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Der Israelit · 1924-07-10 · Heft 28 (10.7.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 28 (10.7.1924)
Date
1924-07-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung Von S. Schachnorvih. (Fortsetzung.) Sabbatai sollte in der Mitte zwischen den beiden Männern, der Braut entgegenziehen, und die Judengasse zu Smyrna widerhallte von Jubel und Freude. Die Kinder standen, mit Körben voll Rosinen und Süßigkeiten umhängt, um, wie es die alte Sitte vorschrieb, Braut und Bräutigam damit zu bewerfen. - Alles war bereit. Nur Sabbatai war nicht da; man wartete und wartete, und er kam nicht. Cr hatte-, sich schon in aller Frühe in seinem weißen Hochzeitsgewande entfernt, und keiner wußte, wohin er gegangen war.. Wachsende Aufregung bemächtigte sich der Männer, und noch mehr der Frauen im Hause der Braut. Der Tag hatte sich gesenkt und noch vor Nachtanbruch mußte auf dem Schulhofe die Chuppa aufgestellt werden. Aber es kam auch die Nacht heran, ohne daß der Bräutigam sich blicken ließ. Es wurde spät. Man trug die Baldachinstangen fort und deckte die Tische ab. Die Gäste entfernten sich einzeln und still wie in einem Trauerhause, und Sabbatais Eltern schlichen, sich beschämt und wie schuldbeladen davon. Bracha weinte still in ihrer Brautkammer, nicht um den Mann, den sie nie gekannt, innerlich nie geliebt hatte, von dessen Seele sich ihr kaum ein Spalt aufgetan hatte; sie weinte über angetane Schmach, über den Schimmer von Glanz und Größe, der in ihr stilles junges Leben hineinleuchtete, um zu verklingen wie perlender Morgentau auf der grünen Au. Im Walde vor Smyrna, wo er einstens als Knabe vor den Jsmaeliten gesungen hatte, saß Sabbatai in der von den Hirten verlassenen Hütte und feierte Hochzeit. Er feierte Vermählung mit der ihm nach seiner Aussage vom Himmel zugewiesenen Braut, einer weißgeschmückten Thorarolle. Ein Dutzend eingeweihter älterer und jüngerer Freunde waren als „Brautführer" und Gäste dabei und umtänzten psalmenfingend das Brautpaar, Sabbatai mit seiner heiligen Rolle. Auch Mose Pinheiro war dabei und er sprach den Segen in der ihm von Sabbatai selbst in den Mund gelegten Formel aus, daß nunmehr die Thora, die Himmelstochter mit Sabbatai, dem Sohne des Himmels, des „Ensof", in einem unzertrennlichen Bunde vereinigt sei.. Dann ergriff Sabbatai selbst den weingefüllten Kelch und sprach den Segen, hielt bei dem dritten Worte, dem Gottesnamen, eine kurze Weile inne und stieß dann wie atemlos, wie den Schrei der Erlösung, den heiligen Namen mit den vollenBu ch.st a b e n hinaus. Entsetzen bemächtigte sich der Hörer. Biele fielen zu Boden wie am Versöhnungstage mit den Worten „Gelobt der Name der Herrlichkeit seines Reiches". Einige wollten auf Sabbatai losstürzen und wurden von den anderen, die sich wie eine Mauer um Sabbatai aufgestellt, zurückgehalten. Mose Pinheiro, tötenbleich, ergriff mit zitternden Händen Sabbatai. „Was hast Du getan?" Saboatai trank ruhig den Wein zu Ende und sprach mit majestätischer Ruhe: „Es ist vorbei und es ist heraus ..." Was ist vorbei und was ist heraus?" „Der vierbuchstabige Name war in der Zerstreuung auseinandergerissen, infolge Sündhaftigkeit und äußere Erniedrigung Israels, die die Kluft zwischen oberer und niederer Weelt erhielten. Nun ists vorbei..." „Du gehst zu weit, Sabbatai," zitterte Pinheiro. Sabbatai ließ sich nicht beirren. „Die vier Buchstaben des Namens sagen: „war", „ist" und „wird sein". Wir sahen in des Galuth Nacht nur was „war" und wußten was sein wird. Um uns war aber Nacht. Es gab kein „ist", daher nur die ersten zwei Buchstaben, und der volle Name war wohl geschrieben, aber nicht ausgesprochen. Nun aber ists vorbei . . ." „Du gehst zu weit, Sabbatai!" „War es Dir doch nicht zu weit, als ich mit offener, nackten Thorarolle Vermählung feierte!" „Ich habe auch dieses Spiel nicht ganz begriffen." „Ihr aber, Freunde, habt es begriffen," wandte sich Sabbatai an die anderen. Einige traten scheu zurück, einige klammerten sich um so enger an ihn. „Diese Vermählung ist der Erlösung Anfang. Und ist die Gnadenzeit da, dann sind auch die Schranken zwischen oben und unten gefallen. Der volle Name walte fortab. Der „war" und „sein wird" „ist" auch." Und er sprach und sang und betete weitere Psalmen und Segensprüche, mit dem vollen buchstäblichen Gottesnamen. Einige wenige machten sich keife davon. Unter ihnen auch P i n h e i r o. Unter Sang und Tanz verging der Abend, Fackeln und Lampions erhellten die Nacht am Hange des Pagos. Zuletzt wurden von in wahren Taumel geratenen Jünglingen Reiser, und naftdurchtränkte Tannen zusammengetragen und ein Feuer angezündet, daß es weithin in die Stadt leuchtete. Es kamen neue Menschen hinzu, sahen halb ängstlich, halb neugierig dem Treiben zu, bis daß sie mit in den Strudel hineingezogen wurden. Auch türkische Hirten und Teppichweber erwachten durch den Lärm und kamen schlaftrunken aus ihren naheliegenden Lehmhütten heraus, mischten sich sogar unter das Volk, als sie den ihnen schon wohlbekannten Sabbatai erblickten. Einige fingen in ihrer Sprache ebenfalls zu singen an und reihten sich in den Reigen um das Feuer ein. Sabbatai nickte ihnen freundlich zu und ließ sie nicht zurückdrängen. Zwischen Psalm und Gebet, Sang und Tanz redete. Sabbatai, ohne jemand anzuschauen, wie in Verzückung: „Leuchte Feuer, leuchte. Wie einst auf dem Oelberge, Da Feuer den Erlösungsmond kündete. Daß es Zerstreuung in Flammen liest: „Siehe, Euer Gott kommt!- Des Geliebten Stimme ■— siehe er kommt, Ueberfpringet die Berge, Ueberklettert die Hügel!-" Einer rief mitten darein: „Es gleicht der Geliebte einem Zewi!" Und wie ein Mann schrie jetzt der ganze Chorus nach jedem von Sabbatai gesprochenen Satz: „Es gleicht mein Geliebter einem Zewi . . ." Und der von mildem Sommernachtswinde leichtbewegte Spiegel des Golfes und die leise zitternden Wipfel der Oel- und Feigenbäume auf dem Pagos trugen den Chor weiter über Land und Meer: „Es gleicht der Geliebte einem Zewi! . . ." 7. Zeichen und Warnung. Vom Tale am Hafen, wo das jüdische Viertel unter der schwarzen Nachtdecke wie erstarrt dalag, rückten schleichende Schatten daher und kamen dem Feuerscheine am Pagos immer näher. Jetzt hörte man schon ihre Schritte. „Sie kommen von unten aus der Stadt!" meldete einer, und alle hielten im Tanzen und Singen ein. Es herrschte Spannung und auch Kampfesstimmung. Das Eis war gebrochen, das Licht der Erlösung entzündet: man war entschlossen, es sich von keiner Macht mehr auslöschen zu lassen.. Im Feuerscheine sah man jetzt zwanzig bis dreißig Menschen, die wie gebannt von dem Anblick, der sich ihnen darbot, plötzlich halt machten und zunächst kein Wort herausbrachten. Aus der Masse der Angekommenen löste sich eine Gruppe älterer graubärtiger Männer in langen Mänteln. Es waren, wie jetzt alle erkannten, die Mitglieder des Bethdin, die würdigen Rabbiner von Smyrna. An deren Spitze stand der greise Josef Jskasfa, dessen Gesicht totenbleich war und dessen erhobene Hand sichtlich zitterte. Er trat dicht an das Feuer und an Sabbatai heran. „Was seh ich, was machst du, Sabbatai und Ihr alle? Ein Anblick, wie sich Moses darbot, da sie beim Scheine der Freudenfeuer das Kalb umtanzten." Sabbatai hielt den Blick seines alten Lehrers aus, sah ihn fast herausfordernd an. „Wir tanzen nicht um das Kalb, wir tanzen mit der Thora in der Hand." „Um so schlimmer, Sabbatai, wenn die heilige Thora zu schändlichem Treiben mißbraucht wird. Es ist uns bereits alles überbracht worden von denen, die der Versuchung Und Eurem dämonischen Spiel entronnen sind. Ihr schändet die Thora, entheiligt sie, macht sie zur Zeugin und Mitverbündeten von unerhörtem Tun, das Gesetz und Lehre verletzt und die Gemeinden, ja die ganze jüdische Gemeinschaft in Gefahr bringt." Sabbatai antwortete mit einem majestätischen Lächeln: „Die Gefahren, verehrter Rabbi, sind nicht vorhanden für diejenigen, die Gott mit dem Ohre für die anbrechende Erlösung begnadigt hat . . . Ihr, Jskaffa, habt mich selbst auf den Weg geführt, seid aber zu alt und zu schwach, ihn mit mir zu Ende zu gehen. So störet denn die Kreise der Jungen und Starken nicht . . ." „Es ist wahr," schlug sich der greise Rabbi auf die Brust, „ich habe es mitverschuldet, indem ich Träume und Sehnsüchte in unreifem Gemüte weckte. Ich ließ mich von Rabbi Nathan aus Gaza blenden, ohne die Folgen zu überdenken. Aber ist es wahr, Sabbatai, daß du den Namen Gottes mit seinen niedergeschriebenen vier Buchstaben ausgesprochen hast?" „Ich darf von heute ab Gott so nennen, wie er, von mir in seine alte Ehre eingesetzt, in Wahrheit heißt." Und er rief den Namen laut und vernehmlich, daß die Bürger von Smyrna bis ins Innerste erschauerten. Jskaffa machte eine Bewegung» als wollte er mit der Faust auf den früheren Schüler losstürzen. „Gesetzesübertreter!-" Sabbatais Freunde drängten sich zwischen Schüler und Lehrer. Sabbatai wies sie mit leichter Handbewegung zurück und richtete sich in seiner ganzen Höhe auf. „Es gibt höhere Gesetze als die niedergeschrieben und überliefert sind. Und es kann kommen, daß der Erlöser noch manches andere aufhebt und ganz oder vorübergehend außer Kraft setzt, so es der Gnadenzeit hinderlich ist." „Gesetzesübertreter! Du bist dem großen Banne verfallen als Abtrünniger!" drohte Jskaffa. _(Fortsetzung folgt.) Die Frau mit dem Talis. Nach einer wahren Begebenheit. Von Heinrich Lion in Grünstadt. Das aufgeregte Leben unserer Tage während und nach der Kriegszeit ist so reich an abenteuerlichen Ereignissen und ausfälligen Begebenheiten, an kuriosen Geschehnissen und tollen Vorgängen, daß man sich schon fast daran gewöhnt hat, auch die seltsamsten Dinge und Absonderlichkeiten gleichmütig hinzunehmen oder höchstens mit einem Kopfschütteln und Achselzucken über sie hinwegzugehn. Und doch will ich über ein Erlebnis berichten, das mir kürzlich begegnete. Ms ich am Abend emes nebligen, feuchtkalten Dezembertags meinen gewohnten Rundgang durch die Sttaßen meines Städt-

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