Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1924)
- Date
- 1924-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450315--71431-2528746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage vci lolflClll „Al ML , iil Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hofstmng. Bon S. Schachnowlh. (Fortsetzung.) Der vollgefültte Beitel, des Mordechai Zewi tmg zur Erleichterung der Reife in jeder Beziehung hei. Man konnte von Ort zu Ort Esel und Kamele, auch Wägen mieten, Führer bestellen Und sich zweckmäßig verproviantieren. Sabbatai schwankte während der Reise zwischen tiefer Traurigkeit und loser Ausgelassenheit, sprach tagelang kein Wort,, um dann ganz unvermittelt in Verzückungen zu verfallen und singend Weissagungen von sich zu geben, die alle erschauernliehen, Ost muhte man ihn, wenn man nach Stunden der Rast wieder aufbrechen wollte, erst suchen. Er war in die Berge gegangen, wo man ihn in einsamem Geklüft traf, still sinnend in sich selbst, in die wilde Natur versunken,' auch selbstvergessen in alte Pergamente vertieft. Man wagte nicht, ihn aus deu Träumen zu wecken, bis daß er von selbst aufblickte und sich zum Leben wiederfand. -7: 7 . \V-!, l -7 Als ihn Jachini bei solcher Gelegenheit unweit von Saloniki einmal zu sich und den Seinen wachrüfen solltet fand er ihn mit verzückten Augen in die von ihm überbrachte Urkunde vertieft, als sähe er sie zum erstenmal, als wollte er jedem Zeichen auf den tiefsten Grund gehen. „Jachini," sagte er, als er diesen erblickte, „was hast du in der Höhle des Rabbi Schimeon gesehen und gehört, als Dir die hier niedergeschriebene Prophezeiung geworden?" „Nichts mehr und nichts weniger, als,was ich am Leuchtfeuer in Smyrna erzählt habe." „Dieser Zettel," sagte Sabbatai, und sah Jachini scharf ins Gesicht, „sagt viel und sagt wenig, alles und gar nichts ... Zuweilen; lese ich daraus himmlische Offenbarung, Verheißung, mein Schicksal und meine Berufung, oftmals aber starren mich die wenigen Buchstaben kalt und stumm an, als sagten sie: „Du und wir! Wir sind nicht für Dich und Du nicht für uns! Wir find nichts und Du bist nichts I.." „Meister," sagte Jachini, „die Türme von Saloniki sind schon sichtbar, dort wartet man Deiner! Heilsbotschaft wie des erfrischenden Regens. Am Bosporus zittern Dir alle Herzen entgegen und du zagst und zweifelst..." „Mache mich stark, Jachini, und rede D u, wenn tote Buchstaben schweigen ..." „Wenn meine Worte Kraft verleihen könnten, ich würde mit Flammenzungen reden, daß Du wüchsest,Meister,DeineGlieder sich reckten, Deine Nerven sich stählten, Dein Blick die Macht erhält, zu töten.und zum Leben zu rufen, Deine Hand zu binden und zu lösen, Dein Wort mit der Gewalt des Donners zünde und Throne stürze ..." „Jachini, wir sind allein in einsamer Bergeskluft; sprich frei heraus: Was bedingt Deinen Glauben an mich?" „AnDich? Einerlei, ich muß den G laüben und ich muß den Mann haben... Und wäre er nicht da, ich müßte ihn schaffen ... Ich hörte von Dir und ich eilte über Länder, Meere und Düsten.,.'. ." „ „W-ärst Du in Wahrheit in Schimeons Höhle?" „Ich war dort." „Und hast Du die Stimme gehör t?" „Ich habe sie gehört, bei Tag und bei Nacht, im Wachen und Träumen ..." „Und wie bekamst Du den Zettel?" Jachini beantwortete all die Fragen so rasch wie sie gestellt wurden. Bei der letzten stutzte er ein wenig und antwortete ausweichend mit einer Gegenfrage: „Sabbatai, ist es so, daß der Tränenkelch des jüdischen Volkes erst bis zur Neige gefüllt fein muß, wenn Erlösung kommen soll?" „Ja, es steht so oder ähnlich geschrieben." „Und wer zählt die jüdischen Tränen?" „Gott selbst und sein Prophet Elia, der, wenn's Zeit ist, die Erlösung auch kündet," sagte Sabbatai ohne die gewohnte innere Wärme und sichtlich unwillig über die Ausflüchte. „Ja, Elia," steuerte Jachini weiter auf sein Ziel. „Elia ist immer noch Weltenwanderer, kennt die jüdischen Leiden, kennt die jüdischen Tränen und weiß, wann sie den Kelch gefüllt haben und Moschiach zu rufen sei. Elia bahnt Moschiach den Weg. Moschiach den Weg bahnen, heißt: ihn stark machen, ihn wecken, seine Schritte beflügeln, wenn er wankt und zagt ..." „Ich fragte, Jachini, wie Du den Zetteel in die Hand bekamst?" erinnerte Sabbatai. Jachini setzte aber unbeirrt fort: „Ich wandere und wandere und sehe überall Ströme jüdischer Tränen fließen ... In der Ukraine wütet ChmelnickisSchwert schlimmer als einstens das des Nebusaradon und Titus in Jerusalem. In Jerusalem weinen die Frommen an den heiligen Gräbern, in den christlichen Ländern des Westens, wo bald dreißig Jahre Krieg herrscht, baden sie in jüdischem Blute, in der Levante und im Reiche des Halbmondes die bange Frage auf allen Gesichtern: „Wie lange noch, o Gott?" Da schuf ich den Glauben und suchte den Mann, und befände er sich jenseits der finsteren Berge ... Und wie ich bei Rabbi Nathan in Gaza Deinen Namen hörte, eilte ich zu Dir . . . Meister, es ist Zeit . . ." Jachini fiel Sabbatai zu Füßen und weinte — „e s istZeit, ich habe die Tränen gezählt, der Becher ist bis zum Ueberlaufen voll ..." „Wer hat Dir den Zettel gegeben, Sabbatai?" „Die jüdischen Tränen, die jüdischen Leiden, sie wollen genug sein ..." Sabbatai gab das weitere Drängen auf. Ein Wort Jachinis bannte seine Gedanken auf einen Punkt und hielt sie fest. „Du warst auch in Polen und in der Ukraine, Jachini?" "" „Ja, bei den Geängstigten und auf den frischen Gräbern der Märtyrer. -— Und auch dort erhielt ich das Zeichen, das mich zu dir trieb . . ." „Zeichen," ereiferte sich Sabbatai, „wie weine ich darum, wie flehe ich den Himmel um ein solches an, in einsamen Nächten, in Bergesklüften, bei Gebet und Kasteiung. M i r werden sie nicht, diese Zeichen!" Jachini richtete sich auf und er sprach leise, geheimnisvoll, wie man einen wunderbaren Traum weitergibt: „Wir erlebten die Wunder und Zeichen dort in Polen. In einem Städtchen am Bug war es; Rimonow nannte es sich, als die Kosaken einzogen, wie sie auszogen, bedeutete der Name nichts mehr, war kein Haus mehr auf seinem Platze und keine jüdische Seele mehr am Leben. Trümmerhaufen und Friedhof zeigten die Stelle an, wo einst Rimonow stand. Wie ich hinkam, waren die Kosaken nach vollbrachter Arbeit längst weitergezogen. Einige Juden, die dem Gemetzel entrinnen konnten, wagten sich wieder hin, um Leichen ihrer Lieben und Reste chrer Habe zu suchen und die herumliegenden Gebeine zu bestatten. Ich schloß mich ihnen von Menani aus an. Was wir da sahen, läßt mich jetzt noch beim Gedanken daran bis ins tiefste erschauern. Nachts bei Fackellicht sammelten wir aus den Trümmern die Gebeine und in der Morgenfrühe trugen wir sie hinaus auf das Gräberfeld vor der Stadt, das noch allein von der alten Gemeinde zeugte. Wir schraken plötzlich zusammen. Von einem naheliegenden. Grabe drang ein Wimmern zu uns. Wie wir dahin kamen, saß zwischen zwei Gräbern eine vollerblühte Jungfrau, mit einem Hemde nur bekleidet. Wir glaubten im ersten Augenblick an einen . Geist, es war aber ein lebendiger Mensch, ein Mädchen von strahlender Schönheit, eine Sulamit des Hohenliedes . . . Wir fragten sie aus, sie gab aber zuerst keine Antwort. Die Frauen nahmen sich ihrer an, bekleideten sie, brachten sie unter ein schützend Dach und labten sie. Nach und nach löste sich die Zunge des wundersamen Weibes. Sie erzählte von Vater und Mutter, die sie bei dem ersten Ueberfall vor zehn Jahren schon durch Mörderhand verloren hatte. Sie war damals sechs oder sieben Jahre alt und wurde von den Haidamaken in ein Kloster verbracht, wo sie von strengen Nonnen für die Kirche erzogen wurde. Nacht für Nacht erschien aber in ihrer Zelle der Geist des frommen Vaters, störte ihren Schlaf und mahnte sie, ihrem Gotte treu zu bleiben. Sie versprach es ihm, hielt aber bei Tag die Vorsätze der Nacht nicht. Je älter sie wurde, umso dringlicher wurden die Mahnungen des väterlichen Geistes, und in der letzten Nacht zerrte er sie gewaltsam aus dem Schlafe,— sie wies den Frauen Wundmale an ihrem Leibe — und schleifte sie her zu seinem und der Mutter Grab . . ." „Wo ist das Mädchen und was habt Ihr mit ihm angefangen?" fragte Sabbatai in großer Erregung. „Wir wußten zuerst nicht recht, was wir mit ihr machen sollten. Sie dort bei Juden zu belassen und dem Kloster, aus dem sie geflüchtet war, zu entziehen, wagten wir nicht. Es schien schon gefährlich genug, sie nur eine Minute dazubehalten. Jede Sekunde konnte die Klosterleute auf die Spur bringen und neues Unheil über alle Juden heraufbeschwören. Ich fand mich bereit, die Gefahr abzuwenden und nahm das Mädchen, da Meine Reise nach den Niederlanden ging, in meinen Schutz. Noch in gleicher Nacht reiste ich mit ihr — sie nannte sich Sarah — nachdem ich sie in Männerkleider gesteckt hatte, ab. „Eine sonderbare Geschichte," sagte Sabbatai sinnend. „Aber du sprachst, Jachini, von einem Zeichen. Wo ist das Zeichen und wo feine Deutung?" Das Zeichen wurden mir in dem, was sie mir vom Geiste ihres Vaters mitteilte und was ich auf der Reife und in Amsterdam mit ihr erlebt." „Sprich, Jachini!" „Des Vaters Geist weckte und zerrte sie mit den Worten: „Auf, Sarah, deine Zeit ist gekommen! Der Messias naht, er sitzt im fernen Lande an der Meeresbucht und harret Deiner!. Du sollst seine Königin werden, seine Begleiterin auf dem Thron, wenn er den Halbmond heruntergeholt und den Davidsstern aufgerichtet hat . . ." „Nannte sie den Namen des Messias oder tatest Du es?" „Nein, die Männer und Frauen auf dem Friedhose hörten es mit tiefem Schaudern wie ich. Ich hatte das Geschöpf nie vorher gesehen. Es war uns, als wollte eine herrliche Blume aus den -Gräbern herauswachsen, plötzlich zu reden beginnen und himmlische Düfte verbreiten ..." „Und auf der Reise nach Holland?" „Wir reisten über die deutschen Lande und kamen unversehrt nach Amsterdam. Ein Schutzengel bewahrte uns vor allen Fährnissen des Weges, die wahrlich nirgends fehlten. Jenseits der polnischen Grenze zog sie wieder Frauenkleidung an. Wo sie sich aber zeigte, wurde ihr förmlich gehuldigt. „Eine Königin", flüsterten die