungen war gekommen. Sabbatai, so sagte man, hatte die Tänze von Männern und Frauen erlaubt, angeordnet. Die Gemäßigten zogen sich angewidert nach einander zurück. Aus den Jnnengemächern kamen leise Gebetworte. Dort hielten Chelebi mit Vital ihre nächtlichen Bußübungen und Kasteiungen ab (Fortsetzung folgt.) Heilige Tage in Wien. II. Rüstung. Wenn man vom Westbahnhof kommend eine der Brücken über dem Donaukanal hinter sich hat, ist es aus mit der „Kaiserstadt an der blauen Donau" und wir befinden uns in einer der großen Judenstädte von der bekannten grauen Farbe des Ostens. Die Häuser ragen nicht so hoch zum düstern rauchbedeckten Himmel wie in Newyork Eastend, es ist nicht das bunte Gewühl im grauen Nebel des Londoner Whitechapel, die Straßen sind nicht so eng und schmutzig wie in den jüdischen Bezirken von Warschau und Wilna. Aber von all diesen Städten etwas hat der zweite Bezirk der österreichischen Hauptstadt. Vor allem die Typen, die Mepschen. Und wandelt man weiter östlich durch den übrigens wunderbar gepflegten Augarten mit seinen breiten Promenaden und den Urwaldfiktionen dahinter in den zwanzigsten Bezirk (wieso sich im Hexeneinmaleins des Wiener Straßennetzes zwanzig an zwei anreiht, ist mir nicht erfindlich), dann fehlen auch die Gossen und Pfützen am Straßenrande nicht. Nirgends ein Vorgärtchen, nirgends eine blumige Veranda. Graues, abbröckelndes Gemäuer harmoniert mit den verwaschenen und verschlissenen Kopftüchern schwer mit Körben einherwandelnder Frauen. Unverhängte Fensterchen tief zur Erde gelegener Wohnungen gewähren Einblick in düstere Behausungen und armselige Einrichtungen. Dunkelrotes und buntgestreiftes Bettzeug sonnt sich auf grauen Fensternischen. Was da läuft und rast und rennt, ist jüdisch, ostjüdisch. Langröckige und langbärtige Männer tragen lebendiges Federvieh unter dem Arm, das zappelt und quieckt und kräht und die Situation noch komischer macht. Es fällt hier nicht auf. Es ist übrigens der Rüstetag zum Jom Kippur, der letzte Termin zum Kaporesschlagen... An einem offenen Tor, über dem mit großen hebräischen Lettern ausgezählt wird, was da alles welche'würdige'Amtstracht sie aber nicht hindert, zu habe nist, billig und gut, alles „unter Aufsicht der Schiffsschul", verhandelt ein älterer Mann aus offener Straße mit einer abgehetzten Frau unter lebhaften Gestikulationen, auf ein geöffnetes Buch mit allen fünf Fingern der rechten Hand hindeutend. Ein Machsor, artiquarisch, Krakauer Druck, alles darin zu finden, und gut „verdaitscht. . ." Der zweite Bezirk ist die Stadt der Juden, der zwanzigste die Stadt der Flüchtlinge. Hier wie dort liegt nicht allein der Feiertag in der Luft, sondern schon der Rüstetag zu demselben zuckt und zittert und hastet aus allen Ecken und Gassen. Jom Kippur in der Schiffsschul. Neben dem Dutzend offizieller Synagogen der Kultusgemeinde dürfte Wien nvch ein paar hundert kleinerer Synagogen, Bethäuser und Minjanim Zählen. Ein gut Teil dieser Gotteshäuser konzentriert sich um die Schifssschul in der großen Schiffsgasse, die von altersher mit ihrem geordneten Gemeinwesen, ihrem Rabbinate und ihren musterhaften Institutionen den Herzpunkt des gesetzestreuen Lebens in Wien bildet. Als ich am Vorabend des Jom Kippur schon vor der festgesetzten Zeit an die Schiffsschul kam, fand ich sie gut bewacht von einem verstärkten Posten gelbuniformierter Polizeimänner, die in Wien „Wachleute" genannt werden. Es handelt sich weniger um den Schutz nach außen, sondern um die Einhaltung der Ordnung nach innen. Cs darf keiner ohne Eintrittskarte in den Synagogenhof, und die Wachleute sind sogar so neugierig, sich zu erkundigen, ob man Jom Kippur- Schuhe bei sich habe'. . . Zum ersten Male in meinem Leben sah ich eine Bestimmung des Schulchan Aruch unter strenger polizeilicher Aufsicht ausgeführt. . . Ich muß sagen, diese Bewachung, Einmischung und strenge Absperrung befremdete mich ein wenig: wirkte wenig erhebend als Einleitung zum heiligen Tage. Aber ich wurde darüber belehrt, daß es hier allgemein üblich und eine unabweislich notwendige Maßnahme sei. Wer ynagogal heimatlos ist, wendet sich an die Kanzlei der Kultusgemeinde und wird an irgendein Bethaus „überwiesen". Wer die rechtzeitige Anmeldung verabsäumt hat, kann noch immerhin zu irgendeinem Gottesdienste der Chassidim wandern, die in ihrer Rückständigkeit meinen, es gehe nicht an, sich just in einer Stunde abzusperren, da man Gott anfleht, er möge unsere Gebete über alle Sperren zu ihm gelangen lassen . . . Da ich sowohl Karte wie Jom Kippur-Schuhe beiße, gelange ich wohlbehalten duKh die Polizeikontrolle n die Synagoge. Ich habe noch reichlich Zeit, mich im Hofe und Vorraume umzusehen. Am schwarzen Brette hängen Synagogenverordnungen, die, wie überall, nicht befolgt werden, Ankündigungen, die nicht gelesen werden. Ein Plakat zeigt den Vortrag eines Frankfurter Redners in der Aguda für Sabbat an. Alles wie anderswo. Eine andere „Bekanntmachung", unterzeichnet von Rabbiner und Dajan, lenkt aller Interesse auf sich. Wegen Preistreiberei der Händler werden vom Rabbinate alle „Esrogim" als religiös unbrauchbar erklärt, und verboten, allfolange die Händler den gechlostenen Ring nicht aufgelöst. . . Das Edikt ist kurz und entschieden gehalten und wird befolgt werden. Vielleicht werden wieder Wachleute nachhelfen . . . Auf alle Fälle wünschte ich mir etwas ähnliches auch anderswo in gegebenen Fällen. Die Schiffsschul ist eine gesunde Mischung von Frankfurt, Krakau, verbindet den Willen des Westens zur Ordnung und Form mit der innigen Andacht des Ostens. Der Gottesdienst in der reichbeleuchteten, gut gefüllten alten Synagoge beginnt mit einer Ansprache des Rabbiners. 'Der würdige Mann auf der atlasweiß umhängten Kanzel. hat die breite Goldborte des Tallis weit über den Kopf gezogen und bietet einen herrlichen Anblick. Alles an ihm ist weiß und olddurchschimmert, der Part, das Sterbegewand, der Wallis, das vergeistigte Gesicht mit den halbgeschlossenen Augen; seine Rede ist zunächst nicht ganz hörbar und wenig verständlich, denn die Gemeinde ist noch in der Sammlung begriffen. Gedämpfte Schritte, Auf- und Zuklappen von Pultdeckeln stören , den Zusammenhang. Es wirkt aber überwältigend, als der Rabbi gegen Schluß den flammenden Appell in die nun volloerfammelte, in stiller Andacht verharrende Gemeinde wirft zur Liebe, zur Versöhnung, zur Gottesfurcht, zur Thoratreue, und dann unmittelbar darauf sich umwendet, an den heiligen Schrein tritt, den in Weiß und Gold schimmernden Vorhang zurückzieht und die heilige Lade öffnet, daß ditz. weißgekleideten Thorarollen mit ihren mächtigen Goldkronen im Lichtermeer sichtbar werden. „Licht ist gestreut dem Gerechten und den Geraden des Herzens Freude . . ." Der Rabbi sprichts und die Gemeinde wiederholt es einmal und noch einmal, das tränende Auge an die weißen heiligen Rollen geheftet, die Quelle unseres Lichtes, unserer Freude... Schon während dieser ganzen Zeit stand der Vorbeter am Vorbeterpult, ganz im Tallis eingehüllt, ganz in sich versunken, wohl in stillen Vorgebeten verharrend. Er wirft sich jetzt in Positur, zieht ein wenig den Tallis zurück und ich kann ihn beobachten. Ein Vierziger.wohl, voll- und rotwangig mit schwarzem Vollbart, ein Mann ohne große Geste, ohne jegliche Künstlerpose, jeder Zoll ein Chasan. Er mustert einen Augenblick seine „Helferchar". Cs sind Sänger, Meschorarim, die nach alter Art den Chasan umstehen, um ihm zu „helfen". Ich zähle , etwa zehn junge Knaben, vier erwachsene junge Leute, und zwischen diesen ein hagerer, schlanker Graukopf. Die Jungen haben, wie die älteren Sänger schwarze Talärchen an und Samtbarette auf dem Kopfe, sich in den Pausen noch guter Jungenärt cora pudlico lustig auf den Stufen des Altars - herumzuraufen und allerlei Streiche zum Aerger des hageren Graukopfs, der die Rolle des Dirigenten hat, zu vollführen. Aber wenn gesungen wird, ist Ruhe und Andacht, die Sänger ganz Harmonie und die Gemeinde ganz Ohr.' Und gesungen wird so ziemlich alles, Kol Nidre, „Jaalaus" und selbst das Al Chotoim ertönt in lieblichstem Sopran und Alt. Es mutet dies zunächst ein wenig befremdend an, allgemach kommt aber einem zum Bewußtsein, daß diese Helfer nicht zu verwechseln seien mit den modernen Chören der modernen Synagogen des Westens. Wie räumlich, so fehlt hier auch ideell die Distanz zwischen Vorbeter, Chordirigenten und Chor vollkommen. Alle arbeiten sie mit, mit Hingabe ihres Besten, nicht allein zur Verschönerung, sondern in erster Reihe zur Verinnerlichung und Vertiefung des Gottesdienstes. Der Dirigent, ' der mitten unter seiner Schar steht, arbeitet mit beiden Händen, auch mit Mund und Kehle mit, um singend die Tonlage aufrechtzuerhalten. Und mit dem Chore singt der Vorbeter. Wie eine Geige, die über die Symponie der Instrumente zittert, hinausschluchzt. Sein prächtiger lyrischer Tenor schwingt und schwebt über der Fülle der Töne und bleibt führend. Er ist und bleibt der Chasan, der singt und betet mit Hilfe seiner Meschorarim. Darauf zugeschnitten sind auch die Melodien. Keine Choräle. Der Grundton ist alt und traditionell, wenn auch der Gesang in seiner Durchführung der eigen schöpferischen Note nicht entbehrt und eine beachtenswerte künstlerische Pflege aufweist. Aber es bleibt alles ungekünstelt, wenig abgezirkelt, tief und innig bis an Herz und Seele gehend. Daß man bei Chorgesang das Gesicht in Tallis vergraben kann, um mit den perlenden Sopran- und Altstimmen ein paar stille Tränen zu weinen, das erlebte icb zum ersten Male am Jom Kippur in der Schiffsschul zu Wien... Der Jom Kippur -Tag vergeht in Weihe und Andacht. Man ist nicht fremd. Am Jom Kippur sehen sich die Juden überall gleich, klingen die Melodien überall heimisch. Neben dem Oberkantor geben auch die andern Kantoren ihr Bestes, wenn es vielleicht auch nicht immer das Beste ist. Im Mittelpunkte des Tages stehen wieder die Gebetgesänge des Mustaf, die sich in den wüten Mittag hinausziehen. Der Höhepunkt ist mit dem völlig gesanglosen und daher um so tiefer ins Herz greifenden Neiilohgebet des Herrn Rabbiner erreicht. Mit einem brausenden „Leschonoh Haboo" schließt der Jom Kippur nach östlichem Brauch in der Schiffsschul zu Wien. „Im kommenden Jahre in Jerusalem! . . ." Als mich eine Stunde nach dem „Anbeißen" der Weg wieder durch die große Schiffsgasse an der Synagoge vorbeiführte, stolperte ich, als hingen sich meine Füße im Gestrüppe eines Waldeweges fest. Laub bedeckte in langen Reisern und hohen Wellen die Straße bis zum Fahrdamme. Der im Synagogenhofe wohnende rührige Synagogendiener ließ sich nicht viel Zeit zum Esten. Er verkaufte hier schon das Laub für die Sukkaus feiner Gemeindemitglieder. ...., Und in den dunklen Nebengassen feilschte und bandelte man vor den offen mit trockenen Palmenzwergen geschmückten Läden um die „vier Arten", und geübte Augen besahen die kostbare gelbe Frucht am blaffen Mond, daß sie frei sei von Ecken und Flecken wie dieser... - Die Händler hatten sich am heiligen Tage „aufs Herz geschlagen" und sind mit den Preisen zurückgegangen, worauf das Verbot des Rabbinats bedingt zurückgenommen wurde. Wien diesseits des Donaukanals stand im Zeichen des „Michail el chail", „von Sieg zu Sieg. . ." ' - (Schluß folgt.) Literarische Notizen. In einer der letzten Nummern bes ..Israelit" sucht Herr S. Beermann-Hannover nach einer Nachweissteüe dafür, daß neben -j^an m auch ixai twn und am 5,2V gestorben find. Vielleicht genügt ihm die Stelle im 's Snit rrjn may navm, welche lautet -. i^nvrn bn xp'is *py> ‘7m rwa -m 'Klar ’ana Ktoa (Siehe bntp’ nmajr Anmerkung zu jns inxmL). I. Popper, Lehrer. Auf die gleiche Quelle weisen hin die Herren Lehrer E. Wertheim-Hardheim, Rabbiner Feldmann- Leipzig, Dr. P. I. Kohn-Leipzig, Moses Frey, D. Surrany und Rabbiner Dr. Mannes-Schwabach. Zu dem „Sargenes"-Ärtikel im Fsr. Nr. 41/42 lS. 2/Z) ist zu bemerken, daß auch der Maharil als Vorbeter am i"i,i „das Sargenes anlegte wie am und fr"ina' 'ö ed. Anal. p. S3b.) Jüngst wurden im „Israelit" die Differenzen in den Zeitangaben der verschiedenen mniV besprochen. Noch Merkwürdiger als die dort erwähyten ist die Verschiedenheit in der Berechnung des ^lä. Sb gibt f. der Kal. d. Pal. Zentrale und der Hermon-Luach die Zeit mit 7 Uhr 4 Min. an, der Rödelheimer mit 7 Uhr 5 Min. _ ...... _ , . . _ rage. —__r in Fulda. — Verlag „Israelit", G. nr. v. H., Frankfurt a. M. Druck: Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.