Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1924)
- Date
- 1924-10-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 40 2. Oktober 1924 Der Israelit Tifchri. Der Talmud erzählt: Einst wird Gott vor den Äugen der Gerechten und der Frevler den bösen Trieb töten, dann werden beide weinen, die Gerechten vor Freude, sprechend: wie konnte es uns gelingen, diesen hohen Berg zu bezwingen? Die Frevler vor Scham, sprechend: wie war es möglich, über diesen Faden, dünn wie ein Spinnengewebe, zu straucheln? Ein sinniges Wort. Semael (^K'bd) ist eben nur solange das Prinzip des Bösen, als das av im Gegensatz zu steht, des Menschen Aufgabe ist es, durch Unterstellung auch des Irdisch- Menschlichen in den Dienst Gottes, diesen Gegensatz schwinden zu machen, der ihn andernfalls hinabzieht in den Bereich des unfreien Tieres. Dazu hilft Gott n as/a nts/. Meine Hilfe kommt von — mit Gott. Wer das ernsthafte Streben hat, der darf des göttlichen Beistandes versichert sein, der wird den rechten Weg hinan zur Höhe finden. Wer einmal angefangen hat. die falsche Bahn zu gehen, der wird bald nicht mehr der „Spinnengewebe" achten, die seine „Freiheit" einschränken, die ihn einhegen möchten, der wird schließlich auch die höchsten Gebote, die strengsten Verbote, mißachten. „Fäden" sinds ja nur, die den Lebensweg „überspannen" und leicht zu überschreiten sind — bis auch er einst weinend erkennen wird, daß der Weg statt der Höhe — zum Abgrund geführt Darum gilt es für uns, bei dem scheinbar Kleinsten anzufangen, darum beginnen wir in frühester Jugend, das Kind, in seinen ersten Lauten, mit dem Erwachen seiner Seele, den Weg der Mizwaus zu führen, auf daß früh Körper und Geist den Höhenweg finden, auf dem sie reine Gottesluft atmen, auf dem Gott selbst ihnen entgegenkommt — zur Hilfe. Die Tage der Selbstbesinnung, des Augenblicks, der uns ein „Halt" zuruft, find wieder da, der Tag an dem wir Rückschau und Ausschau halten, der Fehler des vergangenen Jahres uns bewußt werden, um die Zukunft reiner, unbeschwert von Sünde aufbauen zu können. Vier Wochen lang rief uns morgens und abends der Schofarton zu, Einkehr zur Selbstprüfung, vom ersten Tag der vorbereitenden Wochen mahnen uns die Selichaus, der Allbarmherzigkeit Gottes uns würdig zu erweisen, bereiten uns auf den Tag des Gerichts vor, an dem die Bücher derer, die zum Leben und derer aufgeschlagen sind vor dem Richter über Leben und Tod, die zum Tode eingeschrieben werden sollen, und uns hindern, wie an allen anderen Festtagen in jubelnder Freude das Halle! anzustimmen. Und beim Klang des Schofar steigt vor unserem Auge der greise Gotteskämpe auf, der in ungebrochenem Gottvertrauen des Weges zieht, um seinen Einzigen, den Träger seiner Ideale, auf Gottes Befehl zum Opfer zu bringen. Keine Regung seines Herzens, die Auflehnung bedeutet hätte gegen Gott. Wer ihm alles gegeben hatte, der hatte auch das Recht zu fordern, ihm durfte Abraham vertrauen. Unentwegtees Gottvertrauen also fordert das Schofar von uns, Gottvertrauen, das auch dann nicht erlischt, nicht wankt, wenn die Wogen des Lebenskampfes uns hart bedrängen. Jude sein heißt — in materieller Hinsicht nur — Opfer bringen können, aber ohne Kampf kein Sieg, ohne Opfer kein Erfolg. Wahrhaftes Leben liegt ja nicht in äußeren Gütern, Leben klingt in jedem Schofarton, nv'pn bedeutet Selbstbestimmung, Weiterstreben, önarc Selbstanklage, nsrnn das leise Wimmern. Die Länge der njpj?r> richtet sich nach dem jedesmaligen Mittelton. njnnfl hat mindestens 9 ganz kleine Tonstöße, ana«/ 3 größere Stöße, von denen jeder aus mindestens drei kleinen besteht, so daß die Länge von a^av/ gleich der von nsrnn ist, während nsmn anaw doppelt so groß ist, also aus 18 kleinen Tonstößen besteht, dem Ton des Kampfes für Gott, der Fanfare des Sieges des Göttlichen in uns. Wer dürfte es wagen, am Raschhaschonoh zu einem fließenden Gewässer, das, wenn möglich, ein von Fischen bevölkertes Gewässer sein soll, hinzugehen, dort die Taschen seiner Kleidet nach außen zu kehren als Ausdruck des festen Entschlusses, rein von Sünden durchs kommende Jahr zu gehen, Symbol der Anerkennung Gottes als alleinigen Herrschers, gewaltig wie die Wogen des Stromes, Symbol auch — in den Fischen — des Anstrebens der Ungetrübtheit unserer Beziehungen zu unseren Mitmenschen und des Flehens um die geistige Mehrung des Gottesgedankens auf Erden — wer dürfte es wagen, hinzugehen, wenn er nicht zuvor versucht hätte, die Stimme des Schofar zu verstehen, wenn nicht zuvor in seinem Herzen der feste Entschluß gereift wäre, Gott anzugehören, d. h. die Mizwaus zu erfüllen mit ganzem Herzen. Erst dem Materialismus unserer Zeit blieb es Vorbehalten, dem Wahn zu verfallen, man könne ein Roschhaschonoh begehen trotz Sabbatentweihung, man sei ein wertvoller Jehudi, auch wenn man nicht die 613 Mizwaus erfülle — o nein, kein Roschhaschonoh ohne Heilighalten des Schabbos, kein Segen ohne Heilighaltung des Schabbos. Und keiner hat das Recht, verantwortungslos zu glauben: von mir allein hängt es nicht ab. Sagen doch unsere Erklärer zu dem Vers: Siehe, ich habe vor Euch heute gegeben Segen und Fluch: darum steht „siehe" in der Einzahl (nicht sehet, wie das Euch hätte erwarten lassen), um jedem einzelnen Jehudi zu sagen: betrachte Du Dich als derjenige, der, das Zünglein an der Wage, diese auf die eine oder die andere Seite hinab- oder hinaufzuziehen vermag, Du bist es, der (N212N NN) den Segen von Aleph bis Thof für die Gesamtheit herbeizuführen hat. Dazu aber ist es notwendig, die Festtage des Tifchri nicht als losgelöst vom übrigen Teil des Jahres zu betrachten. Roschhaschonoh soll — auf das vergangene Jahr bezogen — Abschluß des Schlechten in uns, für das kommende — Grundstein — alles ®uten zu fein. Daß auch der Jomkippur nicht ragender Gipfel — unerreichbar — ist, das dokumentiert sich schon in dem Gebot, am 9. Tifchri nicht zu fasten, im Gegenteil, wer am 9. leschem Mizwoh ißt, dem wird es angerechnet, als hätte er zwei Tage Jomkippur gefastet. Das Fasten des 10. soll eben in uns nicht Gedanken wach werden lassen, die in ihrer letzten Konsequenz in anderen Kreisen zur Askese, zum Mönchtum, zum Negieren dieser Welt geführt haben. Nicht so wir? nur einmal wollen wir ungehindert vom Körper vor Gott stehen mit der ganzen Inbrunst unserer Seeles, rmr als Staubgeborene, schwache Geschöpfe, vor unserem Herrscher stehen, nicht als die Krone der Schöpfung, verbringen einen ganzen Tag in ununterbrochenem Gebet um Vergebung unserer Sünden. Im Sterbegewand, auf den Lippen das Schma, das wir in der Stunde des Scheidens aus dieser Welt sprechen, begrüßen wir vertrauensvoll die untergehende Sonne, und als Gewinn dieses Tages, als Sinn des Fastens und Betens gehen wir hin und — erfüllen Mizwaus: die Mizwoh, wieder zu essen, d. h. unseren Körper zu stählen für den für den Dienst Gottes nach dem Grundsatz: ein gesunder Geist in gesundem Körper; die Mizwoh, eine Sukkoh zu errichten, eine Hütte, deren Aufbau in allen Einzelheiten?) geeignet ist, uns an die Zeiten zu erinnern, da unsere Väter, hilflos der Wüste preisgegeben, nur eine n Schutz hatten — Gott. E i n Tag ist der Theruoh Stimmung, e i n Tag dem Fasten gewidmet, aber 7 Tage, ein ganzer Festeszytlus dient der frohen ') Man wäscht sich nur morgens die Fingerspitzen, jegliche Nahrung ist uns bereits vom Abend vorher, etwa 1 Stunde vor Anbruch der Nacht verboten. Wir tragen nur Schuhe, an denen sich kein Leder, auch nicht als Ueberzug befindet, am besten sind Gummischuhe, da an Filz oft Leder verarbeitet ist. 2) Das Dach darf weder aus Metall noch Fellen noch Erdroten fein, sondern vom Boden losgelöste Pflanzenstoffe, Strohbündel sollen, bevor man sie aufs Dach legt, losgelöst fein. Man nehme am besten Nadelholz oder Laub, der Schatten muß größer sein als die durchscheinende Sonne. Die Höhe der Sukoh muh mindestens einen Meter, höchstens 10 Meter betragen. Die Wände dürfen aus jedem Stoff hergesteellt sein, müssen aber mindestens 7 Tage haltbar fein. Die Sukkoh darf nicht vom Dachfirst oder einem Balkon oder Baum überdacht sein. Feier im Kreise des Gesetzes in der' Schützhütte Gottes, 7 Tage nehmen wir die arboo minim'^) um jubelnd Got für alles H uns geschenkte, von Ihm geschenkt, zu danken — und wenn wir die Sukkoh verlassen, wenn wir die arboo minim wieder beiseite gelegt haben, dann sind wir nicht amEnde der Mizwaus angelangt, dann gerade beginnen wir die Tauroh von neuem, ein ewig währender Zyklus, der, wie das Jahr, so unser Leben einschließt, weil Tauroh vom kleinsten Faden bis zur höchsten Höhe — Leben ist. Rückblick. Ein fchweresJahr liegt hinter uns! Seit langen Dezenien wütete in Deutschland die wüste Judenhetze, die weiland Kaiser Friedrich III. Me Schmach des Jahrhunderts genannt hat, nicht mehr so heftig wie im verflossenen Jahr. Hoffentlich hat sie auf uns Juden den Eindruck gemacht, zu dessen Erziehung der allgütige Lenker des Geschickes die Feindschaft gegen uns zuläßt. Das Bellen der Schäferhunde hält uns die Herde zusammen. Es genügt natürlich nicht, daß die Glieder, die nur lose Beziehungen zum Hirten unterhalten, ihm nicht davonlaufen, sondern die Wirkung muß die Stärkung, die Verinnerlichung des Verhältnisses zum Hirten und zur Herde auslösen. Wenn man gegen Angriffe gefeit sein will, muh man über Wissen verfügen, und dieses Wissen zu erwerben, macht ja eine Lebenspslicht des Juden aus. Das Wissen vom Judentum mitzuteilen, ist die heiligste Pflicht des Vaters. Wenn der Vater aber über die notwendige Zeit nicht verfügen kann, so muß er die Unterweisung der Kinder anderen anvertrauen, die berufsmäßig den Eltern die Pflicht, ihre Kinder selbst zu unterrichten, abnehmen und die dafür natürlich von den Eltern unterhalten werden müssen. Es gibt jedenfalls nur zwei Möglichkeiten: entweder die Eltern nehmen selbst ihre Pflicht wahr oder lassen sich durch andere darin vertreten. Im letzteren Falle müssen sie ihren Hauslehrer völlig erhelltem Um die Lasten leichter tragbar zu machen, können sich mehrere Eltern vereinigen und gemeinsam eine Lehrkraft anstellen, die sie dann aber unter allen Umständen vollkommen unterhalten müssen und bei der Verteilung der Kosten auch können. Man nennt diesen Ausweg eine Schule. Die Schule dient also dazu, die Lasten der aus der Unterrichtspflicht des Juden erwachsene geldliche Leistung wirtschaftlich zu erleichtern. Jedenfalls geht es bei dieser Einrichtung, die bereits eine ungeheure Entlastung des einzelnen Hauses darstellt, indem jetzt nur ein winziger Bruchteil der Unterhaltung einer Lehrkraft auf den einzelnen kommt, während er zur ganzen Leistung verpflichtet wäre, nicht an, auch diesen Bruchteil aus dem jährlichen Budget streichen zu wollen. Entweder man unterrichtet selbst, oder man läßt sich vertreten. Beidem sich entziehen, bedeutet aber eine Kündigung an das Judentum, das nur auf der Grundlage bestehen kann, daß seine Bekenner seinen Inhalt kennen und ihn vererben. Ohne Kenntnis vom Judentum aufgewachsene Juden gleichen jemandem, der ins Wasser geworfen wird, ohne daß er schwimmen gelernt hat. Wir können uns nur durch die brandenden Wogen des Hasses einen Weg bahnen, wenn das Meer des Talmuds uns kein unbekanntes, fremdes Element geblieben ist. Wissen ist Macht. Das ist schon ein altes Wahrheitswort. Ohne Wissen fehlt die- Rückenstärkung für den Lebenskampf auf jedem Gebiet des Schaffens und des Seins. In leichten Lebensverhältnissen läßt der Mensch sich gehen. Er arbeitet nur unter Zwang. Ein goldenes Zeitalter zeitigt ein 3) Die arboo minim müssen Eigentum sein, nicht een, wer keine besitzt lasse sie sich von seinem Freund en in der ausgesprochenen Absicht, sie nach Gebrauch ihm zurückzugeben, der Lulow soll fisch sein, auf keinen Fall so alt, daß man den größten Teil der Blätter mit dem Fingernagel zerreiben kann. Man sehe, da sehr viele Dinim bei jeder der vier Arten zu beobachten sind, darauf, die arboo minim von einem zuverlässigen Jehudi zu kaufen. *) Am Schabbos werden die arboo minim nicht genommen. Man schüttelt in folgender Reihenfolge: Ost^ Süd,West, Nord, oben, unten.