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Der Israelit · 1924-08-21 · Heft 34 (21.8.1924) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 34 (21.8.1924)
Date
1924-08-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 34 Der Israeli 21 August 1924 mute, ein närrischer Schwärmer oder gar gemeiner Betrüger, dann haben sie eben den Messias, den sie verdienen ..." „Du bist verbittert, Benedikt, und daher ungerecht gegen Deine Stammesgenossen." „Was ist Stamm? Der Glaube und die innere Erleuchtung machen es. Und ich bin nicht mehr ihres Glaubens, wie sie nicht meines Lichtes sind ..." Der heitere Ton, auf den der Maler die Unterhaltung zu bringen sich mühte, hielt nicht durch. Mißmutig schieden die Freunde voneinander. (Fortsetzung folgt.) Sabbat in Jerusalem. ») Wenn der Sabbat in unserem Leben das Heilige ist, dann ist sicherlich Sabbat in Jerusalem das Allerheiligste. Ich kam am Donnerstag nach Jerusalem. Und am Freitag nachmittag sind wir durch das jüdische Viertel gegangen. Damals war ich in unserer Stadt noch ein Fremder. Heute aber, da ich der vielen hier erlebten Sabbattage mich erinnere, bin ich schon gar nicht mehrfremd. Sabbat in Jerusalem. Alle jüdischen Geschäfte schließen. Kein jüdischer Arbeiter arbeitet. Früh am Freitag nachmittag sind die Friseurläden stopp-voll. Und die Jungen, die in den jüdischen Straßen stehen und Schuhe putzen, haben mächtig viel zu tun. Die Bewohner der Stadt lernt man schnell an ihrer Kleidung unterscheiden. Die Sefardim tragen schwarze Mützen. Manchmal auch den Fez wie den jemenitischen Juden. Die aus Osteuropa stammenden Aschkenasim tragen den Streimel, das sind flache, runde Mützen ist. Und wenn einst dein Tag kommen wird, wirst auch du Worte hierfür nicht finden. Denn könnten wir diesig Gefühle in Worte kleiden, wären wir keine Menschen. Wir würden gleich dem Wassertropfen zufammenfließen. Die Worte, die ich darüber niederschreibe, können daher nicht bis ins innerste dringen. Was ist nun eigentlich die Klagemauer? Sollten wir ohne diese Mauerruine wirklich nicht wissen,daß einst ein Tempel, Zeichen religiöser und nationaler Einheit, hier stand? Ein Tempel, den wir besaßen? Wir würden es gewiß auch ohne diese Mauer wissen. Und doch: Dies gewaltige, aufwühlende Gefühl hätten wir sicher nicht, wie jetzt, da wir unsere Hände aus die ewigen Steine legen können und unser Mittagsgebet sprechen, das betränte Antlitz der Mauer zugekehrt. Die Klagemauer. Cs gab einmal eine Zeit, da fürchtete ich, all dieses Klagen und Schreien an der Mauer könne nicht echt sein. Aber heute habe ich diese Angst nicht mehr. Alle die leiden, und es gibt derer in Jerusalem Tausende und Abertausende, sie kommen und weinen ihr schwerbeladenes Herz hier aus. Ihre Tränen sind so echt, wie das Leid des jüdischen Volkes echt ist. In den Reiseführern wird unser Leid und unsere Mauer mit einem kleinen Sternchen angezeichnet: Eine Sehenswürdigkeit. Und so gehen die Touristen, die für ihr Geld doch etwas haben wollen, gewöhnlich am Freitag mittag, so gegen Abend, zur Klagemauer, weil zu dieser Zeit viele, gar viele jüdische Klagende kommen. Ich gehe nun fast jeden Nachmittag hin. Ich habe schon mein bestimmtes Plätzchen an dieser Mauer. 3dj bin kein Fremder mehr. Ich habe das unbeschreibliche Gefühl von Zuhausesein gefunden. Ich gehe schon allein hin. O, der Weg ist gar nicht so schwierig. Am Anfang schien es nur so. Links zwischen dem Bazar in der jüdischen Straße. Die Straße durch und die Treppen hinunter. Ein Platz, mit zwei prächtigen einander gegenüberliegenden Toren. Da muh man rechts abgehen. Und dann immer links. An jeder Straßenbiegung, die nun kommt, immer links. Immer Treppen hinunter. Ein wunderliches Gemisch von Gäßchen, überdachten Fämilie Zilversmit. Und aufs Zimmer gekommen, drücke ich die Hand auf das pochende Herz. Und ich spreche zum dummen, hämmernden Herzen:. „Dummes Herz Du, beruhige Dich doch nur. . . Run bist Du doch da, wohin Du Dich immer sehntest. Und wer in Jerusalem stirbt, wird auch hier begraben." mit Samtrand. Sie tragen lange Kaftankleitzer. Bei Straßen, Ecken und Durchgängen. Und nun nur nicht manchem sind sie aus glänzender Seide oder aus Samt; durch das dunkle Tor. Nein, du mußt den Weg gefertigt: gelbleuchtend, rot oder hellblau. Gar oft sind diese Sabbatkleider der einzige Reichtum jener armen, frommen Männer. Wohl niemand weiß in Europa, was die jüdische Bevölkerung von Jerusalem schon alles durchgemacht hat. Tausende sind Hungers gestorben. Tausende am Typhus. Zwar sandten bei Kriegsbeginn die Amerikaner Geld, als aber Amerika dem Kriege beitrat, hörte das schnell auf. Die großen frommen Rabbinen haben ihre Kleider und ihre geliebten Bücher oft für nur ein Stückchen Brot hergeben müssen. So sind Schätze an Büchern nach Amerika und England gegangen. Nun ist die Lage eine etwas bessere. Das Unterstützungswerk liegt jetzt in den Händen der Zionisten. Ihre Arbeit ist natürlich auch nicht vollkommen. Es wäre besser gewesen, man hätte die politische Arbeit der Zionisten von der Wohltätigkeilsarbeit getrennt. Ein großer Teil der Orthodoxie will von den Zionisten nichts wissen. Und Geld, das durch ihre Hände gegangen ist, nehmen sie nicht an. So sind die Zustände hier^ außerordentlich kompliziert. Doch natürlich bei einem Spaziergang durch die Stadt sieht man das nicht. Wir sehen nur, wie die frommen jüdischen Männer dem Sabbat entgegeneilen. Die Ecken ihres Haupchaares schneiden sie nicht ab. So sind die Gesichter von langen Locken umrahmt, mild und zärtlich. Das sind die Leute, die die Heilige Lehre um ihrer selbst willen lernen. Nicht der Ehre wegen. Diese alten schwachen Menschen sind die Träger der alten Schätze unseres Judentums. Aber was dann, wenn dieses liebe, schwache Geschlecht ausstirbt? Ich war noch nicht „s - - , , ,. in den Kolonien. Man sagt, dort wachse ein kräftiges, vÜ5 le^ junges Geschlecht heran Aber unsere alten Schätze * konnte ich die zarten Empfindungen mcht m Worte nimm. JSy» und doch schN-Ad-e W Aufgabe: ein junges, starkes Geschlecht heranzuziehen, Porten wecken mochte, nicht aussprechen in dem auch der jüdische Geist stark ist. Es ist rührend, j,ft hos Eigentums,che des diese zärtlich ausschauenden, alten jüdischen Gelehrten' hinunter, da wo des Mittags die Sonne scheint. Dann steigt deine Seele dahin, wo Worte nicht mehr durchdringen. Dann bist du ganz allein . . . ganz allein . . . Soweit schrieb ich am Freitag nachmittag, als ich Posaunentöne vom Deutschen Platz herübertönen hörte, die die jüdischen Frauen mahnen, daß es Zeit ist, die Sabbatlichter zu entzünden. Da habe auch ich zu schreiben aufgehört. Mein Freund, vielleicht kommt auch bald der Tag für dich, da du zur Klagemauer gehen kannst. Und so Gott will, will ich gerne dich dorthin begleiten. Bis du den Weg durch all die winkligen Gäßchen allein finden wirst. Und du allein gehen kannst, wenn dir dein Herz schwer ist und du dich sehnst, dich auszuweinen, dich auszuschreien an dieser Mauer. 3. Am ersten Freitag abend war ich Gast im Mädchenwarsenhaus des Herrn Zilversmit. O, in diesem Haus ist Sabbat feiern eine Wonne. Die Segenssprüche über Wein und Brot werden mit heiliger Andacht gesprochen. Für uns, die wir außerhalb von Palästina kommen, ist das Hebräische doch immerhin noch eine Sprache, die nicht für das tägliche Leben bestimmt scheint. Wir kennen die hebräischen Wörter aus den Gebeten. Und sie erwecken in uns ein ganz anderes Gefühl. Gewöhnliche Wörter einer Sprache, so ganz ohne jede Weihe, sind sie uns nicht. Wie anders aber doch für diese Mädchen hier. Sie sprechen nur hebräisch. Die Gefühlswerte der heiligen Wörter find bei ihnen ganz andere. Aber ich werde wohl hinter diese Gefühlswert-Unterschiede nie kommen. Denn wenn auch das Hebräische mir so eigen Hermon Verlass-Aktiengesellschaft —Hermon-Biicherei— Ausgewähtte Schriften 8. R. Hirschs Bd.1: Grundbegriffe des Judentums I Bd. 2: Frühling und Freihheif Demnächst erscheint: Bd. 3: Jahreswende Bd. 4. Vom Lernen und Lehren I Jeder Band, feie ' , Mk. 1.80 fien.-Vertr.: M. 1 Wahrmann. Frankfiirt-M., ln Schwimmbad I Gross - Frankfurt. 1 Weinklause Eintritt inkl. Programm und Steuer Mk. 3.50 Tanzpalais Eintritt inkl. Steuer Mk. 1.50. Wiener Cafe Täglich Konzert. Eigene erstklassige Konditorei. Im ganzen Hause erstklassige Weine von M. 2 an, Frische Bowle. Tischbestellungen für Weinklause: Hansa 2224. Tanzpalais: Hansa 6569 u. 6570. zwischen den aufrechten, stolzen Beduinen aus Transjordanien herumgehen zu sehen. Aber die können weder lesen noch schreiben. Wenn wir das nur fertigbringen könnten: eine jüdische Jugend, aufrecht und stolz wie die Beduinen und so klug und gelehrt wie die Rabbinen. 2. Die Klagemauer. Schon am ersten Freitag mittag sind wir zur Klagemauer gegangen. Durch ein Gewirr von engen, winkeligen Straßen und Gäßchen, in denen ich mich aber heute schon auch nicht mehr fremd fühle. Einer meiner Amsterdamer jüdischen Freunde (wie weit weg liegt doch Amsterdam!, wie fern sind doch die jüdischen Freunde!) fragte mich an, mit welchen Gefühlen ich zum erstenmal mich der Klagemauer genähert habe. Bester Freund, kann ich nur antworten: mit einem Gefühl der Rührung, das mit Worten nicht zu beschreiben *) Im Verlage L. Sänger-Frankfurt a. M. ist unter dem Titel „Jerusalem" ein Skizzenbuch von Jakob Israel de Haan erschienen (aus dem Holländischen übersetzt), das wie keine Biographie die von stärksten jüdischen Impulsen bewegte Seele des Dichters, der nun als Opfer seiner Ueberzeugung gefallen ist, offenbart. Das Buch enthält auf 184 Seiten 12 Nummern und ist herrlich ausgestaltet. Aus der Skizze „Sabbat in Jerusalem", die im Hinblick auf die letzten Vorgänge von besonderer Bedeutung ist, lassen wir hier mit Genehmigung des Verlages einiges folgen. Was ist das Eigentümliche des Meeres: Es verbindet und trennt die Kontinente.- Was ist das Eigentümliche der Sprache: Sie bringt Menschen zusammen und trennt Menschen. Nach dem Essen werden die lieblichen Sabbatgesänge gesungen. Dann gehen wir alle in den großen Saal. Die Mädchen spielen hebräische Spiele. Die größeren schwätzen zusammen. Gäste kommen. Jeder ist hier willkommen. Auch ein amerikanischer Major kommt. Baumlang. Nach kürzerer Unterhaltung stellt sich heraus, daß es ein ganz gewöhnlicher Medicus ist. Und da, ich freue mich, wie ein ganz Alter sich nur freuen kann, denn ich sehe dort eine alte Geschichte, die ja ewig neu ist: Ein hübscher Bengel kommt hereinspaziert. Er lernt hier in Jerusalem in der Baumschule. Seine Eltern wohnen in einer der Kolonien. Aber er besucht die Baumschule hier in der Stadt. Cr' hat hier, merke ich, seine kleine Liebschaft. Und ich glaube auch, das kleine Mädchen weiß, daß er nur ihretwegen hierher kommt. So ganz alt bin ich nun doch nicht. Aber mehr als diese Kinder hier habe ich doch schon durchgemacht. Ihr kennt doch das Gedicht von Jaques Perk: „Kirchweih"? Nein, ich bin noch kein Greis, jedoch es kommt. Es kommt. Vielleicht ist das Leben diesen beiden lieben Kindern gütiger. Vielleicht aber ist alles garnicht wahr. Es ist ziemlich spät geworden, als wir Abschied nehmen. Dunkler Mond. Aber der freundliche Challad bringt mich mit der Latente bis zum Hotel. Wie alles im Hotel lieblos und fremd aussieht. Vor der Tür schläft irgendein Kellner im Lehnstuhl. Alles kommt einem so kalt und fremd vor, gerade nach dem Besuch bei der für die Reisezeit unentbehrlich sind meine unter hiesiger Rabbinats-Aufsicht hergestellten erstklassigen Fleischkonserven Kaufherrs Warstn, Konservenfabrik, Inh. M. Levi, Fnlda. 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