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Der Israelit · 1924-05-22 · Heft 21 (22.5.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 21 (22.5.1924)
Date
1924-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r. 2i 1924 Reiseeindrücke von ZS. ZZerkmann. 1. Mit meinem Freunde Kapitän Bulanow suchte ich in Shanghai, und zwar in der innersten Chinesenstadt, ein Restaurant auf. Bulanow sprach Chinesisch in allen Mundarten. Wir nahmen an einem der Tischchen Platz und bestellten uns den obligaten Tee. Daneben saßen zwei Musikanten, ein alter Chinese und ein Jüngling. Der Alte spielte auf einer chinesischen Fidel mit e i n'e r Saite, der junge Bursche sang dazu chinesische Lieder, von denen ich natürlich kein Wort verstand. Als das „Konzert" zu Ende war, ging der Junge mit einem Teller herum. Es entging dem Auge des Alten nicht, daß ich eine größere Silbermünze hineingeworfen hatte, denn er bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung und gab mir zu Ehren noch ein Lied dazu. Der alte Chinese interessierte mich und ich bat Freund Bulanow, ihn ein wenig auszusragen. Wie mir Bulanow übermittelte, erzählte der Chinese folgendes aus seiner Lebensgeschichte: „Ich bin in einem Dörfchen unweit von Kanton geboren. Mein Vater starb vor dreißig Jahren. Damals verließ ich mit den Meinen das Heimatdorf." „Wie konntest du es über dich bringen, deines Vaters Grab im Stich lassen? Wer wird jetzt die bösen Geister von ihm sernhalten?" fragte Bulanow, der mit dem Kult, dem Glauben und Aberglauben der Chinesen vollkommen vertraut war. „Ich komme hierher", antwortete der Alte, „um die Gebeine meines Vaters hier in Shanghai auf dem jüdischen Friedhof, dem einzigen in China, zu bestatten. Dreißig Jahre wandere ich bereits und sammele das Geld für diesen Zweck, doch war es nicht gerade leicht, all das viele Geld zusammenzubringen." Die Antwort verblüffte mich so sehr, daß ich meinen Ohren nicht traute. „Warum ausgerechnet auf dem jüdischen Friedhof?" ließ ich ihn fragen. „Weil mein Vater jüdischen Glaubens war," antwortete der Alte. „Der Mann da, der die Silbermünze in den Teller warf, ist ebenfalls Jude," wies Bulanow auf mich Da griff der Chinese tief in die Tasche und holte ein zusammengefaltetes Pergament hervor, das er. mir vor Augen hielt. Es war eine Mefusoh, mit der er sich scheinbar legitimieren wollte. „Wie und auf welchen Wegen kamt ihr nach China?" ließ ich ihn fragen. „Das wußte mein Großvater, vielleicht auch mein Vater, ich weiß es nicht," gab der alte Spielmann zurück. 2. Die arabischen Juden spielen eine große Rolle in China, besonders in Schanghai. Sie sind die Alteingesessenen, und ihr Einfluß auf die Entwicklung des ökonomischen Lebens ist viel älter als der der Engländer. Leider aber haben die arabischen Juden alle jüdischen Züge in ihrem Antlitz spurlos verloren. In religiöser Beziehung fühlen sie sich noch als Juden. Sie besitzen in Schanghai eine große, schöne Synagoge, die an den Festtagen gut besucht ist. Aber die Kenntnis des Judentums und seiner Lehre ist so gut wie verschwunden. Auch die hebräische Sprache ist ihnen in Vergessenheit geraten. Die Gebete lesen sie und sprechen sie in einer Art, die auch den sefardischen Juden nicht verständlich ist. Im arabischen Juden in China haben wir eine ungesunde Mischung von chinesischer Eigenart und englischer Kultur. Verständigen kann sich ein europäischer Jude mit ihnen höchstens in englischer Sprache. Der jüdische Klub „Achduth" in Shanghai zählt auch einige arabische Juden als Mitglieder. Dort lernte ich ihrer einen kennen, einen wohlhabenden Kaufmann mit Namen Kanal. Auf meine Frage, wie es ihm gehe, antwortete er: „Nicht gut, mein Herr, man wird alt und grau." Und er zeigte auf seine weißen Haare. „Was bedeuten graue Haare?" tröstete ich. „Hat doch Abraham hundertjährig noch einen Sohn bekommen!" „Nicht möglich," wunderte sich der Mann. „Wo habt ihr das her?" „Woher? Es steht doch in der Thora." „Thora," staunte der Greis. „Wo erscheint denn diese „Zeitung" und in welcher Sprache? ..." Die arabische Gemeinde in Shanghai hat auch einen Rabbiner, namens Rabbi Hirsch, einen gelehrten Mann, der auch außerhalb seines Kreises großes Ansehen genießt. Für seine Wirksamkeit bietet ihm aber seine Gemeinde keinen Boden. 3. Die letzten Tage in Shanghai brachten mich mit einem dritten jüdischen Typ zusammen. Der Mann durchwanderte die ganze Welt, segelte über sämtliche Meere, sprach mindestens zehn Sprachen, ohne eine einzige richtig zu beherrschen. Ein internationaler Jude, geboren in der Ukraine, heiratet in Bukarest, staatszugehörig in Brasilien, bankrottiert in Sansibar, hatte einen Laden in Argentinien, wurde ausgewiesen aus Kairo. Nach China kam er über Kalkutta und Transval. Der Mann soll in Shanghai großartige Geschäfte machen, von welcher Art war nicht zu ermitteln . . . Althebräische Inschriften ans dem Berge Sinai. Der Schriftsteller Wolfgang Weis! berichtet über ein Gespräch, das er mit dem Chef der dänischen Palästina- Expedition, Gunnar Sommerfeld, in Jerusalem gehabt hat. Herr Sommerfeld gibt die folgende Schilderung feiner Reise zum Berge Sinai: „Von Akaba (der Hafenstadt, wo Herr Sommerfeld Petroleum gefunden haben will) ritt ich auf Kamelen nach Ta'ba, dann, schon in ägyptischem Gebiet, weiter nach Fort Nurvibi. . . Von hier zog ich auf den Spuren des Zuges der Kinder Israels weiter: in Schattra, Wadi Tahme, Wadi Sa'ol, wo ich unerforschtes Gebiet durchquerte. Von hier zum berühmten Grab des Heiligen Shell Sa'akim, von da endlich zum VergSinai. Auf dem Weg zum Berggipfel fand ich althebräiische Inschriften. Am Berg Sinai, dem gewaltigen Djebel Mufa, mußte ich mein Zelt 50 Meter von der Mauer des griechischen Katharinenklosters aufschlagen. Da ich nicht rechtzeitig die Erlaubnis des Patriarchen in Jerusalem erbeten hatte, verwehrte man mir den Eintritt ins Kloster. Doch brachten mir die Mönche Wein, wie ich ihn in meinem Leben noch nicht getrunken habe. Die Mönche ziehen Reben in ihrem großen Klostergarten, in dem ich übrigens auch Orangen pflückte, die den besten kalifornischen Orangen ebenbürtig sind. In diesem tropischen Klima gibt es scheinbar kein absolut unfruchtbares Land; wo ein bißchen Erde ist, wo der Mensch Arbeit und Liebe auf den Boden verwendet, gibt dieser Ertrag, als wäre er fruchtbarer Acker und nicht Felsenwüste des Sinai, in die man auf Kamelen Humus gebracht hat. Auch bei Rasnes Sasfaf — wo Moses seinen wundertätigen Stab geschnitten haben mag, — fand ich ein ähnliches Bild: Palmen, Zypressen, Wein, Orangen, Gemüse wachsen hier am Ufer der Quellen, die herrliches Wasser führen. Die Gegend ist landschaftlich großartig, mit keiner Landschaft der Welt zu vergleichen. Ein Felsenmeer mit tausend Türmen, Zinnen, Rissen, das in dem sonnenheihen Himmel des Orients brennt und glüht. Glüht — die Temperaturen in den Tälern schwankten nämlich (die Reise fand im März statt) zwischen 35 und 50 Grad Celsius. Nicht einmal bei Nacht wurde es kühler. Ninderecke. M c. Das Wort und die Tat. Von Dr. Felir Wertheimer in Düsseldorf. Dein Wort sei heilig — deine Sprache sei aufrichtig. Ein Wort kann verwerflich und sündhaft sein, wenn es Heiliges verlästert und entweiht; ein Wort ist unschädlich, aber auch nutzlos als leeres Geschwätz, und um müßige Stunden und Minuten auszufüllen. Ein Wort ist aber heilig, wenn es zur Förderung der Wahrheit beiträgt, zur Belehrung und Veredelung, zum Gedankenaustausch zwischen Lehrenden und Lernenden, wenn, es schöne Vorbilder dem Leben vorzeichnet, um die Tatkraft zu wecken und zu begeistern. Da finden wir ein schönes Beispiel im Midrasch: "B’i2i„ sind „Worte" "D’Tim" sind „Bienen", damit will angedeutet sein, daß das gesprochene Wort einer Biene gleicht, es hat seinen Honig und auch seinen Stachel. 122^2 1'NN J1R IMtWl «V „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen," ruft uns das Gotteswort in M. III zu (Kap. 19, 17). Zunächst heißt das, du sollst überhaupt nicht hassen, du sollst auch wieder gut werden. Ein Mensch, oder gar ein Jude, der da sagt: „Nein, niemals werde ichs wieder vergessen," oder „niemals gehe ich wieder dorthin, wovon ich mich getrennt," der sollte doch mal am heiligen Jomkippur darüber Nachdenken, wie es ihm erginge, wenn der groß- und langmütige, der allverzeihende Vater im Himmel ihm sagen würde: „Niemals!" Welch herrliches Wort aber hatte selbst Gott nach dem größten Vergehen der Kinder Israel? — ■wwo — „ich habe verziehen". Und dann: Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen will heißen: Du sollst deinen Groll nicht verhehlen, sondern offen zu erkennen geben; 'du sollst nicht freundlich zu ihm sprechen und deine feindlichen Gefühle und Gesinnungen verbergen, denn das führt llaurige Folgen nach sich. So gertzelt der Prophet Jirmiiahu seine Zeitgenossen iai nain aitoV vinv fn „ein mörderischer Pfeil ist ihre Zunge, Betrug ihre Reden." "lar ins-, n« albv varr „mit dem Munde spricht er freundlich zu seinem Nächsten" *121« d'v impn,- und inr Herzen legt er ihm eine Falle." (Jirm. 9) AbsaloM haßte seinen Bruder Ammon, ließ es ihn aber nicht merken, und das führte einen Brudermord herbei. Wenn du schon hassest, so hasse offen, es ist weniger gefährlich, als Liebe zu heucheln (aber nicht zu hassen — sondern zu lieben sind wir auf Erden!) Die Brüder haßten den Joses; das war wohl nicht schön, nicht brüderlich, aber fügt die Schrift hinzu: i>"alip!> 1121 ii>2’ kH, sie vermochten nicht freundlich mit ihm zu reden." Das macht ihnen also Ehre, sie waren offenherzig, was immerhin eine schöne Eigenschaft ist. Des Neides und des Hasses konnten sie sich nicht erwehren, aber bis zur Heuchelei und Verstellung hinab sanken sie doch nicht. „Aus ihrer Schande ist zugleich ihr Ehrgefühl ersichtlich." Dazu bemerkt der Midrasch pnaiaa stn2^2 '1» wie auf der Lunge so auf der Zunge. „Es klagen die Tiere die Schlange an", erzählt der Talmud als Fabel (iv iwis) „der Löwe zerfleischt, um seinen Hunger zu stillen, der Wolf erwürgt sein Opfer und frißt es. Du aber Schlange, welchen Nutzen hast du von deinem Gifte? Die Schlange aber entgegnet: ^V2b iiin' n» „Welchen Nutzen hat der Meister der Zunge, der Mensch" (Koh. 10, 11) was für einen Nutzen hat einer, der mit seiner Zunge Gift schleudert gegen den Nebenmenschen aus Rache oder Bosheit; — und hier hat die Schlange recht. Ihr ist das Vergiften zur Natur geworden, — sie muß es. Dem Menschen aber ist die Sprache zum Segen gegeben und er verwandelt sie in Fluch. Aber das Wort ist nicht das einzige Mittel zur Belehrung und Veredlung des Menschen, mehr noch ist es die Tat, das Beispiel, die Darstellung. Der schwachsinnige Schüler, der oft die einfachste Wahrheit nicht begreifen kann, wenn das Wort sie ihm kündet, versteht sie, wem sie vorgezeigt, wenn sie ihm anschaulich

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