Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1924)
- Date
- 1924-09-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 37 Der Israelit 11. September 1924 ii ‘ il' ij i ■a ■ •" knü p f e n. „Pokod" ist die Vergangenheitsform und aus dem „Pokod" allein muß sich dos „Jifkod", das Erlösungswerk der Zukunft ergeben. Wagt der Erlöser um ein Jota von der heiliges Ueberlieferung abzuweichen, so ist er der echte nicht, und es darf ihm keine Gefolgschaft werden ..." Es gab Murren in der Gemeinde, die Anlaben waren zu unbestimmt, enthalten kein lares Ja noch Nein, berührten zu wenig den Fall des Sabbatai Zewi, und von diesem wollte man hören. Einer rief: „Ist nun Sabbatai vom Gesetze abgewichen oder nicht? Schließt sich sein „Jifkod" dem „Pokod" an? Darf man ihm folgen oder nicht?" Der Ruf kam von derSeite, wo Esriel Briten stand, der frühere Vorsteher und vornehme Gegner Rabbi Mendels. Eine andere Gruppe scharte sich um Naftali Elochnon und Mosche Halevi, die eifrig, aber nur leise sprachen und heftig mit den Händen ausfuhren. „Ein Gesetzesübertreter!" schrie jemand. „Beweise!" schrien andere. Der Synagogendiener schlug mit der flachen Hand aufs Pult und Rabbi Mendel las, nachdem einige Ruhe eingetreten war, ein Schreiben Rabbi Jomtow Lippman Hellers aus Krakau vor. Rabbi Jomtow Lippmann mahnte zur größten Vorsicht, ob er auch die Sache nur vom Hörensagen kenne. Es gingen böse Gerüchte durch die Lande, und es drohte Gefahr . . . „Beweise!" riefen wieder vereinzelte Stimmen. „Noch ein Brief aus Livorno," sagte der. Rabbi und las ihn laut vor. In diesem Briefe war schon die Rede von einem „Betrüger, der die heilige Sehnsucht ausbeute", wobei es im Unklaren blieb, ob damit Sabbatai selbst oder nur dessen Vertrauensmann Abraham Jachini gemeint sei. In einem weiteren Schreiben von Amsterdam wurde berichtet, daß nach sicheren Quellen Sabbatai nicht allein den Namen Gottes ausspreche, sondern sich sogar anfchicke, Fasttage abzuschaffen. Die Gemeinde verließ langsam und bestürzt das Gotteshaus und in der Gemeindestube traten Rabbinat und Vorstand zu einer Sitzung zusammen. Noch am gleichen Abend erhielten Naftali Elchonon wie Moscheh Halevi den Befehl des Rabbinats, ihren Gästen das Asyl aufzusagen. Bei Androhung des Bannes wurde in einem Synagogenanschlag jedem Mitglieds verboten, den Fremden Unterkunft zu gewähren, oder sich ihnen irgendwie zu nähern. Nachdem ein letzter Versuch der Boten bei Esriel Brilen auf eine festverschlossene Türe gestoßen war, verließen sie mit Sarah noch in gleicher Nacht Frankfurt, um weiter südlich nach Livorno zu steuern. (Fortsetzung folgt.) Bilanz. Von S. ZSrückhermer in Warkiöreit. Als Jakob Thalmann an einem Montag Morgen seine Augen von seinen Geschäftsbüchern weg zu dem eisenvergitterten Fenster seines Kontors schweifen ließ, überfiel ihn wieder ganz unversehens die heftige Sehnsucht nach seinem entlegenen Geburtsdorf. Schon am vergangenen Abend war ihm, als im Gespräch ganz zufällig seine Heimat genannt wurde, eine heiße Welle vom Herzen aus gegen den Kopf gestiegen. Konnte er es sich erlauben, diesen Wunsch noch für längere Zeit zurückzustellen, wo er bereits 69 Jahre zählte? Und deshalb trug ihn der Schnellzug am nächsten Freitag schon aus dem Stadtgelärme in das waldstille Rhöndorf ... Auf einem holprigen Wege stieg er zuerst einen mit alten Eichen und Rottannen bestandenen Hügel hinauf, bis er vor dem wurmstichigen Holztor des Bes Olam stand. Ueber dessen zerbröckelnde Mauer nickten hohe Haselbüsche; flinke Eidechsen huschten im blühenden und ein Raubvogel-schoß in der blauen^ Höhe ngch eiM, wzlden Taube. Die Ja^WtzeM alten ^Grabsteine des Wer gelegerwn ^TeilH waren .Mt Hs ,,<jju obererA NMosbK wucherten Ende in den Boden gesunken, oder lägen mit ihren unleserlich gewordenen Inschriften glatt auf dem welligen Grunde. Die Goldlettern auf den neueren Mazewos und die Marmortafeln an denselben blinkten zuweilen im hereinfallenden Sonnenschein und wirkten mit ihren Verzierungen und Aufsätzen ein wenig aufdringlich in dieser ungestörten Waldeinsamkeit. Und Jakob Thalmann, der seit vierzig Jahren ein klarer Rechner war, lehnte sich an einen Baumstrunk und kam ins Träumen: Hier, wo seine Angehörigen ruhten, wo nicht allzeweit davon sein wilder Knabenübermut sich ausgetobt, wo die Heimat die ersten, die wahrsten und süßesten Schönheiten vom Leben aufgezeigt, hier mußte es sich auch — friedsamer schlafen lassen. Ein mit Holz beladener Wagen knarrte den Weg herauf und Jakob Thalmann stieg hinunter ins Dorf. Ueber die Straße liefen wie früher die jüdischen Mädchen mit Töpfen und Blechen unter i dem Arm. Durch geöffnete Haustüren hinein sah man blankgescheuerte Flure und sandbestreute Dielen: Deutlich wahrnehmbar ging der Schabbos als froher Gast durch die schmalen Dorfgassen. Während der alte Vorbeter den Lecho daudi trällerte, gingen Talmanns Blicke durch die kleine Synagoge. Wie viele Stände waren doch im Laufe der Jahre leer geworden! Er bedeckte mit der Hand seine Augen und nun füllten alte Gestalten die verlassenen Bänke. Der stimmgewaltige Leser Kahn, der religiöse Schauer weckte, wenn er das Neiloh-Gebet begann, lehnte mit dem Rücken am Fenster mit den erblindeten Butzenscheiben. Neben dem Almenor stand Bär Adler,ein kleinesMännlein, das — wie einTier im Käfig — hin und her trippelte, wenn der Chason zu lange im Gebet verweilte. Und aus der Ecke summte Hirsch Neumann, dem des Lehrers neuere Gesänge nicht gefallen wollten, die alte, etwas wehmütige Melodie. Dann gingen die Knaben, darunter der kleine Jakob Thalmann, an das Vorbeterpult den Kidduschwein zu trinken und zurück zu ihren Vätern, um sich benschen zu lassen. Und dem alten Jakob Thalmann stiegen heiße Tränen ins Auge, er bückte sich tief und seine Seele verlor sich im Gebete. In der. Freitagnacht lag er lange noch wach. Die ungestörte dörfliche Stille wirkte so wohltuend wie ein Bad im Quellwasser nach ermüdender Wanderung. Manchmal hörte er ein klirrendes Lachen und leichte Schritte. Er dachte: Es wird die Dorfjugend sein, die Arm in Arm durch die Straße zieht und draußen vor dem Apothekersgarten wohl wie früher ein Tänzchen wagt. Ein Käuzchen schrie über den Häusern. In einem Hof schlug eim Hund an. Vor dem Rathause aber murmelte der vielröhrige Laufbrunnen sein altes Geheimnis, nicht lauter und nicht schneller wie seit Jahren, Jahren. Das gleiche eintönige Glucksen und Rauschen, bei dem er früher immer so rasch und beruhigt eingeschlafen war ... Am späten Nachmittag, als sich auf dem Marktplatze kleine Gruppen bildeten, welche die Wochenneuigkeiten besprachen, ging Jakob den Boul hinauf bis hinter das letzte Häuschen. Auf dem hölzernen Stege, der das seichte Wässerlein überspannte, blieb er stehen. Die Wellchen da drunten spielten um die Wurzeln der morschen Weidenbäume, klatschten an moosige Sandsteine und raunten und schwatzten. Und wiederum glitten ihm seine Gedanken weg. So langsam wie das Lindenblatt, das der leise Wind eben in den Bach geworfen und nun welläuf und wellab gewiegt wurde, kam aus schon nebelumhüllter Weite Erinnerung um Erinnerung. Die Hände auf das Geländer gestützt, blickte er hinab auf das ewig tänzelnde Spiel des Wassers und in seinem Spiegel sah er — hineingezaubert durch Himmelsbläue, Weißdornblütenschnee und Rosengrün — Vater und Mutter, seinen Jugendfreund Marum, in eine» helle Schulstube, .MnMchMWchE märchHbehangene SederabMle' M8 wirklich öoft auch ... ein liebes, feines Mädchengesicht. MMuhr in die Höhe, ließ HD HlDAMchend .kreisen,weil,.Hm„M-diesem". Wen 'Bilde noch etwas zu fehlen schien.. Jetzt huschte, es wie ein, Schimmer über fein faltiges Gesicht.5 Und mit langen Schritten, in denen sich ein längst verwehtes Sehnen kund gab, eilte er mitten durch eine blühende Wiese einem Hügel zu. Dort stand neben baufälligen Zehntscheinen ein an der Spitze abgebrochener Turm aus Raubrittertagen. An seinem Fuße in regelloser Folge wuchsen wilder Rosenstrauch und Fliederbusch, alle der schwellenden Knospen voll, die ihre Zeit kaum erwarten konnten. Mit einer jugendhaft schnellen Bewegung setzte sich Thalmann zwischen hinein. Und dachte an Rosele Sußmann. Gleich wußte er, was ihm noch nie so klar geworden war, daß er nichts in seinem Leben so lieb gehabt habe. Nicht sein Geld und nicht sein Geschäft. Nicht das wechselvolle Stadtleben und nicht seine das Schönste suchenden Reisen. Weil er nach großem Besitz begehrte, weil es ihn übermäßig nach den Reizen der Großstadt verlangte, war er über Nacht aus dem Dorfe weg und hat sie vergessen. ° Und jetzt wurde es ihm deutlich — nein . . irgendwo da drinnen war dies Wissen immer lebendig . . . daß er doch eigentlich nichts so lieb gehabt hatte ... Und es fror ihn plötzlich wie eine Herbstblume, die vom ersten kalten Wind getroffen wird. Ueber den Resten des einstigen Burggrabens drüben wurde jetzt eine Stimme laut. Löb Strauß war auf dem dort hinlaufenden Feldpfade unter einem dickstämmigen Nußbaum, mit seinem Sohne vom Walde herkommend, im Gespräche stehen gebliehxn. „. . . Solch ein unbefriedigter Stadtmensch scheint auch Jakob Thalman zu sein. Von hochfliegenden Wünschen und vom Berufe durchs Leben gehetzt, muß ihm unsere dörfliche Schabbosfreude wie ein Spiegel seine innere Unrast gezeigt haben. Wenn er heute einmal vergleichen wollte..." Die Zwei waren weiter gegangen. Als Jakob Thalmann am Sonntag Morgen den Zug bestieg und vom Fenster aus noch einmal den alten, brüchigen Turm hinter hohen Pappeln auftauchen sah, würgte ihn etwas im Halse. Doch bei der nächsten Station zog er sein Notizbuch aus der Tasche und rechnete und rechnete ... lO CJ KCKLEH“ GASHERDE stationäre u. transportable KACHELOFEN mitpatentRauchgasbrennung WÄSCHEREIMASCHINEN Horst kotier KnodtX° iPein-ICfatise Mary Irber :: vlandine Ebinger u n d d a s g t o 6 e M e s s e p r o g ramm Hellmuth ttrüger konferiert. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch schn ory itz;Jnserate i.B.: S. Schachnowitz. sämtlich in Frankfurt aÄt.; Pädagogische Beilage: Lehrer I. Spiro *“ Fulda. — :®erlaa„Ssrselif*', ©. m. T>. H.. Frankfurt a. M. Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft. Frankfurt a. M.