Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 35 „Sie geht zu ihm", sagte Rembrandt, „zu ihrem Messias. Und wie sie ihm zujubeln, dem Erlöser, den sie nie gesehen." „Sie haben nun den Messias, den sie verdienen", brummte Spinoza und verschwand in der Nacht, ohne Abschied. Als Sarah den Maler gewahrte, warf sie ihm über die Köpfe der Menge einen Blick zu, der nicht ohne Wärme war und dem M e i st e r galt, der ihr sie selbst in allen denkbaren Gestalten gezeigt hat . . . Der Blick zog ihn an und er schloß sich den bärtigen Leuten und verhüllten Frauen an, die den Wagen bis zum Ghettotor hinaus begleiteten. Ueber die Ostforts schlängelte sich ein grauer Streifen und kündete den Hochsommermorgen an. Von der Gracht an der Amstelmündung wehte eine frische Luft. Rembrandt schlug den Mantelkragen hoch und eilte in sein Atelier, bevor sich die Eindrücke der Nacht in seiner Seele verwischen konnten. (Fortsetzung folgt.) Sprachliches bei der Glücket van Hameln. Von §. Werfels in Wie«. Ziemlich spät sind die Denkwürdigkeiten der Glücke! auf uns gekommen. Der Staub zweier Jahrhunderte lagerte sich auf die nach der eigenhändigen Handschrift hergestellten Abschriften (die Original- Handschrift ist wohl nicht mehr vorhanden) bis der verdienstvolle Gelehrte David Kaufmann das Werk aus dem abgelegenen Bibliothekswinkel hervorholte und der Oeffentlichkeit übergab. Auf Grund der Kaufmannschen Originalausgabe hat Dr. Alfred Feilchenfeld eine deutsche Uebersetzung hergestellt, die nunmehr in vierter Auflage vorliegt. Der Jüdische Verlag in Berlin hat das Werk sehr hübsch ausgestattet und mit fünfundzwanzig Abbildungen nach zeitgenössischen Stichen reichlich geschmückt. Es geziemt sich wohl, der UeberfetzunaFeilchenfelds ein anerkennendes Wort zu widmen. Man muß es dem Ueberfetzer als ein Verdienst anrechnen, daß er vor der Persönlichkeit Glückels Ehrerbietung genug hatte, um auf alle Eigenart ihres Werkes gebührende Rücksicht zu nehmen und die Uebertragung nach Möglichkeit dem Wortlaut des Originals anzuschlietzen. Die Verdeutschung ist vorzüglich, die Erläuterungen und historisch-kritischen Anmerkungen höchst wertwoll. Das Werk selbst aber bedarf wahrlich keiner Empfehlung. Die Einzigartigkeit dieses Memoirenwerkes ist weiten Kreisen bekannt, auf dessen kulturhistorischen Wert ist erst vor kurzem an dieser Stelle von berufener Seite hingewiesen worden. Ich möchte daher die Neuausgabe der „Denkwürdigkeiten der Glücke! von Hameln" lediglich zum Anlaß nehmen, auf einige reizvolle sprachliche Eigentümlichkeiten der Glücke! hinzuweisen. * * * Mit frommer Scheu spricht die Glücke! von ihrem Schwiegervater Josef Hameln. Das war ein wackerer Mann, der wenige seinesgleichen hatte, einmal nennt ihn die Glücke! sogar einen Engel Gottes. Mit vierzehn Jahren hatte Glücke! geheiratet und kam zu ihren frommen Schwiegereltern nach Hameln. Sie schreibt: „Ich war damals ein junges Kind, das in aller Lust auserzogen war, und mutzte nun in meinem jungen Alter von Eltern, Freunden, allen Bekannten, von einer Stadt wie Hamburg fort in eine Kleinstadt, wo nur zwei jüdische Familien wohnten. Und Hameln ist an sich ein lumpiger, unlustiger Ort. Aber das alles habe ich für nichts geachtet gegen die Herzensfreude, die ich von der Frömmigkeit meines seligen Schwiegervaters hatte. Wenn er des Morgens um drei Uhr aufgestanden ist und dicht an meiner Schlaskammer in seinem Schulrock gesessen und gebrummt hat. dann habe ich ganz Hamburg vergessen". Glücke! gebraucht hier statt ..lernen" din Ausdruck „brummen", weil mau für gewöhnlich den Talmud mit herkömmlichem Singsang zu lernen pflegte. Es ist dies eine .rhetorische Figur, eine Art von Synekdoche, wodurch etwas Allgemeines durch ein besonderes veranschaulicht wird. Der murmelnde, brummelnde Singsang beim Talmudstudium wird als Talmudstudium schlechthin gedacht. Wem der summende Nigen von Bialiks „Mathmid" nicht fremd ist, der wird es verstehen, warum das „Brummen" Josef Hamelns der frommen Glücke! so sütz klang, daß sie darob ganz Hamburg vergessen konnte. * * * Die Glücke! hatte dreizehn Kinder zur Welt gebracht, von denen zwölf am Leben blieben. Alle ihre Kinder liebte sie mit gleicher Liebe und von jedem einzelnen hat sie in ihren sieben Büchelchen treuherzig und gewiffenhast eine kuM Lebensgeschichte geschrieben. Warme mütterliche Worte widmet sie Der Israeli 28. August 1924 ihrer Tochter Hendele. die in jungen Jahren, siebzehn Monate nach ihrer Hochzeit» aus dem Leben schied. Die Glücke! schreibt: ..Meine fromme Tochter Hendele ist in Berlin krank geworden und hat ihre Krankheit mit ihrem jungen Blut bezahlen müffen, zu großem Herzeleid für mich und alle, die sie gekannt haben. O, mein Gott, was für eine harte Strafe ist das gewesen I So ein ttebes wackeres Menschenkind, (so schlank) wie ein Tannenbaum, und alle Wohlkindigkeit und Frömmigkeit ist an ihr gewesen". Zum Worte „Wnhlkinoigkeit" gibt der Ueberfetzer in einer Fußnote folgende Erläuternng: „Wohlkindigkeit gleich kindliche Liebe oder gieich kindlicher Sinn". Ich halte diese Deutung für falsch. Ein »wohl Kind" Hecht im Jiddischen ein wohlgeratenes Kind. Noch heute nennt man im Osten einen durch großen Lerneifer sich auszeichnenden, im talmudischen Schrifttum gut beschlagenen Jüngling ein „wohl Jünael" oder auch ei<L „wohl Kind". Auch Glücke! will offenbar damit sagen, daß ihre Tochter Hendele ein 'mit außerordentlichen Vorzügen und und Tugenden begabtes, kurz ein wohlgeratenes Kind war. Das Substantioum „Wohlkindigkeit" scheint allerdings von Glücke! selbst sprachschöpferisch gebildet worden zu sein. Gustav Wustmann spottet einmal über den „Schriftleiter" und meint, esset ein mühselig ausgeklügeltes Ersatzwort, das nicht entfernt den Begriff „Redakteur" wiedergibt. Richtig ist freilich, daß ein Redakteur wohl die Zeitung, aber nicht die Schrift leitet, und daß es zum mindesten gesucht klänge, wenn man von einem aussagen wollte, er habe dieses oder jenes Blatt „schriftgeleitet" oder „geschristleitet". Anderseits aber besitzen wir das Wort „Schriftsteller" und das Verbum „schriftstellern.,, obwohl auch dieser doch nur Bücher schreibt, aber nicht die Schrift stellt. Nun ist es geradezu reizvoll, aus dem Munde der Glücke! zu hören, daß ihr zweiter Gatte Eerf Levy seine „Briefe so gesielt" habe, daß alle, die sie lasen, lauter Angenehmes darin fanden. Hier ist also vom Hauptwort „Briefsteller" ein richtiges transitives Zeitwort gebildet. Die Glücke! schrieb Jüdisch- Deutsch und kümmerte sich den Teufel um das grammatische Falsch und Richtig. In gottvoller Unbekümmertheit schreibt sie die Worte hin: „Er hat Briefe gestellt" und es klingt und ist auch richtig, wie denn überhaupt alles in der Sprache richtig ist, was schön klingt. * * * Sehr umständlich sind die Berichte der Glücke! über die glänzenden Heiratspartien ihrer Kinder. Alle Einzelheiten werden uns mitgeteilt, die Mitgift jedes Kindes wird genauestens angegeben. So erfahren wir, um nur einige Beispiele anzusühren, daß Zipora 2209 Reichsthaler in holländischem Geld mitbekommen. daß Nathan 2400 Reichsthaler Banco als Mitgift erhalten habe; der Enkel Elia hat sogar, wie Glücke! mit sichtlichem Stolz berichtet, „mit Geschenken nicht mehr als 30000 Reichsthaler zufammeugebracht". In einer Fußnote in der ersten Glückel-Ausgabe meinte der Ueberfetzer, das Wörtchen „nicht" sei wohl versehentlich in den Text hineingekommen. Das ist nicht der Fall. Der Satz ist vollkommen korrekt. Die Wendung »nicht mehr" soll lediglich andeuten, welche Riesensumme zu damaliger Zeit dreißigtausend Taler waren. Das Jüdisch-Deutsche wie auch das heutige Jiddisch kennt eine Art Litotes, indem es die Wendung „nicht mehr" gebraucht, um den Effekt zu steigern, wie das deutsche „nicht weniger" in manchen Redewendungen. Der jiddisch sprechende Jube zum Beispiel würde heute sagen: Der Kofel besitzt nicht mehr als eine Billion. In dieser Redewendung liegt auch eine seine Ironie verborgen; es soll so viel heißen wie: Nicht mehr als eine Billion besitzt der Kofel. Ach, der Arme! Kinderecke. »^5TiypÄvdfcjw**». ms» Dem Wanderer seinen Mantel? Ich fange gleich damit an. Gelingt es mir nicht, o Sonne, Versuche Du es dann." Der Wind bläst in die Backen Und heulte fürchterlich. Doch fester nur der Wandrer Hüllt in den Mantel sich. Der Wind stemmt sich in die Seiten, Orkan nun wurde er fast. Der Wanderer greift in die Tasche Und zieht mit großer Hast Daraus nun einen Gürtel, Den er um den Mantel schlingt; — Den Mantel ihm jetzt zu entreißen Nun nimmer dem Winde gelingt. Der merket es jetzt selber. Zur Sonne mit herbem Klang Sagt er: „Will sehen, ob Du kannst, Was mir nicht mal gelang." Er hört nun auf zu wüten. Und nach und nach, ganz sacht Die Sonne wird sichtbar am Himmel. Der Wanderer spürt es und lacht. Steckt in die Tasche den Gürtel. „'s wird schön!" er bei sich denkt. Der Mantel nur noch lose Um seine Schultern hängt. Und höher steigt die Sonne Empor am Himmelszelt, Senkt gütig ihre Strahlen Hinab zur Erdenwelt. Ganz wohlig wird es dem Manne. Er freut sich an Wärme und Licht Der Mantel wird abgenommmen Er brauchet die Hülle nun nicht. Von seinen Lippen jetzt strömt es: „Dank Dir! o Beherrscher der Welt. Dank Dir, der du geschaffey Dem Sonenball das Zelt!" „Nun," lächelt zum Wind jetzt die Sonne „Siehst du es selber ein? Durch Güte man mehr erreichet, Als nur durch Poltern und Schrein!" A. C. Familiennachrichten. Barmizwo: v'vsv '9 Josef, Sohn des Herrn Leon Wechsler, Nürnberg, Fürtherstr. 21. 6. Sept. Mayer Loewenthal und Frau Rosalie, geb. Rosenberg feiern am 1. September (2. Ellul) in Duderstadt (Eichsfeld) ihre diamantene Hochzeit. HPHLEN-«'Q4SNERPE sfdho.r>äpeu.rran:>porrat!te i KACHELÖFEN , l m'fpatentRäüchgäsbrennung I | WÄSCHEREI^ ASCHINEN f HorstköHur, Knodt£° Konitorei und Kaffee »Rist! « Der Wind und die Sonne. BAD HOMBURG Louisenslraße 16 Elisabethenstr. 49 (am Markt) Telefon 297 * (am Kurgarteil) Der Wind und die Sonne stritten. Wer mächtiger wohl sei. Da kam gehüllt in den Mantel, Ein Wanderer vorbei. BAD TÖLZ - »Parkliolel Alpenhof» Modernstes Haus am Platze. Erstklassige Pension bei massigen Preisen. „Was gilt die Wette?" Zur Sonne Sprach jetzt darauf der Wind, „Wem von uns beiden gelingt es Wohl zu entreißen geschwind Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. S chä chn ow itz; Inserate b B.: S. Schachnowitz, sämtlich in Kankfurt a. M.; Pädagogische Beilage: Lehrer Ä. Spiro in Fulda. — Verlag „Jrraeut", $. m. o. Frankfurt a. M. Druck: Hermon Berlags-Aktiengesellschäft, Frankfurt a. SR.