Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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V } Seite 10 Nr. 33 sRembvanbt bdam seine volle Heiterkeit wieder. „Ein Weib," lachte er, Sarah wohlgefällig musternd, „Kind, Engel und Königin und nichts Weibliches ist ihr fremd. Hast recht, holde Susann«, Hendrikje Stoffels, die mein Hauswesen versorgt, ist eifersüchtig. Komm Sonntag, wenn sie zur Beichte geht. Sie hat manches zu beichten, die Hendrikje Stoffels." „Geht Ihr nicht in die Kirche und zur Beichte?" Sarah war ernst geworden. Das Wort Beichte mag bei ihr unangenehme Erinnerungen ans Kloster ausgelöst haben. Remorandt lackte. „Hier," wies er auf Spinoza, der am Fenster die Steine noch einmal besah, „hier mein Priester und Beichtvater. Er wird von seinen Rabbis genau so geliebt wie ich von meinen Mönchen. Also Sonntag im Atelier! ..." Kassato nahm Sarah am Arni und hob sie fast vom Divan. „Komm, Sarah!" Und sie ging willig mit ihm und — mit ihren Perlen. „In mein Atelier, unweit der Brücke vor dem Judentor. Sonntag! . . ." Kassato zog sie rasch nach sich, daß -sie die ihm verhaßte Stimme nicht weiter hörten. (Fortsetzung folgt.) Kifsinger Allerlei. (Anstelle eines Badebriefes.) 3. „Zum Hakenkreuz." Wenn man eine zeitlang in Kissingen ist, muß man außer Rokoczybrunnen und Luitpoldbad, den zwei Leidensstationen der Kur, so mancherlei gesehen haben. So zum Beispiel die Saline mit dem riesigen Gradierwerke, vor dem ein Bismarck in Erz die Wache hält; den K l a u s h o f, der aufs Kaskadental hinabsieht, als wolle er das Vexierbild lösen: „Wo sind die Kaskaden?"; den Salinenblick, der den Vorteil bietet, die biederen Kaffeegesellschaften im Schatten des Salinengradierbaues von der Ferne und außer Hörweite beobachten zu dürfen; das Schweizerhaus über.der Saale, wo man alle fünf Minuten durch Sirenenruf gezwungen ist, auf ein rauchendes, fauchendes, Dampfer spielendes Schifflein für kleine und große Kinder herabzuschauen (das Dampferchen nimmt sich ernst und den Fahrgästen eine ganze Goldmark für die Zehmninutensahrt längs dieses fränkischen Suezkanals bis zur Saline ab); das Cafe Bellevue am Rande des Bergwaldes, von wo man, sofern die lieben Nachbarn nicht vom Essen, ihren tausend Leiden und gewissen Wirkungen gewisser Kurmittel sprechen, stundenlang ohne ein Wort zu reden, in den Kessel hinabschauen kann, einen Farbentopf, in dem das Weiß der Häuserwände, das Rot der Dächer, das Grün der Felder und das glühende Gold der Sonne sich zu einer Farbenharmonie einen, die keinen anderen Gedanken aufkommen lassen als den: Wie schön ist doch Gottes Welt... Man mutz dieses und vieles mehr gesehen und genossen haben, um sagen zu können: „Ich war in Kissingen." Aber in diesem Jahre kommt noch eine neue Sehenswürdigkeit hinzu: Das Hakenkreuz. So wahr es ist, daß du gefragt wirst, ob du bereits auf der Saline, im Klaushof, auf Bellevue gewesen bist, so wahr ist es, daß man dich schon am dritten Tage fragen wird: „Haben Sie auch schon das Hakenkreuz gesehen?" Und ob du dich auch dagegen sträubst, du wirst doch zuletzt auch zum Hakenkreuz pilgern, wie du zu allem anderen Sehenswerten gewandert bist, zu allen Wundern, die hier göttliche Natur, erfinderischer Menschengeist, Schönheitssinn wie Liebe und Dankbarkeit gegen den Jungbrunnen frischer Kraft und Gesundheit geschaffen haben. So sicher wie die Kurkapelle allmorgendlich mit einem Choräle beginnt und mit einem Walzer schließt, so sicher du am dritten Tage deiner Kur den Rokoczy und seine Wirkungen verfluchst, so sicher du die Kur mit vollem Beutel beginnst und leerem beschließt, so sicher dich die Kellner und Hausburschen mit offenen Armen empfangen und mit noch weiter geöffneter Hand spalierstehend entlassen, ebenso unumstößlich fest steht es, daß du, wenn auch am letzten Tage noch, dir das Hakenkreuz ansiehst... Es ist kein weiter Weg und kein Aufstieg. Nur wenige Schritte links hinauf von der fast traditionell jüdischen Theresienstraße, und wir stoßen mit der jüdischen Nase direkt auf das Hakenkreuz, das einzige, das man hier als Rarität der Saison sehen kann und das seine Zugkraft ausübt — auf jüdische Kurgäste. Das Kreuz hat ein Herr Karl Renner, seines Zeichens Uhrmacher und Juwelier, in der Ludwigstraße. Er hat es im Glas seines Schaufensters, eingemalt, ein- De r Israeli 14. August 1924 gebrannt; ein ornamental einwandfrei gezogenes Vier eck, knallrot umrändert, mit schneeweißem Felde, daraus den dunklen Punkt die Hakenkrallen des Kreuzes bilden, also Schwarz-weiß-rot, und die Farben so finnig verteilt, daß sich das Schwarz wie die Tatzen eines häßlichen Untiers zerfleischend in das Weiß einkrallt. ‘ Herrliches Symbol treuteutscher Art von 1924. Ueber dem Fenster mit dem Hakenkreuzschmucke hängt aber eines der Plakate, die man, sich dieses Jahr in Kissingen in stabilem Blech und Eisen anfertigen ließ: „Zimmer frei . . ." Unterhalb des symbolischen Ornamentes läßt das Fenster die Sicht frei in die Auslage: Uhren, kleine und große mit Hakenkreuzdeckel, Broschen aller Art und in allen Preislagen mit Hakenkreuzschließer, Nadeln, Abzeichen, Spangen und Kämme mit Hakenkreuz, Hakenkreuz, Hakenkreuz, das Ganze ein Nest ekelhaft krabbelnder schwarzer Hakenkäfer ... Und nun sehe ich etwas, das mich fesselt, mein Auge, bannt. Ist es Wirklichkeit oder Sinnestäuschung — ein niedliches Döschen aus Silber mit Perlmutterbesatz mit durchlochtem vergoldetem Deckel, darauf ein schlechtgemaltes Hakenkreuz. Eine Hawdolohbüchse mit Hakenkreuz. Man sieht es dem ungelenk gezogenen Hakenkreuze an, daß es nicht auf dieser Büchse gewachsen ist. . Armer Renner! Wie hast Du Dich verrannt! Es hat Dich Jemand bös reingelegt. Sie o e r j u d e n Dir noch Deine Hakenkreuze! ... Es wird übrigens erzählt — ich kann es nicht verbürgen — daß so ein Langrock aus dem Osten, dessen politische Entwicklung nicht bis zum Erkennen völkischer Farben und Formen gediehen war, in den Laden trat, um sich eine solche „Bsomimbüchse" als Andenken zu sichern, und-- Er wurde äußerst höflich bedient und es wird versichert, daß man „israelitische Kundschaft" sehr gern sehe.. Andere verbreiten, das Ganze , sei nur ein Wappen der Dummheit und Ungeschicklichkeit. Nämlich: der unvorsichtige Juwelier konnte mit Saisonanfang nicht gleich den Änderen das Emblem entfernen —, dieweil es ins Glas eingebrannt ist —, ohne die ganze Erkerscheibe einzuschlagen. Diese, Arbeit wurde ihm aber bereits unentgeltlich aus den Kreisen der Droschkenkutscher, Gepäckträger, Hausburschen.und anderer Herrschaften von. der Gilde der Trinkgeldnehmer offeriert... All denen daheim, die da meinen, der Weg zum Heilbrunnen sei hier mit Hakenkreuzen gepflastert, sei doch erzählt, daß man zu d e m Hakenkreuz pilgern muß, wie man zum Altenberg, zur Ruine Trimburg oder zum „toten Preutz" wandert . . . i 4. Schlechter Geschäftsgang. Jenseits der Brücke, wo sich die weißen Wege zwischen den Rosenbeeten wie Perlenketten schlängeln, steht von prächtigen Rasenvierecken eingerahmt, hinter Laub und Rankenpflanzen versteckt, das verschwiegene Häuschen, eines der vielen, die hier ein wichtiges Requisit der Kur bilden. Es ist vom Umbau wie von einem dunklen Hermelinmantel umschlungen. Davor die mir wohl vertraute Alte, mit den Runzeln auf dem friedsamen Gesichte. Es ist Sonntag nachmittag und sie hat zum verschlissenen Kirchgangstaate noch ein schwarzes Tuch über die Schultern gelegt, das sich feierlich um die breite dunkle Gewandung legt, wie der Umbau um den Jnnenteil des ihrer Hut anvertrauten Häuschens. Sie sitzt auf einem Stuhle vor dem Eingänge, zwischen Rosen und Ranken, Laub 4md Rasen, ganz Weltfrieden. Sie hat ein Buch auf ihren Knien liegen, in das sich ihre Augen durch die große Hornbrille eingraben. Es muß ein frommes Buch sein. Das Idyll stimmt nachdenklich. Es ist doch ein großes Volk, das es verstanden hat, auch das Menschliche, Allzumenschliche unseres Lebens mit so viel Schönheit und Anmut zu umgeben, es mit Laub und Rosen zu umranken, gleichsam mit einem Hermelinmantel zu umhängen... Worte eines bekannten Segensspruches fallen ein, Talmudaussprüche kommen in den Sinn, die ahnen lassen, daß auch unsere alte Weisheit wohl wußte, wo wahre Kultur begiynt... Und auf der anderen Seite die gleichen Menschen, im gleichen Lande, die das Beste und Heiligste in uns, das Wort, den Gedanken, die Kunst, die den Menschen allein gegeben, herabwürdigen, in Schmutz und Unrat zum Wecken tierischer Instinkte gebrauchen, Vortragssaal und Parlamentstribüne mit dem Ausfluß gehässigen Herzens verunreinigen. Wo bleibt da der Menschen Schönheitsgeist, der für gewisse abgelegene Stätten Rosen und Ranken geschaffen hat? Die Alte — ob sie wohl meine Gedanken errät — sieht von ihrer frommen Lektüre auf und spricht mich an. Spricht von dem, was hier heuer alle Herzen be: drückt und zugleich alle Gesichter dem Fremden gegenüber in überströmender Freundlichkeit verklärt: klagt über schlechten Geschäftsgang ... Und sie ist doch wirklich unschuldig. Hatte doch alle, ob katholischen Pfarrer oder polnischen Rabbi mit gleicher Liebe behandelt! ... Und die „Herren Israeliten" waren doch ihre liehsten Kunden. Gaben gutes Trinkgeln. Nun bleiben sie aus. Warum? ... Die jetzt kommen — es sind nur wenige — geben nichts und beschmieren die Wände ... Ja, die Wände ihres Häuschens, sie hatten in letzterer Zeit Ohren und Augen. Da gab es manches zu lesen, und auszuwischen, was von Narrenhänden stammte. Aber, der Himmel kanns bezeugen, sie war doch stets mit dem Wischtuch der Liebe gleich zur Hand, um alles zuzudecken, und wegzuwischen, was da gegen Sitte und Moral und die „Herren Israeliten" stand... Und ihre alten Augen graben sich wieder ins Buch der Schrift ein. Und dann sieht sie verträumt ins Dickicht, in die Ranken und Rosen, ins Laub und den riefgrünen blumenümrandeten 'Rasen, träumend von besseren Zeiten, hoffend auf neues Erblühen und — daß die „Herren Israeliten" wieder kommen . , . WMtW Ainderecke. Ein Traum. Von Heinrich Einstädter in Frankfurt a. M. Vater! Ich hatte heute Nacht einen Traum und meine: der muß etwas bedeuten! Darf ich ihn dir erzhlen?" „Erzähle nur, mein Kind." „Ich sah unser Schulzimmer. Auf dem Tisch standen drei brennende Kerzen, aber in den Ecken war es doch dunkel. Nach einiger Zeit waren die Kerzen — größer geworden. Und im Zimmer war es Heller. Da schaute ich erstaunt zu den Lichtern hin. Und sieh! Je länger sie brannten, desto größer wurden die Kerzen, und desto Heller wurde es im Zimmer." „Mein Sohn! Die Kerzen find die Thora, und das Zimmer ist die Seele meines Kindes. Je mehr es lernt, desto größer erscheint ihm der Lernstoff, aber desto lichter wird es in seinem Geiste. Geh hin und lerne!" „Mutter! Heute Nacht hatte ich einen Traum. Der hat gewiß eine Bedeutung! Ich möchte ihn dir gerne erzählen." So erzähle, mein Kind!" „Ich sah auf dem Tische drei Kerzen, die brannten. Und schau! Je länger sie brannten, desto größer wurden sie, und desto heller wurde es ringsum im ganzen Zimmer." „Mein Sohn! Die Kerzen bedeuten des Menschen Hab und Gut. Je mehr er damit gute Werke übt, desto größer wird es. Die Helfe aber ist der Friede. Durch Nächstenliebe wird her Frieden gefördert! „Großvater! Darf ich dir einen Traun? erzählen?" „Erzähle, mein Sohn!" „Drei Kerzen brannten auf einem Tische, und je länger sie brannten, desto größer wurden sie, und um so heller wurde es im ganzen Zimmer " „So höre, meinKind! Das mittlere Licht ist die Thora, und ihr zur Seite stehen die guten Werke. Wo sie vereint sind, da wird die Erlösung beschleunigt: denn Thora und gute Werke nähern die Menschen den Engeln." BAD HOMBURG Louisenstraße 16 Elisabethensfr. 49 (am Markt) Telefon 297 (am Kurgartgn) BAD TÖLZ ■ »Parkhotel Alpenhof» Modernstes H,a us am Platze. Erstklassige Pension bei massigen Preisen. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton Schachnowitz;Jnferatei.B.: S. Schachnowitz, sämtucy ~ " "T.j W ----- * -1in Frankfurt a. M.; pädagogische Beilage: Zehrer 5. Spiro in Fulda. — Berlag „IsraeUt", m. b. Frankfurt a. M. Druck: Sermon Berlags-Aktiengefellfchaft, Frankfurt a. M-