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Der Israelit · 1924-05-29 · Heft 22 (29.5.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■<H:a Bf. 22 In TMesäugsten. Iossel konnte dessen sicher sein, daß an seiner Bahre in der Stadt nicht geweint werden wird, tzx war eifl Mahn von siWWFMi^M nüchHie iwenigew'Mchijuden^dess-.,-Städtchens' und die Dauern der Umgegend sehr zu schätzen wußten ... Aber seine Betätigung war keineswegs eine ^rühmliche und geachtete, .Ex. war, wie man es o nannte^. .eMx„WWper",. ein^Typ, der nun wch im Osten aüsgestorbeN ist, im vorigen Jahrhundert aber schon mit seinem Namen ungeheure schrecken bei allEMüÜerü-aÜslöste. War doch Kiefern haUMDiezHewMHenHeD KWuweilen I-er Behörde gegenMer. ,,Kcihal"svertraten, pfleg- Iten sich an die ärmsten der Armen zu halten. Und [ihre beauftragten , Häscher, kannten; keine [Gnade noch" Erbßrmep. Fluchbeladen ging [Iossel mit seinemMeinernen Herzen und seinen [eisernen Fäusten durch die Welt. Und als die [neue Zeit der allgemeinen Militärpflicht ihm [das elende Hanhw^rk 'legte, lehte erist Not, jformte aber auf kein Mitleid rechnen. Cr war wohl der verachtetste und meistgehaßte Mensch litt der Gemeinde, dessen Riesenkraft allein ihn [vor tätlichen Angriffen schützte. Wie. Iossel älter wurde, zeigten sich doch in [seinem Gesichte RuNen und Falten. Ob Reue in diesen Falten lag, war schwer zu sagen: Eine |6orge plagte ihn aber ungemein, und er > ihr zuweilen Ausdruck. Er fürchtete, daß [fein Leichnam später zum Zeichen der Verachtung außer der Reihe oder gar hinter der Mauer verscharrt werden würde. Es kam wohl in früheren Zeiten vor,'daß die Gemeinde mit den Schlimmsten ihrer Elemente so verfuhr, als [Strafe und Wärnuttg für Andere. Dü ergab es sich einmal, daß Iossel sich gerade die Männer, auf die es ankam, den »heiligen Verein", zum großen Danke verpflichtete und sich auf diese Weise rehabilitierte ünd [sogar ein Ehrengrab in der Reihe verdiente. Und das geschah folgendermaßen: Der Weg nach dem jüdischen Friedhof, der weit außerhalb der Stadt lag, führte durch das nichtjüdische Viertel, was sich junge Bauernburschen zunutze machtenum jüdische Lejchenzüge zu stören. Handelte es sich insbesondere um eine nächtliche Bestattung (es ist dieses in vielen Gegenden des Ostens üblich), so kamen die übermütigen Gesellen aus ihren. Löchern und bewarfen Träger und Bahre mit Steinen. - Alle Klagen bei den älteren Bauern wie auch Beschwerden bei den Behörden waren nutzlos. Dadurch ermutigt, trieben es die Unholde noch schlimmer, erössneten wahre Bombardements uuf die Züge und wenn alles davongelaufen war, machten sie sich sogar an die Bahre heran und schändeten die Leichen- Man war in der Gemeinde ratlos und wußte sich, da die Behörde nicht ernstlich einschritt, gar nicht zu Mfen. Jede Bestattung war buchstäblich mit Lebensgefahr verbunden. Da kam eines Abends Iossel der „Chapper" m die Sitzung des „Heiligen Vereins" und erklärte: - Man kannte wohl die eisernen Fauste Jossels: Dennoch hegte man Zweifel, denn es galt hier gtzgen eine Uebermacht von kräftigen jungzen Bauern zu kämpfen. Man fragte ihn, wie .er das anfangen wollte. „Das sollt ihr mir überlassen,"gab Iossel zurück. „Ich werde.mit ihnen fertig. Freilich muh ich mir ausbitten, daß die Vereinsdiener und die Träger genau auf mein Kommando achten." An einer der finsteren Nächte ließ sich Iossel in weiße Sterbegewänder hüllen und auf; die Bahre legen. Das schwarze. Bahrtuch bedeckte ihn..Und so trug man ihn durch, die nichtjüdische Gasse dem Friedhof zu. Kaum aber war hier der kleine Zug sichtbar,- als die jungen Bauern mit einem wahren .Steinregen über ihn herfielen. Auf verabredetes Zeichen liefen die Träger davon und liehen die Bahre mit dem lebenden Leichnam im Stich. Darauf warteten die Bauernburschen, um sich an die Leiche selbst heranzumachen. Sie rissen das Bahrtuch herunter und wollten die Bahre umwälzen. Da regte sich plötzlich der Tote und sprang in seinen weißen Gewändern auf den Boden, Unbeschreibliche Angst bemächtigte sich der.. Gesellen und sie.ergriffen die Flucht. Aber der Tote war noch flinker. Cr setzte ihnen nach und hieb mit einer großen Lederpeitsche so wuchtig vor sich, nach rechts und links hin, daß die Flüchtenden wie von tausend Dämonen gejagt mit schlotternden Beinen liefen und manche zu Boden fielen. Wer die Kraft hatten davonzujagen, versteckte sich für den Rest der Nacht im tiefsten Heuboden', um von den Toten, die auferstanden waren, ihre Ehre zu rächen, nicht erreicht zu werden. Am folgenden Tag lag ein gut Teil der Angreifer krank zu Bett, von den Schlägen sowohl .wie von den ausgestandenen Todesängsten. Die Bahre war in der Nacht verschwunden, es hatte keiner gesehen, wohin. Die Ueberfälle in der Gasse hörten von diesem Tage an vollkommen auf. Sobald sich nur ein jüdischer Leichenzug blicken ließ, versteckten sich die Bauernjungen wie die älteren Burschen und blieben verborgen, bis der Zug vorüber war. Der Respekt vor den jüdischen Leichen war ihnen für alle Zeiten eingebläut... Am fünfzehnten Kislaw, beim Festabend des „Heiligen Vereines" wurde Iossel in den Kreis der Ehrendiener des Vereins eingereiht. Ein würdiges Grab in der Reihe ist ihm sicher. Das große Verbrechen. (Aus einer Gerichtsverhandlung in Sowjet-Rußland.) . „Ich nehme es auf mich, den rohen Gesellen Mm Denkzettel zu geben, daß sie sich nie im ^eben mehr an unsere Leichenzüge heran- ^agen." Russische Zeitungen brachte dieser Tage die Mitteilung, daß im Volksgericht zu Minsk gegen vier Angeklagte verhandelt wurde, die an einem Kind die Beschneidung vorgenommen hatten. Aus näheren Berichten russischer Zeitungen können wir uns folgendes Bild von den Verhandlungen machen: Der große Gerichtssaal ist vollgepackt von Zuhörern. Der lange Tisch ist mit einem roten Tuch bedeckt. Das Gericht kommt. Die Herren Richter mit rotem Sowjetstern nehmen am Tische Platz. Die Menge ist unruhig. Vorsitzender (an das Publikum gewendet): Genossen und Freunde der freien sozialistischen Republik!. Wir haben heute hier einen Fall, der manchem vielleicht ckeinlich erscheint, in Wahrheit aber von großer Bedeutung, der Prozeß aller Prozesse ist. Man hat einen Gewissenszwang an einem hilflosen Kinde verübt; einem Kinde, das freigeboren ist, ein Genosse zu sein, unter Schmerzen und Blutverlust und abergläubischen Handlungen den Stempel einer Religion aufgedrückt. Erschwerend kommt hinzu, daß es das Kind. eines Kommissars ist, also eines Mannes, der im Dienste unserer Sache steht. Ich bitte die Genossen . vom . Publikum sich ruhig zu verhalten und eröffne die Sitzung im Namen der Rätemacht. Unter strenaer Bewachung wird ein älteres Ehepaar in den Saal geführt. Hinter ihm ein granbärtiger Jude uud dann noch eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arm, das beim Anblick der vielen Menschen in ein furchtbares Geheul ausbricht. Im Zuhörerraum wird laut gelacht. Gerichtsdiener in rotem Kittel drohen, jeden, der noch einen Ton von sich gibt, auf die Straße zu setzen. Der Vorsitzende ruft den ersten Angeklagten auf: Chajim Elje Lapides! Der Alte steht auf. Vorsitzender: Wie alt seid Ihr, Genosse Lapides? Angeklagter: Acht- oder neunundsechzig, ich habe die Jahre nicht so genau gezählt. . Vors.: Eure Beschäftigung? Angekl.: Wie die Welt noch eine Welt war und ich ich, war ich ein ehrbarer Schneider. Nun aber schneidere ich schon lange nicht mehr. Vors.: Und wovon lebt Ihr jetzt? Angekl.: Wovon ich lebe? Natürlich vom Essen und Trinken. Gestohlen habe ich nie und . von fremder Hand. was angenommen auch nicht. Line Tochter in Amerika schickt, mir hier und da ein paar Dollar. Und wenn sie ausgegangen sind, dann borgt man und hungert man ein wenig, bis der nächste Brief kommt. Der. Vorsitzende ruft die zweite Angeklagte aus: Chase Beile. Lapides! Die Frau..steht auf. Vors.: Wie alt seid Ihr, Genossin Lapides? Die Angeklagte, (näselt kaum verständlich): Ich heiße nicht „Genossin", ich heiße Chaije Beile. - Und wie alt ich bin? Wen geht das was an. Ich vernehme keines anderen Platz auf der Welt. Dorf.: Wir wollen es aber wissen. Angekl.: Ihr wollt noch viel mehr. Ihr wollt auch Gottes Welt umkrempeln. Wird Euch soviel nützen wie einem Toten der Aderlaß. Ehajim Elje (lachend): Meine Frau wird Euch ihr Alter nicht sagen. Ich kenn sie besser . . . Schreibet wie bei mir. Es kommt ja nicht daraus an. (Lachen im Publikum.) Vors.: Womit beschäftigt Ihr Euch, Genossin Lapides? Angekl.: Was eine Frage. Eine jüdische Frau hat zu tun, und wenn ich freie Zeit habe, lese ich im „Taitschchummisch". Der Vorsitzende ruft den dritten Angeklagten auf: Genosse Awrohom Maier Resnick! Wie alt seid Ihr? Angeklagter (seufzend): Cm Sechziger, Gott sei es gedankt! Vors.: Eure Beschäftigung, Genosse Resnick? Angekl. (in Lernmelodie): Beschäftigungen habe ich mancherlei. Aber „Genosse" war ich nie und werde es auch nie sein. Früher, versteht Ihr, war ich einmal Schachet, einmal Mohel, ein wenig Chasen und am meisten Schadchen, wie es gerade kam. Heute natürlich liegen all diele Geschäfte tief am Boden, und wäre ich, wenn nicht mein Sohn in Amerika an mich denken würde, längst siebenmal verhungert. Der Vorsitzende ruft die vierte Angeklagte auf: Ethei Rotmann. Die Frau erhebt sich mit dem Kinde auf dem Arm. Vors.: Wie alt seid Ihr und was ist Eure Beschäftigung? Angekl.: Ich bin 25 Jahre alt und verkaufe Manufakturwaren auf dem Maöt. Vors.: Euer Mann, Genosse Rotmann, ist'Kommissar. Gibt er Euch nicht genug zum Leben, daß Ihr selbst arbeiten müht? Angekl.: Mein Mann gibt mir alles ab, was er verdient. Aber er verdient „Kadoches". Es reicht nicht einmal aus, um die Milch für das Kind zu kaufen. Würde er etwas in die Hand nehmen ... wie die anderen Kommissare, dann ging es gilt. Aber zum Unglück ist er ein ehrlicher bolschewistischer Narr . . . Vors.: Wie heißt Euer neugeborener Knabe, der kleine Genosse auf Eurem Arm? Chaje Beile (antwortet für ihre Tochter): Das Kind heißt nach meinem Vater und Chajm Eljes Vater Joel Gumpel. Es waren fromme ehrliche Juden. Mögen sie ein lichtvolles Gan-Eden haben. (Alles lacht.) Der Sekretär verliest das Protokoll. Es geht daraus hervor, daß Chajim Elje und seine Frau Ehaje Beile Lapides sowie deren Tochter Ethel, die Frau des Kommissars Rotmann, einer Verschwörung gegen die Sowjetrepublik beschuldigt sind. Der Tatbestand ist, daß er an einem Kinde, das ihrer Tochter, der Ethel, der Frau des Kommissars, geboren wurde, in Gemeinschaft mit dieser zwangsweise die Beschneidung vollziehen ließen. Der Großvater Ehajim Elje hatte dabei das Kind auf seinem Schoße und Chaje Beile hatte das Kind in großer Feierlichkeit ins Zimmer gebracht. Awrohom Meier Reßnik hat im Aufträge der Mutter und der Großeltern die Beschneidung vollzogen und hat sich dabei der schweren Beihilfe an der Verschwörung schuldig gemacht. Vors.: Angeklagte! Bekennt Ihr Euch zu dem Euch zur Last gelegten Verbrechen? Alle Angeklagten zugleich: Ja, ja, ja!!! Als erster Zeuge wird der Vater des Kindes, Kommissar Rotmann verhört. Kommissar Rotmann: Genossen und Richter! Ich schwöre bei allem, was rot ist, daß ich als Vater und Kommunist meiner Ethel nahegelegt habe, eine „rote Taufe" zu feiern und dem Kinde den Namen Marr-Lenin- Trotzki zu geben. Aber meine Frau schwor, sie werde „Bris" halten, und wenn ich mich aushänge. Ausgehängt habe ich mich nicht. Aber wie ich an dem Unglückstag» gerade dabei war, mit anderen Kommissaren ein geheimes Cheder auszuheben, nahm meine Frau das un- :.. *'■ ' - ■. n f 5r WG •'V v.% %■ ‘ . V *;• '* * .14« ";r . i’-'V: •i ■vMÜ; '• -i V. -i ,V1 o 'iMM

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