Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1924)
- Date
- 1924-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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W7 Jahrgang. Frankfurt a. M., den 8*c—'*684 Nr. 28 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmart monatlich; Ausland: Viertel» jahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Koste» -es Streifband-Versandes) Deutsch-Öfterreich: 89000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich iß Fr.; Belgien 15 Fr.; Holland3 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 70 Dm.; Litauen 7^0 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 5 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn90000Kronen; Dänemark 5 Kronen; Norwegen 6 Kronen; Schweden 3.50 Krone». . Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpfennige, für Stellensuchende 20 Goldpf., für die stebengespattene Nonpareille-Zeile. Die 75 nun breite Reklamezeile: letzte Tertseite 1.20 Mk., vorletzte Textseite 3.— Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnseratauftragen tartfm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G.m. b. tz., Frankfurt a. SR., Gr. Eschenheimer Straße 23, Tü. Hansa 5842 sowie durch sämtl. Ännoncen-E»yed. des In- und Auslands. Alleinige Jnseratenannahme für Frankfurter Teschäftsanzeigen: J»1. Schmidt» Langestratze 7, ll. Platzvorschrtften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Rr. 79808 — Poftsparkassenamt Budapest Nr. 18424 — Postscheckamt Zünch Nr. VIII 7234 — Inkasso-Bank Rotterdam — Böhmische Nnionbank in Prag — Banca Marmarosch, Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Professor Jacob Israel de Haan sn* Die jüdische Welt steht unter dem erschütternden Eindruck des nichtswürdigen Meu- .chelmords, der vor den Thoren der heiligen Stadt, auf dem Boden eines ganz den Werken reinster Menschenliebe gewidmeten Instituts einen aufrechten Mann niedergestreckt, und den geweihten -Boden Erez Jisroels durch das furchtbarste, in jüdischen Kreisen bisher fast unbekannte Verbrechen entheiligt hat. Auch wenn es sich nicht um mmpn p«, um b as Land handelte, über dessen Gefilden das drohend ernste-Wort schwebt: m is’ann rr^i 'lirt pan dk *prp kIm vin ’d m ans psh' erhöbe das .natürliche menschliche Empfinden die Frage nach dem Urheber eines so furchtbaren Verbrechens, forderte das beleidigte Rechtsgefühl die Sühne einer Bluttat, die in einer offenbar wohl vorbereiteten, planmäßig durchdachten Art und Weise und in einem Augenblick ausgeführt wurde, in dem die politischen Gegner des Ermordeten ein besonderes Interesse an seiner Beseitigung hatten, Die „Jüdische Telegraphen-Agentur" hat gemeldet — und wir haben allen Grund, die Nachsicht für richtig zu halten —, daß Prof, de Haan noch im Laufe der vorigen Woche nach London fahren sollte, um den dortigen zuständigen Stellen die schweren Bedenken der palästinensischen Orthodoxie gegen den (in der vorigen Nummer des „Israelit" veröffentlichten) Gesetzentwurf über das Recht der Jüdischen Gemeinschaft Erez Jisroels zu unterbreiten. Zweifellos hätte keiner es so gut wie der Heimgegangene verstanden, die juristischen, ethischen und reli- -giösen Ungeheuerlichkeiten dieses Entwurfes ins rechte Licht zu stellen und an das Rechtsbewußtsein des englischen Parlaments und des Colonial Office zu appellieren, bei dem immerhin mehr Verständnis für religiöse Gewissensanliegen zu erwarten ist als bei den unversöhnlichen Hassern und Verfolgern der Orthodoxie im jüdischen Läger. Ob dem Mörder, der den Revolver auf das unglualiche Opfer richtete, diese Zusammenhänge klar waren, ob hinter diesem Mörder irgendwelche Organisation (die „schwarze Hand" oder der „hungernde Chaluz" oder irgendeine sonstige radikal-jungjüdische Gruppe) steckt— wir wissen es nicht und wollen der Untersuchung, die bis zur Stunde völlig erfolglos zu sein scheint, nicht vorgreifen. Auch liegt uns der Gedanke fern, die zionistische Organisation als solche für das Verbrechen eines Fanatikers verantwortlich machen zu wollen. Aber es wäre eine Unaufrichtigkeit und zugleich eine all zu starke Zumutung an die Gläubigkeit, wollte man sich selbst bereden, daß nicht die zahlreichen politischen Feinde des Ermordeten die intellektuellen und daher moralisch verantwortlichen Urheber des Verbrechens seien. Sie haben seit dem Augenblicke, da de Haan sich als entfchloffenen und oft vielleicht allzu rücksichtslosen Gegner der zionistischen Außen- und Innenpolitik bekannte, weil diese Politik zwangsläufig in immer größeren Gegensatz zum Arabertum gerät und sich für mangelnde Außenerfolge im Innern durch religiös-politische Monopolwirtschaft entschädigen.will, den ihnen gefährlich scheinenden Mann als „Volksverräter" abgestempelt, seine persönliche Ehre in unerhörter Weise besudelt, ihn dem Fanatismus und dem. wütenden Haß ihrer radikalen Parteigängers preisgegeben, so daß seine, gewaltsame Beseitigung den 'aus dem roten Rußland herkommenden Heißspornen sehr wohl als eine nationale Rettüngstät, höchsten Preises würdig, erscheinen konnte. In der Tat war Prof, de Haan seit langem darauf gefaßt, daß er seine beispiellos aufopfernde, aus reinstem Idealismus fließende politische Arbeit früher oder später mit dem Leben bezahlen müsse. Fastgenauvor einemJahre,aufden24. Tamus 5683, war ihm seine Ermordung bereits in formvollendetem Neu-Hebräisch aber unter der aus dem Altertum h erg e h o lten Paro l e *pnp>» sr‘in schriftlich angekündigt worden, fallserbiszudemvorgeschriebenen Datum das Land nicht verlasse. Er wich und wankte nicht, trotzdem er seit langem nicht über die Straße gehen und kein Lokal betreten konnte, ohne sich den gröbsten Insulten ausgesetzt zu sehen. Inzwischen hat die zionistische Pressemeute zweiter Garnitur nicht aufgehört, den verhaßten Mann mit ihrem „Verrat"-Geschrei zu umheulen, und sein letzter politischer Erfolg, die Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zwischen König Hussein und der palästinensischen Orthodoxie, entfesselte trotz der mustergültigen, vornehmen Formen, in denen sich diese bedeutungsvolle Annäherung *) Siehe „Israelit" 1923, Rr. 28. vollzog, im nationalen Lager Orgien des Fanatismus, die sich mit einer gewissen inneren Notwendigkeit früher oder später in Gewalttat und Verbrechen auswirken mußten. Wenn ein fast immer anständiges zionistisches ' oie „Jewish Chronicle" jetzt in starken - die Schandtat der Jerusalemer Mordl» irteilt, wenn selbst die „Jüdische Rund-'.^u ...s deren Spalten man sonst den Eindr - gewinnt, daß fortgesetzte moralische Mordversuche gegenüber der Aguda und ihren Führern höchst verdienstlich seien, ihrer ehrlichen Entrüstung Ausdruck verleiht, so ist d i e F r a g e der Verantwortlichkeit für das Geschehene damit nicht aus der. Weltgefchafft. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. De Haan war zu Lebzeiten ein Opfer des jüdisch-völkischen F a s z i s m u s, und sein gewaltsamer Tod darf schon heute mit hoher Wahrscheinlichkeit als die unmittelbare oder mittelbare Wirkung dieses völkischen Faszismüs im jüdischen Kreise bezeichnet werden- Wie Saures, Rathenau und Matteoti, so stehen die Manen de Haans als furchtbare Ankläger dieses die europäischen Völker vergiftenden Geistes da. Daß auch das Volk G o t t e s, das Volk, deffen Ohr den Donnerruf des «V vernommen und das — feit zweieinhalb Jahrtausenden mindestens — diesen Ruf wahrlich beherzigt hat, daß auch das jüdische Volk diese letzte Anpassung an die Völkersitte vollziehen mußte, könnte einem das Herz brechen, wenn es nicht als Schlußstation eines langen Leidensweges — des zionistischen wi» rrfm *oV — und, vielleicht, als eine Wende zum Besseren aufgefaßt werden dürfte. Oder soll es wirklich so weitergehen? Will der Zionismus fortfahren, auch an dem frischen Grabe dieses Opfers chauvinistischer Verirrung . die Schar seiner blindgläubigen, kaum verantwortlichen Anhänger und Mitläufer durch eine in tausend Zungen tobende Presse auf die Orthodoxie zu hetzen, nur weil diese im Namen ihrer heiligsten Ueberzeugungen dem Zionismus die.Legitimation zur Alleinvertret ungdesjüdischenVolkes nun einmal bestreiten m u ß und immer bestreiten wird? Soll das Lebensrecht dieser Orthodoxie, die sich doch nur ihrer historischen Pflicht vor Gott und dem ewigen jüdischen Volk bewußt ist, immer wieder in kleinlichem Machtdünkel mißachtet, durch gesetzgeberische Maßregeln terrori- 1