Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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feuilktott L Die Messiasbrant. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Don S. Schachnowitz. I. Vorzeichen Mordechai 3crot, der reiche, wohlangefehene Kaufherr in Smyrna war von einer Geschäftsreise nach der britischen Hauptstadt an der Themse wieder heimgekehrt, und die Gemeinde war in seinem Hause versammelt, um ihn zu begrüben und Kunde zu erhalten von dem. was in der groben Welt sich ereignete, zu hören, wie es den Brüdern in der Diaspora ergehe und ob nicht von irgendwoher Erlösung aus der jüdischen Not allenthalben winke. Unter den einheimischen Gästen, den Verwandten und Bekannten Mordechai Zewis, den Rabbinern und Vorstehern der Gemeinde, fiel die hohe, jugendliche Gestalt eines auswärtigen Gelehrten in fremdländischer Kleidung auf. Es war Rabbi Nathan aus Gaza,' der zu Sammelzwecken in der Levante weilte und von seinem ältern Smyrnaer Freunde Josef Isla ffa in den Kreis eingeführt wurde. Mordechai Zewi erzählte von seinen Erlebnissen und Erfolgen und den ihm zuteil gewordenen Ehrungen. Man habe sich allenthalben gefreut, einen Vertreter der türkischen Iudenheit zu sehen und grobes Interesse für die Lage der Juden im Oriente bekundet. „Man sagte," erzählte er, „wir in der Türkei seien besonders ausgezeichnet und berufen, des Messias zuerst sichtbar zu werden. Wird er doch hier erstehen, um Gottes Volk zu befreien und" — Mordechai Zewi senkte seine Stimme bis zum Flüstern — „Sein heilig Land dem Türken zu entreihen." „Hat man dort Anhaltspunkte für die Ankunft des Messias?" fragte der alte Josef Jskaffa, und seine Stimme zitterte. „Man spricht von alten Büchern, in denen der Zeitpunkt angegeben oder mindestens angedeutet fein soll." „Wo, wann?" fragte ein Dutzend Stimmen auf einmal. „Ich bin kein Gelehrter," entschuldigte sich Mordechai Zewi, „ich bin Warenagent und muhte im Aufträge meiner Kaufherren mich mehr in Handelshäusern aufhalten als in den Lehrstätten. Immerhin hörte ich in den Bek¬ und Lehrhgusern unserer spanischen Bnider, die in London eine grohe Gemeinde bilden, so manches, was mich erschauern und alle Geschäfte vergessen lieh, was ich aber nicht so in Morten. Sätzen und Zahlen wiederzugeben vermag." Der Fremde. Rabbi Nathan aus Gaza, erhob sich und nahm das Wort. „Das alte Buch, das ist der Sohar, die heilige Rolle, die Rabbi Moscheh hen Nachmann in der Höhle des Rabbi Schimeon ben Iochai bei Tiberias gefunden hat und die die Aufzeichnungen Rabbi Schimeons während seiner dreizehnjährigen Einsamkeit enthält. Ein günstiger Wind hat sie dem Rabbi Mosche de Leon vor zweihundert Jahren in die Hand geweht, daß er sie in Israel verbreitete. Was darin geschrieben steht, ist Geheimnis in Geheimnitz, Licht in Licht, schwarzes in weihem. Heilig, dreimal heilig jedes Wort. Und darin ist es in Wahrheit auch geschrieben ..." Rabbi Nathan, der bisher ganz still, fast bewegungslos dagesessen hatte und nun also in großer Feierlichkeit zu reden begann, glühte ganz, sein jugendliches Gesicht im von Silberfäden durchzogenen schwarzen Bartrahmen leuchtete in seltsamem Feuer, die Augen funkelten im Glücke des Wissenden. „Was steht darin geschrieben?" fragten alle auf einmal. „Wir haben in Jerusalem, in Hebron, in Tiberias und in Gaza Nacht für Nacht an den Gräbern der Großen, Heiligen und Frommen geweint und gebetet, daß uns der Rätsel Deutung werde ..." ' „Und was habt Ihr erbetet?" Alles Interesse war jetzt vom Hausherrn auf den fremden Rabbi aus Gaza abgelenkt. „Man nannte uns. nachdem wir uns in Gebet und Tränen abgehärmt, im Traume eine Folia im heiligen Soharbuche. Ganz getrennt voneinander halten wir in der gleichen Nacht, in der zum neunten Ab, den gleichen Traum, sodaß wir morgens zur gleichen Zeit im Lehrhaus nach der gleichen Stelle suchten. Dort fanden wir nur einen Hinweis auf den dritten Bibelyers im Kap. 25 des dritten Thorabuches." Alle Hände griffen nach dem auf dem Tische liegenden Thorabuche und schlugen nach. Einer las: „Bischnath ha Jobei Hasoth". „ Hasot h!" unterbrach Rabbi Nathan, scharf unterstreichend. Und alle wußten, daß es auf dieses Wort ankam. „Im Jahre des Jobel, d. h. der Erlösung, da das Jobelhorn Israel und der Welt Befreiung verkündet, das ist im Jahre H. S. A. T. „He" das sind die fünftausend seit der Schöpfung, „Tow" ergibt die Hunderte und „Soien, Olef" die Einzeljahre. Im Ganzen haben wir 5406 ..." „Und wir zählen jetzt 5405, also in drei Jahren? . . ." Die Augen der Anwesenden weiteten sich in glühender Erwartung. „Aehnlich hörte ich es auch in London," erinnerte sich Mordechai Zewi, vielleicht nur, um sich wieder bemerkbar zu machen, „aber ich wußte nicht mehr recht, wie und wo." „In drei Jahren," setzte Nathan seine Rede fort und seine Stimme hatte prophetisch dunklen Klang, „in drei Jahren wird sich der Erlöser, der bereits geboren ist und unter den Feinden in einer der Türkenstädte blüht, der Welt zeigen. Dann aber, dann - . „Dann? ..." „Dann folgen die Jahre des Uebergangs mit ihren Nöten und Leiden. Weh und zugleich heil denen, die sie miterleben. Heil den Harrenden, die erreichen das Ende! . . ." „Wie lange glaubt Ihr im heiligen Lande soll die Uebergangszeit dauern?" „Dafür haben wir die sichersten Hinweise. Die Achtzehnzahl, die Zahl des „Chj", des Lebens, tritt uns allenthalben in den Büchern der Kabbala entgegen. Also nach zweieinhalb Schmittaus. Zudem weiß man aus verschiedenfachen Stellen und nach einer mit eigenem Schlüssel gefundenen Deutung der dunklen Prophezeiung in Daniel, daß das Endziel im Jahre 5426, im Jahre, da die Nazarener drei Sechs (1666) zählen, so sicher zu erwarten ist. wie es sicher steht, daß sich der Anfang 5406 ankündigen wird ..." , . . Man drang nicht mehr in Mordechai Zewi, von London zu erzählen. Und er selbst fand seine Berichte armselig und belanglos im Vergleich zu dem, was sie im heiligen Lande wußten und sich dort vorbereitete. Rabbi Nathan nahm aber die alten engbeschriebenen Blätter nr. k 1924 hervor und las mit näselnder Betonung und vielen eigenen erklärenden Zusätzen, wobei er abwechselnd an dem langen zugespitzten Barte kaute, daß die Worte nur undeutlich aus dem Munde kamen, die Augen schloß und sie dann wieder weit aufriß und m die Ferne schweifen ließ. Er las von Völkeransammlungen und Kriegen und Leiden, Hunger, Not und Blut, und wie am Nachthimmel ein Stern aufflammt und wachsend den Horizont erleuchtet. Er las von den abgeschiedenen Seelen, die wiederkommen, um in zweitem Leben das zu vollbringen. was sie im ersten durch eigene oder der Geschlechter Schuld verabsäumt hatten. „Auch die Könige, auch die Propheten werden auferstehen . . . Heil dem Harrenden! ..." „Was sind drei, was sind achtzehn Jahre im Tausendjahrtage Gottes? Eine kleine Spanne, achtzehn Sandkörnlein am Ufer, achtzehn Tropfen im Weltmeere und kaum beachtlich im Strome der Zeit . . (Fortsetzung folgt.) Marienbader Quellen in — Palästina. Herr Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren) schreibt uns: Die Badesaison rückt jetzt immer näher heran und die großen böhmischen Kurorte, Karlsbad, Marienbad, Franzensbad usw. rüsten sich, das internationale Kurpublikum zu empfangen. Nur wenige scheinen es zu wissen, daß es für Marienbad einen vollwertigen Ersatz gibt, und zwar in Palästina. In der Mischna Sabbat, P. 14, 3 ist von v'^pn die Rede. Nach Talmud Sabbat 110 a haben diese dieselbe Wirkung wie die Marienbader Quellen und sind mit ihnen sogar identisch. Der Talmud gibt auch die Trinkration dieser Quellen an: marimum drei Becher. Diese Quelle entspringt in der Nähe zweier Dattelbäume (daher der Name '»), leider ist die geographische Lage dieser Bäume und Quelle nicht näher angegeben. 121 U21»»2 «2'U mdn «nin. Auch Maimonides im ®it>s nvatnan gibt die Lage dieser Quelle nicht an, er schreibt nur: 'm n^pi ntf pnai. Vielleicht veranstaltet man eine Ausgrabung dieser Quelle, die sicherlich lohnender und vom religiösen Standpunkte eher zu begrüßen wäre als die Ausgrabung der heiligen Stätten in Palästina. wäm Ainderecke. Die Gesetzestafeln. Don Heinrich Einstädter in Frankfurt a. M. Der Gutsbesitzer Baron von Heldenstein hatte den Händler Reisner zu sich bestellt, um mit ihm eine wichtige Angelegenheit zu verabreden. „Sie wissen, daß seit vielen Jahren fast alle Anschaffungen und Verkäüfe von mir durch Vermittlung des Maklers Wohlgetan geschehen. Ich habe zu dem Manne großes Vertrauen, denn er ist geschäftskundig und äußerst ehrlich. Aber seit längerer Zeit kann er seinen Geschäften nicht mehr recht Nachkommen. Dadurch, daß seine Frau leidend ist, muß der Mann öfters zuhause bleiben. Während er sich früher fast täglich hier umgesehen hat, kommt er fast nur noch auf Bestellung., und daraus entsteht mir ein gewisser Nachteil. Nun sind Sie mir von Freunden empfohlen worden. Ihr Geschäft führt Sie fast täglich an meinem Gute vorüber. Wenn Sie da bei mir vorsprechen, können Sie manche Aufträge von mir erhalten, und wenn sie sich als so zuverlässig erweisen, wie Sie mir geschildert worden sind, so soll es ihr Schaden nicht sein."