Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1924)
- Date
- 1924-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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[•1k - i Die Meffiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 16. Die Sendboten Jachinis ließen sich Zeit, denn die schöne Sarah war keine unangenehme Reisebegleiterin und für die Sache Sabbatais und Jachinis überall der beste Dolmetsch. Sie fuhren den Rhein hinauf, stiegen überall ans Ufer, wo sich eine jüdische Gemeinde befand, und verweilten in den größeren Städten solange als ihnen nötig schien, die Herzen für ihre Sache zu gewinnen. Mit Hilfe Sarahs, die in einem Gemisch von natürlicher Unbefangenheit und mystischer Unnahbarkeit alle Reize entfaltete und eben so viele, sengende wie wärmende Strahlen aussandte, war es nicht schwer, Hoffnungen zu wecken und aller Aufmerksamkeit auf den Erlöser von Smyrna, der in Kairo wie der Löwe sprungbereit harrte, zu lenken. Aachen, Köln, Bonn und Bacha rach waren im Sturm genommen. Auch in Mainz ging die Sache gut vonstatten. Jahrhunderte härtesten Leides hatten den schwarzen Boden am Rhein genügend mit Blut und Tränen gedüngt, daß die ausgestreute Saat mächtig anschlug. Unbestimmte Sehnsucht erhärtete sich zur klaren Erwartung, da die Botschaft aus geheimnisvollem Munde erklang: „Siehe, er kommt! . . ." Und der Rhein gab die Botschaft» an den M a i n weiter, daß auch seine Städte, bis ins innerste aufgewühlt, erschauerten. In der Mainstadt.Frankfurt gedachten die Männer von Livorno mit ihrer schönen Begleiterin längere Rast zu halten und dort alle ihre Künste spielen zu lassen. Denn es lag dem klugen Jachini gar sehr an der Gewinnung dieser bedeutendsten der süddeutschen Gemeinden, indes der Norden mit Hamburg, Altona von Amsterdam aus mit bestem Erfolge bearbeitet wurde. In Frankfurt wirkte als geistiger Führer der Gemeinde Rabbi M e n d e l B a ß und ihm zur Seite standen sechs gelehrte Assessoren, unter denen Rabbi Jakob Schiff die Führung hatte. Das wohlgeordnete Gemeindewesen mit seinen Schulen und Thoralehrstätten, seinen Einrichtungen und mustergültigen auf alle Gebiete des religiösen und auch sozialen Lebens sich erstreckenden Verordnungen trugen den Namen Frankfurts in alle Lande hinaus. Frankfurt, so lautete Jachinis Befehl, war, wenn die Judenheit in den deutschen Landen gewonnen werden sollte, als erster Stützpunkt und unter allen Umständen zu nehmen. Im Häuschen „Zum grünen Stern" am Wallgraben, wo der fromme, ungemein gelehrte junge Rabbi Naftali ben Jakob E l ch o n o n wohnte, stiegen die beiden Italiener ab. Für Sarah fand man Unterkunft bei einem Freunde Raftcckis, Moses Halevy, dessen Frau ihr die „gute Stube" mitsamt Kammer räumt«, wo sie mit zwei Dienerinnen sich anschickte, einen kleinen Hofstaat nach Amsterdamer Muster aufzuschlägen. Diese Absteigequartiere waren nicht zufällig gewählt. .Naftali Elchonon wie Moses Halevy waren bekannte Kabbalisten und als solche in Frankfurt viel verehrt und viel verlästert. Beide hatten sich zum Zwecke der Drucklegung ihrer kabbalistischen- Werke längere Zeit in Amsterdam aufgehalten und waren dort mit Sarah wie mit den Verkündern des Ruhmes Sabbatai Zewis zusammengekommen. Sie waren die einzigen in Frankfurt, wo man von Sabbatai und seinem Wollen noch ganz unklare Vorstellungen hatte, die Näheres wußten, und die Sendboten hofften, mit deren Hilfe Rabbinat und Gemeinde zu gewinnen. Sie durften es umsomehr erwarten, als beide Gelehrte das Vertrauen des Rabbi Baß genossen. Das in Amsterdam gedruckte tiefkabbalistische Werk Rabbi Naftali Elchonons unter dem Titel „Emek hamelech" (Königstal), in dem er scharfe Abrechnung mit den Antikabbalisten hielt und bei einer Verherrlichung der Lurjanischen Lehre allem rückhaltlos Ausdruck gab, was er in und über den Sphären ahnte, alles was außerhalb der Kabbala in „Olam hatohu", in „die Welt der Oeden" verwies, trug eine Approbation des gefeierten Rabbi von Frankfurt, Mendel Baß. Der andere, Moses Halevy, der die Kabbala in Lemberg studierte, ließ in Amsterdam einen Kommentar zu den „Zehn Abhandlungen" („Astarah Maa- Maroth"), diesem abgrundtiefen alten Schlüsselwerke der Kabbala, drucken und fand damit ebenfalls den vollen Beifall des ersten Rabbi von Frankfurt, der das Werk mit warmer Empfehlung begleitete. Hatte der Frankfurter Rabbi, so dachten Jachinis Leute, so viel Sinn und Liebe für die Kabbala, so würde er mit Hilfe derer, die sich durch ihr tieferes Wissen sein Vertrauen und seine Verehrung erworben, einen Schritt weiter gehen und sich zu dem bekennen, der eben aus der Lehre der Kabbala seine Erlöserberufung ableitet. Die Boten mußten aber bald erfahren, daß Rabbi Mendel von vielen Seiten in Frankfurt, gerade wegen seiner solcherart bekundeteen Neigungen stark angegriffen wurde. Viele hatten vor dem Werke Naftali Elchonons gewarnt und die Echtheit der darin Rabbi Jizchok Lurja in den Mund gelegten Lehren bestritten. Die Kabbala, so sagten Schüler Bitals, die es am besten wissen Mußten, war von Lurja nur als Mittel, als Weg zur einfachen Halacha gedacht und fein Bestreben war nur, die Vorschriften der Halacha kabbalistisch zu begründen, während im „Königstale" des Rabbi Naftali Elchonon sich die Kabbala als Selbstzweck und Lehre an sich gab und alles, was sich außerhalb ihres Gebietes wie alle, die ihr fernstehen, in „Olam hatohu" verwies. Was man Rabbi Mendel in nüchternen Gelehrten kreisen übel vermerkte, war, daß er das Werk, vielleicht ohne es ganz gelesen und ohne die wiedergegebenen angeblichen Lehrsätze Rabbi Jzchok Lurjas nachgeprüft zu haben, empfohlen hatte. Er, wie Rabbi JoMtow LippmanHeller,sagte man, waren innerlich, mit der Kabbala zu wenig verwoben und ihre Ehrfurcht vor allem, was mit dem Namen Lurja zusammenhing, war zu groß, um hier Echtes von Falschem unterscheiden gu können. Ein im Buche enthaltenes schönes und beherzigenswertes Kapitel über „Reue und Buße" hatte es beiden Lehrern wie vielen anderen, insbesondere angetan. Als nach wenigen Jahren die Schrift des Moses Halevi zu den „Zehn Worten", ebenfalls mit einer warmen Empfehlung des Frankfurter Rabbiners versehen, erschien, war es bei den Gegnern des Oberrabbiners ausgemacht, daß Rabbi Mendel sich der Kabbala ergeben hätte und alles unbesehen gutheiße und bejubele, was sich als Kabbala gibt. Jmhinis Boten, die auf diese Einstellung des Oberrahbmers und ihrer Gastgeber spekuliert hatten, erlebten eine schwere Enttäuschung. Weder Naftali Elchonon noch Moses Halevy I)k. rtz WM wagten den Versuch, den Rabbi für die Sache, über die sie sich selbst nicht im Reinen waren und an der sie das Wesen und Auftreten Sarahs vollends irre machte, zu interessieren. Es stand zu viel für sie auf dem Spiele, wenn sie befürchten mußten, des Rabbi Vertrauen, ihre einzige und letzte Stütze, dadurch zu verlieren. Zu den fachlichen, ehrlichen Gegnern Rabbi Mendels kamen noch persönliche Feinde, die ihn seiner strengen Unerbittlichkeit und Unbestechlichkeit wegen, seines eifrigen Bestrebens, die „Stadt und Mutter in Israel" von unsauberen Elementen reinzuhalten, bitter haßten. Viele waren Mit der von ihm durchgeführten Steuero r d n u n g , wonach jeder, auch der ärmste der Armen, nach seiner Kraft an den Lasten mittragen mußte, unzufrieden. Die Aerzte, die Einfluß in . der Gemeinde hatten, waren auf eine vom Rabbinate angefertigte Instruktion verpflichtet, die ihre Gebühren begrenzte und sie anwies, den Armen unentgeltlich mit gleicher Gewissenhaftigkeit beizüstehen, das paßte einem Teil der Heilkundigen nicht, der nicht zu den besten gehörte. Am meisten aber verstimmte die Einrichtung der „P l e t o - B a n k" in der Schul, die der Schrecken qll derer war, die zu unlauteren geschäftlichen Manipulationen neigten. Die hinterste Bank in der Synagoge diente näm-. lich für drei Jahre denen zum Sitze, die durch Selbstverschulden in unehrlicher Weise ihre Zahlungen einstellten. In diesen drei Jahren durften sie weder „aufgerufen" noch zum Vorbeterpult zugelassen werden, noch sonst welche Ehrenämter in der Gemeinde ausüben. Nicht einmal einem Vereine durften sie angehören, ebensowenig von jemand zu Gaste geladen werden. Bei dem damaligen engen Handelsverkehr zwischen Ghetto und „Stadt" waren in solchen Fällen von Zahlungseinstellungen die Meistgeschädigten N i ch t j u d e n. Und wo es um „Entweihung des göttlichen Namens" ging, kannte das Rabinat des Rabbi Mendel Baß keine Schonung noch Nachsicht. Die Betroffenen und diejenigen, welche durch solche Maßregeln — es waren nur wenige — zur „Ehrlichkeit und Reinhaltung des jüdischen Schildes" erst erzogen und gezwungen werden mußten, txugen es dem Rabbi bitter nach. Aber ihre Versuche, sich den sachlichen, gelehrten Gegnern desRabbi ynzuschließen,scheiterten immer von neuem. Denn die letzteren gaben von ihrer persönlichen Verehrung für Rabbi Mendel nichts preis und verachteten ihrerseits die Pflichtvergessenen zum Schaden der jüdischen Gesamtheit nicht minder wie der Oberrabbiner selbst. Im Mittelpunkt der Gelehrten stand Esriel Briten, Der in allen Zweigen der Weisheit heimische Vorsteher der Gemeinde, der aber wegen seiner Unstimmigkeiten mit Rabbi Mendel aus dem Vorstande ausfcheiden mußte. Auf diesen Mann setzten die schlauen Italiener ihre zweite Karte für den Fall, daß sie beim Oberrabbiner keine Gegenliebe finden sollten. Indes arbeitete Sarah für die Sache ihres Messias auf ihre eigene Art. Es gab Feste über Feste, uyd bald stand ein Teil der männlichen Jugend in Hellen Flammen. Die sonderbaren Käste beschäftigten aller Gemüter und der Name Sabbatai Zewi, früher nur von Einzelnen genannt und keine bestimmten Vorstellungen aüslösend, wurde jetzt von Mund zu Mund getragen. Die Neugierde wuchs von Tag zu Tag und sie schuf Interesse und Neigung. Die Vorgänge konnten Rabbi Mendel Baß nicht lange verheimlicht werden. In die Besdin- Stuhe des Rabbinats wurden Rastatt Elchonon und Moses Halevy zitiert, daß sie Aufschkuß gaben über die von ihnen beherbergten Gäste und das Treiben um sie herunm. An der Spitze der langen Tafel faß Rabbi Mendel, nachdenklich den Kopf in beide Hönde gestützt, ihm zur Rechten