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Der Israelit · 1924-06-26 · Heft 26 (26.6.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 26 5 e i I s r a eilt Heimat des echten jüdischen Geistesadels vom Wilnaer Gaon bis Rabbi Jizchok Elchanan, von Wolofchin bisSlabotko und Telsch, darf nicht in die Hand und die Hörigkeit derer kommen, die für diese Traditionen nur ein spöttisches, überlegenes Lächeln haben, im übrigen aber innerlich alle Brücken zu der jüdischen Vergangenheit, die unter den breiten Massen G. s. d. noch lebendige Gegenwart und Wirklichkeit ist, abgebrochen haben. Das ist es, was die litauische Orthodoxie will, indem sie gegen die Machtgelüste der Zionisten und die Schöpfung ihres Geistes, die der beste Weg zur Erfüllung dieser Machtgelüste wäre: die weltliche oder weltlichnationale Gemeinde, ferner die Zwangsorganisation mit der Oberbehörde von Rosenbaums und Soloweitschiks Gnaden sich kräftig zur Wehr setzt. Und das nennt Rosenbaum „Frankfurter Einfluß." Er sagt es nicht so glatt und schlankweg heraus, denn das hat er bereits so oft getan, daß das Wort, zum Schema geworden, gar nichts mehr besagt. In einer Artikelserie in einer der letzten Nummern seines Leiborganes, der „Jüdischen Stimme, versucht er die schwersten Geschütze gegen die Orthodoxie und gegen Frankfurt aufzufahren. Und bei dieser Gelegenheit entpuppt sich uns der Herr Minister a. D. als Historiker von ganz eigener Art. Er geht vom Judenstaat in Palästina aus, nennt das Sanhedrin, streift die Zeit des Patriarchats und Exilarchats, wirft einen Blick auf die Kehillah im Mittelalter bis zur Gegenwart, um festzustellen, daß all diese Organisation, erstens Zwangsorganisationen und zweitens Gebilde ohne ausgesprochen religiösen Charakter waren. Also das Sanhedrin, die oberste Thorainstanz, ohne religiösen Charakter.' Er kennt auch die Kämpfe zum Schluß des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts zwischen Chassidim und Misnagdim, welche er, der Litauer und frühere Woloschiner Vachur, ganz auf das Schuldkonto des Wilnaer Gaon zu stellen sich erkühnt. Auch aus dem Haskalakulturkampf ist. seiner Meinung nach, die jüdische Gemeinde sieghaft in ihrer „profanen Reinheit" hervorgegangen. Alles war gut und weislich eingerichtet auf Erden, bis daß das dunkle Frankfurt kam und fein Schisma in das litauische strebsame Stilleben hineinwarf: „Zwei Kehillaus und zwei Judentümerl" Und nun zeigt sich der historische und geographische Horizont des Herrn Ministers a. D. in vollster Beleuchtung: „In Westeuropa, wie beispielsweise in Deutschland, in G a l i z i e n unter Anführung von Rabbi Mm vzm Politik der Erfüllung. Nicht jene Ersüllungspolttik meine ich, die im Zusammenhang mit dem Vertrag von Versailles die Gemüter erregt, die Massen in feindliche Lager spaltet, d i e Politik der Erfüllung habe ich im Auge, die durch die ganze jüdische Geschichte sich hindurchzieht, der Erfüllung dessen, was Verheißung war, und daraus die zuversichtliche Hoffnung äus Erfüllung alles dessen, was noch Verheißung ist. Verheißung bleibcn wird und mutz, bis höchste, göttliche Weisheit, Liebe und Güte die Zeit für gekommen erachtet, zu erfüllen. Der Wochenabschnitt nto versetzt uns in einen Zeitpunkt,. da menschliche Schwäche es verursacht hatte, daß die Erfüllung einer Verheißung um Jahrzehnte hinausgeschoben werden mutzte. An der Grenze des verheißenen Landes schon, hatte menschlicher Wankelmut, hatten menschliche Leichtgläubigkeit und Ungläubigkeit, menschliche Undankbarkeit und Gewalttätigkeit den baldigen Einzug verwirkt. Heranziehung eines neuen Geschlechtes für eine neue, bessere Lebensauffassung notwendig erscheinen lassen, Jecheskel Landau entflammte der Kampf bis zum höchsten Grad. Der Haß der Orthodoxen gegen die Aufgeklärten war größer als der der Antisemiten. Andere Zeitgenossen, die vielleicht noch größer waren als Landau, waren mit diesem Kampfe und seinen Methoden nicht einverstanden» so Rabbi Akiba Eiger, der Chatam Sofer, Rabbi Jakob Lissaer. Von Natur aus friedfertig, konnten sie aber gegen Landau nicht aufkommen. Das Leben stand auf seiten der Aufgeklärten. Die Orthodoxie griff aber zum System der falschen Mutter vor dem salomonischen Throne und sprach: „Zerschneidet das Kind! Seitdem haben wir in Deutschland zwei Judentümer ..." Es dürfte, seitdem es Länder und Staaten auf dem Erdenrunde gibt, noch keinen Minister gegeben haben, der fein Ministerportefeuille mit soviel flagranter Ignoranz vollgefüllt hat. Die Ignoranz wird hier noch höchstens übertröffen von der Arroganz und der anmaßlichen Art, von Dingen zu sprechen, von denen man keine blasse Vorstellung hat. Galizien liegt für Herrn Dr. Rosenbaum in Westeuropa, und Prag, wo Rabbi Landau gewirkt und von wo aus er gelehrt und den mutigen Kampf für die Thora geführt hat, scheint für ihn die Hauptstadt Galiziens zu fein. Also Geographie mangelhaft! Und jüdische Geschichte? Nicht einmal Grätz, der für uns noch lange kein Kronzeuge ist, hat er gelesen, bevor er diese wundervollen Ergüsse und Bekenntnisse einer schönen Seele von sich gab. Er hätte sonst wissen müssen, daß der „Noda bi Jehuda", identisch mit Jecheskel Landau, in seinem Auftreten gegen die alles Jüdische mit sich hinreißende Aufklärungswelle durch alle Phasen Hand in Hand mit Eiger, Mosche Sofer und Jakob Lissa ging. Ein wenig Kenntnis der Verhältnisse, über die er nur schimpft, statt sie zu studieren, hätte ihn darüber .aufgeklärt, daß der Chatam Sofer, den er hier gegen Landau und gegen Frankfurt ausspielt, als geistiger Vater des Trennungsgedankens von aller Welt, von Freund wie von Feind, angesprochen wird. Und noch eine Kleinigkeit: Rabbi Jecheskel Landau, der in den Wahnvorstellungen Rosenbaums als Führer der Frankfurter Orthodoxie im 18. Jahrhundert lebte, stand in Wahrheit in einem offenen Konflikt mit der damaligen Frankfurter Gemeinde, und einem etwas mehr latenten mit ihrem damaligen geistigen Führer, Rabbi Jakob Jofua Falk, obwohl er wiederum mit diesem in der Streitsache Emden-Eibenschütz (diese Namen hat Rosenbaum nie gehört) einig ging. Diese Kleinigkeiten entziehen sich der Kenntnis des Herrn Dr. Rosenbaum. Sonst stimmt alles ... Es ist nur, wie halte Gott vierzigjährige Wüstenwanderung verhängt. Nun kam die Selbstbesinnung, der Umschwung ins entgegengesetzte Extrem und ohne, ja selbst gegen die Zustimmung des Herrn sollte der Einzug erzwungen werden. „Moses sprach: Warum wollt Ihr übertreten den Befehl Gottes? Das kann nicht zum Erfolg führen. Ziehet nicht hinauf, denn Gott zieht nichtmrt in Eurer Mitte; lasset Euch doch nicht erst von Euren Feinden schlagen. Aber sie beharrten hartnäckig daraus, des Gebirges Gipfel zu ersteigen: die Bundeslade Gottes jedoch und Moses wichen nicht aus des Lagers Mitte. Da zogen Amalek nnd Kenaan, die dies Gebirge bewohnten, und schlugen und zerschlugen sie bis zur Aufreibung-. An anderer Stelle (5. B. M. 1,45). wird noch ergänzend berichtet, daß Israel bereuend vor Gott geweint, Gott aber sie nicht erhört habe. i Und nun schließt sich unserem Bericht ünmittel- : bar an die sog. '2 (4. B. M. 15), der Thoraabschnitt über die Opserbeig'aben. „Sprich zu den! Kindern Israel und sage ihnen, wenn einst Ihr : kommen werdet in das Land Eures Wohnsitzes, das ich Euch gebe, . . . dann bringe der Opferst endende . . . ein Mehlopfer, eingerührt mit Oel . . . und Wein zum Gußopser.“ . Ihr werdet kommen ins Lano der Verheißung! ' Das ist's, an die Spitze der Verordnungen gestellt.! was deren Grundlage bildet: Erfüllung. Und mit < einer Selbstverständlichkeit ausgesprochen, nachdem i wenige Zeilen vorher erst das Verdikt der vierzig- I jährigen Wüstenwanderung gefällt, daß es wohl auf-; gefaßt werden darf als die Gottesantwort auf das! bußfertige Weinen und Flehen der Kinder Israel. 1 Was bedeuten die kurzen Zeitspannen von Menscheni altern und Geschlechtern gegenüber dem Ewigkeits-, 1 Welten- und Entwicklungsplan, den wir ja doch nie! _ 26t Juni 1924 > man in klassischer Zeit sagte: „Rechter Hand, l linker Hand, alles verschoben! * Dk. Rosenbaums geschichtliche Kenntnisse sind t typisch auch für seine Kenntnis des h e u t i g e n t orthodoxen Frankfurt: „Die Frankfurter stellen - keine jüdischen Arbeiter an, weil in ihren l Fabriken am Sabbat gearbeitet wird. Gearbeitet > wird durch einen kleinen Trick, indem man einen t Teil der Fabrik an einen Nichtjuden so richtig ' und rechtskräftig verkauft, wie etwa das Chomez l am Rüstetage zum Pessachfeste. Damit wird mit - einem Schlage dreierlei gewonnen: Man - wird den jüdischen Arbeiter los, die Fabrik art beitet am Sabbat und der liebe Gott ist zufrieden." i In welchem Frankfurt Rosenbaum dies ge- . sehen hat, wissen wir nicht. Vermutlich in dem : Frankfurt, das er mit der Seele sucht und als; Schreckensgespenst für seine Gläubigen bitternötig braucht. In der Stadt Frankfurt am Main, die wir kennen, hat Samson Raphael Hirsch Vst sogar im Gegensatz zu russischen und litauischen Kapazitäten, die Erteilung eines solchen iwn zur Freigabe der Sabbatharbeit allezeit entschieden ab gelehnt,- er ging darin so wett, daß er einem. Gemeindemitglied, das ungeachtet seiner Warnung einen derartigen Versuch zu machen gedachte, drohte, diese erste Bresche in die Sabbathburg seiner Kehillah mit einem allgemeinen Taanis für alle Zeiten zu brandmarken, was natürlich den betreffenden Herrn zur Besinnung brachte. Sein Nachfolger, Herr- Rabbiner Dr. S. B r e u e r, um dessen Namen sich, nach Rosenbaum, all die von ihm geschilderte in sich unehrliche und inkonsequente Ueberfrömmigkett konzentriert, lehnt, wie allen. Frankfurtern wohl bekannt ist, j e d e Konzession als „Schwindelhetterchen" ebenfalls unter allen Umständen ab und mißbilligt sie, wo sie, gegen sein e Entscheidung, getroffen wurde, mit d err schärfsten Worten von der Kanzel herab. In Anbetracht dieser jedem Kinde in Frankfurt bekannten Tatsachen, wissen wir nicht, ob die Anzapfungen Rosenbaums noch eine andere Be-' Zeichnung als „perfide Verleumdung" verdienen. Wenn Herr Rosenbaum Geschichte fälscht, so kann er den — freilich sehr zweifelhaften — mildernden Umstand der Unwissenheit für. sich in Anspruch nehmen. Wenn er aber lebendige Tatsachen der Gegenwart, über die er sich leicht orientieren kann, auf den Kopf stellt, um seinen mit ausländischen Dingen wenig vertrauten litauischen Freunden zu imponieren, und seinen politischen Gegnern eins am Zeuge zu flicken,, so kann das politische Ziel keine Entschuldigung zu erfassen, kaum zu ahnen vermögen, als dessen. Siegelzeichen aber gelten darf: Erfüllung. Kann und darf aber Erfüllung nur einseitig sein, nur von einer Seite verlangt und erwartet werden, ohne daß die andere Seite sich Bindungen. irgend welcher Art aüferlegt, ohne daß sie zu erfüllen wenigstens auftichtig und ehrlich bemüht und« bestrebt ist? Dürfen wir vielleicht übersetzen: Wenn Ihr kommen wollet in das Euch zum Wohnsitz: bestimmte Land, bringet Opfer, dem Herrn und bringet zu dem Opfer Mehlspende und Trankopser? Vielleicht wird uns so für unser Teil der Weg der Erfüllung gezeigt. : Gar oft und eindringlich wird von den Propheten betont, wie der rechte und wahre Opserdienst beschaffen: sein soll., wie er nicht reine Veräußerlichung werden: darf, wie er bildend und beeinflutzend, reinigend und< läuternd, erhebend und veredelnd zu wirken hat im Sinne der Erfüllung, wie wir mit dem Opfer und durch das Opfer gleichsam uns mitallem was in. und an uns unbedingt in den Dienst Gottes stellen» um zu erfüllen. £i M Verschiedenartig, zahlreich sind die Opsermöglichkeiten, verschiedenartig auch das Können und Wollen,, die Kraft und das Streben der einzelnen Menschen. Aber jeder in seinem Bereiche, jeder an seinem Teile kann wirken für Gott, kann erfüllen. Und mehr als je tut heute not die Hochhaltung des Prinzips der Erfüllung. Eine Woge des Unheils scheint durch die Welt zu ziehen. Der Egoismus feiert Orgien.. Zufammengehöriakettsbewutztsein scheint geschwunden. Niemand will Opfer bringen. Eine kleine Zahl Pflicht- und verantwortungsbewußter Edelmenschen nur ists noch, die Ideale hochhält und über alles stellt. Möchte, doch an ihnen die Welt genesen!! Möge nahen die Zeit der Erfüllung! L...

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