Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1924)
- Date
- 1924-09-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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bST* Der Israelit Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorene» Hoffnung. Bon 5. Schachnowltz. (Fortsetzung.) Naftali Elchonon gab auf die Frage nach seinen Gästen kurze Auskunft. Sie hießenDavid Todelo und Naftali Dano und feien aus Livorno von Abraham Jachini nach Amsterdam geschickt worden, daß sie ihm ein Mädchen aus Polen namens Sarah nach Livorno bringen. Auf dem Wege nach Italien befänden sie sich nun in Frankfurt, die beiden Boten in seinem Hause. Mehr wußte er nicht: „Und das Mädchen?" fragte der Rabbi. Moeses Halevy war an der Reihe zu antworten: „Das Mädchen stieg bei m i r ab, denn sie brachte Empfehlungen von Amsterdamer Freunden mit. Ihr dort wohnender Onkel Umaner hatte mir bei meiner Amsterdamer Anwesenheit viel Gastfreundschaft und nützliche Dienste erwiesen." „Wie benimmt sich das Mädchen?" „Ich weiß nichts Genaues. Meine Frau hat ihr die große Stube mit eigenem Eingang abgetreten, und ich weih nicht, wer da aus- und eingeht. Es geht zuweilen etwas laut zu, so daß ich in meinen nächtlichen Studien gestört werde, und ich dachte schon, wenn ich nicht Umaner so verpflichtet wäre ..." „Welches Ziel hat das Mädchen?" unterbrach Rabbi Mendel, den die persönlichen Gedankengänge Halevys weniger interessierten. Naftali Elchonon antwortete schnell: „Sarahs nächstes Ziel ist Livorno in Italien, wo Jachini ihrer wartet, um sie nach Kairo in Aegpten weiter zu bringen. Dort soll sie ihrem Gemahl, Sabbatai Zewi, zugeführt werden." „Dem neuen Messias," bemerkte einer der Vorsteher spöttisch. Rabbi Mendel ging auf den Ton nicht ein, sondern blieb ernst, sachlich und streng. Er fragte geradeheraus: „Wie steht Ihr, Naftali Elchonon und Mosche Halevy zu Sabbatai?" Naftali Elchonon antwortete zuerst: „Ich kenne Sabbatai nicht, habe aber viel in Amsterdam von ihm gehört. Sein Freund und Sendbote Abraham Jachini war vor meiner Zeit dort gewesen und erzählet viele Wunder von ihm, die viele glauben. Er soll ein großer Meister in der praktischen Kabbala sein und sie über Gesetz und Vorschrift stellen. Wenn dem so ist, dann traue ich ihm vieles zu. Die verehrten Rabbiner Frankfurts wissen, daß ich in meinem „Thale des Königs", getreu den Lehrsätzen Rabbi Jizchok Lurjas, das baldige Heil und die nahende Gnadenzeit allein von der praktischen Kabbala erwarte. Von Sabbatai schrieb ich in diesem Buche kein Wort, denn es ist mir bei allen Gebeten und Buhübungen nicht die erflehte Erleuchtung geworden, was wahr ist und was falsch an diesem Manne und seinem Werke." „Und Ihr, Mosche Halevy?" „Auch ich," sagte Moses Halevy, „weiß nicht mehr zu sagen als mein Freund Naftali. Was ich von Sabbatai bisher gehört habe, könnte unser Herz in Freude und Jubel schlagen lassen. Aber wie vermag ein Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Geistesauge wohl bis zu den Sphären blicken kann, dessen leibliches Auge aber nicht weiter reicht als bis zur nächsten Straßenecke, wie vermag ein Mensch meinesgleichen zu urteilen?" Der Hofjude Samuel Strauß erbat sich das Wort, schilderte die. schwere Lage der Juden, in Deutschland, die König und Fürsten nicht aus dem Auge lassen und vom Volke mit Argwohn angesehen: 'werden. Es könnten der Judenschaft große Ungelegenheiten daraus entstehen, wenn i bekannt würde, daß es die Frankfurter Juden mit dem fremden Messias hielten. Der ganze schwererrungene Judenschutz stände auf dem Spiele. Die Vorsteher Abraham Drach und Theodos Oppenheim stimmten Samuel Strauß zu. Bevor noch Rabbi Mendel antworten konnte, erhob sich Rabbi Chajim Jair Bachrach, entschuldigte sich, daß er als Jüngerer das Wort ergreife. Er tue dies nicht für eine Meinungsäußerung, sondern nur um Rabbi Mendel zu bitten, daß er vor Prüfung der Frankfurter Vorgänge seine eigene Ansicht über Sabbatai wie ansonst über das Nahen des persönlichen Moschiach ausspreche. Wäre dieser wirklich in Sicht, dann könnte doch die Angst um den Judenschutz gar keine Rolle spielen . . . Alle nickten zustimmend. Rabbi Mendel fing an: „Es lag nicht in meiner Absicht, jetzt schon mit dem zu kommen, was ich darüber weiß und denke. Ich will mich aber dem allgemeinen Wunsche fügen. Es bedarf keiner Erwähnung, daß die Erwartung der baldigen Erlösung uns alle tief beseelt und ich von den ersten Berichten, die von Smyrna und Saloniki zu uns drangen, erschauerte. Indes widersprechen sich die Nachrichten und alles ist unklar. Man spricht von Wundern, die aber Blendeschein sein können. Man spricht von ungeheuerer Begeisterung, denen aber der Bann von den Rabbinern im Oriente entgegensteht. Jetzt heißt es, der fromme jüdische Fürst Joses Chelebi in Kairo habe sich der Sache mit ganzem Herzen angeschlossen und ihr damit die Herzen vieler gewonnen. Manche verbreiten, der Bann sei zurückgenommen und in Jerusalem erwarte man pochenden Herzens den Einzug des Mesiias. Ich wandte mich an meinen Lehrer Rabbi Joel Sirkes, den „Bach", ebenso an meinen Freund Rabbi Jomtow Liepmann Heller in Krakau, daß sie mir Mitteilen, was sie von all den Dingen wissen und denken; warten wir die Antwort nun ab." Eine Weile schwiegen die Anwesenden. Dann fragte der greise Rabbi Jakob Schiff mit schwacher Saimme: „Trifft es zu, daß Sabbatai den Namen Gottes mit den vollen Buchstaben ausgesprochen hat und noch ausspricht?" Die Frage war an Naftali Elchonon und Mosche Halevy gerichtet, die von Amsterdam her mehr wissen muhten. „Wir hörten etwas davon," antwortete Naftali Elchonon, „aber Genaues war nicht zu erfahren. Auch wissen die Italiener, die bei mir wohnen, wenig darüber. Was sie von Sabbatai wissen, stammt aus dem Munde Jachinis. Und dieser verwahrt sich entschieden dagegen, daß Sabbatai etwas abschaffen wollte." Rabbi Mendel fetzte nun seine Rede fort: „Von den Antworten auf meine dahin und dorthin ausgeschickten Fragen wird es abhängen, wie wir über Sabbatai zu urteilen haben. Rabbi Naftali Elchonon bitte ich, ein wachsames Auge zu haben und Mosche Halevy mache ich verantwortlich, wenn unter seinem Dache sich etwas gegen Zucht und Sitte ereignen sollte. Spätestens Montag kommt die Post von Böhmen und Wien durch unsere Stadt und wird die erwarteten Briefe bringen. Bis dahin ruhig Blut und scharfes Auge." „Es wäre erwünscht," bemerkte Abraham Drach und fand damit die Zustimmung Oppenheims, „wenn der Rabbi das Resultat seiner Untersuchung in öffentlicher Predigt bekannt geben würde, nachdem die Sache Stadtgespräch ist und viele nicht wissen, wo ein noch aus ..." 17. Entscheidung. Nach drei Tagen fuhr die Taxispost durch Frankfurt und brachte einen ansehnlich gefüllten Sack auch für die Judengafse. Ein Bündel vk. $7 1924 Briefe wurde im Rabbinerhause abgeliefert. Sie waren entscheidend für Jachinis italienische Botschaft. Ein Schreiben war aus B r z e s k in Polen datiert und trug die Unterschrift des Rabbi Joel S i k e s, des „Bach", mitsamt einer Nachschrift von dessen Schwiegersöhne, Rabbi David benSamuelHalevi, des „Tas". Der zweite Brief kam aus Holleschau in Mähren und zwar aus der Feder des R. Sabbatai Cohen, der sich nur „Baal Schach" Unterzeichnete. Zwei Briefe hatten als Aufgabeort Krakau und Livorno, von Rabbi Jomtow Lippmann Heller war der eine, von der Hand eines Ungenannten der andere. Viele im Ghetto waren den Postboten ins Rabbihaus gefolgt, und die Spannung kannte keine Grenzen. Die Besdin-Diener hatten Mühe, die Zudringlichen im Zaume zu halten. Gegen Abend gingen die Diener durch die Gassen und riefen die Gemeinde „in die Schul herein." Nach einer Stunde war die Altschul bis auf den letzten Platz gefüllt und auf der Kanzel stand Rabbi Mendel Bah und gab öffentlich Kenntnis von der ihm gewordenen Auskunft über den Messias im Oriente. Zunächst las er aus dem langen hebräischen Schreiben des Rabbi Joel Sirkes vor. Der Verfasser des „Neuen Hauses" schrieb, er sei schon zu alt und zu weltabgeschieden, um über die Dinge im einzelnen zu urteilen, umsomehr, als er, weit vom Schauplatz, den Mann und sein Werk nicht kenne. Er könne nur das Ganze ins Auge fassen und sich nur im allgemeinen äußern. Und da sei es klar, daß es nicht schlechthin angehe, zu sagen, er kann nicht Moschiach fein. Glauben wir an den persönlichen Messias und halten wir auch am zwölften der von Maimonides formulierten Glaubensartikel, der den Messias betrifft, fest, so wäre es geradezu Sünde, von vornherein zu sagen: „Es kann nicht sein!" Anders aber steht es mit der Frage, ob er es ist. Diese Frage zu stellen und zu prüfen, ist von der heiligen Thora im fünften Buche sogar zur dringenden Pflicht gemacht. „Allein der Prophet, der sich erkühne, Dinge zu reden in meinem Namen, die zu reden ich ihm nicht befohlen habe ..." Wie sollten wir aber wissen, was im Namen Gottes gesprochen und was nicht? — Im Namen Gottes ist nach Maimonides soviel wie im Sinne Gottes und seines heiligen Gesetzes. Wo aber jemand sich als Prophet oder Erlöser ausgibt und dem Gesetze Abtrag tut, oder es eentgegen der mündlichen Ueberlieferung mißdeutet, es mindert oder ihm Fremdes anfügt, der ist ein falscher Prophet. „Möge der Herr," so schloß das Schreiben, „den wahren Erlöser senden, bald in unseren Tagen. Amen." Rabbi David fügte in einem Anschreiben noch einige Ergänzungen zu den Worten seines Schwiegervaters an und entsandte der erlauchten Frankfurter Muttergemeinde seine Grüße. Aehnlich lautete das hebräische im Stile der Responsen gehaltene Schreiben des Rabbi Sabbatai Cohen, des „Baal Schach". Auch er hielt es für sündhaft, sich grundsätzlich gegen eine Messiasverkündigung aufzulehnen. Er zitterte in Ehrfurcht und Sehnsucht ob der Botschaft, wie wohl andereseits Zweifel an seinem Herzen nage. Er sei zu weit entfernt, um zu wissen, was wahr und was falsch an den Gerüchten sei und des Messias Erkennungszeichen zu prüfen. Das Erkennungszeichen fei klar gegeben. Josef kündete seinen Brüdern die spätere Erlösung mit „Pokod Jifkod" an. Mit diesen Worten kam Moscheh und mit diesem Merkworte hat sich auch der letzte Erlöser einzusühren. Soll heißen: „Sein Erlösungsplan muß, wenn echt, an die Vergangenheit an-