Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1924)
- Date
- 1924-07-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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SA fcjsi;?iiZ ja^Jj Die Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Vvn 5. Schachnowih. (Fortsetzung.) In der Tat hielt sich Sabbatai viel in der Einsamkeit der Wälder aus, und in den Abendstunden bei untergehender Sonne oder beim Vollmond sah man ihn am stillen Strande; er mied fast die Menschen und wies jede Annäherung von sich. Einsame Schiffer hörten aber in Mondnächten, wie aus den plätschernden Wellen, ein Lied aufsteigen, daß sie berückt lauschten. Sabbatai ruderte ins offene Meer hinaus und sang feine Psalmen oder Stücke aus dem „Hohen Liede", und es war, als sängen die Engel im Himmel und die Geister unten auf dem Meeresgründe im Chor mit ihm. Die Blätter, des Rabbi Nathan besaß jetzt Sabbatai selbst: Er hätte sie sich abgeschrieben und weit übet die Anweisungen Jskaffas hinaus baute er auf den alten Fundamenten seine eigenen Gedankenschlösser, immer weiter und kühner in die. Wolkenhöhe, daß es seinem Lehrer zuweilen graute. Aoer Einhalt zu gebieten, fehlte diesem die Kraft. Es saß das alles in Sabbatai, und er, der Lehrer, hatte nur den Schlüssel, von anderer Hand empfangen, ihm gegeben; es gab kein Zurück. Nur seinem älteren Bruder E l i a und einem jüngeren Rabbi, Mose Pinheiro, der ihm neben Jskaffa Freund und Lehrer geworden, vertraute sich Sabbatai bisweilen an. Sein Bruder wies ihn,, wenn Sabbatais Schwarmgeist gar zu hoch und zu kühn ausholte, zurecht und warnte ihn vor solcher Ausschweifung der Seele, die ihn vom Leben und Hessen ernsten Pflichten ablenke. Mose Pinheiro aber, von Jskaffa über die Weissagungen Nathans aus Gaza eingeweiht, verfolgte Sabbatais Entwicklung mit wachsamen Augen. Jede Miene und Bewegung, jedes Wort und jede Handlung Sabbatais schien ihm von Bedeutung ünd damit gewann er das Vertrauen Sabbatais, der bei der tiefsten Versunkenheit das Auge klar dafür behielt, wie und wo er Interesse erweckte. „Wie die Hindin nach den Wafserquellen lechzt, So sehnt sich MÄn0 Seele nach Dir", sang Sabbatai aus den Psalmen und wiederholte die Worte einmal und noch einmal. Plötzlich hielt er im Singen ein und richtete die Frage an Pinheiro: „O, Pinheiro, die Hindin durstet, lechzt und vergeht. Wer bringt sie ans Wasser . . .?" „Wasser ist die Thoralehre, das Gotteswort," erklärte der gelehrte Elia statt Pinheiro, „wir dürsten danach wie die Hindin der Wüste nach dem Quell." „Es kann mit dem Wasser auch die Erlösung gemeint sein," sagte Pinheiro, „wir lechzen danach!" „Ich hatte einen Traum," siel Sabbatai plötzlich ein, die Worte Elias überhörend, „einen köstlichen Traum. Ich sah die Hindin der Psalmen leibhaft herumirren, mit verdorrter Zunge nach Wasser suchen. Da kam ein junger Hirsch, umkoste die Suchende mit seinem Geweih und führte sie., an den Quell Als, ich aufwachte, klangen mir Worte in die Ohren, die ich wieder vergaß. Sie fallen mir nun ein. Es find die Wotte aus dem Hohenlieds: „Die Stimme meines Geliebten, siehe, er kommt!" Und: „Es gleicht mein Geliebter einem Z e w i . . ." Mose Pinheiro erschrak sichtlich, er sah voller Scheu nach Sabbatai und er schüttelte mit geschlossenen Augen das Haupt,daß der dünne Bart wie ein Strohbündel im Winde herumwehte. Doch der nüchterne Elia trat ganz dicht an seinen jüngeren Bruder heran: ' „Sabbatai, dein Lebenswandel bringt den guten Eltern schon mehr Kummer als Freude. Bist schon erwachsen und deine kindlichen Träume hören nicht auf. Sie werden weiter erzählt und richten Verwirrung an. Wirst uns noch in Verruf und Verdacht bringen bei den Jsmaeliten . . ." Sabbatai schwieg, als hörte er nicht. „Auch wird gesagt, daß du, Sabbatai, es mit der vorgeschriebenen Gebetzeit und auch mit anderen religiösen Pflichten nicht mehr so genau nimmst, ja daß du gar zuweilen deine eigenen Gebete betest." „Die Erlösung steht über dem Gesetze", sagte Sabbatai wie abwesend. „Wie meinst du das, Sabbatai?" „Es steht dies geschrieben in den Büchern, die du nicht kennst . . ." „Und ist gemeint," griff Pinheiro ein, „daß Gebet innere Erlösung bedingt." „Aber innere Erlösung drängt nach Erlösen wie Licht dem Lichte zuflackert und die Menschenseele der Weltseele . . . Wie der Hirsch meines Traumes der Hindin zueilt, um sie an den Quell zu führen . . . Und die e r l ö st e S e e l e nimmt im Fluge Hemmungen und Hindernisse, auch die des Gesetzes ..." Sabbatai barg das Gesicht in die Hände und weinte. „Ich kann solchem Gedankenfluge nicht folgen," sagte Elia. In seinen Vorwurf mischte sich leise Bewunderung. „Auch ich nicht ganz," gestand Pinheiro ein, als Sabbatai gegangen war, „aber wir müssen Sabbatai mit sich selber fertig werden lassen. Ein Drücken und Drängen hieße soviel, als wollte man aus der Knospe die Blume mit Gewalt herauspressen ..." 6. Mystische Hochzeit. Als Sabbatai jetzt die Zwanzig überschritten hatte, drangen auch seine Eltern, die eine namenlose Verehrung für ihren Sohn hatten und ihn mit allen Mitteln für sein sonderbares Leben ausstatteten, in ihn, soweit sie überhaupt auf ihn Einfluß zu gewinnen wagten, daß er sich vermähle. Sie hatten es auf die Tochter des reichen Josef Hakohen, des Vorstehers und Ehrendajans der Gemeinde, abgesehen. Sabbatai war nicht zu bewegen, ein klares Ja oder Nein zu sagen. Er wollte ein Zeichen abwärten. Seine Braut, sagte er, sei ihm von Gott beschieden. und er müsse ausharren, bis sie ihm der Himmel zuführe. Da aber der Himmel lange Zeit schwieg, gelang es den Ettern mit Hilfe seines Lehrers Jskaffa, der sich bereits schwere Sorgen um seinen Zögling machte, ihn davon zu überzeugen, daß dieses Schweigen des Himmels eine Zustimmungsei. Josef Hakohen gehörte zu den angnsehensten Männern in der Levante. Die Türkei lag mit Venedig im Krieg und viele englische und französische Hauser verlegten ihre Niederlassungen aus' dem unsicher gewordenen Konstantinopel nach Smyrna, woraus die Juden, der rührigste Teil der Bevölkerung, den größten Nutzen zogen. Josef Hakohen war, wie Rabbi Mordechai, der Vater Sabbatais, Handelsagent eines großen Londoner Hauses und hatte es als solcher zu großem Ansehen und Vermögen gebracht. Er und sein Freund Mose Pinheiro hatten längst Nr. 27 1424 ihr Augenmerk auf den Jüngling gelenkt, der damals schon einen ansehnlichen Kreis junger Anhänger führte. Unter den Alten und Gelehrten gehörten sie zu den wenigen, die an den sonderbaren Gepflogenheiten Sabbatais kein Aergernis nahmen und im Gegenteil eine stille Hoffnung mit seinem Gedeihen verbanden. Josef Hakohen hatte eine einzige Tochter namens Bracha, deren Schönheit und Tugenden allgemein gelobt wurden, obwohl sie die wenigsten kannnten, da sie nach damaliger Art jüdischer Töchter wenig unter die Menschen und schon gar nicht unter die Männer ging. Von Sabbatai hatte sie, wie alle in Smyrna, schon mancherlei gehört. Pflegten sich doch an Mondhellen Abenden junge Menschen am Strande zu versammeln, üm dem Gesänge zu lauschen, der wundersam schön und'lieblich wie aus den Wellen aufslieg. Man wußte, Sabbatai fuhr im Kahne hinaus und sang aus den Psalmen, aus dem Hohen Liede, aramäische Hymnen alter Kabalisten und eigener Dichtung, auch spontaner Eingebung. Von ihrem Fenster aus hatte Bracha mehr wie einmal den bezaubernden Tönen gelauscht und den Menschenscharen zugeschaut, wie sie am Strande immer mehr anwuchsen, mit hungrigen Blicken am Wasser hingen und geduldig ausharrten, bis der einsame Ruderer nach Mitternacht zurückkehrte, üm ihn dann mit Jubel durch die Zypressen in den Wald zu begleiten. Sie hatte sich, ohne ihn je gesehen zu haben, ein eigenes Bild von dem Säüger gemacht. Als sie ihn aber zum ersten Male durch den dünnen Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, sah, waren all diese Bilder in den Schatten gestellt von der Wirklichkeit. Ein Mann, wohlgestaltet, in langem wallendem Gewände, das um die Lenden mit goldgesticktem Gürtel zusammengehalten war, ging da leisen Schrittes, den prophetisch verklärten Blick in ferne Höhen gerichtet, so ganz unirdisch, wie ohne Beziehung zu den Menschen und Dingen seiner Umgebung. Das volle edelgeschnittene Gesicht, umrahmt von einem rabenschwarzen Barte war beherrscht von einem Zuge-weicher Traurigkeit, gemildert von einem Leuchten versöhnender Güte. Bracha war überwältigt von diesem Anblick und nahm das Bild tief in sich auf, das sie in träumerischen Stunden noch mit manchen neuen Zügen ausstattete und vervollkommnet. Als sie von ihrem Vater eines Tages gefragt wurde, ob ihr Sinn danach stände, Sabbatai zu heiraten, schwieg sie zunächst betroffen, wie von einem höheren Strahl berührt, und das Schweigen löste sich dann in Tränen auf. „Sabbatai ist kein Jüngling wie andere seines Atters", sagte der Vater, „er ist ein Mensch von anderer und eigener Art, und es mag nicht leicht fein, eines solchen Mannes, der vielleicht zu Großem berufen ist, Weib zu fein. Sdlche Menschen sehen in die Höhe und sehen in die Ferne und vergessen darob das Nächste, auch Weib und Kind. Du weinst, mein Kind, vielleicht in der Vorahnung dieses Frauengeschickes. So mögen mir diese Tränen als N e i n gelten." „Ich weiß es nicht, Väter und möchte selber meine Tränen nicht mißdeuten. Sabbatai kennt mich nicht, die Menschen kennen mich nicht und zuweilen ist es mir, als kenne ich mich selber nicht. Wenn Sabbatai eine Unbedeutende sich zur Frau erkürt, so darf sie zum Lohne für diese Auszeichnung das Geschick des Alleinseins auf sich nehmen ..." Damit hatte Bracha ihr Ja gegeben. Sabbatai hatte sich scheinbar damit abgefunden, im Schweigen des Himmels eine Zustimmung zu sehen und er sagte auch seinerseits Ja. Was in seinem Herzen lag, war schwer zu erraten. Wenn er nur selten zu seiner Braut kam und sehr wortkarg zu ihr war, so setzte es Bracha schon auf Rechnung des großen Mannes, dessen Frau zu werden, eine Auszeichnung war. Mi r ' V il ■T.V-4V UW'l KU