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Der Israelit · 1924-09-04 · Heft 36 (4.9.1924) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 36 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 36 D e r I s r ae l i L 4,SePtenzHU 1924 Rabbi Jakob Schiff, der Senior der Rabbinatsaffessoren, zur Linken des Rabbi faßen nebeneinander die noch jugendlichen Rabbi Chaim Bachrach und Rabbi Meir Stern. Beide waren frühere Schüler Rabbi Mendels und als Rabbiner berufen nach Worms und Amsterd a m. Rabbi Vachrach war von Worms herübergekommen, um seinem Lehrer die ersten Bogen seines Refponfenbuches „Chawat Jair" vorzulegen und ist von Rabbi Mendel gebeten worden; gleich hierzubleiben, um der Sache auf den Grund zu gehen. Rabbi Meier Stern hatte die Tochter Rabbi Mendels gefreit und rüstete sich zum Antritt des Rabbinats in Amsterdam. Er sah eine glückliche Fügung darin, daß er in dieser Sache noch einmal an der Seite seines Schwiegervaters Mitwirken durfte, denn die Angelegenheit des Sabbatai Zewi stand mit Amsterdam in enger Verbindung. Neben den Rabbinern waren auch die Vorsteher Abraham D r a ch und Theodos Oppenheim, ferner der Hofjude Samuel S t r a u h, die höchstverdienten Männer der Gemeinde, die des öftern in schwerer Zeit Fürsprecher für die Gemeinde und die gesamte Judenheit Deutschlands am kaiserlichen Hofe waren, zugezogen. (Fortsetzung folgt.) Moritz Oppenheims Jugendtage.*) Zu Ende vorigen Jahrhunderts, oder anfangs des jetzigen, kam ich in der Hanauer Judengasse zur Welt. Damals gab es für Israeliten noch keine Standesbuchführung; darum kann ich meinen Geburtstag nach christlicher Zeitrechnung nicht genau angeben; doch habe ich migeteilt bekommen, daß meine gute, fromme, selige Mutter am zehnten Tage des Monats Tebeth, welcher ein jüdischer Fasttag ist, den ganzen Tag noch fastete, und in der darauffolgenden Nacht mich geboren hat. Aus meiner frühesten Jugend erinnere ich mich, Wohlstand im elterlichen Hause gesehen zu haben. An Feiertagen, wenn sie in die Synagoge ging, trug die Mutter ein schmuckes Seidenkleid; darüber einen rotsamtenen, mit weichem Pelze verbrämten Ueberwurf. Der Tisch war, besonders am Seder-Abend mit silbergestickter Brokaddecke geziert; darauf standen silberne Becher, silberne Leuchter, und sogar silberne Rechauds für die Speisen. Wie überaus prachtvoll erschien mir dieser Abend! Wie herrlich sahen die lieben Eltern aus! Am oberen Ende des Tisches stand des lieben Vaters strohgeflochtener Stuhl, auf welchem wir Kinder, die schon erwachsenen nicht ausgenommen, aus Pietät uns niemals zu setzen wagten; an jenem Abende wurde der Stuhl in einen Thronsessel umgewandelt, indem er mit rotseidenen Kissen, reich gestickt mit Silber- und Goldbrokat, bedeckt ward. Auf diesem Thron sitzend, sah der liebe Vater, der am Seder-Abende auch besonders guter Laune zu sein pflegte, gar königlich aus. Die liebe Mutter, im Bewußtsein, die große Pessach- Arbeit glücklich vollbracht zu haben, überblickte liebevoll die Tischgenossen, und säst bei der Zeremonie als Königin dem Herrn Gemahl zur Seite. Sah ich in beiden am Seder- Abende, dem Freudenfeste, den Ausdruck freier Heiterkeit, so zeigte mir das ernstere Neüjahrs- und das durchaus ernste Versöhnungsfest in den Geliebten ein Bild des frömmsten, innigsten ehelichen Lebens. Da war ein Glauben, ein Lieben, ein Fürchten, Wünschen und Hoffen — ein Heiligenschein umgab an diesen feierlichen Tagen die.geliebten Eltern! Doch schon in meinen Knabenjahren ward ich gewahr, daß der Wohlstand abnahm; nur drei *) In der Frankfurter Verlagsgesellschaft A.-G. erschien ein prächtiges Buch, betitelt Moritz Oppenheim. Erinnerungen. Herausgegeben, von Alfred Oppenheim. Der hier wiedergegebene Teil ' aus dem ersten Kapitel zeigt schon, von welchem kunst- und kulturhistorischen Werte diese von Oppenheim selbst.gemachten Aufzeichnungen sind. Das prachtvoll ausgestattete Werk gibt auch eine Anzahl Bilder des gefeierten Meisters in bester Ausführung wieder. Becher^ welche - noch in meinem wurden, tveil schon von den Voreltern benützt, aufbewahrt. Der gute Väter hatte große Mühe, das Haus anständig und gewissermaßen vornehm, wie er es gewöhnt und es ihm Bedürfnis war, zu erhalten, und seinen Kindern eine zeitgemäße Erziehung zu geben. Wir waren fünf Brüder und eine Schwester; die Beschaffung der Ausstattung und der Mitgift von einigen Tausend Gulden für letztere, kostete große Opfer. Bei allen Entbehrungen, die eine mit mäßigen Mitteln zu führende Haushaltung auferlegte, haben meine guten, frommen, wahrhaft gottesfürchtigen Eltern ihre von jeher geübte Wohltätigkeit fortgesetzt. So ward unter anderem zweimal im Jahre, vor Ostern und vor den hohen Feiertagen im Herbste, den Armen der Gasse, jedem in ein besonderes Papier gewickelt, Al-i mosen geschickt; der Rabbiner bekam jedesmaleinen großen, harten Brabantertaler; die ver- Dauer hinter einem Haustore. Mit christlichen Kistdern hatte ich sonst keinen Umgang; Mir jüdischen Kinder hatten vor dem Torä des' Ghettos immer Krieg mit ihnen zu bestehen. Mich gelüstet es trotzdem zuweilen, die Gaffe zu verlassen; da mir der Vater jedoch verbot, vor das Tor zu gehen, mit den Worten: „Es fei dir Ufer" (verboten), so war ich gebannt, und steckte nur den Kopf hinaus, sorgsam es vermeidend, den Körper folgen zu lassen: so respektvoll ward des Vaters Verbot gehalten. Meine gute Mutter, so jüdisch fromm sie auch war, las doch gerne deutsche, gute Bücher, beispielsweise „Hermann und Dorothea" und gönnte sich auch zuweilen däs Vergnügen eines Theaterbesuches, mich dann auch mitnehmend. Das erste Stück, welches ich sah, war „Die Teufelsmühle", und es machte einen solchen Eindruck auf mich, daß iuj die Kulissen, eines Kindertheaters, welches wir Kinder in der Gaffe auf einem Speicher erfchämten Armen wurden gleichfalls nicht ver-richteten, zu schmücken unternahm, und soviel gessen. Ich weiß außerdem, daß die fromme! tolles Teufelszeug daraus zeichnete, daß die Mutter sich oft das Notwendige entzog und es Leute, die es sahen, sagten: Dieses Kind soll in insgeheim in ihrer Kammer für die von ihr bevor-. die Akademie gehen und sich im Zeichnen auszügten Frauen zum Almosen aufsparte. «bilden. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehörte! Zu jener Zeit war ein Enkel des Rabbiners, auch, daß ich von meinem ältesten Bruder Simon eines reichen Mannes Sohn, ein sehr schmuckes in meine.erste Schule geführt worden bin; diese war ein, , nach einem sehr kleinen Hofe gehendes, längliches, so niedriges Stübchen, daß sich, wie ich mich erinnere, mein Bruder bei dem Eintreten bücken mußte. Längs der Wand saßen, auf einer kaum schuhhohen Bank, Knaben und Mädchen, die Kinder der ganzen Judengasse, die dann, der Reihe nach, zu dem auf einem alten Sessel thronenden Lehrer gerufen wurden. Vor diesem, aus einem Tische, lag ein groß gedrucktes hebräisches Alphabet und, um es sehen zu können, mußten wir auf ein Klötzchen steigen. Der kleine, alte, stotternde Lehrer hieß Fälkelche, wahrscheinlich ohne dieses doppelte Diminutiv ursprünglich Falk. Ich war das jüngste, etwas verhätschelte Kind, und das Gescheiteste, was ich von mir weiß, ist, daß ich schon als Kind die Kinderjahre für die glücklichsten des ganzen Lebens erkannte. Als ich zum Knaben heranwuchs, dachte ich schon an Tachles (Vorwärtskommen), und frug mich stets nach jedem Semester: was hast du während dieses Zeitraumes gelernt? Der Vater hielt Uns, trotz seiner beschränkten Mittel, einen Hauslehrer, namens Horwitz, welchem später Salomon Weinheim, und dann noch andere folgten; die beiden genannten wurden nachmals durch ihre Gelehrsamkeit Männer von Ruf und Bedeutung. Die Talmud-Thora-Schule, welche ich zudem besuchte, war in einem Zimmer, gemietet bei einer armen Frau, für die jedes Kind täglich im Winter ein Scheit Holz und wöchentlich ein Talglicht mitbringen mußte; nur wenige Familien trugen zur Erhaltung dieser Schule bei. Der Lehrer hieß Rebbe Mennel Reckendorf, aus Fürth; ein sehr braver, frommer Mann, guter Talmudist, der witzig, sehr häßlich und dabei kurzsichtig war. Er hatte die Eigenheit, während des Unterrichts zuweilen Gespräche mit sich selbst, sogar wie es schien, auch solche mit Abwesenden zu führen, und er schmunzelte dabei oft stillvergnügt, wahrscheinlich dachte er sich dann irgendeinen Witz. Er war, soviel ich mich erinnere, mein erstes Porträt; ich zeichnete ihn.in einen Folioband des Talmud, wie er, die Umgebung per-, geffend, mit sich selbst ein witziges Gespräch führte, dabei die Schnallen seiner kurzey Kniebeinkleider ausmachte,. die schwarzen Strümpfe etwas herunterzog und sich behaglich kratzte. Neben dem Talmudunterrichte müßte ich in der Stadt Schönschreibunterricht nehmen 7 doch hatte ich von den christlichen Mitschülern viel zu leidest. Die Schreibstunde war immer Mittwochs, von. 10 bis 11 Uhr; und noch heute, nach so länger Zeit, scheint mir diese Vormittägsstustde länger als alle übrigen Stunden des Tages; diejenige vost 12 bis 1 Uhr dagegen, welche im Elternhause Essenszeit zu fein pflegte/ erscheint mir deshalb jetzt noch als die kürzeste. Nicht selten schwänzte ich jene Schreibstunde, und versteckte mich während ihrer Bürschchen aus Karlsruhe, in Hanau (der nachmalige Advokat Ettlittger); dieser erregte meine Eifersucht sowohl wegen seiner sich von uns anderen Judenkindern äuszeichnenden Toilette, als ausch einer großen Zeichenmappe halber, mit der er, von der Zeichenakademie kommend, durch die Judengasse stolzierte. Mein guter seliger Vater war auch zu dieser als luxuriös betrachteten Ausgabe bereit; mit mir dürfte auch mein älterer Bruder Hirsch die Akademie besuchen; während dieser aber nur geringe Fortschritte machte, zeigte ich immer mehr Lust und Liebe zum Zeichnen. Sonderbarerweise hatte ich als Knabe große Neigung Arzt zu werden, welches Metier mir jetzt geradezu antipathisch ist; ich wurde auch ist-das Gymnasium geschickt und lernte dort Lateistisch und Griechisch, brachte es aber nur soweit; daß ich meine Geheimnisse und kindischen Liebesgeschichten mit griechischen Letter meinem kleinen Taschenbuch anvertrauen konnte. In dem damals gütest Gymnasium, die Hochschule genannt, war aber mir, der ich die laxe Disziplin der Talmudschule gewohnt war, die pedantische Ordnung der christlichen Schule und deren streng geregeltes Wesen zuwider, und es gelang mir, die Eltern zu bewegen, daß ich meine Zeit mehr der Akademie widmen dürfte. Diese wurde von Herrn Hofrat Professor Westermayer dirigiert: der zweite Lehrer war Herr Professor Lotter, der durch seine immerwährend schwarze Kleidung und weiße Binde mir imponierte. Die Grundlage des Anfangsunterrichtes bildeten Preislers Zeichenvorlagen; später gab es manirierte, rote Kupferstiche. Meine Fortschritte qualifizierten mich bald dazu, daß ich den anderen Schülern korrigieren durfte, Und ein Substitutlehrer ward. Den Tag, an welchem ich in Oel zu Malen anfing, und zwar unter Anleitung der Frau Hofrätin, trüg ich in großen Buchstaben in eine damals gerade frisch mit Speis beworfene Mauer unseres Hofes ein. Ich kopierte viel, hatte aber keinen tieferen Begriff von dem eigentlichen Wesen der Kunst. Mit meinen Bildern wurde die Laubhütte geschmückt; auf einem Selbstporträt, das'ich malte, stellte ich im Hintergründe Westermayer dar, der mir eine Reißfeder hinhielt, sowie meinen Papa, mir eiste Schreibfeder reichend, eine Anspielung auf dessen Wertschätzung der Schönschreibekunst. -7- Iraid« BAD HOMBURG Loulsenstiraße 16 : r, Elisabethensfr. 49 (am Markt) ^Telefon 297 (am Kurgarten) 1 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton fc" ' - .: S. Tch achnowitz. sämtlich in Frankfurt a. M.; Pädagogische Beiläge: Lehrer I. Spiro in Fulda. — Verlag „Israelit", Gm. b. H.. Frankfurt a. M. 'Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. ' S. Schach«orvitz;Inseratei.! Pddagl

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