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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seile 12 Nr. 23 Der Asraeiit Reisner war hocherfreut. Heldenstein war das größte Rittergut in der ganzen Gegend. Die neue Geschäftsverbindung versprach hohen Gewinn, und daß sie ihm ganz ohne sein Bemühen zugefallen war, vermehrte noch seine Freude. So bedankte er sich bei dem Baron ehrerbietigst für das ihm geschenkte Vertrauen und versprach, es durch Eifer und Redlichkeit zu rechtfertigen. Auf dem Wege zum heimatlichen Dorfe baute sich Reisner schon allerlei Luftschlösser. Der Baron sollte bald erkennen, daß er an einen Mann gekommen war, der seine Interessen bis aufs äußerste wahrnahm. Je größer der Umsatz, desto größer der Vorteil sowohl für die Besitzer als für den Makler, und der Friedrich Reisner ist heute der bedeutendste „Kommissionär" weit und breit! Es war Frühling. Ein Strahlenbündel der untergehenden Sonne fiel durch die Aeste eines blühenden Apfelbaumes, ging über die noch niedere, tiefgrüne Saat hinweg, durch die Reisner dahinschritt und beleuchtete grell zwei Grenzsteine am Rande desAckers . Sie waren höher als die Halme und hoben sich durch ihre weißgraue Färbung besonders deutlich von dem im Schatten stehenden Getreide ab. Unwillkürlich lenkte der in Gedanken versunkene Mann seine Augen auf sie, und ganz plötzlich durchbrachen sie seine Gedankenreihe, indem sie eine ganz entgegengesetzte hervorriefen. „Verrücke nicht die Grenze deinesNächsten!" (5. B. M., Kap. 19, 14.) Reisner sprach die Worte halblaut vor sich hin, indem sein bisher so heiterer Gesichtsausdruck einem tiefen Ernst wich. Der Mann wußte wohl, daß das Gebot, das sich ursprünglich auf den Grundbesitz bezieht, von gewissenhaften Menschen auf alle Erwerbsverhältnifse übertragen wird. Einige Minuten ging er schweigend dahin. Dann sprach er mit Festigkeit: „Der Heldenstein gehört seit langer Zeit zum Geschäftsbezirk des Jofua Wohlgetan. Ich will nicht die Hand dazu bieten, daß daran etwas geändert wird." Und nun setzte er fröhlich seinen Weg fort. Er begrüßte ganz besonders heiter feine Frau und feine Kinder. Beim Abendessen lenkte er das Gespräch unauffällig auf die Zustände im Hause seines Konkurrenten Wohlgetan. Da wurde erzählt, daß es der Frau wieder viel besser gehe, und daß sie heute zum ersten Male seit Monaten auf der Straße gesehen worden sei. Das hörte Reisner mit großem Vergnügen. Nachts umgaukelten ihn angenehme Träume. Am Morgen hatte er sie wieder vergessen. Aber ganz genau erinnerte er sich, daß eine große Rolle die Grenzsteine gebildet hatten,- sie waren oben abgerundet gewesen und hatten ausgesehen — wie die heiligen Gesetzestafeln. Schon am gleichen Tage meldete sich Reisner bei Baron Heldenstein. Der Baron mußte lächeln, als er den Makler schon so früh bei sich sah. „Ja, die Juden!" dachte er. „Wenn denen ein Geschäft winkt, da lassen sie nicht lang auf sich warten." Desto größer war sein Erstaunen, als Reisner begann: „Herr Baron wollen gütigst verzeihen, wenn ich meine gestrige Zusage wieder zurücknehme, denn ich hatte mir die Sache nicht gründlich genug überlegt. Wohlgetan ist nämlich ein sehr fleißiger Geschäftsmann, und da seine Frau wieder hergestellt ist, wird er gewiß den Herrn Baron wieder vollkommen zufriedenstellen können. Es wäre nicht recht von mir, wollte ich diese Gelegenheit benutzen, ihn bei dem Herrn Varon zu verdrängen. Ich bitte darum den gnädigen Herrn, auf meine Dienste zu verzichten." Der Gutsbesitzer war ein edeldenkender Mensch, und es freute ihn sehr, als er bei dem Mäkle die gleiche Gesinnung feststellen konnte. Er drückte ihm fest die Hand und sprach: .,Sie sind ein braver Mann; Ihre Denkungsart gefällt mir. Es war ja nicht meine Absicht, den Wohlgetan ganz zu entlassen, aber ich freue mich, daß er nun wieder von seinen Sorgen befreit dem Berufe nachgehen kann. Sollte ich einmal einen zweiten Vermittler brauchen, dann — verlassen Sie sich darauf — werde ich ihrer gedenken." Kurz darauf war das schöne Schowuausfest. In glücklichster Stimmung betrat am Morgen Reisner mit den Seinen die Synagoge. Das Gotteshaus war festlich geschmückt. Girlanden schlangen sich von Säule zu Säule, und bunte Blumen zierten die Fenster, die Leuchter und besonders der Thoraschrein. Als Reisner das Auge hob, da fiel durch ein Fenster ein Strahlenbüschel gerade auf die „steiernen Tafeln", die den Araun hakaudesch zierten' und beleuchtete sie so hell, daß sie zwischen dem Grün der Tannen genau so aussahen wie an jenem Abend die Grenzsteine zwischen der grünen Saat „Die Gesetzestafeln", murmelte der Mann und tief neigte er das Haupt vor dem Kleinod das der Juden Halt und Stolz darftellt. Aus aller Welt. Deutschland. Der bekannte Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Haas sprach in einer großen Versamm lung am 28. Mai über die Anträge der Deutsch-Völ kischen auf die Stellung der Juden unter Fremdenrecht. Die Judenhetze sei für Deutschland gefahrvoller als für die Juden. — Die „Judenordnung" der Deutsch- Völkischen enthält 65 Paragraphen. Die deutschen Juden werden unter Fremdenrecht gestellt, ausländische müssen das Reich mit Verlust ihres Vermögens innerhalb vier Wochen verlassen. Alle Juden müssen in den Standesregistern als solche gekennzeichnet werden, getaufte Juden als Judenchristen: alle haben die doppelte Steuer zu zahlen. Jüdische Wechsel und offene Ge schäfte müssen durch einen Davidstern gekennzeichnet werden und so fort! — In Berlin ist ein Palästinat h e a t e r eröffnet worden, das feine Tätigkeit mit einer Aufführung des Dramas „Belsazar" beginnt. — Der Schriftleiter des „Völkischen Beobachters" wurde weegen Beleidigung des jüdischen Schriiftstellers Dr. Eliasberg vom Münchener Gericht zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. — In Berlin fand die Jahresversammlung des Hilfsvereins der d e u tschen Juden statt, in der Dr. Paul Nathan einen interessanten Vorschlag auf Organisation einer Binnenwanderung der jüdischen Bevölkerung Rußlands von West nach Ost vor trug; ausführlicher Bericht folgt. England. Im Oberhaus berichtete die Regierung auf Anfrage ausführlich über den Stand des Ruthenberg-Unternehmens. Die Jaffaer Station arbeite befriedigend, auch die Jordan-Konzession sei perfekt geworden, und die Station in Haifa ist in Vorbereitung, ebenso diejenige in T i b e r i a s. Für Jerusalem bestehen rechtliche' Schwierigkeiten, die erst ausgefochten werden müssen. — Die zionistiische Exe kutive hat beschlossen, in diesem Jahre wieder einen Zionistenkongreß abzuhalten, um die Konstttuiernug der Jewish Agency im Einklang mit den amerikanischen Organisationen zu Ende zu führen. Oesterreich. Jabotmski propagiert zurzeit in Wien sein aktivistisches Programm. Er will eine politische Offensive in London, Washington und die Schaffung einer jüdischen Wehrmacht, die es mit den Arabern aufnehmen kann. Angarn. Die Polizei hat eine Strafuntersuchung gegen die Budapester neologe Kultusgemeinde eingeleitet, weil sie angeblich ohne behördliche Bewilligung eine Sammlung für die durch den numerus clausus ausgesperrten jüdischen Studenten veranstaltete.-— Unter Leitung des Direktors des jüdischen Pasteurinstituts begibt sich eine Hilfsexpeditton sanitären Charakters nach Arabien um den jemeniitischen Juden zu Hilfe zu kommen. Polen. Der Czortkower Rebbe weilte auf seiner Rückreise von Lublin einen Tag in Warschau, wo er von Zehntausenden enthusiastisch begrüßt wurde. — Die Militärkommission des Seim setzte eine Unterkommission ein, die unter Mitwirkung des Abgeordneten Kirschbraun Mittel und Wege zur rittucCIe*n Berköstigung der jüdischen Soldaten finden soll. — Eine Räuberbande überfiel das Städtchen K r i w i c z bei Wilna und raubte zahlreiche jüdische Familien aus, wobei mehrere Juden schwer verletzt wurden. — Anläßlich der Reise des Präsidenten der polnischen Republik nach den Ostprovinzen fanden lebhafte Loyalitätskundgebungen der jüdischen Bevölkerung, insbesondere in Nooogrudok und Lida, statt. — In einer Volksversammlung protestierten in Warschau einige hundert zionistische und misrachistische Fr au e n gegen das schreiende Unrecht, daß man ihnen das aktive und passive Wahlrecht in der jüdiscken Gemeinde oorenthalte, sowie gleichzeitig gegen die Begrenzung der Kehilla auf einen rein religiösen Charakter. Rußland. In Petersburg findet zurzeit ein Prozeß gegen 48 Pogromleute statt, die im Jahre 1922 und 23 in der Gegend von Minsk und Witewsk gemordet und geraubt haben. «I Will 6. Juni 1924 BAD HOMBURG Louisenslraße 16 Elisabethenstr (am Markt) Telefon 297 (am Kurgarten) I Für die Reisezeit unentbehrlich sind meine unter hiesiger Rabbinats-Aufsicht hergestellten erstklassigen FleischkonserveiJ Kaoiberrs Wurstu. Konservenfabrik, Inh. M. Levi, Fulda. 'IDefn-TCfmise Fritz Griinbawn Polly Janiscfi J SCHUMANN-THEATER Wien gib acht. Der größte Theater-Erfolg des Jahres in Wien und München ★ 'Originalbesetzung des Ronacher-Theaters in Wien. abends?3o Vorverkauf ununterbrochen GRUDEN t Gas- und Kohlenherde Komb. Herde Transport. Kachelöfen Horstköfter, Knodt & CS Am Eschenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S>. Schachnowitz;Inserate t. B.: S. Schachnowitz, sLmtlich in Frankfurt a. M.; Pädagogische Beilage: Lehrer I. Spiro in Fulda. — Verlag „Israelit", G. m. b. Frankfurt a. Dr. Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.

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