Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1924)
- Date
- 1924-08-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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S.lf~=k •3S3 NVV71 Von David Pineas. Wie seltsam dämmerhaft ist's heute abend Im Synagogenraum, dem sonst so Hellen! Kaum, daß die wenigen angesteckten Lichter Die Dunkelheit vermögen aufzuhellen. — Das Pult, die Lade find des Schmucks entkleidet. Die Beter nah'n auf leisen Schuh'n heran; Maariw erklingt in bangen Klagetönen — Dann hebt man, tief zur. Erde sitzend, an: 112 ,12V N2'8 „Wie einsam sitzt sie da, die Stadt, die einst so volkreich! Die einstens Fürstin war, ist Witwe, zinsbar worden. Ohn' Trost in ihrem Jammer, sieht sie die einstigen Freunde, Treulos gesellt und falsch den feindgesinnten Horden. Ach, Zions Straßen, leer von Festbesuchern, trauern! Und Priester stöhnen, Jungfrau'n jammern in den Toren! Wie weh ists ihr, denn ihre Kinder geh'n gefangen Vorm Feinde her — unb aller Glanz ist verloren." 7382 2•»$?•» N2'8 „Ach, wie umwölket Gott in Seinem Grimme Zion! Er warf vom Himmel hin zur Erde Israels Schöne, Des Schemels seiner Füße, zornvoll, nicht gedenkend — Und gab sein Volk dem Feinde preis, daß er es höhne. Bor Mütteraugen sterben Kind und Säugling hin, Nachdem, verschmachtend, sie gefleht: „Wo ist denn Brot?" Durch's Schwert gefallen, liegen Knab und Greis und Jungfrau Auf Straßen. „Die ich hegte, pflegte, find nun tot!" Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 11. Nach Aegypten. Als sie in der folgenden Nacht im Lehrhause Chelebis forschten, fangen und, auf dem Boden kauernd, die Mitternachtsgebete verrichteten, klopfte es draußen am Tore. Die Hunde schlugen heftig an, und die bewaffneten Posten richteten sich aus dem Halbschlummer auf. „Wer da zur späten Stunde?" f „Euer Herr drinnen wacht noch in später Stunde. Laßt uns hinein!" gab eine Stimme von außen Antwort. „Wer seid Ihr?" „Saget Eurem Herrn, Wanderer aus fernen Landen. Bringen gute Botschaft." Sie sangen drinnen: „Warum willst du ewiglich unser vergessen, Uns verlassen für die Dauer langer Tage?! Führe uns, o Gott, Dir nahe und wir kehren wieder!" Da meldete der Posten: „Wanderer aus fernen Landen, wollen gute Botschaft bringen!" „Wenn sie im Aufträge von Regierungen kommen, so bestelle sie morgen nach der Tafel zur Audienz," sagte Chelebi. Sie beteten weiter: „Eine Stimme wird in Ramah vernommen, Klage, bitterliches Weinen. Rahel weint um ihre Söhne. Weigert sich Trost anzunehmen um ihre Kinder..." „Die Fremden lassen sich nicht abweisen," Meldete der Posten, „dringende Geschäfte . . ." My .1X1 122.1 '28 »Ich bin der Mann," spricht der Prophet, „der sah das Elend! Gott nahm den Bogen, stellt' mi chhin als Ziel dem Pfeil Und bracht' in meine Nieren Seines Köchers Söhne." — „Und doch," spricht hoffend meine Seel', „ist Gott mein . Teil!" So will ich Seiner harr'n; nie endet Seine Liebe — Ja, neu mit jedem Morgen, ist mächtig deine Treue! So lasset uns erforschen den Weg, den wir gewandelt, Und laßt zurück uns kehren zu Gott, in tiefer Reue!" 2.17 OSTP .13'8 „Ach, wie ist doch verdunkelt das blanke Goldgeschmeide! Wie liegen die heiligen Steine an allen Straßenenden! Die Söhne Zions, die teueren, einst ausgewogen mit Gold, Sind gleich nun irdnen Krügen, dem Werk von Menschenhänden. Und spendet das Tier, das wilde, seiner dürstenden Brut die Milch — So klebt unserm Säugling vor Durst die Zung' am . Gaumen, dem dürren, Und jammernd fleh'n die Kinder um Brot — doch keiner reicht es; Und die erzogen in Purpur — im Kot umher nun irren." Mb .T.T.IÖ M 127 „Denk Gott, was uns geschehen, und schau, und sieh unsere Schmach! Unser Erbe ist Fremden gegeben; wir sind nun Witwen, Waisen. Knechte beherrschen uns; niemand befreit uns aus ihrer Hand. — Und — wegen des Schwerts — mit Gefahr erbringen wir unsere Speisen. Geschwunden ist alle Freud, in Trauer verwandelt der Reigen, Gefallen die Krön' unseres Hauptes! Weh' uns, daß wir gesündigt! — Du aber, Gott, thronst ewig! O, bring uns zurück zu Dir! Erneu' unf're Tage wie ehedem, so wie Du uns hast verkündigt." „Wenn's dringende Staatsgeschäfte sind, dann können sie morgen früh schon, bevor ich noch zum Kalif fahre, im Audienzsaale erscheinen." Sie beteten weiter: „Ein bitteres Wehklagen", aber schon war der Posten wieder da . . „Sie haben keine Staatsaufträge und gehen nicht von dannen." „Wenn es nur arme Pilger find, dann führet sie in die Halle neben dem Lehrhause, reicht ihnen Speise und Trank und bereitet ihnen Nachtlager. Morgen werden wir sie anhören." Sie setzten ihr Gebet fort, aber von außen ergoß sich leiser Gesang in das dumpfe Gebet, wie Blütenschnee auf dunklen Boden. Jetzt sangen sie sogar im Chore, als wollten sie, wie die Priester vor der Mauer Jerichos, im Klange der Töne das geschlossene Tor sprengen: „Halte," so spricht der Herr, „Deine Stimme vom Weinen zurück, Denn Lohn wird Deinem Werke, Und sie kehren zurück aus Feindesland. Und noch gibt es Hoffnung für Deine Zukunft. Es kehren die Söhne ins Heimatgebiet wieder . : ." Samuel Vital erbleichte, feine Zähne klapperten. „Das Zeichen?" fragte auch Rafael Josef Chelebi mit zitternder Stimme. „Das eine", sagte Vital, „die Stimmen wecken Sehnsüchte bis zum Erschauern. Die Töne würden überall, wo sie gehört werden, wie das erste „Bedenken" vernommen werden . . ." Chelebi und Vital gingen zum Flure hinaus. Draußen vor dem Jnnentor legte der Posten gerade an. „Soll ich die Zudringlinge — es sind arme Pilger — zu Teufel und Hölle jagen?" „Halte ein," wehrte Chefehi ab, „wir werden selbst mit den Leuten redend" Die draußen sangen: „Vernehmt das Wort Gottes, Völker! Und kündets den Inseln aus der Ferne. N r. 52 \m Und sprechet: der Israel zerstreut, er sammelt es. . ." „Es hört sich wie des „Bedenkens" zweiter Teil an," sagte Vital. „Wer seid Ihr, und was führt Euch um Mitternacht hierher?" rief Chelebi zur Torluke hinaus. „Wir bringen Erlösungsbotschaft," antwortete eine ungemein einschmeichelnde Stimme von außen. „Bei Nacht und Dunkel?!" „In Nacht und Dunkel! Des Golus Nacht hat ihren Höhepunkt überschritten. Tag bricht an ..." „Und ihr bringt Kunde von dem Manne, der Zewi heißt und Erlöser sich nennt?" „Er kommt selbst!" „Warum gerade hierher und zu mir?" „Es treibt die Mosesseele im Leibe Sabbatais zu der I o s e f s e e l e im Leibe Rafael Josef Chelebis," gab eine andere tiefere Stimme von außen Antwort, die Chelebi gleich als die ihm von früher her vertraute Stimme erkannte. „Was hat die Mosesseele Josef zu sagen?" fragte Chelebi, sich mit beiden Händen auf Samuel Vital stützend. Wieder sprach die erste hohe und ungemein melodische Stimme: Was Moses einstens dem toten Josef, da er seine Bahre aus dem Nile holte, zu sagen hatte: „Ich bedachte und bedachte . . ." Chelebi fühlte, wie jetzt auch Samuel Vital am ganzen Leibe vom heiligen Schauern durchschüttelt war. „Er kommt mit dem Doppelzeichen. Oeffnet weit das Tor!" Es traten zuerst Sabbatai und Jachini in den Flur,hinter ihnen die ganzeSchar. Sabbatai hatte einen langen Faltenmantel an und sein Haupt bedeckte eine kronenartige Haube, deren Bänder bis zum Schulterkragen des Mantels herabhingen. Jachini in kurzem Arabermantel, einfachen, bunten Turban auf dem Kopfe mit langem Stock in der Hand, ging Sabbatai, voran, einSchrittmacher und einSiegelträger. Die Leute des Anhanges blieben still und bescheiden zurück, mit neugierigen Blicken den vielgenannten jüdischen Fürsten und seine Umgebung musternd. ' Den sie da sahen, war kein Fürst, sondern ein frommer Büßer. Was sich um ihn herum bewegte, sah eher nach einer frommen Beterversammlung als nach einem Hofstaate aus. Schon nach einer Stunde hatte Sabbatai Rafael Josef Chelebis Herz vollkommen im Besitze. Die Erzählung vom Banne in Smyrna und von der Austreibung aus Saloniki wußte er mit so vielen Sätzen aus Jesajas über den „verkannten und mißhandelten Gesalbten" auszuschmücken, daß ihm diese Dornen, des Erlösers Heiligenkrone, um so kräftigere Bedeutung verliehen. Samuel Vital war nach der ersten Begeisterung etwas zurückhaltender geworden, aber er mußte es noch in dieser Nacht gewähren lassen, daß sein Vußprogramm eine durchgreifende Aenderung erhielt. Es blieben die Reinigungen; aber dumpfe, tränenreiche Gebete wurden von Liedern der Erlösung heiteren Tones verdrängt und Kasteiungen sogar von Freudenmahl mit Tanz unterbrochen. Sabbatai, dem Feldzugsplane Jachinis folgend, hatte eine Position genommen, Rafael Josef Chelebi für seine Sache gewonnen, und damit konnte er mit erhöhter Macht auf seine Ziele lossteuern. 12. Sarah» die Alessiasbrauk. In Smyrna wie in Saloniki gab es Leute, die Sabbatai nicht vergessen konnten, wenn sie auch noch nicht öffentlich wagten, es mit dem Banne und dem Rabbinate aufzunehmen. Die