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Der Israelit · 1924-07-31 · Heft 31 (31.7.1924) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 31 (31.7.1924)
Date
1924-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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E^ahDMg 31. Juli 1924 Frankfurt a. M , den Nr. 31 29. Tammus 5684 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. - ÄDonndment ab Januar 1934: Deutschland. 1 Goldmark monatlich; Ausland: Bterteliahrpretse (entsprechend dein deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lsterreich: 80000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich IS Fr.; Belgien 15 Fr.; Holland 2 fl.; Italien 3V Lire; Jugoslawien 7V Din.; Litauen 7.80 Ltt.; Rumänien 100 Lei; Pole» 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 5 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 38 Kronen; Ungarn 90000Kronen; Dänemark 8 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.80 Kronen. : -- Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige. für Stellensuchen-» 20 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 78 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 1.20 Mk., vorletzte Textseite 3.— Mk.; Thiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. 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Der neunte Tag des fünften Monats ist der Tag des „Weinens für alle Geschlechter", bechiah ladoroth. Das Unglück hat sich in der Zeiten Laufe an ihm gehäuft. Schon als wir ein Volk wurden, hat Kleinmut und Verleumdung an Liesen Tagen die Väter um den Besitz des heiligen Landes gebracht. Zweimal sah dann dieser Tag den Tempel in Flammen und zugleich war über Land und Volk die Katastrophe.chereingebrochen. Endlich kam der letzte heldenhafte Versuch zur nationalen Wiedererhebung unter Hadrian durch Verrat an diesem Tage mit dem hinströmenden Blute der Vertheidiger Bethars, mit der völligen Verwüstung Jerusalems hoffnungslos zum Scheitern. Viermal ging so Erez Jisroel am Tischoh beaw verloren; vor der Besitzergreifung, als wir an seiner Schwelle standen; zweimal nachdem wir jahrhundertelang Weinstock und Feigenbaum auf ihm gepflanzt; dann als wir es wiederzuerlangen die berechtigte Aussicht-endgültig aufgeben muhten. Da diese Ereignisse nicht Episoden der jüdischen Geschichte, da sie der „Leidensbahn schrecklicher Anfang" und Ausgangspunkt waren, so würden sie unserem Volke die -,Quelle der Tränen", die unerschöpfliich wie die Wasserströme Babels fluten. Dem Juden ist die Träne, „sein Brot bei Tag und bei Nacht", nicht unmännlich, des Denkers nicht unwürdig. Sie ist nicht Schwäche, ohnmächtiges Erliegen gegenüber den Gewalten des Lebens. Die Träne ist uns Siegel für die Gottgewolltheit des Leides; das Zeichen der Unbedingtheit edlen Unglücks, das wahre Pathos der Tragik altes Großen und Idealen auf Erden. Auch, das Tier kann seinen Schmerz zum Ausdruck bringen, aber das Tier hat keine Tränen. Es hat ergreifenden und mitleiderweckenden Ausdruck seiner Qual, seiner körperlichen Qual; dem Menschen wird, je höher er steigt, die Träne mehr und mehr nur Ausdruck seelischen Leides, eines höheren Leids, dessen nur der Mensch fähig ist. Solches Leid ist aber sein Adel, nach Elihus Bekenntnis an Jjob eine prophetische Gottesoffenbarung, eine Enthüllung des Weltgeheimnisses. Wer keine Träne weinen kann, ist dieser Gottessprache gegenüber taub, ist eines wesentlichen Merkmals menschlicher Größe bar. Die schönste Träne, die jüdische Träne, spiegelt das höchste Leid des Daseins, ein göttliches Leid wider, das Leid, demgegenüber alles Erdenleid gering, klein, eingebildet, „ein Weinen ohne Grund" ist. Der Midrasch erzählt: „Als Jirmijahu die Scharen der Exilierten an den Euphrat geleitet hatte, da wollte er umkehren, um den Rest der im Lande Verbliebenen zu trösten. Da erhoben die Verbannten ihre Augen und sahen Jirmijah scheiden. Da brachen alle in Weinen aus und riefen: „Meister Jirmijah, willst Du so uns lassen? Ja, an den Strömen Babels, da bleiben wir sitzen und weinen." Da Hub Jirmijah an und sprach: „Ich rufe mir Himmel und Erde zu Zeugen an: h ä t t e t i h x n u r e i n e i n z i g e s Mal geweint, solange ihr in Zion wart, ihr wäret nicht ins Golus gekommen." Im Vaterland konnten sie nicht weinen. Da waren sie nach Amos' Wort die satten Kühe Basans, waren die Glücklichen in Zion, die Selbstgewissen am Berge Schomrons, da tranken sie den Wein der Freude selbst aus geweihten Kannen und salbten sich sogar mit dem Del der Hebe, aber sind nicht krank ob des drohenden Zusammenbruchs." Sie verschmähten die Träne, sie wollten nicht wissen, daß man in dieser Welt den Mund nicht mit lautem Lachen anfüllen dürfe, daß in uns imd um uns soviel Halbheit und Widerspruch, soviel Weh und Not, soviel herbe, bittere Weltenangst herrschen. Das Wesen der Welt verstanden sie nicht, in der nur aus Tränensaat Jubelernte sprießen kann, in der aus dem schimmernden Naß der Tränen der Seelenerschaffer das Geschmeide der Wonnen formt. Hätten sie nur einmal weinen können imLande, das von Milch und Honig floß, hätte nur einmal die Weltensphinx mit ihrer großen Tragik ihnen ans Herz gegriffen, ihnen wäre der Sinn des Daseins aufgegangen, ihnen wäre ihre unerlöste, erlösungsbedürftige Unreife zum Bewußtsein gekommen, und auf dem edlen Grunde dieser tieferen Erkenntnis wäre Gottes Wort durch der Propheten Mund ihnen nicht ein leerer Schall geblieben: sie hätten verstanden, daß ohne die höhere Welt des Sittlichen und Religiösen die materielle Welt sinn- und gehaltlos, ohne den Einschlag des Ueberirdischen die Erde und was sie füllt, Boden und Frucht, Heimat und Menschengesellschaft wertlos und zukunftslos find. Das Götzentum, diese Welt des nackten Naturkultes und Genusses, der ungebundenen, sich in Ausschweifung selbstbefleckenden Kräfte, hätten nimmermehr Gewalt über sie gewinnen können. Erst am Strom der Golusnot lernten sie die Träne. Tischoh beaw wird der Tag des Weinens, des jüdischen Weinens. Des Weinens darüber, daß immer noch die Erde nur Erde, unser Volk immer noch Bürger einer solchen Nur- Erde ist, daß immer noch die Schönheit im Staube modern muß, statt ihn zu überwinden, daß immer noch das Göttliche ein Raub der Flammen wird, dem Plumpen, Alltäglichen, der Gewalt, der Rohheit zum Opfer fällt, daß immer noch die Lüge und Verleumdung, der Bruderhaß und die Selbstsucht, die Gottfremdheit und Stoffanbetung stärker sind als das ewige Ideal unseres Gottes. So wird Tischo'h Beaw zum Symbol, sogar zur Aufgabe: ob wir noch, ob wir schon weinen können. Man möchte das Prophetenwort Jirmijahus dahin ergänzen: wenn ihr heute alle nur einmal weinen könntet, ich rufe Himmel und Erde zum Zeugen an, ihr würdet erlöst. Können wir noch oder schon weinen? Greift uns Tischo'o Beaw an die Seele, der Gedenktag der größten Helden unseres Volkes, der jüdischen Mütter, die lieber das Fleisch ihrer Kinder essen wollten, als die heilige Stadt preisgeben, Akibas und der 10 Märtyrer, die Römergrausamkeit wie einen Wurm zertrat, der Lewiten, denen der Psalmgesang in der Kehle stecken blieb, als babylonische Horden sie erwürgten, der Priesterjünglinge, die die Schlüssel zum Heiligtum in', des eigenen Leibes Aschenglut zum Verschwinden brachten. Können wir schon darüber weinen, daß wir jedesmal, wo wir an der Schwelle des Aufstiegs stehen, durch Ueberhebung und fehlendes Gottvertrauen, durch Bösrede und Heimtücke den Boden für den Bau des Glückes untergraben, daß, wo uns des Himmels Segen erreicht, wir ihn durch heidnische Anbetung und Unersättlichkeit, durch grundlosen Bruderhaß und Brotneid wieder zerstören, daß wir stets durch Verrat die Festen unserer Kraft dem Feinde in die Hände liefern?

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