Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450319--71497-2528816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S,’ •- V Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) 14. Mehr Oberlicht... „Benediktus", ereiferte sich Rembrandt, „schließe die Türe und verhänge das Fenster bis zu einem Spalte, daß ich Dich im Helldunkel sehe, wie ich alles sehen möchte, was ich liebe und anbete und mir tief in der Seele sitzt." Spinoza sah von seinem Buche auf und seine hagere Gestalt mit dem dünnen Hals reckte sich nach oben. „Laß doch eine Weile, Benediktus. Deine Mathematik und die euklidische Form. Glaube mir, die gute van Pinto, Deine brave Wirtin, die ihre Mietsforderung streng fyltologiftifch von dem unbestreitbaren. Axiom ableitet, daß Bäcker und Metzger und Gemüsefrau nichts mehr borgen, rechnet besser und sicherer als wir beide, ohne von der Definition der Substanz etwas anderes zu wissen, als daß jede Substanz, fei es Mehl, Zucker, Brot oder Kohlen einer anderen als Urheberin bedarf, des Guldens nämlich ... Bei all Deinem Pantheismus hält sie Dich und halten Dich auch andere für gottverlassen, armer Benediktus! ..." „Spotte nicht über ernste Dinge," verwies ihn Spinoza, ohne im Gebärde zu verheimlichen, wie wohl ihm dieser aufhöiternde Ton tat. „Dü verwechselst übrigens Geist mit Materie, wenn Du von Brot und Gemüse in Beziehung zum kartesianischen Dualismus und Pantheismus spricht „Weiß schon, weiß schon," wehrte der Maler ab, „habe Dein Werk über die „Ethica more geometrico demonftrata" gelesenso schwer es mir fiel, und kenne Deine zwei Grundeigenschaften der Substanz, die da heißen: Denken und Ausdehnung, oder Geist und Körper, weiß wohl, ein Kausalnexus zwischen beiden Arten ist so unmöglich, wie es undenkbar ist, daß Du heute mit dem Denken über den Determinismus die Ausdehnung der Rechnungen über gelieferte Materie in der Form von Fleisch, Käs und Gemüse verhinderst. Aber jetzt endlich Schluß mit dem verdammten Latein, und der Teufel hole den Kausalnexus mitsamt den Attributen der Substanz. Was hälft Du, Benediktus, von der „I u d e n b r a u t" oder der „Keuschen Susanna"? Spinoza hatte das Mädchen, das vor vielen Wochen mit Kassato bei ihm war, vollkommen vergessen und machte große Augen. „Begreife, Benediktus, sie fällt nicht in Dein Fach. Mit der Vernunft und Einsicht mittelst der Tugend als Inbegriff der Ethik hat auch dieses Wesen in der Tat nichts zu tun . . . Aber mir hat es diese Jüdin aus Polen angetan, daß ich feidem nicht mehr esse noch schlafe, sie beherrscht meine Träume, meine Seele und mein Schaffen." „Kommt sie zu Dir?" fragte Spinoza, der sich auf Sarah nur langsam erinnerte, ohne klares Bild von ihr zu haben. , „Sie kommt jeden Sonntag. Aber sie beherrscht mein Atelier in anderem Sinne. Komm bald und siehe Dir die neuesten Physigonomien auf der Leinwand an . . ." Und ihr Begleiter, der Kassato?" Sie hintergeht ihn, wie viele andere. Sie liegen ihr alle zu Füßen im Ghetto und darum herum und sind reich beschenkt, wenn sie sie beschenken dürfen; sie tut treu und keusch wie die heilige Susanna, ist verführerisch wie Potiphars Weib und verräterisch wie Delila. Sie erglüht in innerem Feuer und bleibt dem, der sich daran wärmen will, kalt und hart wie ein Marmor. Ein Phänomen, dieses Judenmädchen aus Polen, sage ich Dir, am Ende noch eher für den Philosophen als für den Künstler! . . „Du hast sie in Deine Seele geschlossen!" „Sie sitzt darin wie ein Kobold und führt mir den Pinsel." „Und was sagt Hendrikje Stoffels dazu?" „Sie ist in der Kirche und beichtet, für mich mit — es betrifft uns beide — wenn die schöne Sarah mir vor Seele und Leinwand sitzt. Aber Hendrikje merkt was, sie merkt es an mir und an der Staffel und ist sehr verärgert ..." „Was will eigentlich die Sarah hier und wer ist sie?" Spinozas Interesse wurde wach. „Sie sagt, sie fei die M e s s i a s b r a u t, ein Fürst, ein König in Israel warte irgendwo ihrer, indes sie hier mit dem hohlköpfigen Kassato und anderen seinesgleichens spielt wie eine Katze mit den Mäusen spielt und sie weidlich ausbeutet. Ihr Aeußeres, das ist etwas für mich und meine Leinwand — sie ist schön, aber in ihrem Schädel oder in ihrem Herzen mag es kraus genug aussehen. Letzteres geht Dich an, Benediktus, den Philosophen und Psychologen." „Was weiß und sagt sie von dem Messias?" erkundigte sich Spinoza. „Herzlich wenig, sie spielt ihn gleichsam als letzte Karte aus, diesen Messias von irgendwo, Nachdem sie alle Welt bestrickt und betrogen hat. Sie ist berechnet wie ein Altkrämer und zugleich phantastisch wie ein Romanzendichter. Wer wird klug aus ihr?" „Es lohnt nicht, sich in die Tat einer Schwindlerin oder Wahnsinnigen zu vertiefen, erstere ist Sache der Polizei, letztere die des Arztes," woltle Spinoza mrz abbrechen. „Aber das Ghetto kocht über von ihr und dem Erlöser, den sie kündet ..." Ein spöttischer Zug überzog die bleichen Lippen Spinozas. „Der Erlöser? Den verdient das Ghetto nicht . . . Und wenn er kommt, dann verstoßen sie ihn, einmal und noch einmal . . ." „Du bist erbittert über Deine Glaubensgenossen, Benedikt, die Dich nicht verstanden. Dich mit Posaune und Bannfluch ausstießen. Vielleicht taten sie es mit Recht, ich weiß nicht, wie Deine neue Lehre von „Gott überall und nirgends" mit dem alten Bund sich verträgt. Ich verstehe von derlei Dingen nicht viel. Aber Hand aufs Herz, Benediktus! Du hast sie nie geliebt, die im Ghetto." „Nein, sie haben mich abgestoßen." „In dem Maße, wie sie mich angezogen haben," ergänzte Rembrandt. „Du bist Künstler und anderen Stammes," sagte Spinoza, „und siehst nur ihre schönen Köpfe und Bärte, bewunderst ihre im Schmerze verklärten Augen, ihre Beharrlichkeit in der Enge, die etwas Großes haben mag für Auge und Seele. Ich wollte hineinleuchten ins Dunkel mit der Fackel des Geistes und der Wahrheit, sie aus der Enge in die Weite führen — und fand kleine Kreaturen, die sich an ihre Fesseln klammerten und mich mit Steinen bewarfen . . ." „Das hast Du in Wahrheit nie gewollt, verzeihe Benedikts Hast stets mit Christen verkehrt, deren Heileslehre gepriesen und Dein Auge den Schönheiten des Ghetto, seiner Gestalten und seines Lebens geflissentlich verschlossen." Ilr.?4 1924 „Habe ich ihnen nicht ihre Bibel im richtigen Lichte gezeigt?" „Nein, Benedikt, Lichvterteilung, ich bin - Maler, ist Sache des Gestalters und es darf nicht bloß mit der Hand, es muß mit liebendem Herzen geschehen. Ich bin Freund von Oberlicht! . . . Du hast ihnen ihre Bibel dem rechten, heiligen Lichte entzogen, sie entheiligt, indem Du sie mit kalten Augen gelesen und mit kalter kritischer Sonde in Einzelteile zerlegt hast. Es fehlte das Oberlicht, Benedikt, das meinen Ghettogestalten bei allem Dunkel den eigentlichen Glanz verleiht ..." „Ich konnte mich auf einen Früheren berufen, auf Abraham iben Esra, der vor einer grammatisch kritischen Behandlung des heiligen Textes nicht zurückscheute." „Das entzieht sich meiner Beurteilung, aber sie bestreiten es entschieden. Du hättest diesen Erklärer entweder mißverstanden oder wissentlich mißdeutet, sagen sie." „Harmensz, Du scheinst zu denen zu gehören, die den Bannstrahl gegen mich aussenden. Kein Wunder, wenn man so viel im Ghetto verkehrt wie Du. Aber habe ich ihnen nicht ihren Gott gezeigt überall, den Gott der Psalmen, der in der Kraft und in der Schönheit und in jedem Dinge waltet . . .?" „Auch den nicht, Benedikt; der Gott, den Du überall zeigst, ist für sie nirgends, dieweil Du ihm festen Wohnsitz verweigerst und aus dem Zentrum des Weltgeschehens bannst. Der Sinai hörte seinen Donner nicht und die Propheten vernahmen nicht seine Stimme und die Menschen tragen nicht seine zu Taten verpflichtende Erkenntnis in ihrem Herzen. Du wolltest ihnen den Gott des Gesetzes nehmen und dafür mathematisch astronomische Formeln geben, ihnen die ihnen heilige Lehere in grammatisch historische Doktrinen auflösen." „Du sprichst in der Sprache des Ghetto und seiner Finsterlinge, Rembrandt." „Rein, Benedikt, d i e lautet anders und spart nicht mitFlüche^ undBerwünschungen. Ich spreche wie ein Freund zum Freunde spricht, unvoreingenommen, verweil mich keine Bande des Blutes und der Religion mit dem Ghetto verbinden. Ein wenig gram bin ich Dir freilich, denn du verkennst und verekelst mir das Ghetto ..." „Das Dir, ich meine Deiner Kunst —7 korrigierte sich Spinoza — Nahrung gibt. Aber wir gingen von dem polinschen Mädchen und ihrem Messias aus." Rembrandt hatte genug und ging auf die Ablenkung ein. „Ja," sagte er, „alle Welt spricht nun von diesem Messias. Im Jahre der drei Sechs soll sich das Zeichen vollführen. Die Mönche kündigen für 1866 die Wiederkehr des Erlösers von Betlehem an, die Mohammedaner erwarten im gleichen Jahre das Erscheinen Mohammeds, indes die Juden beteuern, der Messias warte schon in Smyrna oder Kairo und hier sei seine Braut . . ." „Wehe, wenn alle drei Erlöser Zusammentreffen und der Zusammenstoß sich ereignet," spottete Spinoza. „Sabbatai Zewi heißt er," berichtete Rembrandt weiter, „soll viele Wunder vollführen, das Wunder aller Wunder steht ihm noch bevor." „Das Erlösen?" „Nein, das polnische Weib, diese schöne Schlange, die Delila. Er wird Arbeit haben, sie zu meistern, wenn sie ihm wirklich als Messiasbraut zugeführt wird." t Spinoza lachte aus hohler Brust. „Haft recht, Harmensz, daß Du endlich die Sache von der heiteren Seite nimmst. Es ist wahrlich zum Lachen. Bringt dieser Sabbatai wirklich Erlösung,, dann haben Amsterdam, Landow und Hamburg noch Steine genug auch für ihn . . . Vielleicht ist er aber,was ich eher ver-