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Der Israelit · 1924-06-26 · Heft 26 (26.6.1924) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 26 Der Israelit - ganges und durchläuft in kurzem Erdenwallen enggezogene Bahnen ohne Sinn und Ziel, um den kümmerlichen Platz anderen zu überlassen. Wo ist der Ausgleich zwischen Vollkommenheit und Jämmerliichkeit, der Ausgleich zwischen Gott und Mensch und Welt?" „Darfst nicht zu weit gehen in den Fragen und nicht so viel von Vermittlung sprechen", warnte der Meister. „Es führen diese Gedankenwege zu den Zwischengöttern der alten Heiden oder der Dreigottheit unserer Nachbarn. Wir sind aber das Volk des reinen, einzig - einigen Gottes und bedürfen keines Mittlers." „Zwischen Gott und Mensch sind die „zehn Sphären", lernten wir in den Schriften Rabbi Nathans." „Das ist Irrtum, Sabbatai. Es gibt kein Zwischen. Die Sphären sind Gott selbst, Ausstrahlungen der Gottheit. Gott, wie wir ihn mit unserem kleinen Menschenverstände in seinem Erdenwirken, das heißt in Liebe, Kraft, Schönheit, Sieg, Abglanz, Urgrund, Königtum, begreifen . . ." „Und was ist es mit dem „M a l k a kaddischa", dem heiligen Könige, der als Beauftragter des „Attik jomin", des Alten und Ewigen, der Menschheit Geschicke leitet und was es mit der „Schechina", die vermittelnd und verbindend zwischen Attiik und Kaddischa steht?" „Du hast von den Lurjanischen Lehren gehört und dir falsche Bilder davon gemacht. Du solltest, Sabbatai, von den geheimen Lehren lassen. Ich höre auch sonst mancherlei von dir, was mir Sorgen bereitet. Ist es wahr, daß du täglich Tauchbäder im offenen Meere nimmst und in Mondnächten auf einsamem Kahne singend in die offene See hinausruderst? Willst du, wie die alten Essäer, dein Leben in Wald und Wasser und Abgeschiedenheit verträumen?" Sabbatai sah auf. „Nein, ich werde zu meinem Volke gehen, ihm helfen." „Du sollst dir ein Weib nehmen, Sabbatai, du hast die Achtzehn erreicht." Sabbatai zuckte zusammen. „Ich werde es, sobald mir Gott dieses zugeführt hat." (Fortsetzung folgt.) Jüdische Kinder vor 10V Jahren. Von Dr. M. Mas in Leipzig. Die interessantesten Einblicke in das Seelenleben und in die Lebensbedingungen der Juden vor hundert Jahren gewahren uns die biographischen Nolitzen von jüdischen Gelehrten, Künstlern und Dichtern des verflossenen Jahrhunderts über ihre Kindheitsjahre. Bekannt ist das Geschichtchen, das Berthold Auerbach für das grotzherzogliche Paar seiner Mutter nacherzählt hat. Berthold hatte nicht weniger als zehn Geschwister. Natürlich gab es da auch Keilereien und Streitigkeiten, wobei sie sich in die Haare gerieten. Da erzählte die geplagte Mutter eine Geschichte, die sie im Hause des Rabbi Jehudi von Nordstetten gehört hatte: Als König Salomo eines Nachts nicht einschlafen konnte, weil er darüber Nachdenken mußte, wohin er den Tempel bauen sollte, da rief ihm eine Stimme zu: gehe hinauf auf den Berg Zion, dort haben zwei Brüder zwei Aecker nebeneinander; der eine Bruder ist reich und hat viele Kinder; der andere Bruder ist arm und hat keine Kinder. Sie haben heute am Tage geerntet und Garben gebunden, und jetzt in der Nacht steht der arme Bruder am untern Ende seines Ackers und denkt: „Mein Bruder ist zwar reich, aber er hat so viel Kinder, ich will ihm von meinen Garben geben." Der reiche Bruder steht am oberen Ende seines Ackers und denkt: „Ich habe zwar viele Kinder, aber mein Bruder ist so arm, ich will ihm von meinen Garben geben." In der Tat sah Salomo, als er hinausging, den einen Bruder am oberen Ende Garben hinüberfchiebend, während am unteren Ende der andere seine Garben hinüberschob. Auf Grund und Boden der Geschwisterliebe wurde so der Tempel Zion erbaut." Durch solche Geschichtchen mußte die Eintracht zwischen den Geschwistern Auerbachs hergestellt werden. Biel ungemütlicher war die Kindheit des um fünf Jahre jüngern, in Posen geborenen Graetz. Seine Eltern waren sehr arm, arm auch die Verwandten, die mit liebevollem Herzen den wissensdurstigen Jungen bei sich aufnahmen. Der Junge verkroch sich förmlich in seine Bücher, die er von aller Orten herbeischleppte. In der Auswahl seiner Bücher war er sehr wenig wählerisch. Eine lateinische Grammatik mit einem Ritterroman, Napoleons Biographie und Ovids Metamorphosen, Homers Odyssee und Voltaires Karl xn. nebst Rousseaus Emile, alles, alles verschlingt er gierig und vergißt dabei Essen und Trinken. Damit fiel Graetz nicht aus dem Rahmen der Jünglnge, wie sie bis vor kurzem in Litauen zu Hunderten anzutreffen waren, ohne daß man sich über sie wunderte. Durch die Fenster der Jeschiwa klingt ihr monotoner Gesang, mit dem sie ihr Lernen begleiteten. Oft aber begleitete diese Melodie nicht das, was in den großen Folianten stand, sondern Träume, die ganz wo anders hin führten, Studien, die weitab vom Talmud führten, oft vertieften sie sich hinter und unter dem Talmud in andere Weltanschauungen. Solch ein Talmudjünger, der sich in die nichtjüdische Literatur „vergafft" hatte, war Graetz, ebenso ging es dem 1810 geborenen Abraham Geiger, dessen Kindheit von quälenden Zweifeln erfüllt war, und so manchen, die später auf der breiten Straße der „Wissenschaft des Judentums" wunderten. Interessanter noch aber sind die Kindheitserinnerungen derer, die abseits dieser Straße wandelten, als frühreife Knaben aufwuchsen, durch ihren Wandertrieb in die große Welt hinausgeführt wurden. Wenige kennen den Weg David Mandellis. der, in Preßburg geboren, sich zunächst ganz dem fleißigsten Studium des Talmud hingab. Aber heimlich brannte in seinem Innern der Trieb, sich aus den engen Verhältnissen hinauszuwagen in die offene Welt, immer stärker war die Sehnsucht geworden, bis er ihr nicht mehr zu widerstehen vermochte. So verläßt er eines Tages, 14 Jahre alt, ohne Dorwissen seiner Eltern, seine Heimat, Sein erster Ausflug war nach Triesch in Mähren. Aus einem Brief in hebräischer Sprache, der eine stilistische Meisterschaft verrat, ist eine heftige Sehnsucht, etwas Großes zu leisten, erkennbar. Er geht nach Prag, dem damaligen Hauptsitz hebräischer Bildung. Bald darauf in Berlin, ist er voll der phantastischsten Pläne, Wissen ur^ Kenntnisse zu sammeln. Darüber vergißt er alles, sogar sich selbst. Auf einem Zettelchen bittet er den Vater um etwas Geld. Ein Jahr darauf finden wir ihn in Südpreußen. An Stelle des Wissensdurstes ist die Lust getreten, fremde Länder zu sehen. Dieses zwecklose Herumtreiben beunruhigte die Eltern aufs Höchste. Wieder schreibt er einige Zeilen: „Ich habe Grundsätze, nach denen ich handle. . . Nur einen Fehler verspüre ich in mir, der sich schon als Trieb in meiner Jugend eingeschlichen hat, die Ruhmsucht. Ich lechze nach Ruhm, ich dürste nach Auszeichnung." Und er bittet um einige Groschen. Dann geht es nach dem großen Berlin, um dort die ehrgeizigen Pläne zu verfolgen. Eine genau durchgeführte Einteilung der Zeit, die sich später bis zur abgöttischen Verirrung steigerte, jagt ihn hin und her. Er schreibt nur mehr: „ich grüße Euch alle! mehr nicht, denn die Zeit ist so kostbar!" Mit 17 Jahren sind seine Kräfte aufgezehrt. In einem letzten Brief schreibt er über seine schlimmen Verhältnisse und zeigt rührende Reue darüber, daß er das väterliche Haus verlassen. Der Wanderbelrieb und die Abenteuerlust ist charakteristisch für einen großen Teil damaliger Jugend, wenn sie auch nicht immer 26. Juni 1924 so klägliche Folgen hatte. Dieser Zug töitb auch denk bekannten R. Joseph Kütna nachgesägt, der in jener Zeit als junge Bachur zm Wanderstab griff, über Galizien, Wahren und Böhmen, von da nach Frankreich und Italien zog, ohne daß sein Gemüt etwas von seiner Unschuld und Frömmigkeit eingebüßt hätte. Von Italien ging er nach Ungarn, und so kam er endlich in den von schaurigen Sagen umwobenen Bakonyer Wald. Er durchquerte trotz aller unheimlichen Erzählungen, die im Umlauf waren, die waldigen Berge und schaurigen Schluchten. So wurde er eines Tages ergriffen und zu dem gefürchteten Häuptling einer viel hundertköpfigen' Räuberbande gebracht? Söbrie, so hieb der berüchtigte Räuberhauptmann, war die Geißel der Reichem dabei aber der warme Beschützer der Armen. Darum tat er dem armen Bachur auch nichts zuleide, nötigte ihn vielmehr, sich bei ihm auszuruhen und von ihm bewirten zu lassen, bis er den geistvollen Jüngling nach 6 Tagen mit Bedauern entließ. Kutna war aber von seiner Reiselust geheilt. Er ist ansschliehlich Sache der Leser, dte im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angabe» religionrgese^lichen Charakter» auf ihre Zuver- Gust. Schwan Gutleutstr. 14 — Kein Laden — UilRi und Kaffee »Misclt BAD HOMBURG LouisenstraBe 16 Elfsabethenstr. 49 (am Markt) Telefon 297 (am Kurkarten) tOein-ICCause Fritz Grünbaum Polly Janisch Für die Reisezeit unentbehrlich sind meine unter hiesiger Rabbiaats-Aufsicht hergestellten erstklassigen Fleischkonserven Kaufherrs Wurstu. Konservenfabrik, Inh. M. Leyi, Fulda. BAD TÜLZ - »Parkhotel Alpenhof« Modernste? Haus am Platze. Erstklassige Pension bei massigen Preisen. GRUDEN Gas- und Kohlenherde Komb. Herde Transport. Kachelöfen Horsf kotier, Knodt & C° Am Eschenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683 Verantwortlich für den allgemeinen Teil U»d das Feuilleton Druck: Hermon Verlags-Aktiengesellschaft. Frankfurt a. M.

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