Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1924)
- Date
- 1924-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5; Jahrgang. Frankfurt a. m., den .n^-'sS-w Kr. 25 |Der Israelit J Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Bierteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ber» kandes) Deutsch-Österreich: Svvvo Kronen: Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich IS Fr.; Belgien 18 Fr.; Holland 8 fl.; Italien 20 Lire: Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.80 Ltt.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder S Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei LS Kronen; Ungarn 90000 Kronen; Dänemark S Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.80 Kronen. - . Einzelnummer dreißig Goldpfennige.■ Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellensuchende 20 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 76 nun breite Reklamezeile: letzte Textseite 1.20 Mk.» vorletzte Textseite 2.— Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. 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Der Vorwurf, daß gewisse Teile der deutschen lJudenheit — ganz allgemein gesprochen — durch »ihre Hinneigung zu der östlichen Hauptmasse des »jüdischen Volkes, ja durch Unterordnung unter sie Iwertvolle Kulturgüter aufs Spiel setzen, könnte lauf den ersten Blick auch gegen die »zionistisch gesinnten Kreise erhoben werden, »denn gerade sie sind es ja, die zuerst einen förmlichen Ostjudenkultus in Schwung gebracht, das »Jiddische als Sprache, ostjüdisches Theater und lVolkslied, eine Art Folklore des Ostjudentums, »kurzum das Ganze der ostjüdischen Volkskultur lim Westen salonfähig zu machen erfolgreich be- Imüht waren. Aber durch einen solchen, nur die »Oberfläche streifenden Einwand soll man das »Problem nicht verdunkeln. In der Tat ist die »zionistische „Assimilation" an den Osten »mit der j u n g - o r t h o d o x e n gar nicht zu I vergleichen. Dort sind es mehr oder minder for- »nrale Kulturelemente, die man im Osten entdeckt lund in einer Art ästhetischen Feinschmeckertums »als willkommene exotische Bereicherungen dem »durchaus wesensfremd verharrenden eigenen IKulturideal einverleibt hat. Beherrschend »bleibt dabei das Westeuropäertum, das »mit den eingeborenen maskilifchen Strömungen »des Ostens zur harmonischen Einheit zusammen- Iflutet und — ein tragischer Anblick — die über- »kommenen religiösen Werte im günstigsten »Falle als eine Art psychologischen Düngers zur »Steigerung der eigenen Lebensgefühle Mih- »braucht. Selbst wenn ein Bub er und seine »Schule in das Allerheiligste der esoterischen »Mischen Metaphysik eindringt und dort keineswegs formale Kulturbestandteile, sondern die duftendsten Blüten und Früchte jüdischer Weltweisheit bricht, wird man — es soll damit natürlich nur ein objektiver Tatbestand gekennzeichnet, keinerlei Vorwurf erhoben werden — das Gefühl der Tempelschändung nicht los. Denn-die lebendige Einheit einer sich selbst als Vollwahrheit empfindenden Weltanschauung wird dabei zerbrochen und zum bloßen Material für eine fremde, gänzlich durch die wissenschaftliche Kritik bestimmte Weltanschauung degradiert. Ganz anders — das hat der Verfasser des Artikels, der zu unseren Darlegungen Anlaß gibt — vollkomen richtig empfunden, steht es mit der Beziehung eines Teils der gesetzestreuen Jugend zum Osten. So wie die Besten unter dieser Jugend in den rabbinischen oder chassidischen Führern des Ostens keineswegs bloß interessante Typen einer versteinerten oder untergegangenen Kultur erblicken, sondern durchaus ernstzunehmende Wegweiser zur eigenen Lebensvollendung, so wollen sie auch dem Inhalte nach das Ganze dieses als Ausfluß reiner Thorakultur betrachteten Lebenssystemsauf sich wirken sehen, ihm sich rückhaltlos hingeben und ihre Persönlichkeit daran reifen lassen. Denn hier liegen innere Einigungsmomente vor, deren geistige Kraft alle sonstigen Gegensätzlichkeiten überbrücken: die durchaus einheitliche an den wirklichen Offenbarungscharakter des schriftlichen Thorawortes samt der darin verankerten mündlichen Lehre und die Stellung zu dem unvergleichlichen, Leben erfüllenden, Leben gestaltenden Werte des eigentlichen „Lernens", wie es in den Jeschiwoth des Ostens seine höchste Vollendung gefunden hat. Diese beiden Momente, die sich gegenseitig bedingen, verhindern aber nicht nur subjektiv das Aufkommen jenes Gefühls der Kulturüberlegenheit gegenüber dem-Osten, aus dem heraus der Urheber des Polonisierungs-Alarmrufes die spanischjüdische Kultur als heute noch gültiges Ideal der einseitigen litauisch-polnisch-ungarischen d. h. aschsenüsischen gegenüberstellt, sondern sie sind auch objektiv geeignet, diese ganze Gegenüberstellung in etwas anderm Lichte erscheinen zu lassen. Auch wir glauben, daß eine jüdische Persönlichkeit, die den Gehalt der wissenschaftlich-künstlerischen Kultur der Zeit in sich verarbeitet und in das beherrschende Gefüge einer religiösjüdischen, auf tiefste Thorakunde gegründeten Weltanschauung restlos eingeschmolzen hat, daß eine solche Persönlichkeit dem Jdealtypus des jüdischen Menschen näherkommt als ein »".T33 tmri', dem die Weisheit der Welt vollkommen fremd blieb. Allein wer wollte bezweifeln, daß die beiden hier nebeneinander gestellten großen Typen die Pole einer langen, unendlich differenzierten Reihe seelischer Ausprägungen darstellen, daß das Ideal auch hier wie immer selten erreicht wird, und menschlicher Unvollkommenheit nur die eine Freiheit bleibt, das Erziehungsziel nach der einen oder anderen Richtung einzustellen und sich mit relativen Erfolgen zufrieden zu geben? Kann das Ideal nicht oder selten erreicht werden, so ist die Frage - erstens, was für das gesetzestreue Judentum das wichtigste Ziel der Menschenbildung ist und zweitens, auf welchem Wege dieses Ziel relativ am sichersten verwirklicht wird. Das spanisch-jüdische Kulturideal hat gewiß die köstlichsten Früchte gereift — man braucht die Namen nicht zu nennen, die sich in der jüdischen Geistesgeschichte Unsterblichkeit errungen haben: Aber zwei Tatsachen laden demgegenüber doch zum Nachdenken ein. Die eine ist die durch, zeitgenössische Urkunden bezeugte (siehe insbesondere das wertvolle Werk v"22 iirr von f23P rpi' 'i) Unzulänglichkeit der positivreligiösen Kräfte in diesem Kultursystem, sobald es galt, nicht die Elite, sondern die Massen, aller Verfolgung zum Trotz, im Lebensbereich der Thora zu erhalten. Und die zweite ist die von unsrem Kritiker ganz übersehene Tatsache, daß ja doch die ewigen Werte der spanisch-jüdischen Kultur, daß ein Kusari und ein More Nebuchim, Abarbanel und Jkkorim, Chauwas halewowaus und Reschis Chochmo zum eisernen Bestand auch des „aschkenasischen" Lehrhauses gehören, und daß die „Einseitigkeit" dieser östlichen Jeschiwa- Kultur nie so weit gegangen ist, den i"2»ioder "22 1221' *172 2112' 71 oder den ^22128 aus der Symphonie der jüdischen Geistesheroen tilgen zu wollen. Im Gegenteil. Der Osten hat durch die wunderbare Schöpfung der chassidischen Gedankenwelt und Lebensform, durch die originale Gestaltung des um den Namen „M u s s a r" sich gruppierenden Forschungsfystems neue geistige Provinzen hinzuerobert, die die wertvollste Ergänzung zu den geistigen