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Der Israelit · 1924-07-24 · Heft 30 (24.7.1924) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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24 Juli 1924 22. Cammus 5684 Nr. 30 65v Jahrgang. Frankfurt a. M., den Der Israelit Ji fQß§ Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum f/[0| Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. i Abonnement ab Januar 1824: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Viertel- {Htpreise(entsprechend^ dem deutschen^Jnlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Berandes) Deutsch-Lsterreich: 60000 Kronen: Amerika l Dollar; England i " ~ Frankreich Ianoes) »eur«ky-snerreL«y: onuuv «ronen; rrmerua i »o«bi; vehhiutu» * sh.; F-. 8 Fr.; Belgien 18 Fr.; Holland 8 fl.; Italien 80 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 6 Zloty; Schweiz 6 Fr.; Tschechö-Slowaket 38 Kronen: Ungarn80000Kronen; Dänemark 8 Kronen; . Norwegen 8 Kronen; Schweden 3.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpfennige, für Stellensuchende 80 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 75 mm breite Aeklamezeile: letzte Textseite 1.80 Mk., vorletzte Textseite 3.— Mk.; Ehtffregebühr in Höhe Zeines doppelten Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Änferatauftragen tartfm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G.m. b. H.. Frankfurt a. M., Sr. Eschenheimer Straße 83, Tel. Hansa 88S sowie durch sämtl. Annoncen-Dwed. des In- und Auslands. Alleinige Lnseratenannahme Geschäftsanzeigen: Snl. Schmidt, Langestratze 7, ll. Platzvorschriften ohne Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 18808. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 788« - Postsparkastenamt Budwoest Nr. 18A4 - Postscheckamt Zürich Nr. VNl 7234 — Inkasso-Bank Rotterdam — Böhmische Unionbank in Prag — 8-mc» vlarmaroscd, LImiL & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankoereins^n^lgram^ Abrahamitifches oder mosaisches Judentum? Eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen. 6. ^Die geistige Produktivität der Orthodoxie (2). Die Ueberlieferung nimmt gegenüber der religiös-sittlichen Entwicklung der Menschheit rmd derjenigen des jüdischen Volkes eine Grundsätzlich verschiedene Haltung ein. Sieht man sich die m an, die nach überlieferter Anschauung das ethische Bademecum für die M e n s ch hei t bilden, so lassen sie der intellektuellen und sittlichen Entwicklung der Völker der Erde, von ejn paar negativen Bindungen ^abgesehen, einen fast unhegreyzten Spielraum. Selbst hinsichtlich des Gottesbegriffes wird nur -der grobsinnliche Götzendienst als todeswürdiges 'Verbrechen ausgeschlossen, im übrigen aber keine 'Form des Gottesbewußtseins oder der Gottesverehrung aufgedrängt. Es scheint, daß im rastlosen Fortschreiten des Kulturprozesses, eben in dem üiber Höhen und Tiefen führenden völlig ungebundenen R i n g e n um die Wahrheit, die seelischen Kräfte der Menschheit in freiester Vielseitigkeit sich entwickeln sollen, so daß jene unendliche Bereicherung der Menschheitsseele, wie sie Der wechselvolle Kulturprozeß hervorgebracht hat als Thron der höchsten Gottesherrlichkeit an .jenem Tage bereitsteht, da die Schleier fallen und Gott „König sein wird über die ganze Erde". Ueber derGeschichte derM e n s ch h e i t schwebt -das Ideal der unendlichen K r a ft entf a l t u n g als scheinbarer Selbstzweck. Ganz im Gegensatz dazu ist das j ü d i sch e Volk mit der Uebernahme des dw IitdVö Vijr» mit der Uebernahme der ms» mn -Bindung dem vorbehaltlosen Eingehen in dieses allgemeine Ideal der Kraftenfaltung durchaus entzogen mnd dafür völlig in den Dienst des vorgelochten Zie l e s dieser Kraftentfaltung, der G o t t e s h e r r f ch a f t, gestellt worden. Das Menschheitsheil liegt beschlossen in dem konvergierenden Zueinanderstreben dieser beiden Entwicklungslinien, wobei das jüdische Volk gleichsam die „versiegelten Ordres" in der Tasche hat, die der Menschheit erst dann in vollem Umfange bekannt werden, wenn diese ihrerseits unbekümmert um das Endziel — alle Möglichkeiten der Entwicklung ausgekostet, alle Seiten-, Höhen- und Talwege durchschritten und grade dadurch die äußerste Kraftenfaltung erreicht hat. Dem jüdischen Volke aber — wir dürfen uns darüber keiner Täuschung hingeben — ist, eben weil es das Geschick des Großsiegelbewahrers der Wahrheit für die Menschheit zu tragen hat, durch seine msa j**in die Unbe - grenztheit der Kraftentfaltungmöglichkeiten auf allen Gebieten des geistigen und materiellen, des individuellen und nationalen Lebens genommen worden. An die Stelle des abrahamitifchen, ist nun einmal — die Weltgeschichte läßt sich nicht rückgängig machen — das mosaische Judentum getreten, das seine Bekenner und Betätiget auf Schritt und Tritt, im Denken und Fühlen, im Metaphysischen, Ethischen, Aesthetischen, in Naturphilosophie und Geschichtsauffassung, in wissenschaftlicher Arbeit und praktischer Lebensführung mit einem Kordon von festen Gegebenheiten umgibt, der dem bedingungslos Schöpferischen nicht günstig ist, nicht günstig sein darf. Denn die geistige Schöpfung, die sich auf dem Sinai vollzog und die von da als geschaffener „Keim", als min, in den Kreis des jüdischen Volkes und in die Seelen seiner Söhne einzog, trägt etwas von der Wesensart ihres Schöpfers in sich, der sich einen Rjp X einen fein Recht ausschließlich fordernden Gott nennt. Diese zweite Schöpfung durchdringt die Seele des Juden in allen Fugen und verlangt demütiges Eingehen in ihre immanenten Gesetze, um diesen Preis allerdings ewige Glückseligkeit, ewige Schöpferfreude im Kleinen, verheißend. Bleiben wir, um besser verstanden zu werden, ganz beim Aeußerlichen, Quantitativen. Kann man einem werdenden gesetzestreuen Rabbiner einen Vorwurf daraus machen, daß er sich weniger mit den Systematikern der Philosophie,, mit den Problemen der theoretischen Naturwissenschaft beschäftigt als etwa ein Zögling der Berliner „Hochschule", dem die Halacha nur ein Bestandteil der jüdischen Geschichte ist? Muß nicht die das ganze Wesen ergreifende Pflicht und Sehnsucht, in die Tiefen der mit aktuellster Verpflichtungskraft ausgestatteten göttlichen Halacha hinabzusteigen, mit physischer und sittliche Notwendigkeit zur Selbstbeschränkung auf anderen Gebieten führen? Physisch — denn man kann nicht gleichzeitig 10 Stunden im Tag „lerüen" und ebenso lange Kant und Schelling studieren: und sittlich — denn wer sich nicht — zum mindesten lange Zeiträume hindurch — mit vorbehaltloser seelischer Unbedingtheit der Thora hingibt, wird ewig ein Stümper bleiben: **12*1 |'X n'bv ri'vvV min. Wenn dann der schöpferische Geist des so dem Sinai-Rufe Gehorchenden sich nicht nach denjenigen Richtungen äuswirken kann, die man ge m e i n h i n als das eigentlich „Schöpferische", als geistige „Erneuerung" bezeichnet, wenn er vielmehr mit größerer oder geringerer Originalität xn”Yix2 ’&ivn vnna ist, statt der Welt ein neues religiöses System zu schenken, so wollen wir darob nicht klagen und über Erstarrung und Unfruchtbarkeit jammern, sondern uns vielmehr zur Anschauung unserer Alten bekennen, die Gott selber sich freuen sieht über jedes neue Fünkchen Thoralichtes, das der forschende Geist seiner Söhne aus dem fruchtbaren Felsgestein der uralten Lehre hervorschlägt: pta* vvsdi. Daß unter diesem religiösen Gesichtswinkel das „Dialektisch- Juristische" innerhalb der mm keine geringere Würde besitzt als die tiefsinnigste Agada, ist klar; allein es erklärt sich damit zugleich ein Teil der Unzufriedenheit in bestimmten gesetzestreuen Kreisen, die sich diese Besonderheit der jüdischen Weltanschauung offenbar nicht genügend klargemacht haben und daher leicht in die Gefahr geraten, von fremden Bewertungsmaßstäben auszugehen. Dem „Schöpferisch-Religiösen" am nächsten verwandt ist — um noch ein anderes Beispiel für das Gesagte heranzuziehen — das weite Gebiet des Aesthetischen, des Künstlerischen. Die äußeren Schranken, die dem gesetzestreuen Juden hier gesetzt sind, bedürfen kaum der Hervorhebung: man denke nur an die ganze Plastik, aber darüber hinaus auch an große Kapitel derniipund nmn* Gesetzgebung mit ihren starken Hemmungen für unbegrenztes künstlerisches Genießen und künstlerische Betätigung. Allein es sollte nicht verkannt werden, daß die ganze Lebens st immun g überhaupt, die von der Thora vorausgesetzt, gewollt und gepflegt wird, das unbedingte Vertrauen auf die wvns nravn, die Freude an der Pflichterfüllung im Großen und Kleinen das Individuum von vornherein in einen Zustand des inneren Gleichgewichts versetzt, der dem wechselvollen Erleben von Himmel und Hölle, von Abgründen und Seligkeiten, wie es der echten, frei schwebenden

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