Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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V Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 13. Beim Juwelier. . Durch dunkle, krumme Gassen gingen sie und gelangten in einen langen Hof, wo sie an vielen Türen vorbei endlich den Eingang fanden zum Atelier des Schleifers. Auf der schmalen, winkligen Holztreppe hielt Kassato Sarah fest im Arm, daß sie nicht stolperte. An eine der vielen Türen klopften sie. „Wohnt hier Baruch, der Diamantschleifer?" Eine mürrische Alte empfing sie zuerst sehr ungnädig und brummte etwas von dem Narren, der ihr immer Besuch ins Haus lade und nie richtig die Miete zahle. Als sie aber beim vollen Oberlichte des Treppenhauses den vornehm mit kurzem Grandenmantel und weißem Spitzenkragen gekleideten Herrn und die zierliche in bunter Seite wie in einer Wolke daherschwebende Frauengestalt gewahr wurde, wandelte sich sichtlich ihre Stimmung und sie öffnete weit die Türe. „Warum so mißmutig, Mutter van Pinto?" fragte Kassato, der sich jetzt auskannte. - „Es ist wieder ein Monat herum," brummte die Alte, „und der Herr Baruch denkt noch nicht ans Zahlen, auch nicht der Schulden an Gemüfe- und Fleischhändler." Plötzlich leuchtete, etwas auf bei der alten Wirtsfrau. . „Wenn Herrn Kassato das Geschmeide gehört und Ihr die Steine auf Eure Rechnung schleifen ließet — sie leuchten wie das Gesicht Euerer Braut, edler Don Kassato", warf sie ein mit einem gefälligen Blick auf Sarah, „wenn Ihr die Steine bezahlet, dann gebt das Geld nicht ihm. Er gibt es wieder aus für feine Bücher, von denen er nie genug haben kann und die ich nur jeden Morgen abstäuben soll — und er heißt mich noch ein . . ., wenn ich ihm Ordnung mache und er eines seiner Bücher nicht gleich findet. Oder er verpraßt das Geld mit dem Lump, der alle Leinwand vollschmiert und den Weibern nachstellt. Er ist schon wieder bei ihm, der Schmierer . . . Und wie ichhineinkam und sagte ernstlich: „Herr Baruch, wie ists mit der Miete, mit dem Bäcker, mit dem Fleischer?" stellt sich der andere, der Lump und Schmierer, auf, schießt in ein Lachen aus und sagt: „Halt, bleibt so noch eine Minute stehen, genau so, die Hände in die Hüften gestemmt, das rote Schnupftuch in der Hand und schimpfen müßt Ihr auch noch . . . Ich male Euch, presse Euch in Oel." In Oel will er mich pressen, der Lump, der Weiberjäger, der versoffene Schmierer. In Oel soll er brennen in der untersten Hölle und im Fegfeuer. So ein Tagedieb, spottet einer armen Frau, statt ihr bei seinem sauberen Freunde zu ihrem Gelde zu verhelfen ..." „Ist der Maler drinnen?" suchte Kassato ihrem Redeschwall ein Ende zu machen. Sie hatte sich aber noch nicht, alles vom Herzen geredet. „Ja, der Maler, Harmensz, oder Rembrandt, wie ihn alle Leute nennen. Ist ja in aller Leute Mund und auch die hohe Geistlichkeit hat schon auf sein liederliches Leben ein Augenmerk. Er ist das Verderben unseres Herrn Baruch. Ich gehe nicht hinein, wenn er da ist, will nicht in Oel kommen und von ihm ins Fegfeuer gezerrt werden." Kassato machte ein verdrießliches Gesicht und ergriff Sarahs Arm. „Komm, wir gehen zurück, ich mag nicht stören. Wir kommen ein anderesmal." „Fürchtest Du auch das Oel und das Fegfeuet?" lachte das Mädchen. „Komm, ich bitte Dich," zog sie Kassato zurück. Sarah sah ihn heroisch und trotzig an und riß sich los. „Ich gehe hinein, möchte das Geschmeide mit den Steinen sehen." „Ich mag Rembrandt nicht," flehte' Kassato in innerer Unruhe. „Dann bleibst Du hier bei Mutter van Pinto," sagte Sarah ruhig, „Ihr könnt Euch gegenseitig Eue< Herz ausschütten, indes ich drinnen die Steine ansehe. Zum Bezahlen hole ich Dich schon", fügte sie noch leicht hinzu, aber mit jenem beherrschenden Blicke aus ihrem Feuerauge, der ihn stets zu ihren Füßen zwang und ihn auch jetzt durch die von ihr inzwischen geöffnete Türe dirigierte. „Die Weiber!" rief ihnen Mutter van Pinto kopfschüttelnd und vielverstehend nach. In einem länglichen, fast kahlen Gemache, Werkstätte und Wohnraum zugleich, saß der Schleifer, ein hagerer Mann in braunem losem Hausrocke, die Augen hinter scharfen Brillengläsern wie schlafsüchend müde und gerötet, neben dem gardinenlosen Fenster am sechszackigen Arbeitstisch, der angefüllt war mit Gläsern, Handwerkszeug, Schriften, Büchern, Violen und farbigen Fläschchen. Er rieb behutsam an einem Steine, wobei seine Lippen fremde Worte murmelten. Die Vorderwand war bis zur Decke mit Bücherregalen versehen, auf denen die Folianten und Schriftenbündel nicht in bester Ordnung herumlagen. In der Mitte des Raumes standen um einen runden wackeligen Tisch, der ganz mit Büchern und Papieren belegt war, einige Holzstühle mit durchlöcherten Sitzen und beschädigten Lehnen. Auf einer Art Divan mit stark verblaßtem rotem Tuchüberzug hatte es sich der Mann bequem gemacht, den Kassato so sehr fürchtete und dem er mit Sarah nicht gern in den Weg gekommen wäre. Rembrandt war in voller großer Toilette, als käme er von einem Feste. Das Lockenhaar hing ihm in wallenden Büschen bis zum gestickten Schulterkragen herab. Sein volles, frisches, glattes Gesicht mit dem schwarzen gradlinigen Schnurrbartstreifen, glänzte. Das Haupt bedeckte der große Grandenhut mit der buschigen, kühn nach hinten gerichteten Feder. Vor ihm stand ein Tonkrug und in der Hand hielt er einen malerischen Becher. In seinem Gesichte spielte ein Gemisch von Stolz, Selbstbewußtsein und behäbiger Gemütlichkeit. Als er den geckenhaften Kassato in seiner adelig sauberen und gebügelten Aufmachung erblickte, überzog unsäglicher Spott sein Gesicht. „Baruch," sagte er, „der Erlöser naht, schau aus Deiner Versunkenheit auf und leiste Dir einen Schluck. Er bringt Gold und holt sich den Stein der Weisen ..." Da erblickte er plötzlich Sarah und sprang auf. „Holde Jungfrau, ich reiche Dir den Arm und räume Dir den Ehrenplatz in diesem Palaste unseres hochgebenedeiten Venediktus. Der Divan hier verwandelt sich in einen goldenen Thron, so er in Berührung mit deinem geweihten Leibe kommt, Rose des Ghetto, heilige Susanna...!" „Ich heiße Sarah und komme vom AmsterdÄner Ghetto-" lachte das Mädchen unbefangen und nahm den angebtenen Platz an. ßr. 33 1924 „Eine heiligie Lilie vom Eden, hierher verpflanzt, um der Menschen Sorgen und Kummer zu scheuchen," schmeichelte Rembrandt weiter und weidete sich an den Gesichtsverzerrungen Kassatos. „Wir stören," versuchte Kassato noch einmal, „wir gehen, Sarah, und kommen morgen wieder?" „Und das Geschmeide, die Steine?" blieb Sarah unerbittlich. Der Schleisermeister, der bisher kaum aufgeschaut Hütte, sah jetzt durch die scharfen Brillengläser, nahm ein größeres Etui vom Tische, rieb mit einem Tuch an dem blinkenden und glitzernden Inhalt und gab es Kassato. Sarah riß llhm das Etui fast aus der Hand. Während Sarah sich glückstrahlend wie ein Kind in den Feuersteinen spiegelte, wandte der Maler kein Auge von ihr. In glühender Begeisterung pacrte er Spinoza an der Hand. „Baruch, Benedikt zweimal gepriesener! Mir ist Heil widerfahren. Ich brauche die „Judenbraut", für die die Leinwand seit Wochen gezogen ist und ich fand sie nicht so, wie ich sie mit der Seele sah. Hier ist sie, hier sitzt sie... Siehe Dir, Venediktus, die Züge an, die Linien diese Königin ..." „Oder halt! Susanna steigt aus dem Bade. Das Bild ist zwar fertig, aber Susanna wird wieder ausradiert. Hier ist die Susanna, wie sie mir die Götter geschickt. Verhänge das Fenster, Venediktus, nach unten und laß oben einen weiten Spalt offen. Nicht so, halt, ein wenig höher, daß Oberlicht ins Dunkel kommt. So, so nehme ich sie in meine Seele auf, in diesem Lichte, in dieser Gestalt. Welches Glück, Benedikt, welche Gnade „Susanna"! Gesegnet war mir Dein Haus." Er umarmte Spinoza und küßte ihn. Indes saß Sarah und betrachtete das Geschmeide, als berührte sie des Malers Gerede nicht im geringsten. Der Schleifer verhandelte mit Kassato in einer Ecke leise über den Preis. Sarah griff, ohne diese Verhandlung abzuwarten, ohne überhaupt ihrer zu achten, nach der Perlenhalskette und schlang sie um den Hals. Rembrandt kniete vor ihr und setzte ihr die Brosche, die die Kette und Steine zusammenhielt und die Tempelruine zu Jerusalem in plastischem Bilde zeigte, so zurecht, daß sie mitten auf die vor Glück und Freude schwellende Brust zu hängen kam. Es sah so aus, als hätte sie der Maler erstanden und sie der Königin seines Herzens überreicht... „Entzückend, überwältigend!" begeisterte sich Rembrandt. „Aber für die keusche Susanna fast zu viel Feuer im Auge, zu viel Esprit im Wesen, zu wenig sanfte Töne, um die reine Unschuld , glaubhaft zu machen." Rembrandt sprach zu sich selbst, und dennoch schien der Schleifer jedes Wort zu hören und zu erfassen. Kassato hörte nur den Ton und sah den vor Sarah knienden Rembrandt und schäumte vor innerlicher Wut, die nur die Angst, sich in Gegenwart seiner Angebeteten lächerliich zu machen, vor dem Hervorbrechen bewahrte. „Kommst Du in mein Atelier," fragte Rembrandt bittend. „Habt Ihr keine Frau?" gab Sarah zurück und mühte sich, ihrem Tone kindliche Natürlichkeit zu geben. Ein Schatten überzog das schöne Gesicht des Malers. „Saskia von Alenburgh ist seit Jahren tot," sagte er wieder wie zu sich. „Wo sie gewaltet, singen die Engel: Komme holdes Kind, und singe mit ihnen." „Und wer führt Euch das Haus," fragte Sarah keck und sachlich, von der Romanze der singenden Engel wenig berührt.