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Der Israelit · 1924-10-30 · Heft 44 (30.10.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 44 (30.10.1924)
Date
1924-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Irr. 44 1924 BST- Der Israelit Die Geschichte einer verlorene« Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Stille trat mitten im Gewoge ein. Sabbatai ergriff das Wort, zuerst leise, dann immer melodischer und eindringlicher. Die Worte gingen allgemach in Gesang über: „Und es sprach der Herr zu mir ferner: „Geh hin, liebe ein Weib, von Freunden geliebt und Buhlerin. Wie die Liebe Gottes zu Israels Söhnen, indes sie sich fremden Göttern zuwenden und sich dem Traubensaft hingeben. Und ich erwarb sie mir um fünfzehn Silberlinge, ein Chomer Gerste und ein Letech Gerstaehren. Und ich sprach zu ihr: Viele Tage bleibst Du bei mir, ohne Dich abzukehren und einem anderen Manne zu gehören, und ich bei Dir. Denn viele Tage weilen die Söhne Israels, und es ist kein . König da und kein Fürst, kein Opfer und kein Standbild, kein Ephod und keine Seraphim. Nach alldem kehren die Söhne Israels zurück und suchen den Gott, ihren Gott und David ihren König. Und sie fürchten Gott', seiner Güte teilhaftig, bis ans Ende der Tage . . ." Ein Zittern ging durch die Menge bei diesen Worten, die zuletzt tönten und dröhnten wie eine Verheißung an die Wett, das große Wecken der Völker, ein Erschließen der Gräber, denen die Toten entstiegen... Viele merkten es gär nicht, daß Sabbatai nicht eignene Worte sprach, sondern die des Propheten Hosea, wie sie im dritten Kapitel seines Buches zu lesen sind. Aber Ton, Melodie und Pathos waren Eigenes, und Sehnsucht, Wille und überreizte Phantasie ließen im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Ereignis des Tages in dem Manne, der die Prophetenworte solchermaßen herausbrachte, selbst einen Propheten, wenn nicht noch Höheres erblicken. Schauernde Stille im großen Raume, in dem man alle Türen und Fenster weit aufmachen mußte, damit die andauernd andrängenden Massen sich in Hof und Garten postieren konnten, um sich mit denen im Bethause zu einer Gemeinde zusammenzuschließen. Sabbatai sprach jetzt wieder, diesesmal seine eigenen Worte: „Endlos und uferlos ist das Meer des jüdischen Leides, aber schon ist die Brücke geschlagen. Buhlerisch war Israel vom göttlichen Gemahls gewichen, es wird nun seiner Güte teilhaft, sucht seinen Gvtt und David seinen König. „Noch sind die letzten Beschwernisse nicht behoben. In Jerusalem sehe ich von hier aus, sich schwarze Wolken am Horizonte zusammenziehen. Ein grausamer Pascha verfolgt unsere Brüder, belegt sie mit einem schweren Tribut, den sie nicht leisten können und droht mit Folter und Vernichtung. Ich muß hineilen, um zu retten, um zu helfen ..." „Er ist h e l l s e h e n d," ging es durch die Menge, „fein Auge durchdringt alle Fernen, er sieht von hier aus die Dinge in Jerusalem, er. schaut bis ans Ende des Horizontes." Sabbatai prophezeite weiter: „Wer sind diese, die wie die Wolken dahinfliegen und wie die Tauben ihrem Schlage zueilen, sich mit des Volkes Ganzem um die Fahne der Erlösung zu einen? ... Ein Bote, der vo Jerusalem nach Persien und darüber hinaus gegegangen ist, überbrachte nach Jerusalem ein Schreiben von den Mosessöhnen, die jenseits des Sambation ein großes, starkes Reich bilden. Das Schreiben der Mosessöhne bezeichnet genau Weg und Ziel ..." Sabbatai machte eine Pause und fuhr plötzlich verzückten Auges mit den Händen nach oben aus, sah eine Weile stier um sich und fiel zu Boden. Schaum ergoß sich aus seinem Munde, und es kamen Worte über seine Lippen, die keiner verstand, aber jeden bis ins innerste erschauern ließ. Keiner wagte, ihm aufzuhelfen. Bald aber stand er schon wieder aufrecht in ganzer Größe da, und er fuhr noch einmal mit Augen und Händen nach oben. „Ich wünsche und befehle, daß mir der Brief der Mosessöhne ü b e r b r a ch t wird, heute noch, m den kommenden vierundzwanzig Stunden, als Hochzeitsgeschenk und Wahrzeichen meiner heiligen Mission . . .!" „Er wünscht und befiehlt," flüsterten die Menschen und das Raunen pflanzte sich in Hof und Garten, wo die Massen Kopf an Kopf ständen, fort, „er kann lösen und binden/in die Ferne sehen und höheren Mächten gebieten.. „Er befiehlt und der Brief wird kommen, Ihr könnt Euch darauf verlassen." Stunden vergingen in Sang und Klang und Verzückung bis der Menschenstrom abflaute nach den reichgedeckten Tafeln in sämtlichen Gemächern des Saraf-Palastes. Es kam die Stunde, da der Bräutigam zur Braut geführt werden sollte. Auf dem linken Flügel des Hauses thronte in ihrem Prunkgemache auf erhöhtem Sitze Sarah, eine Myrtenkrone mit Goldreifen zierte ihr üppiges Haar, dessen Wellen das dünne weiße Seidentuch zu sprengen suchten. Ihre Wangen glühten, als sie die Jungfrauen jetzt, goldene Schalen mit Blumen und Früchten in beiden Händen, zum Mittelsaale abholten, daß sie dort mit dem Bräutigam zusammentreffe. Sarah war von allen Schauern der jahrelangen Erwartung geschüttelt. So gut und sicher sie all die Zeit und allenthalben die Messiasbraut gespielt, wankten doch jetzt ihre Schritte und sie zitterte. Trällernde Musik erklang. Männer sangen. Der Weißgekleidete zwischen Jachini und Chelebi an der Spitze des Zuges war es. Sarah bohrte ihre Augen in seine Gestalt, als wollte sie das Bild, das ihr lange Jahre tief in der Seele lag, an diesem Menschen von Fleisch und Blut prüfen, und trat einen Schritt zurück. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder — und fand seine Augen von ihr abgekehrt ... Ein Regen von Blumen prasselte auf sie nieder und die Blumen flogen zwischen ihry und ihr, als wollte sie ewige blühende Scheidewand errichten ... Die Klänge von Schlagbaun und Trompete gellten durch den Raum. Dann teilten sich wieder ihre Wege . . . Mit Anbruch des Abends stand aber das Baldachin zwischen den Kastanien und duftenden Blumenbeeten im Garten, von hundert Fackeln und Lampions beleuchtet. Schon stand Sabbatai in der Mitte seiner nächsten Freunde unter dem Baldachin, der Braut harrend. Schon zeigten Musikklänge, Schritte und näherkommende Lichter den Anmarsch des Brautgefolges an. Da stürzte atemlos ein älterer Mann mit dünnem, langen, halbergrauten Barte und großem Pilgerstock in der Hand, von dem der.Staub noch nicht abgeschüttelt war, herein, brach sich Bahn durch das drängende Volk und trat dicht an Sabbatai heran. „Botschaft aus Jerusalem," sprach der Mann hastig, „ich muß sie überbringen, bevor ich noch Speis und Trank zu mir genommen, bevor ich den Staub des Weges von den Schuhen geschüttelt, bevor noch Sabbatai sich bas Weib angetraut." „Sprich, Bote Gottes!" „Bevor ich ein weiteres Wort der Bitte über die Lippen gebracht, sei Dir dieses Schreiben übergeben, es ist der Brief der „Söhne Mosis" jenseits des Sambation an ihre Brüder in Jerusalem!" Wie gelähmt stand die Menge. Keiner wagte zu sprechen. Die Musik verstummte, die Lichter kamen nicht näher, der Brautzug blieb auf dem halben Wege zur Chtzppa stehen. Mit großer Feierlichkeit nahm Sabbatai den Brief aus der Hand des Boten und zeigte ihn Chelebi und den Nahestehenden. Die in den hinteren Reihen standen auf den Zehen, um flüchtigen Blick auf das heilige Dokument zu werfen. Jachini hob das Pergament ganz hoch, daß es alle sehen konnten. „Was steht drinnen?" Jachini las laut vor. „An alle Teueren und Heiligen, denen es beschießen ist, Gott zu schauen in der heiligen Stadt seiner Wahl Jerusalem, Frieden und Segen! Wir tun Euch kund und zu wissen, daß wir aus dem Stamme der „Mosessöhne" jenseits des Sambation groß und mächtig sind. Euere Erlösung ist nahe und unsere Vereinigung mit Euch steht bevor." Jachini stockte ein wenig und las dann weiter: „Er, d e r Messias, i st d a und wenn er dieses Schreiben in die Hand bekommt, hat das Werk der Erlösung begonnen ..." Eine Weile noch herrschte Stille^ dann brach es aus wie Meeresbrausen: „Und das alles hat er vorausgesehen und gewußt!" „Er befahl und der Brief kam ..." „Cs lebe unser Herr und König Sabbatai Zewi, der Gesalbte des Herrn! ..." Die abgebrochene Musik setzte wieder ein, die Lichter näherten sich und in eine weiße Schleierwolke gehüllt, trat, wie eine himmlische Erscheinung aus Duft und Licht nur, Sarah vor Sabbatai unter das Baldachin. Sabbatai sprach laut die Weiheformel und Rafael Josef Chelebi und Samuel Vital die Segenssprüche. Die Messiasvermählung war vollzogen. Um die große Tafel drinnen saß man bis zur Mitternacht beim Hochzeitsschmause. Sabbatai hatte kaum einen Blick für seine Gattin und rührte die Speisen nicht an. Etwas drückte ihn, vielleicht war es Nathan, dessen Nähe ihn verstimmte. Er hätte Nathan, an den er nur dunkle Erinnerund hatte und der jetzt zu seiner Linken saß,nicht wiedererkannt. Dieser warälter geworden, der Bart länger, grauer und dünner, das ovale Gesicht bleicher und knochiger. Es war ihm eigenartig zumute in der Nähe dieses Mannes, der seine Kindheit geweiht und ihm die Traumwelt erschlossen hatte, durch die er nun bis hierher gelangt war. „Rabbi Nathan aus Gaza wird uns berichten über die Schicksale unserer Brüder in der heiligen Stadt," verkündet Jachini. Nathan erhob sich. „Unsere Brüder in der heiligen Stadt sind in harter Bedrängnis. Aus Polen kommen Seufzer und Tränen, aber keine Almosengelder mehr. Indes werden sie in Jerusalem getreten und erniedrigt. Der Pascha will ihnen Geld erpressen und wird sie alle vernichten, wenn sie nicht in kurzer Zeit die Summe bezahlen . . „Das. hat Sabbatai alles heute früh vorausgesehen und gewußt," flüsterten sich die Leute zu.

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