Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1924)
- Date
- 1924-07-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. SO Der Israeli Menschen. Aber keiner wagte es, sie irgendwie zu belästigen. Und versuchte es jemand, so genügte ein Blick aus ihren Glutaugen, um den Zudringlichen in die Schranken zu weisen. In Berlin, in Köln, wie in Amsterdam traten Söhne reicher und angesehener Mitglieder mit Heiratsanträgen an sie heran. Sie aber wies alle zurück, eingedenk der Mahnung des toten Vaters. „Ich ziehe einem König entgegen!" „Bin die Messiasbraut!" sagte sie in einem fort. „Äst das nicht Zeichen genug!?" „Wo ist die Jungfrau und was ist ihr Tun?" „Die schöne Sarah weilt noch in Amsterdam bei Verwandten, die früher schon dorthin geflüchtet sind. Ihre Seele strebt aber der Messiasseele zu, wie das Licht dem Lichte zu-' flackert. Sie wird weiter ziehen, so es der Messias an der Zeit hält ..." Sabbatai versank in langes Nachdenken. Dann rief er wie erwachend: „Wir ziehen heüte noch in Saloniki ein!" „Und warten dort ein Zeichen ab, ob es an der Zeit ist," ergänzte Jachini. (Fortsetzung folgt.) Kissinger Allerlei. (Anstelle eines Badebriefes.) Kissingen hat eine „stille Saison". Daran sind verschiedene Faktoren schuld. Erstens: Die Deutschen im Zeichen des stabilisierten Elends haben kein Geld; zweitens: Die Ausländer bekommen für ihre Dollars, Pfunde, Franken usw. nicht mehr Mark genug, um für ein heimisches Trinkgeld sich wochenlang in deutschen Grandhotels gütlich zu tun; drittens: Just zu Beginn der Hochsaison fiel die chinesische Mauer, die eine zeitlang um Deutschland in der Form der Ausreisegebühr fürs Ausland gezogen war, so daß sich keiner, der es sich sonst leisten kann, die günstige Gelgeenheit entgehen lassen mag, auf so leichte Art die 500 Goldmark zu verdienen und endlich — sind natürlich die Juden schuld . . . Wieso die Juden? Es sei nämlich in dem einen oder anderen Restaurant etwas vorgekommen. Man sang und schimpfte und setzte jemand an die frische bayrische Luft — es war ja noch beinahe Winter, trotz der ersten Schwalben alias ersten Kurgäste. — Da kam die böse Berliner „C. V.- Zeitung" und . . . Kurz, dieJuden!... „So eine verfluchte Bande! . . ." schimpfen und gähnen die Villenbesitzer, Restaurateure, Kaffeeoberkellner, Bademeister, Hausburschen und verwandte Zünfte in den menschenleeren Schaustätten ihrer einst so regen Wirksamkeit. Und man hat nicht das Gefühl, daß sie mit der „Bande" gerade die Juden meinen ... Dann gab es eine Geschichte mit der Kurkapelle ... Schon ein wenig alt und legendär, so daß es bald schwer ist, Wahrheit von Dichtung zu unterscheiden. Die Kapelle spielte auf Wunsch das Deutschlandlied, wobei hakenkreuzlerische Armen entdeckten, daß zwei Männer nicht ausstanden. Warum? Der erste hatte sechs" Gründe: erstens konnte er nicht aufstehen, denn er hatte es in den Beinen . . . Glauben Sie, die anderen fünf Gründe würden ihm danach erlassen? Weit gefehlt! „Jud, aufstehen und Hut ab!" brüllte der Chorus. Das überzeugte ihn wenig. Denn erstens, sagte er, sei er kein Jude, und könne seinen Stammbaum bis auf die Nachweisen, die unter Rindfleisch im 16. Jahrhundert in den bayerischen Landen jüdische Fensterscheiben und jüdische Schädel eingeschtagen haben. Und dann — ganz abgesehen von den Beinen — pflege man Heiligtümer einzuschließen. „Wenn Ihr aber Euer Heiligenlied so viel und so oft in die Straßen hinaussingt und spielt, daß die Musikanten wie bei einem Gassenhauer gar nicht mehr auf die Noten zu stauen brauchen . . ." Er kam nicht weiter. Er wurde nach Noten verhauen ... Noch einer blieb sitzen, ein chassidischer Jude aus der Weichselgegend. Warum? Erstens konnte er aus dem ihm unbekannten „Nigun" nicht gleich ersehen, was es für ein „Pismon" war. Und wenn schon, warum gleich aufstehn? Vielleicht nach „Minhag Aschkenas" ... In seiner polnischen Heimat bleibe man sogar bei „Kaddisch" sitzen . . . Man ließ ihn zwar nicht länger sitzen, aber man ließ ihn doch laufen . . . Indes ruhen all diese Dinge, wie schon gesagt, in der Vergangenheit und unter einem ganzen Blumengewinde von Märchen und Legenden, so daß es nachgerade schwer ist, den Wahrheitskern herauszufinden. Seitdem mit Anfang der Hochsaison die Rakoczy- Quellen aus sämtlichen blitzblanken Messingkranen der Trinkhalle hochsprudeln, ist alles vergessen und vergeben, gesühnt und gereinigt, wie es justament geschrieben steht: „Und ich sprenge über Euch reines Wasser, daß Ihr gereinigt seid von all Euren Sünden und von all Euren Götzen reinige ich Euch ..." / Zu Ehren der Wahrheit und Bayerns fei konstatiert: In den acht Tagen, da ich hier weile, habe ich kein einziges Hakenkreuz gesehen, nirgends schwarz-weißrote Farbe erblickt und kein einziges Mal das „Deutschlandslied" gehört. Wobei ich noch bekennen Muß, daß mich, erstens die abscheuliche Wandspinne des Hakenkreuzes sehr yrenig geniert, zweitens daß ich gegen Schwarz-weiß-rot farbenblind bin und drittens mich das „Deutschlandlied" schon gar nicht gestört hätte. Wäre sogar bereit gewesen, es „baamidoh anzuhören, nach „Minhag Fjurdo w'hamdinoh . . Vielleicht sogar, nach Wunsch den Hut zu lüften. Bin übrigens einer der wenigen von den hier weilenden Glaubensgenossen, die dazu imstande wären, denn alle anderen — laufen h utlos herum ... Was ich hier in punkto Antisemitica an eigenem Leibe erlebt habe, ist bloß folgendes: In einem Kaffee in der oberen Stadt in der Nähe der Post, in dem ich in früheren Jahren angenehme Stunden bei gutem Tee und guten Zeitungen verlebte, und in dem Glaubensgenossen am Samstag sogar Kredit hatten, fiel mir gleich am ersten Tage — es war Freitag — erstens die gähnende Leere auf und zweitens die ausgesuchte Freundlichkeit, ja Ueberhöfliichkeit, mit der ich bedient wurde, im Gegensätze zu der wohltuenden bayerischen Derbheit von früher. Das liebe Mädchen in Schwarz — ob sie um die „tote Saison" trauerte? — begleitete uns sogar mit ihrem holdseligsten Lächeln hinaus und meinte noch an der Türe vielsagend: „Wenn die Herrschaften morgen Samstag kommen, können Sie ruhig ein andermal zahlen . . .!" Ich war entzückt. Draußen fing mich mein Zimmernachbar vom jüdischen Hotel, ein netter Berliner Herr, auf. Starr, vor Entsetzen, die herrlich leuchtende Glatze auf dem . hutlosen Kopse, förmlich rot vor. Erregung, als wollte sie sagen: hätte ich Haare, sie ständen zu Berge. „Aber Sie, was machen Sie denn?" Ja, was denn, um Himmelswillen?" „Lieber Mann, lesen Sie denn nicht die „C. V.-Zeitung"?" Ich war niedergeschmettert, kompromittiert für ewige Zeiten: ein Mensch, der die „C. V.-Zeitung" nicht liest." „Wissen Sie denn nicht," nahm der Herr die strafende Belehrung wieder auf, „daß hier, gerade hier in diesem Kaffee das vorgekommen ist?" — er erzählte nicht, was, setzte es vielmehr als allbekannt voraus. — „Sind Sie denn überhaupt wieder ganz herausgekommen?" Und er sah mich genau und prüfend von Kopf, bis Fuß an. „Ja, mein Lieber, ganz mit allen Gliedern und noch einem Sabbatkredite dazu. . ." beruhigte ich meinen besorgten Nachbar. Und das ist alles, was ich bisher meinen Lesern vom Kissinger Saisonantisemitismus zu erzählen weiß... Und die Moral des Ganzen? Man lasse sich von Märchen und Legenden nicht schrecken. Wer seinen Magen — und seinen Geldbeutel — danach hat, komme getrost nach Kissingen. Auch ist es mit der „stillen Saison" nicht so buchstäblich zu nehmen. Es krähen die Hähne wie früher schon morgens um viere, und dreimal im Tage spielt die Kurkapelle und abends singen die „Nürnberger". Das jüdische Hotel in der Theresienstraße steht auf der höchsten Höhe seiner Aufgabe, das andere in der Frühlingstraße nicht minder. Man kann an vier Stellen je nach Geschmack „beten", „oren" und auch „dawnen", nach deutschem und nach polnischem Ritus, ja sogar „Scholausch S'udaus" halten nach „Minhag Belz". Denn es ist auch ein richtiggehender „R e b b e" da, unter dessen riesigem Pelzstreimel ungleich mehr Geist wohnt, als in einem ganzen Dutzend frei in der Kurgartensonne bleichender Köpfe . . . Nach all dem kann ich Freunden nur raten, hierher zu kommen. Das Schlimmste, was ihnen hier passieren kann, ist, daß sie in sträflicher Unkenntnis der C. V.-Mitteilungen sich in ein winterantisemitisches Kaffee verirren und ihnen dort— ein Schabboskredit angeboten wird . . . Sprechsaal. Frankfurt a. M., 23. Juli. Sehr geehrte Redaktion! Mit folgendem möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen Vorfall lenken, der dazu angetan ist, daß von irgendeiner Seite Abhilfe geschehen muß. In meiner Eigenschaft als Reisender komme ich ab und zu nach Dresden. Dort gibt es leider nur einivs- Restaurant, das unter Aufsicht steht, und dieses Privileg benutzte der betreffende Inhaber dazu, um Reifende, soweit sie noch aus *wra reflektieren, ordentlich zu schröpfen. Während ich in Leipzig ein Menü für 1.60 durchschnittlich erhalte, in anderen Städten sogar noch weniger zahle, muß ich in Dresden jedesmal im Minimum 3.30 Mark abladen. Mit welchem Recht darf dieser übersteigerte Preis genommen werden? Ist es nicht ein 'n wenn ich so und so oft von zufällig dort sitzenden Besuchern hören muß: das nächstmal gehe ich lieber ns-m essen, denn diesen Preis kann »ich beim besten Willen nicht zahlen. Mir ist eine große Anzahl Reisender bekannt, die sehr gerne ">tw essen und noch zuhause eine uw Wirtschaft führen, sich aber nicht neppen lassen wollen. Hiertut schleunige Abhilfe not. Sollte dieses sich nicht durch irgendeine Stelle ermöglichen lassen? Wäre es nicht möglich, daß in Dresden noch ein Restaurant von irgendeiner Seite aufgemacht wird, wo es jedem Juden möglich ist, zu essen? H. S. 24 Juli 1824 N ü r n b e r g, 23. Juü. An die geehrte Redaktion des „Israelit" Frankfurt a. M. Ich bitte höflichst um Abdruck folgender Richtigstellung:; £ In Nr. 19 des „Jüdischen Wochenblattes" schreibt ein bayrischer Rabbiner: Dem Vernehmen nach soll Herr Rabb. Dr. Breuer-Frankfurt a. M. sich geäußert haben, die Niederlegung des Rabbonus in Nürnberg sei nicht erforderlich, obwohl die Trennung von der Hauptgemeinde nicht erfolgt ist. Dieses Vernehmen entspricht nicht dem tatsächlichen Vorgängen. Wohl habe ich mich über die hiesige Angelegenheit mit Herrn Rabbiner Breuer '"2 und aizch mit anderen Autoritäten besprochen. Herr Rabbiner Breuer '"2 hat es aber ausdrücklich abgelehnt, seinerseits einen pos in dieser Angelegenheit auszusprechen. Die Verantwortung für den Entschluß habe ich zu tragen. Hochachtungsvoll. Rabbiner Dr. Klein. Es ist ausfchließttch Sache der Leser» die im Jnseratemei! enthaltenen Empfehlungen ritueller Ware« oder sonstig« Angabe« religtonsgeje^liche« Charakter» auf ihre Znvrr. Gutleuts — Kein L&den- Fiir die Reisezeit unentbehrlich . sind meine unter hiesiger Rabbi nats-Auf sicht hergestelltea erstklassigen Fleischkonserven Kaulherrs Wurst* u. Konserrenlabrik, Inh. M. Levi, Fulda. BAD HOMBURG LouisenstraBe 16 * .. 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