Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1924)
- Date
- 1924-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ßr. r» „Witwen und Waisen". Von Heinrich EinstSdter in Frankfurt «. M. I. Der Mond schien hell in das Schlafzimmer. Die Frau sah aufrecht in dem Bette und schaute besorgt hinüber zu ihrem Manne, der sich schon geraume Zeit im Schlafe unruhig hin- und herwälzte und dabei allerlei abgerissene Worte ausstieß. Endlich entschloß sie sich, ihn zu wecken. „Lasar!" rief sie. '„Lasar!" Der Mann erwachte. „Du schläfst wieder so unruhig. Hast du etwas Schlimmes geträumt? Fürchtest du dich?" „Ach nein," antwortete der Mann. „Geträumt habe ich wohl; ich weiß aber nicht mehr, was es war. Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Schlafe nur wieder!" Dieser Vorgang hatte sich schon öfters wiederholt, und immer wieder waren es die gleichen Worte gewesen, die der Mann im Traume gesprochen hatte. „Witwen und Waisen" hatte er erwähnt, und hebräische Ausdrücke aus Sätzen, in welchen die Thora schwere Strafen androht für jene, die die Schutzlosigkeit Alleinstehender mißbrauchen. Daraus mutzte schließlich die Frau einen Verdacht schöpfen. Sie entschloß sich, gelegentlich ernstlich mit ihrem Mnne darüber zu sprechen. Lasar Freienthal hatte nach dem Tode seines Bnlders die Verwaltung feines kleinen Vermögens und die Vormundschaft über die npch minderjährigen Binder übernommen. Die Witwe, die von Geldgeschäften nichts verstand, überließ ihrem geschäftskundigen Schwager gern die Anlage ihres Kapitals. Sie blieb mit ihren Kindern in dem Dorfe wohnen, in dem ihr Mann die Landwirtschaft betrieben hatte. Ihre Aecker und Wiesen wurden verpachtet, und sie ertrugen genug, um sie und die Kinder zu ernähren. Mehrere Iahre hindurch war so alles in Ordnung gegangen. Freienthal waltete nach bestem Wissen seines Amtes, und niemals kam ihm der Gedanke, daß er sich durch die Vormundschaft einen Vorteil verschaffen könnte. Da trat fast plötzlich ein Umschwung der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse ein. Das .Geld verlor an Kaufkraft, die Wertpapiere sanken. Hingegen hob sich der Wert des Grundbesitzes ganz bedeutend. Selbst in kleinen Dörfern, wo früher Häuser und Aecker schwer verkäuflich gewesen wären, wurden jetzt Unsummen dafür geboten: aber die Bauern hielten meistens an ihrem Besitze fest. Auch Lasar Freienthal wollte Grund und Boden erwerben. Doch die Preise, die verlangt wurden, waren ihm zu hoch. Da lenkte sich sein Blick auf das Besitztum seiner Schwägerin. Er kannte ihre geschäftliche Unerfahrenheit und zweifelte nicht daran, daß es ihm möglich sein würde, sie zur Veräußerung ihres Besitztums zu bewegen. Anfangs widerstand er der Versuchung. Sagte ihm doch eine innere Stimme, daß er die Umwandlung nicht im Interesse der Witwe und ihrer Kinder, sondern zu seinem eigenen Vorteil anraten wollte. Aber schließlich gelang es ihm, iene Stimme durch allerlei Vorwände zu übertauben. Er stellte seinen Angehörigen vor, daß sie durch einen Verkauf der Aecker und des Hauses in den Besitz eines beträchtlichen Kapitals kommen würden, dap zur Versorgung der Kinder vollkommen hinreichen werde, und erklärte, daß er nur deswegen das Gut übernehmen wollte, damit es nicht in fremde Hände käme. Der Preis entsprach apch upgefähr dem damaligen Wert, und der Kauf wurde notariell abgeschlossen. Als aber bald , das Kapital, das er für die Hinterbliebenen seines Brpdexs angelegt hatte, immer mehr an Wert einbüme, regte sich sein Gewissen. Er konnte nicht mehr ruhig schlafen und . zeigte auch am Tage eine trübe upd zuweilen' gereizte Stimmung, dii man früher an ihm nicht beobachtet hatte. Eines 'Tages nahm daher Frau Freienthal Gelegenheit, ihren Mann nach der Ursache dieser Veränderung zu ftagen, doch sie erhielt nur ausweichende Antworten. Da fing sie selbst an, von ihrem Verdachte zu sprechen. „Lafar," 'sägte sie, „ich fürchte, daß du an der Schwägerin und an ihren Bindern nicht recht gehandelt hast, und daß dich das jetzt bedrückt. Wenn es so ist, dann bitte ich dich: Mache es wieder gut, fp bald du nur kannst. Warte nicht, hjs es vielleicht' zu spät ist. An unrecht erworbenem Gut war noch nie Segen." Freienthal war blaß geworden und zitterte so stark, daß er sich niedersetzen müßte. Er versuchte, seine Frau davon zu überzeugen, daß er kein Unrecht begangen hätte. Er behauptete, mehr für das Gut seines Bruders gezählt zu haben, als es damals wert gewesen wäre/ und daß niemand hätte voraussehen können, welche Entwicklung erntreten werde. Aber es gelang ihm nicht, die Frau vollkommen zu überzeugend Schließlich sagte sie: „Ich verstehe nicht viel von diesen Händeln, und es kann auch sein, daß dir niemand ein Unrecht Nachweisen kann. Aber die Hauptsache ist, daß du vor dir selbst gerecht bist. Du weißt, daß unser Gott die Witwen und Waisen nicht ungestraft schädigen läßt." Freienthal hätte sich das schon oft selbst gesagt/ Je mehr aber das Wertverhältnis zwischen Grund- und KapitälKesitz sich zugunsten des Ersteren veränderte, desto weniger fand er den Müt, sein Gewissen zu befreien. Er hing allzußhr an seinem Verfnögen. Hütte er jetzt den Häuf rückgängig gemacht, so wäre der größte Teil seines Besitzes verloren gewesen. II, Die Entwicklung schritt auf ihrem Wege weiter. Die Witwe Freienthal war nicht mehr in der Lage, von ihren Einkünften zu leben. Aber vielleicht bedeutete dieser Umschwung für sie ein Glück: denn'ihre Kinder, die indessen herangewachsen waren, erkannten, daß sie nun für sich und für ihre Mutter zu sorgen hätten, und sie bemühten sich, ihre Kräfte zu vermehren und nutzbringend zu gebrauchen. Und sie hatten Erfolg. Alle gediehen und wurden tüchtige und geachtete Menschen. Die Mädchen heirateten angesehene Männer, und dis Jungen sorgten dafür, daß ihre Mutter niemals die Geschenke annehmen mußte, die. Onkel Lasar ihr jetzt öfters anhot. Sie stellten sie so gut, daß die alte Frau sogar in der Lage war, manche zu unterstützen, die unter der Not litten. Als ihr jüngster Sohn heiratete, mietete er ihr eine Wohnung in der Stadt, in der er sich niedergelassen hatte. So war Frau Freienthal nie vereinsamt. Täglich dantte sie dem gütigen Gott, der ein Schützer der Witwen und Waisen ist. . . . Die stetige Besserung ihrer Verhältnisse beruhigte auch nach und nach das Gewissen ihres Schwagers. Er selbst erinnerte nach Jahren seine Frau an ihre einstigen Besorgnisse und fügte hinzu: . „Nun siehst du, wie richtig es war. daß Tamar ihr Gut verkauft hat. Dadurch sind ihre Kinder in die Welt hinausgekommen und sind tüchtige Menschen geworden. Andernfalls wären sie vielwicht noch heute in ' dem Pest Ditterswind, in dem jetzt kein einziger Jude mehr wohnt." Tatsächlich hatten sich inzwischen in diesem Dorfe die Verhältnisse; geändert. Det' Bhfier, dem Freienthal sem Haus und seine Hecker verpachtet hatte, wirtschaftete schlecht. Er ließ es an der nötigen Pflege der Grundstücke fehlest. Als Lasar das gewahr wurde/ versuchte' er. einen anderen Pächter einzusetzen. Wer seiner fand sich, der das verwahrloste Gut übernehmen wollte. Die Pachtzahlungen erfolgten unpünktlich und blieben endlich gapz aus. Pas Haus wurde baufällig, und Freienthal mußte grpße Summen opfern, um es vor gänzlichem Verfall zu bewahren. Jetzt wurde ihm Zein Besitz zur Last. Cr schrieb ihn zum Verkaufe aus. Vergebens! Das Gütchen war so heruntergetpjrLschaftet, daß es niemand begehrte. So würde es für Freienthal eine Quelle steten Verdrusses. Er äußerte zuweilen, es werde ihn noch frühzeitig ins Grab bringen. Ost mußte er selbst nach Ditterswind fahren, um nach dem rechten zu sehen. Bei einem solchen Besuche führte ihn der Bauer, der nun ziellos das Haus bewohnte, in die Scheune, um ihm eine hebräische Inschrift zu zeigen, deren Bedeutung er gern wissen wollte. Ungläubig folgte ihm Freienthal. Doch sieh! Hier, wo er es am wenigsten erwartete, fand er die Bestätigung der Mahnung, die sein Gewissen einst häufig an ihn gerichtet hatte. In die Hinterwand war ein Stein eingelassen, in den die Morte eingemeißelt waren: '• iDVnr*? mp' 'n Smi „Das Wort des Herrn besteht auf ewig." Personalien. Rabbi Alexander Solomon Schreiber V'sr- Sereth» i. Mai. Dienstag, den 25. Nissan, verstarb nach längerem Leiden Rabbi Alexander Salomon Schreiber, eine Stütze der Orthodoxie in der Bukowina (Reu-Rumänien). Der Verlust ist' aber für das gesamte gesetzestreue Judentum ungemein groß. Rabbi Alexander Salomon Schreiber ist 1867 in Mattersdorf als Sohn des nachmaligen berühmten Oberrabbiners von Krakau und Mitglieds desösterreichischen Abgeordnetenhauses, Rabbi Simon Schreiber V"xt, geboren. Seine Kindheit verlebte er in Krakau und verbrachte sie im intensiven Studium der jüdischen Lehre. Ein Neunzehnjähriger, heiratete er die Tochter des in der Bukowina rühmlichst bekannten Philantropen Moses Wachs Vst und kam so auch in verwandschaftliche Beziehung zu seinen beiden älteren Schwägern, Oberrabbtner Leibisch Horowi tz-Stanislau und Rabbiner Alex ander Sal. Schreiber Salomon Lädier in Lublin. Als Oberrabbiner Schreiber ins Abgeordnetenhaus berufen wurde, lieh er seinen Sohn ebenfalls nach Wien kommen, und der kluge, hochgebildete und weltgewandte Alexander diente dem Vater als bester Beirat und Mitarbeiter in dessen politischer Tätigkeit, die in der Hauptsache darin bestand, die religiösen Rechte der Kultusaemeinden und die Rechte der Orthodoxie zu sichern. Diesem Zwecke diente auch ein hebräisches Blatt „Machfike Hadatz" in Lemberg und ein jüdisch-deutsches Blatt in Wien, an denen der Verstorbene kräftig mitarbeitete. Mehr wie einmal verhandelte er in diesen Dingen mit feinem Vater oder in Vertretung desselben mit dem Ministerpräsidenten Graf Tgafe. So gerüstet und vorbereitet, bewährte er sich später als wahre Säule der Thoralehre und des gefetzestreuen Judentums in seinem Kreise, den er stets zu vergrößern