Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1924)
- Date
- 1924-06-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Messiasbraut. Me Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowitz.! (Fortsetzung.) . 4. . Erste Erloserträume. Als Sabbatai am folgenden Tage zu seinem Lehrer Josef Jskaffa kam, fand er diesen wie umgewandelt. Er sah fast jünger aus, und fein Gesicht nahm zuweilen einen Zug an wie das eines Kindes, das ein großes Geheimnis im Herzen trägt, oder vor einer großen Ueberrafchung steht. Erleuchtung spiegelte sich auf seinem Antlitze. Es war ihm zumute wie einem, dem der sichere Schlüssel zur Hebung eines langgesuchten Schatzes in die Hand gelegt wurde. Er empfing seinen Schüler mit ausgesuchter Freundlichkeit und machte ihm nicht wie sonst Vorhaltung, daß er sein Talmudpensum nicht nachgelernt hatte. Er fragte ihn sogar, entgegen aller Gewohnheit, wonach ihm der Sinn heute stehe. Der Knabe zögerte. Dann sagte er kurz entschlossen: „Die Schriften möchte ich lernen, aus denen der fremde Rabbi Nathan vorgestern vorgelesen hatte. Ich träumte die ganzen Nächte von diesen tiefen, heiligen Dingen. Ich sah Flammen, Wolken, die wie Sphären übereinander lagen, Erscheinungen ..." „Rabbi Nathan", sagte Josef Jskaffa bedeutsam, „ist gestern mit Morgengrauen wieder gegangen und hat mir von seinen alten Schriften mancherlei dagelassen. Fühlst du dein Herz lauter zur Ausnahme dieser heiligen Dinge?" „Ich habe die Nächte über nur an Gott und die höchsten Dinge, gedacht." „Du warst gestern mit den Jungen nur am Strande und in dem Walde! ..." „Durfte ich es nicht, Rabbi Jskaffa?" „Ich weiß es nicht recht. Man spricht in der Stadt davon wie von einem Wagnis und Wunder . . . Es mag nichts dabei gewesen sein. Aber man soll Edom und Jsmael nicht reizen und herausfordern." - Josua und David und später die Hasmonaer haben sich nicht gefürchtet, sie haben ihre Feinde geschlagen ... ." „Das tuen auch wir, aber nicht mit deren Waffen, die ja einstens von selbst rosten und zerbrechen werden. Wir stehen im Kampfe mit der Waffe des Geistes." Und Josua und Gideon und David und Juda Makkabi?" Sie kämpften mit der Waffe für unsere Waffe, um und für den Boden, auf dem der jüdische Geist gedeihen sollte. In den Galuthländern ist unser Heimatboden die Thora und „Esaus Händen" gegenüber erhebt sich „Jakobs Stimme" nur, feine Stimme aus den Bet- und Lehrhäusern..." „Ich habe die Jsmaeliten mit der Stimm e besiegt und sie selbst führten dann die Waffe für uns gegen Edom ..." „Warum ginget Ihr hin?" Die Frage hatte so sanften Unterton, daß sie kaum wie ein Vorwurf klang. 7 Aber Sabbatai verteidigte sich. „Als die Jungen mit Pfeil und Bogen daher kamen, überkam es mich. „Sabbatai, erprobe deine Kraft!" Und ich wartete eines Zeichens, ob sie mich anredeten. Sie riefen und ich konnte nicht wiederstehen." „Warst du dir der Gefahr nicht bewußt?" „Ich war mir bewußt, daß ich die Gefahr b a n n e n werde." „Es hätte eine Gefahr werden können für die ganze Gemeinde." „Ich hätte auch die gebannt." „Du hast großes Selbstvertrauen, Sabbatai. Ist es Hochmut oder Kraft!? „Wer sagte es mir?" Jskaffa erwiderte ernst und weich: „Wenn du das Selbstvertrauen hättest, um Gefahren in dir zu bannen, dann erst hätte es sich als Kraft erprobt . . .". Und sie wandten sich den alten Schriften zu. „Höre, Sabbatai, was hier geschrieben steht: Im „Guf", das ist die göttliche Vorratskammer, sind die „Neschomaus", die Seelen aufbewahrt, und die Erlösung kommt nicht eher, als bis sie alle, durch das leibliche Leben gegangen, rein in die Sphären als deren ein Teil zurückkehren, die Seelen erlangen aber in der Welt, die voller Abgekehrtheit und Unweihe ist, zumeist ihre Reinheit nicht und müssen daher in ein zweites Leben, in „Gilgul"; es find vornehmlich alte Neschomaus, die die Welt beleben. Der Vorrat der neuen bleibt unausgefchöpft und die Erlösung kann nicht kommen ..." „Wie soll der Welt geholfen werden?" Die „Nizozoth", die heiligen Elemente sind in die „Klipoth", unreinen Schalen eingesponnen. Es gilt die „Nizozoth" von den „Klipoth" zu befreien, auf daß die Seelen, frei und rein, durchs Leben gehen und an ihre Quelle zurückkehren.." „Wer soll, wer kann die reinen, heiligen Elemente vom Baltaste der „Klipoth" läutern?" Der „Z a d d i k", der „Obermenfch", der Erlöser, der dem Menschen neue Richtung gibt, der Welt neue Bahnen weift ..." „Werden ihn die Menschen hören?" „Die Menschen gehen gern die alten Bahnen und heißen den, der neue zeigen will, einen Narren. Aber der Erkorene nimmt Verkennung und Schmähung auf sich ..." Der Knabe sah nachdenklich in die Ferne. Dann murmelte er wie in plötzlicher Eingebung Verse aus dem Hohenlieds vor sich hin: „Es trafen mich die Wächter, die die Stadt umkreisen, Sie schttlgen, verwundeten mich, Schlugen mir den Schmuck vom Kopf, die Hüter der Mauern . . ." „Welches Glück," erwachte Sabbatai wie aus einem Traume, „geschlagen, getreten zu werden und die Wunden aller zu tragen, die Sünden der Welt zu büßen..." „Sprich nicht so," mahnte der Lehrer, „es hat bereits einen gegeben, der so gesprochen und sich wie andere irregeführt hat. Er glaubte, glückselig die Wunden anderer zu tragen, der Jüngling von Nazareth und er schlug uns, seinem eigenen Volke, tiefe Wunden für lange Geschlechter. Sprich nicht, Sabbatai, von Wunden und Weltsühne . . ." „Er kam zu früh und er kam n i ch t zu erlösen. Cr weckte und es hatte ihn Gott nicht zum Wecker bestellt ..." Jskaffa nickte und zitterte aus dem Hohenlieds: „Ihr sollt nicht wecken und nicht erregen die Liebe bis sie w i l l!" „Sie will," fügte er erklärend hinzu, „das ist die Schechina, die sich einen Träger erkürt und mit ihm weckt. Dann---" „Dann setzte Sabbatai rasch ein und sein Rezitieren wurde zum melodischen Gesänge: c. „Die Stimme des Gesiebtem Er kommt. Üeberhüpft die Berg?/ überspringt, die Hügel. + Nr. r» l \m Es gleicht der Geliebte einem Zewi . ." Sabbatai fiel beim letzten Worte zu Boden und Schaum entrang sich dem weit geöffneten Munde. Mit stierem Auge sah er hinaus zur Decke und lallte unverständliche, unartikulierte Worte. Josef Jskaffa hob ihn auf und trug ihn aufs Bett. „Ich hätte warten sollen mit diesen Lehren. Du bist zu jung und knabenhaft, zu zart ist der Geist, um ohne Schaden diese Lehren vom Ersten und Letzten aufzunehmen. Aber Rabbi Nathan dachte anders ..." „Nein, Meister," wehrte Sabbatai ab und sprang vom Bette, „ich trage all diese Lehren in mir wie man sein Brot in der Tasche trägt auf dem Wege zum Lehrhause:> Ich wußte es alles und weiß noch mehr ohne Worte. Ihr, Meister, holet es nur aus meinem Innern hervor, um es in Worte zu kleiden. — Und dann ist es, als wäre es mir wieder entrückt und ich habe Mühe, es wieder in mein Inneres einzufangen . . . Und dennoch m u ß es heraus, um Wort zu werden ... Ich muß noch mehr erfahren aus den alten Pergamenten ..." „Heute nicht mehr, Sabbatai!" 5. Wie die Hindin lechzt. Drei Jahre waren seitdem verstrichen. Sabbatai blieb ein Rätsel seinen Eltern und Lehrern, ein Rätsel sich selbst, eine geheime Hoffnung aber vielen, die mit Scheu und wachsender Erwartung zum nunmehr Achtzehnjährigen hinaufsahen. Nicht einmal die Begebenheit am Strande konnten die Leute in den drei Jahren vergessen, sie war für sie mehr denn kindliches Spiel. Denn nie vorher und nachher hatten sich jüdische Kinder hmausgewagt, um den anderen in den Weg zu kommen. Und wenn sie mit wachsenden Augen Sabbatais weitere Entwicklung verfolgten, seine Art beobachteten, würben sie immer und immer wieder an jenen Vorgang erinnert. Sabbatai war seit jenem Ausmarsche zu seinen Büchern und Träume^ zurückgekehrt und kein gütiges Zureden, noch beißende Spottworte konnten ihn noch einmal aus seiner Einsamkeit locken. Aber er hatte etwas im Blicke, im Klange seiner Worte, was jede Herausforderung schon im Keime erstickte und alles, was ihm dienlich und nützlich schien, in seine Gewalt brachte. Er herrschte, ohne zu befehlen; er grübelte, ohne eigentlich klar zu denken; er wirk te, ohne etwas zu unternehmen . . . Er faß vor offenen Büchern, aber er sah kaum hinein, sondern er sann und grübelte über die Zeilen hinaus, dachte feine eigenen Gedanken, sprach seine eigene Sprache und träumte seine eigenen Träume . . . Selbst seinem Lehrer Josef Jskaffa war es nicht mehr geheuer zumute, je älter Sabbatai wurde und je weiter sich dieser in seine eigenen Wege verlor. Jskaffa machte sich wohl Vorwürfe, daß er den Jüngling zu früh auf die geheimen, verschlungenen Pfade der Kabbala geführt hatte. Aber er tat es doch jedesmal, wenn er drängte, von neuem. Die dunklen Worte Rabbi Nathans lebten immer wieder von neuem auf und schlossen jedes Erwägen aus. Ueber die Sphären sprachen sie, die sich siebenfach übereinander erheben. Und Sabbatai meinte: „Gott der En-Sof, der Endlose und Vollkommene, Absolute, über Zeit und Raum Erhabene. Und ihm gegenüber die Welt, so klein, unzulänglich und jammervoll. Der Mensch, der Welt ein wesentlicher Teil, trägt Kummer und Leid im Herzen, harrt von der Wiege an eines? schtverSn, schmerzreichen Entwicklungs-