Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-08-07 · Heft 32 (7.8.1924) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 32 (7.8.1924)
Date
1924-08-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450317--71466-2528783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 Nr. 32 Der Israeli 7. August 1924 Kunde, die bald aus.Kairo kam, daß der jüdische Fürst, Rafael Josef Chelebi, Sabbatai gut ausgenommen, ja sich ihm ganz ergeben Hütte, ließ die Geister erglühen und stählte die zagenden Herzen. Rabbi Mose Pinheiro in Smyrna, der sich bisher still und zurückgezogen hielt, bekannte sich jetzt öffentlich zu Sabbatai und machte bei einem großen Kreise Schule. Pinheiro, der in Feld und Flur ein Gotteszeichen abwartete, glaubte jetzt das Zeichen zu h aben. Wie der erste Erlöser, war auch dieser nach Aegypten gegangen, und „die Alten hörten und glaubten." Von Smyrna verpflanzte sich die Kunde nach London und fand von dort den Weg nach Amsterdam und die deutschen Lande, wo sie alles in höchster Spannung aufhorchen ließ. In der Amsterdamer Judengasse wohnte bei der Brücke Anschel U m a n e r, ein Flüchtling aus Polen, Althändler und Thoraschreiber von Beruf, zu dessen Hausgenossinnen seit einiger Zeit sein Bruderstochterkind zählte, die ihm Jachini aus Polen, wo sie auf einem jüdischen Friedhofe aufgefunden wurde, zugeführt hatte. Die abenteuerliche Geschichte Sarahs, ihr lebhaftes Wesen, ihre dunklen Reden, nicht zuletzt aber ihre strahlende pikante Schönheit, der ihren traurigen schwarzenAugen einen allbeherrschenden Zug verliehen, zogen Menschen nach der Judengasse und nach dem Hause Umaners an der Brücke, die diesen Weg sonst nie fanden. Zuerst kamen alle Flüchtlinge aus Polen und Ukreine, um Näheres aus der alten Heimat zu hören, dann auch Amsterdamer Juden, und zuletzt gab es schon eine regelrechte Wallfahrt aus England und Deuschland zu der schönen Sarah, der Messiasbraut, wie sie sich selbst und man sie nun allgemein nannte, in die Amsterdamer Judengasse. Wenig erfuhren die ersteren, die Landsleute von ihr, denn sie hatte nur verblaßte Erinnerungen an die jüdische Kindheit. Vom Kloster und den nächtlichen Erscheinungen sprach sie aber nicht mehr gern, seitdem sie sich von aller Welt bewundert und angebetet sah. Früh schon hatte sie die Kunst erlernt, die Sultanin zu spielen. Halbliegend auf einem bunten Divan, der vom Altwarenlager Anschel Umaners zu diesem Zwecke in das mit guten und schlechten Bildern ausgestattete Gemach verbracht wurde, in leichter Kleidung und mit leichten Reden empfing sie die Besucher, lieh sich Schmeicheleien sagen, Huldigungen darbringen und kostbare Geschenke reichen. Tadelten sie Verwandte ob dieses Verhaltens, lachte sie hell und heiter und sprach dann von einer himmlichen Stimme, die ihr geworden und ihr eigenes Leben vorschrieb, bis daß sie ihrer Mission und den Armen des ihrer harrenden Messias zugeführt werde . . . „Wer und wo ist Dein Messias?" fragten die Leute. „Mein Geliebter, zart und rot, ausgezeichnet von Myriaden, Sein Haupt trägt Golddiadem, feine Locken rabenschwarz: Seine Augen sind Tauben am Wasserfall . . . Seine Wangen würzige Blumenbeete, Seine Liippen Rasen, übertriefend von Balsam Dies mein Geliebter und Dies mein Freund, Töchter Jerusalems . . Sie konnte nicht einmal ordentlich hebräisch lesen, noch weniger hatte sie Kenntnis von der Bibel. Um so mehr staunte man, hier und auch sonst ganze Zitate aus dem „Hohenlieds" aus ihrem Munde zu hören. Sie sprach es freilich ganz ohne Pathos, ohne sinngemäß abzusetzen, wie angelernt, aber das Unpersönliche, das so klang, als spräche etwas von ihr Unabhängiges aus ihr heraus, erhöhte noch die Wirkung und das Staunen. Nehemja Kaff ato, ein junger jüdischer Grande von spanischer Herkunft, der sonst zu stolz gewesen wäre, die Judengasse und gar das Haus eines Polen aufzusuchen, fand jetzt täglich den Weg zu Umaners. Er liebte die schöne Sarah tief und ehrlich, und sie nahm seine glatten Worte wie die blinkenden Geschenke lächelnd an, ging und fuhr auch mit ihm aus. Aber wenn er davon sprach, daß sie seine Braut, sein Weib werde, wurde sie streng und ernst, und ihre tiefschwarzen Augen funkelten im schönen, edelgeschnittenen Gesichte wie warnendes Feuer. „Du willst Königin sein," sagte Kassato, der um ihre Träume wußte, „bist ja Königin meines Herzens und ich bringe Dich in ein Schloß, wo Du Herrin und Gebieterin über viele bist. Das schönste Diadem soll Dein edles Haupt schöner als je das einer Königin schmücken. Habe die besten Perlen und Diamanten ausgesucht." Sarah lachte vergnügt und beglückt — im Gedanken an die Perlen und Diamanten. „Wo sind die Edelsteine?" „Sie sind zum Schleifen gegeben. Ich dachte, bis sie blank geschliffen sind, ist auch Dein Sinn klar und mir zugewandt." „Mein Sinn ist verworren und voller Schlacken. Nur einer wird ihn schleifen, daß er weithin leuchtet . . ." „Der Messias, von dem Du träumst, hat dem Himmel zugekehrte Augen. Sie werden D i ch nicht sehen, er wird Dich nicht berühren. Er wird Dich in Tiefen und Höhen zerren, indes Du hinieden verdorrst und verkümmerst." „Darum sieh Du mich an, Kassato, weidet Euch alle an mir, die Ihr mich seht, darum will ich leben hier... Ich gehe mit Dir, Kassato ... Aber Sinn und Seele sind dem Anderen, dem Höheren, vergeben ..." Kassato küßte ihre Hand. „Du hast ihn nie gesehen, den Mann Deiner Träume." „Nie und immer, im Wachen und im Träumen ..." „Wirst Du mit mir zum Juwelier gehen?" „Komm!" „Behalte Deinen Messias im Herzen und werde mein Weib!" „Komm zum Juwelier, Kassato!" (Fortsetzung folgt.) Kissinger Allerlei. (Anstelle eines Vadebriefes.) 2. Blau-weiß. Wenn in Bayern Blau-weiß weht, wird nicht die „Hatikwah" gesungen, sondern „Die Wacht am Rhein" und — in Kissingen sonst nur im Wipter — das Ehrhard- Lied mit dem schönen Refrain: „Schlagt die -." In solch gehobener Stimmung gehört freilich zum Blau-weiß eine Mischung Schwarz-weiß-rot. Und dann ist es Winter auf Erden — auch in Kissingen . Am letzten Sonntag — zufällig gab es auch Regenschauer — herrschten Winterfarben und Wintertöne in Kissingen von früh bis zum Abend, vom Morgentranke am Rakoczybrunnen bis zum Finale der Reiterkapelle am Bahnhofe. Fünfzigjahrfeier des Kissinger Kriegervereins. Daß die tapferen Krieger vor 50 Jahren den Verein just in den Tagen des Juli gründeten, war unüberlegt, auf alle Fälle hatten sie damit ihren Söhnen und Enkeln keinen guten Dienst geleistet. Denn nun fallen die. Jubelfeste in die Hochsaison und man muß sich' einigen Zwang auferlegen, insbesondere das schöne kraftstrotzende „Schmeißt sie heraus" und „Schlagt sie tot!" möglichst dämpfen und rationieren . . . Freilich gab es zur guten, dummen Vüterzeit noch keinen Hitler, keinen Ehrhard und keinen Ludendorff. . . Aber man sah sie schwingen und hörte sie klingen Winters Farben und Winters Töne, auch hier in Kissingen am Sonntag, den 27. Juli. Schon morgens um sechse wurde man aus dem Bette geschossen. Irgendwo spielten die Krieger Krieg. Die Böllerschießerei wurde gleich abgelöst von mächtigen Pauken und Trompeten, auf die mächtige Kriegerfäuste wütend einschlugen und in die ebenso gewaltige Kehlen in wahrer Selbstaufopferung hineinbllesen, um straßauf, straßab die letzten faulen Schläfer in großem Entsetzen aus den Betten zu reißen. Was sich nachher noch an Entsetzlichem hinter geschlossenen Mauern ereignete, entzieht sich der Kenntnis des Berichterstatters, der just im entscheidenden Momente unter der Wirkung des Rakoczy stille Beschaulichkeit pflegte. Es gab Gottesdienste in den Gotteshäusern, auch in der Synagoge, wo eiitMedner — der Herr Rabbiner war abwesend — die Sache fast so hinstellte, als wäre Pinchas der Sidra Ehrenmitglied des Kissinger Kriegervereins gewesen . . . Dann gab es Feste, Feste, Feste, akademische, gesellige Festtafeln und Bierabende am hellen Mittag. Eine königliche Hoheit war durch einen leibhaften — sehr leibhaften — General vertreten... Und nach der wundervollen Festrede des Herrn Präsidenten setzte sehr harmonisch eine Blechmusik ein..." So ungefähr lautet der Bericht der lokalen Presse, in ersterbender Ehrfurcht vor der „königlichen Hoheit" und der diese vertretenden Exzellenz . . . Was ich sah, war sozusagen nur Vorbereitung und Nachwirkung. Abends vorher torkelten riesige Bierfahpyramiden bedenklich auf ungeheuren Leiterwagen, mit dem Kurse nach dem Kurrestaurant und dem von ihm ausstrahlenden Bierrestaurants der Innen- und Außenstadt. Am Abend nachher saßen die Bierfässer alle leer und fest, entseelte Gefäße, vor den Türen der Restaurants, und es torkelten dafür die Menschen bedenklich, und Entfernte griffen sich in die Arme und weinten fast vor Rührung. „Wir halten treu und fest zusammen! ..." Treu wohl. Aber mit der Festigkeit war es nicht mehr weit her, nachdem die Fässer leer und die tapferen Krieger voll waren. Da nützte alles treue Zusammenhalten nicht... Gegen sieben abends war die Hauptschlacht geschlagen und die auswärtigen Vereine zogen nicht mehr ganz in Reih und Glied, aber mit wehenden Fahnen und Sang und Klang zur Bahn. Manch treuer Kamerad blieb am Wege liegen, ohne daß „eine Kugel kam geflogen" . . . Samariter waren zur Hand ... Was ist der Mensch, wenn ihn zehn Schoppen so umwerfen! ... Ich marschierte mit „im gleichen Schritt-und Tritt". Denn es ergab sich gerade, daß ich zur gleichen Äeit eikken lieben Freund, der mit der Kriegerseier nicht das Geringste zu tun hatte, an die Bahn brachte. Ja, wir sangest sogar beim Klange der Hörner Lieder von deutscher Kraft Und deutscher Treue im Chore mit. Das'- hinderte aber nicht, daß auf dem Rückwege mich ein Drupp der wankenden „Aufrechten" anrempelte und eigens Mir zu Ehren das schöne Lied anstimmte, das da kraftvüll mit den Worten anhebt: „Hakenkreuz am Stahlhelm" - - und harmonisch schließt: „Schlagt die--W Eine Stunde später spielte in dem herrlich beleuchteten Kurgarten, in - dem die bunten Lichter im Märchenzauber flackerten und Hie Springbrunnen in allen Farben des Regenbogens schillerten und hoch sprudelten, die Kurkapelle vor einem an dächtig lauschenden distinguierten Publikum Beethoven, Handel, Verdi, Mozart, Wagner, Liszt, auch Johann Strauß, als hätte es keine Krieger und keine Reitermusik gelben . . . Der Spuk des Tages Mr verschwunden . .. Bayern war verstumiPt, sang noch höchstens etn paar heisere letzte Töne aus'dem einen oder anderen Wirtshause der alten Stadt. Oissingen hatte wieder das Wort. Das gute, liebe, unvergeßlich schöne Kissingen des Sommer«, über das sich für kaiMi zwölf Stunden ein kalter Reif des bayerischen Winters gelegt hatte . . . Für die Reisezeit unentbehrlich sind meine unter hiesiger Rabbinats-Ai.^s‘c^* hergestellten erstklassigen Fleiscfrkonserven Kauiherrs Wurstu. Konservenfabrik, InHJ,- Levi, Fulda. BAD TÖLZ - »Parithslel’". ' '« Modernstes Haus am Pl^atze* Erstklassige Pension bei massigen Preisen. GRUDEN I Gas« und Kohlenherde 1 Komb. Herde \ Transport. Kachelöfen 1 Horstkötter, Knodt & CS Am Eschenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683j 7127

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.