Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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E Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 15. Abschied von Amsterdam. Der Wellengang im Amsterdamer Ghettoleben, kaum beruhigt nach dem Sturme um Spinoza, bekam wieder neuen Schwung. Was man sich von Smyrna, Saloniki, Kairo und Palästina in Amsterdam erzählte, entzündete die Gemüter, und das Feuer wurde gehütet und zum Hellen Auflodern gebracht von der schönen Sarah, der Messiasbraut, ihren Anbetern und Anhängern. Ernste Menschen schüttelten bedenklich den Kopf, da sie vom leichtfertigen polnischen Mädchen sprachen. Sie vernahmen nicht ohne Glauben die Kunde von einem Sabbatai, der irgendwo Wunder über Wunder vollführte, aber dieses Weib, die aller Köpfe verdrehte, in Verbindung mit ihm, mit einem Messias zu bringen, schien ihnen doch etwas ungeheuerlich. Den Messias konnte man hinnehmen, aber die Messiasbraut war eine Zumutung, unerwünschte Belastung des Messiasglaubens. Die so dachten, wurden nun wankend, als sich eines Tages die Nachricht verbreitete, zwei Boten aus Livorno in Italien seien eingetrofsen, um im Aufträge Sabbatais Sarah zu holen und sie ihm zuzuführen, denn das letzte Ende nahte. „Ist Sabbatai in Livorno?" fragte man. „Nein, er wartet ihrer in Kairo, im Hause Chelebis, des Fürsten, wo die Hochzeit Moschiachs als Anbeginn der Erlösung gefeiert werden soll. Aber sein Vertrauter Abraham I a ch i n i ist in Livorno angelangt, der sie von dort weiter nach Kairo bringt." „Warum kommt Jachini selbst nicht her, daß er uns erzähle vom Messias und seinen Plänen." Diese Frage beantworteten die Voten, David Todelo und Naftali Dano nannten sie sich, mit dem Hinweis auf tiefe geheime Gründe und die eigenen verschlungenen Wege der Erlösung. Und damit mußte man sich zufrieden geben. Aber einige fragten doch: „Wissen die Boten, weiß Jachini und weiß Sabbatai selbst um das leichte, fast unzüchtigeLeben der Frau, die ihm zur Seite gestellt wird und feiner heiligen Mission Teilhaberin sein soll?" „Er kennt sie nicht und kennt sie doch," sagten sie dunkel, „Jachini weiß alles . . . Und es ist schon so recht und im Plane des Höchsten..." Und sie spielten auf eine Stelle der Schrift an, wo der Prophet Hosea den Auftrag erhielt, sich ein buhlerisches Weib zu nehmen. -Gelehrte wandten ein, daß man Aussprüche und Handlungen von Propheten nicht wörtlich nehmen dürfe, daß es dort vielleicht um tiefe symbolische Dinge gehe. „Dann müssen wir euenso still mit scheuer Bewunderung der symbolischen Handlung unseres Herrn und Gesalbten Sabbatai zusehen," gaben die Beauftragten Jachinis aus Livorno zurück. Im Hause Aron Umaners ging es hoch her. Neugierde, Erlösungssehnsucht, leise Zweifel und fromme Gläubigkeit fanden sich zusammen, um Sarah und den Boten ein Fest zu bereiten, wie es das Amsterdamer Ghetto noch nicht gesehen hatte. David Todelo und Naftali Dano wurden nicht müde, von Sabbatai zu erzählen, von den Wundern, die er vollführte, von dem Glauben und Anhang, den er fand, von dem Jubel, der durch alle Lande von Dnjeper und Weichsel bis zu den Dardanellen gehe, von der Büßfertigkeit und Bereitschaft überall. In der Levante wie in den Karpathen, erzählten die Boten mit geübter Zunge, veräußerten sie ihr Letztes und rüsteten sich, Moschiach ins heilige Land zu folgen. „Und der Halbmond?" fragten die Leute gläubig und durchzittert von der nahen Erfüllung. „Es ist dieses das Wunder aller Wunder, daß die Jsmaeliten um all das wissen, all dies mit ansehen, anhören und schweigen. „Und es sehen alle Völker der Erde, daß der Name Gottes auf Dir ruht und sie fürchten Dich," steht ja geschrieben." „Und wie ist es im heiligen Lande?" „Dort gehen die Wogen des Leides noch hoch. Unser Herr geht dahin mit seiner Königin — sie wiesen auf Sarah — und wie er hinkommt, vollzieht sich ein Wunder, das seinen Namen auch dort groß macht. Allsogleich bricht der Morgen an und unser Herr begibt sich zurück zu seinem Volke in die Zerstreung, um es aus allen vier Enden der Erde zu sammeln und ins erlöste Land zu führen, nachdem er Throne gestürzt und Völker gerichtet hat, dieweil sie jüdisches Blut wie Wasser vergossen ..." Während dieser Reden saß Sarah auf dem Diwan, ernst, hoheitsvoll, die flammenden Blicke in die Ferne gerichtet, ganz in Glanz und Würde gehüllt. Die Perlenkette des Kassato mit ihren kostbaren Steinen auf ihrer Brust schimmerte im hellen Oellichte der Lampen und verbreiteten Sternenglanz. Als sich aber Kassato vorsichtig näherte, stieß sie ihn mit kaltem heroischem Blicke von sich, daß er getroffen zurücktaumelte. „Sarah", flüsterte er bitter. „Die Perlen und Steine sind Dir nichts — der Andere in nebelhafter Ferne bietet eine Krone. — Siehe, daß es keine Dornen kröne wird..." Sie tat, als hörte sie nicht. „Wie, schöne Sarah, wenn ich eines Tages Dir ebenfalls eine Krone zu Füßen lege, eine richtige, echte?! ..." Sie sah auf ihn gar nicht hin. Es war in letzterer Zeit eine Wandlung mit Kassato vorgegangen. Kassato, ein gutgesitteter Jüngling von edlen spanischen Manieren und nicht ohne Wissen, war ganz in den Bann Sarahs geraten; die sklavische Zuneigung galt nicht allein ihrer Schönheit, er fühlte sich auch vom mystischen Nebel, der sich um sie spann, stark angezogen. Er verlor seinen angeerbten Stolz und auch die ihm sonst eigene Klarheit des Denkens. Und je mehr sie mit ihm spielte, um so unerbittlicher geriet er in ihre Hörigkeit. Ein reiches väterliches Vermögen enthob ihn der Sorgen und Mühen des Tages und gestattete ihm, sich ganz der Lehre, den Wissenschaften und schönen Künsten nach Art seiner großen kastilischen Ahnen zuzuwenden. Er dichtete und malte und haßte Rembrandt, der für ihn wie für alles Halbe und Dilettantische nur spöttisches, entmutigendes Lächeln hatte, mit der ganzen Glut eines beleidigten kleinen Talentes. Er trieb auch Grmmatik, Mathematik und Philosophie und fühlte sich anfangs sogar ein wenig von Spinoza angezogen. Doch hielt ihn die Abneigung gegen Rembrandt auch von dessen Freunde Spinoza zurück. Indes er noch mit sich selbst im harten Kampfe lag über Fragen des Glaubens und Denkens, trat Sarah in sein Leben, die diesem jenseits alles klaren Denkens eigene Richtung gab. $5 \m Vielleicht war es nicht einmal Liebe im eigentlichen Sinne, was ihn zu ihr so mächtig hinzog. Der kalte Nebel, der zuweilen Sarahs Reize umgab, dieses Gemisch von Glut und Kälte, von Jnbrunnst und steifer Abweisbarkeit, dieses Rätsel packte ihn und schrie nach Lösung. Schmeichelworte versagten, Edelsteine öffneten ihr Herz nicht. Sie gab sich hin, mit stockender Seele, und zugleich schlug ihr Herz warm und war ihre Seele erfüllt von einem, den sie nie gesehen, in dessen Namen sie gleichsam mit allen Anderen spielte. Das ließ sein brennend Herz nicht zur Ruhe kommen. Aufkommende Haßgefühle schufen neue Liebe . . . Es war ihm klar, daß Sarahs heimliche Liebe nicht einem Menschen von Fleisch und Blut gehörte, sondern einem Phantom. Konnte er dieses nicht ebenfalls bieten, verkörpern? Und der denkende und wägende Kassato gab sich der Mystik hin, fing an statt der mathematischen und grammatischen Studien über die Rätsel des Alls und des Seins nach den kabbalistischen Schriften, fremd und fern dem Leben, zu grübeln. Wartete sie nicht auf einen Erlöser? Warum konnte e r selbst nicht der Erlösungsbringer sein, nachdem ihm dieses Weib in den Lebensweg getreten war? Darauf spielten seine letzten Worte an, indem er von einer Königskrone sprach, die er ihr zu Füßen legen wollte. Sie aber war es nicht gewöhnt, sich tiefer in die Psyche von Menschen zu versenken. Sie hatte die Perlen und Steine, egal von wem. Und heute abend stand sie im Mittelpunkte des Geschehens. Alles sprach von ihr, alles drehte sich um sie. Das genügte ihr fürs erste. Umaners Wohnräume reichten für bie Ansammlung nicht mehr aus. Die Neuangekommenen mußten draußen bleiben und drängten sich an Türen und Fenster. Auch Frauen und Mädchen kamen hinzu, die, allen Gepflogenheiten zum Trotze, anstandslos zugelaffen wurden. Man fang Lieder, heilige und weltliche, auch unheilige und trank Wein und formte sich zuletzt zu einem Reigen. Die Italiener ließen auch Musikanten kommen, die zu Lied und Tanz aufspielten. Man sang im Chore, wobei Frauen und Mädchen in die Hände klatschten, Sabbats Abschiedslieder. Denn es galt dem Scheiden von der hehren Braut, der Messiasbraut . . . Jubel und Wehmut klangen in höchsten Tönen zusammen. Das Ghetto widerhallte von Sang und Klang. Ueber die Brücke kamen zwei dunkel verhüllte Gestalten gehuscht. Am Scheideweg blieben sie, von den Klängen der Zimbel und Geige angelockt, stehen und horchten. „Es wird eine Hochzeit sein", sagte der größere, breitschulterige. „Biegen wir in die Gasse ein, Benedikt." „Ich habe mit denen im Ghetto nichts gemein und mag dort nicht Gast an fremden Hochzeiten sein", lehnte der andere ab. „Sie erkennen Dich nicht, Benedikt", bat Rembrandt, „komme mit, es gibt mancherlei zu sehen auf einer Hochzeit im Ghetto, prächtige Gestalten und Typen, bei diesem herrlichen Mondlichte! ..." „Ich sehe sie lieber in Deinem Atelier auf der Leinwand, diese Typen und Gestalten, als daß ich ihnen leibhaft begegne", spottete Spinoza. „Halt", horchte Rembrandt, „es kommt aus dem Hause Aron Umaners, es betrifft Sarah." Sie kamen noch gerade recht, wie Sarah mit den beiden Italienern den Wagen bestieg. Männer und Frauen drängten sich ans Gefährt. Die Zimbeln und Geigen spielten und übertönten die Abschiedsworte.