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Der Israelit · 1924-07-24 · Heft 30 (24.7.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Nr."30_ einer andern Frage abgegebenes Gutachten von Rabbi Jizchok Elchonon b*t will Herr Rabbiner Dr. Unna Nachweisen, daß es religiöse Pflicht ist, in den Reformgemeinden zu bleiben, insofern sie neben den religionsgesetzlich verbotenen Einrichtungen auch die religionsgesetzlich geforderten Institutionen erhalten wollen. Den Freunden der Selbständigkeit billigt er guten Glauben zu, ihren Standpunkt aber verwirft er für unsere Zeit vollends, da die Reologie geneigt ist, den Gesetzestreuen das ihre zu geben. Die Abfon- - derung von mm sei kein Prinzip. Dringt dieser Gedankengang durch, dann müßten die bestehenden selbständigen Gemeinden sich auflösen und schnellstens die Mizwoh der Verschmelzung mit der Reologie vollziehen. An Gründung neuer selbständiger Gemeinden wäre nicht zu denken. Die Anwendung der Arewustheorie macht, soviel an ihren Anhängern liegt, jede Arbeit für die Selbständigkeit unmöglich. Dieser Angriff, es ist ein solcher, z w i n g t die Anhänger der Selbständigkeit zur Verteidigung. Man kann ja nun füglich im Zweifel sein, ob halachische Diskussionen vor der breiten Oeffentlichkeit zweckmäßigerweise geführt werden können. Verständige m«T fragen, wenn von den Rabbinern der ine diesen Gewährsmann, der andere einen anderen anführt, soll etwa einer aus der Mitte des Publikums entscheiden, wer im Recht ist? Sehr wohl. Gesegnet waren die Zeiten, in denen die jüdischen Gemeinden solche Fragen vertrauensvoll von den Gedaulim entscheiden ließen. Nicht umsonst beten wir nrnvn nawxnaa iroßw „Gib uns unsere Richter wieder zurück". Solche Diskussionen bringen uns auch den Zusammenhang der Bitte nawn imsw mit dem nachfolgenden pa*» tan» ivrn rmaxi sehr schmerzvoll zum Bewußtsein. Nun aber ist die Debatte eröffnet. Nicht von den Freunden der Selbständigkeit. Es bleibt uns nur innigst zu wünschen, daß in Erfüllung gehe: mb nt rnarnx pwai nsioa am n«. In seinem Referate entwickelt Herr Rabbiner Dr. Unna den Gedanken des Arewus auf Grund einer Entscheidung des "ü '’ö rjmx pm psr* Dort wird der Fall eines Mannes behandelt, dessen Frau ihn verlassen und zu einem anderen Glauben übergetreten, also eine mal» ist. Die Frage lautet —: „Kann der Frau der Scheidebrief, den sie nicht annehmen will, auch gegen ihren willen zugeeignet werden?" Rabbi Jizchok Elchonon b"r bejaht die Frage und legt dar, daß das sogar im Interesse der jüdischen Gesamtheit aus dem Prinzips des Arewus heraus notwendig ist. Denn die Gemeinbürgschaft Jisroels _Der Israelit __ bürdet jedem Einzelnen Verantwortung und Strafefür geschehene Sünden auf. Im Gegensatz zum i"p jraj? tt» yv meint Rabbi Jizchok Elchonon b"t' daß Arewus sich auch auf Abtrünnige erstreckt: Wenn nun auch diese Mitverantwortung nach wy ma nar? und mpia«? 2"? v”b nur diejenigen trifft, d i e der Sünde wehren könnten, was ja gegenüber Abtrünnigen naturgemäß nicht möglich ist, so gehört aber — und das ist das Neue, das zur gewohnten Interpretation yinzugefügt wird — so gehört zum Wehren auch: „daß man sich umsteht, wie man die Uebcrtreter irgendwie vor Sünde retten fcmn, denn auch dieses ist in Arewus eingeschlossen", lama xsm rrm rnrnxn» snsv m ms» nrx nwsb mn»*? v' bbaa nt nrr p nmVi tnwnt? ia^p aimn ’xtit mn»^ ian'a- Hieraus folgert nun Herr Rabbiner Dr. Unna feine These, daß man innerhalb der Reformgemeinden bleiben muß, um für rituelle Einrichtungen sorgen zu können. Das liege in der Arewuspflicht eingefchloffen. 2. Die Folgerung ist die des Herrn Dr. Unna. Man darf die Anwendung des Arewusgedankens auf die Gemeindefrage nicht derart mit dem Namen des Rabbi Jizchok Elchonon bn verknüpfen, daß schließlich er als Träger des felbständigkeitsfeindlichen Standpunktes erscheint. Es ist sehr zu erwägen, ob er selbst einen so weittragenden Entscheid aus seiner Arewus-Theorie gefolgert hätte, einer Theorie, die immerhin einen yv gegen sich hat, einer Theorie, die von ihm selbst nur nebenbei und nur als Stütze, als aax «t»3D für einen ohnehin gut begründeten ‘imn benutzt wird und die zu begründen er sich sicherlich größere Mühe gegeben hätte, wenn er sie anläßlich einer weittragenden Klall-Frage benutzen wollte. In seinem Fall bestehen gegen ihre Anwendung keinerlei Gegeninstanzen, während Hier, wie wir sehen werden, ihre Anwendbarkeit aus sehr wichtigen Gründen anzufechten ist. Ich bezweifle, ob eine Mikwoh- Schaaloh bei ähnlicher halachischer Sachlage von dem gewissenhaften Rabbiner Dr. Unna ohne andere Beweise xbipb entschieden worden wäre. Auch das fei vorausgeschickt. Das Referat des Herrn Dr. Unna behandelt das K e r np r o b l e m der ganzen Frage halachisch überhaupt nicht. Man darf nicht vergessen, daß zweierlei zu beweisen war. Erstens, daß mit dem Verbleiben in einer Reformgemeinde kein Jsiur verbunden ist; zweitens, daß dieses Bleiben Pflicht ist. Wäre ein Jsiur vorhanden, dann kann von einer Pflicht des Bleibens keine Rede der Achduth befürchtet wurde, daß durch sie der Kampf in den Reihen der Thoratreuen verschärft würde, ist eingetreten. Die Schuld liegt auf beiden Seiten. Aber mit ständiger Verbitterung kommen wir nicht weiter und dienen nur den gemeinsamen Gegnern. Kamps ist oft unvermeidlich und zuweilen auch gut, niemals aber nützt Gehässigkeit: 12,irr awm nasm. Zu dem gleichen Gegenstände schreibt uns Herr Julius L e w i n - Frankfurt a. M. Folgendes: Unter dem Titel „Achduß oder von Mendelssohn bis Löb" ist dieser Tage hier eine Broschüre erschienen, die den Zweck verfolgt, die kürzlich gegründete Achduß-Vereinigung zu bekämpfen. Würde sich die Broschüre hierzu sachlicher Argumente bedienen, die Achtung aller Ernstgesinnten wäre ihr sicher. Man könnte sich sachlich mit ihr auseinandersetzen. Aber der Verfasser, ein Herr Fritz Münzer, scheint sachliche Diskussionen nicht zu lieben. Er zieht vor, einen Träger des Achduß-Gedankens durch persönliche Verunglimpfung in den Augen der Zeitgenossen lächerlich zu machen, um durch diesen Kunstgriff die von jenem vertretene Idee zu Fall zu bringen. Dieser Methode begegnet man wohl öfters in der außerjüoifchen Parteipolitik, aber auch dort wird sie von anständig Denkenden durchweg verurteilt. Was soll man aber sagen, wenn eine derart unlautere Kampfesweise in unseren Reihen und gar in den Kreisen der Orthodoxie Platz greift! Denn Herr Münzer scheint ja nach seinen Ausführungen der Orthodoxie und zwar demjenigen Teile derselben anzugehören, der das alte, unverfälschte überlieferte Judentum in seiner ganzen großartigen Souveränität wieder zum Siege führen will. Zu dieser souveränen Orthodoxie und der sich daraus ergebenden Achdutz-Gegnerfchaft bekenne auch ich mich. Aber ich meine, Herr Mänzer erweist der von ihm vertretenen Sache einen schlechten Dienst, wenn er seine Animosität gegen Achduß so weit treibt, daß er dadurch schwerwiegende Verstöße gegen das jüdische Religionsgesetz begeht. Die Broschüre des Herrn Mänzer kann ich nur als eine fortgesetztes 2'2->L rran -»jb pa*»» bezeichnen, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann. Käme es dem Verfasser darauf an, die Unrichtigkeit der Achduß-Prinzipien ins helle Licht zu rücken, so müßte es ihm genügen, sachlich zu bleiben, sachlich zu kämpfen und vielleicht wäre der Sieg dann sein. Ein solch schönes Beispiel sachlicher Polemik, gepaart mit Verstandesschärfe und Herzenswärme bietet &eifpiel5*l weise der Artikel „Zweite Antwort usw." des Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuer-Aschaffenburg in Nr. 28 des „Israelit". Diese Ausführungen atmen ehrlichen Verständigungswillen. Sie hätten dem Verfasser unserer Broschüre als Muster dienen können. Statt dessen aber sich eine Person aus dem Kreis der Achduß-Gründer als Zielscheibe beizenden Spottes zu erkiesen, nicht aufzuhören, diesen einen Mann wie ein Jongleur nach allen Seiten in die Lust zu werfen, damit ein urteilsloses, allezeit gut aufgelegtes Publikum daran fein Ergötzen habe, das ist nicht jüdische Art. Was berechtigt Herrn Mänzer, uns Herrn Löb als einen kühnen Schwimmer vorzustellen, wie er mit „Löwengebrüll" in schäumende Wasser taucht, um Ertrinkende zu retten, was berechtigt ihn zu dem Ausruf: „O Heil dem großen Löb", — oder ihn wiederholt den Hohen Rabbi Löb zu nennen, was geht Herrn Mänzer der Vorname Löbs an, daß er auszurufen wagt: „O, Löb, daß du Moritz heißest und nicht Immanuel" und dann Vergleiche zieht zwischen Lob und Kant. Welch häßliche Verirrung ist es, eine von Löb vertretene Idee fortwährend in aufreizender, unerträglicher Wiederholung mit dem unschön erfundenen Wort Löbismus zu belegen! Und sollen wir etwa lachen über die geistreiche __ 24. Juli 1S24 sein. Zwei Aeußerungen der Zugehörigkeit zur Reformgemeinde sind nun halachisch zu bewerten: 1. die moralische Unterstützung, die in der Mitgliedschaft selbst gegeben ist und 2. die Materielle Unterstützung der Steuerleistung. •' Das Hauptgewicht ist auf die moralische Unterstützung zu legen. Hirsch bn hat ihren Jsiur klar bewiesen. Die Reform legt deswegen Wert auf die Mitgliedschaft der Orthodoxenweil sie durch diese die eigene Legitimität best ät i g t s i e h t, sie findet darin die A n e r - kennung ihrer historischen Kontinuität mit d e m ü b e r l i e f e r t e n I u - d e n t u m. Das ist eine unerschütterlich feststehende Tatsache. Nun darf man aber schon einen einfachen nrnap nai? nicht einmal durch ein bloßes Wort in seinem gesetzverletzenden Tun bestärken. Das sagt die bekannte Mischna in '» nau?» ',n ps msratt« Viel weniger darf mm Abfall vom ganzen Judentum, bestärkt werden. Man muß sich ja auch vor der entfernten Möglichkeit mm np» zu sein, hüten nwn 'a pa pim 'ü. Diese beiden von Hirsch b"i mit Recht so energisch betonten Beweisstellen reichen ausdie SelbständigkeitsforderunM zu begründen. Herr Dr. Unna macht wohl den Versuch, die Steuerleistung als halachisch bedenkenfrei zu erweisen — m. E. ohne Erfolg —; dagegen führt er zur Entkräftung des Jsiur der moralischen Unterstützung halachisch g a r n i ch t s a n. Ueber die Analogie mit dem Verhalten Schimon ben Schetachs wird noch zu sprechen sein. Er stellt lediglich die Behauptung auf, die Mitgliedschaft in einer Reformgemeinde bedeute keine Anerkennung der Reform seitens der Orthodoxie. Auch damit müssen wir uns noch beschäftigen. Gesetzt aber, dem wäre so, was nicht der Fall ist; genügt es denn nicht, wenn die Reologie das Zusammenbleiben so d e u t e t? Hat Hirsch b"t nicht Recht, daß das mm np» sein heißt? Solange aber diese beiden Fragen nicht klar entschieden sind, darf keine Rede von 8er Anwendung der Arewus-Theorie des Rabbi Jizchok Elchonon b"i sein. Aus dem Gutachten des Rabbi Jizchok Elchonon b"t ist über diese Kardinalsragen n i ch t s zu enMehmen. Das hat auch Dr. Dr. Unna nie behauptet. Dann ist es aber sachlich unstatthaft, Rabbi Jizchok Elchonon b"T als den halachifchen Träger der Selbständigkeitsgegnerschaft hinzustellen. * 3. - Prüfen wir zunächst die Frage, ist die Mitgliedschaft einer Reformgemeinde möglich, ohne einen Jsiur zu begehen? Bemerkung: „Das ist die epochale Lehre des Löbismus. Man muß eben Kolumbus fein, um ein solches Ei zu finden. Oder Löb?" Oder wenn er seinem Zeitalter zurust: „Ihr gleicht dem Geist, den Ihr begreift, .nicht Löb?!" Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Aber wir wollen den Leser mit weiteren Stilblüten verschonen. Würde es sich bei dem Verfasser der Broschüre um einen in der jüdischen Wissenschaft ungebildeten Juden handeln, wir hätten geschwiegen- Aber Verfasser gibt sich als einen Wortführer des selbständigen gesetzestreuen Judentums und Verfechter des jüdischen Gesetzes. Es könnte hierdurch die Meinung entstehen, hinter ihm stünden die Anhänger des rechtsorthodoxen Flügels, oder um es herauszusagen, die Mitglieder der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft. Diese- Meinung wollen wir nicht aufkommen lassen. Wir stehen keineswegs hinter ihm, wir verwerfen, wir verurteilen feine Kampfesweise und darum seine Broschüre auf das Entschiedenste. Hätte Mänzer auch sachlich noch so recht, wäre seine Achdutz-Gegnerschaft auch noch so> begründet — und ich selbst bedaure, wie erwähnt, ebenfalls diese Gründung, die einen neuen Riß unter den Gesetzestreüen verursacht hat — so können wir uns doch nimmermehr mit einer Broschüre und einer Gesinnung identifizieren, die in so unwürdiger Weise den Gegner in seiner persönlichen Ehre angreist und heruntersetzt. Im Gegenteil, wenn etwas geeignet ist, diejenigen, die dem Achduß unentschieden gegenüberstehen, demselben in die Arme treiben, dann ist es die wenig vornehme Art,, wie hier Polemik getrieben wird. rrviS'Lv rrvs'in Mir. Herr Mänzer erwähnt einige Male Samson Raphael Hirsch. Er scheint ihn also zu kennen. Er müßte daher auch wissen, daß Hirsch gar oft in die Lage kam zu polemisieren. Aber wie tat er dies? „Wir haben seit den 30 Jahren unseres öffentlichen Lebens", so schreibt.

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