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Der Israelit · 1924-05-08 · Heft 19 (8.5.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 19 (8.5.1924)
Date
1924-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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feulllelo«. nr. i- Btücl^C MmJ'CrV’ IV vCiV iit_1924 Don Koheleth. Ein schöner Frühlingstag, klarer Himmel und goldener Sonnenschein- Ich stehe im Schatten eines großen Hauses und betrachte die Gesichter der Vorübergehenden. Jedes Gesicht' ein Buch, in das in großen und kleinen Zügen, offenen und geheimen, eine Lebensgeschichte eingezeichnet ist- Gesichter, verklärt von Liebe und Freude: Gesichter mit einem Lächeln, der Befriedigung: langweilige und gleichgültige Gesichter und solche, die' von Haß verzerrt oder tiefer Trauer umschattet sind. Ich möchte so gerne den Grund dieser Trauer, dieses Glückes, dieser Freude und dieses Unmutes erfahren und ich trete, zudringlich wie Zeitungsschreiber nun einmal sind, an die Leute mit Fragen heran- Ein gut gekleideter Mann in mittleren Jahren mit vor Glück strahlendem Gesichte muß mir zuerst Rede und Antwort stehen- Ich sage geradeaus: „Lieber Herr! Ich bin Literat und studiere das Leben- Könnt Ihr mir die Ursache Eures Glückes sagen?" Der Mann lächelt behaglich und - antwortet unbefangen: „Ich habe heute ein Geschäft abgeschlossen, welches mir so viel einbringt, daß ich in meinem ganzen Leben nichts mehr zu tun brauchte. Also sind Sie zufrieden mit mir?" fügt er hinzu und bietet mir eine Havanna an, die trotz des „glänzenden Geschäftsabschlusses" ihre pfälzische Herkunft nicht verleugnen kann. — Ein paar Schritte weiter stelle ich einen barfüßigen kleinen Jungen mit einem Pack Zeitungen unter dem Arm. Der Iunge strahlt vor Freude. „Junge," frage ich, „sag mir doch, welches Glück Dir widerfahren ist, daß Du so lustig singst und pfeifst?" „Igwohl, ich freue mich. Ein Herr kaufte mir eine Zeitung ab und gab mir statt des Zehners einen Fünfziger. Die ganzen vierzig Pfennige gehören mir." Im Gesichte und in der Stimme des beschenkten Jungen liegt viel mehr ehrliche und reine Freude, als ich sie bei dem Herrn mit dem „großen Geschäfte" wahrnehmen konnte. — Es vergehen zwanzig Minuten, bis ich das nächste glückliche Gesicht sehe. Ein junges Mädchen mit lachenden Augen, schön wie eine frischerblühte Blume. „Entschuldigen Sie, Fräulein!" Das Mädchen rückt ein wenig erschrocken zur Seite. „Nur eine kleine Frage, verehrtes Fräulein, ich bin nämlich Schriftsteller und Lebensforscher von Beruf. Vielleicht könnten Sie mir die Ursache Ihres Glückes verraten?" „Ich," stottert das Mädchen etwas verlegen und eine Röte überzieht das schöne Gesicht, „ich habe soeben einen Brief erhalten, den ersten, von ihm natürlich . . Und sie weist auf ein niedliches blauumrandetes Billet in ihrer Hand.— Ein paar Schritte weiter läuft mir ein junges Aind, ein Mädchen von dreizehn oder vierzehn wahren in den Weg, das in überschäumender Freude hell lacht. „Warum diese Freude, liebes Kind?" „Ich habe ein neues Kleid erhalten und Schuhe, und Socken, die dazu passen und . . ." Alles Weitre geht in glückhaftem Lachen unter. — An der nächsten Straßenecke stoße ich mit einer jungen Frau zusammen, die ein Kindchen mit wahrem Engelsgesicht auf dem Arm trägt. Aber auch der Mutter Gesicht ist wie in höhere Strahlen getaucht. „Saget mir, liebe Frau, worin das Geheimnis Eures Glückes lieget?" „Geheimnis? Das könnte vielleicht das richtige Wort sein. Ein Geheimnis auch mir und allen Müttern. Seht her, ich bin eine arme Arbeiterfrau und habe sonst nicht viel Freude in dieser Welt, aber wenn ich ins Gesicht meines Kindes schaue..." — Ich glaube schon, dieser Frau den ersten Preis für die Freude zusprechen zu müssen, da begegnet mir ein hochaufgeschossener Jüngling mit verträumten Blicken, ganz verklärt, als wollt seine Seele in Glanz und Sonnenlicht baden. „Warum so glücklich, junger Mann?" „Ob ich glücklich bin- Wer eine Welt beglückt, hat das Recht, glücklich zu sein . - . Ich habe soeben ein Gedicht zusammengebracht, das erste meines Lebens, in dem die Sonne und der Mond und die Liebe und der Schmerz besungen sind. Habe es eben der Redaktion übergeben, die es prüfen will. Hole mir in einer Stunde Bescheid. Prüfen?! Die werden Augen machen, und die Welt auch, wenn sie es morgen gedruckt liest . . .Diese Reime, dieser Rhythmus. Einfach Sphärenmusik, leiser Wellenschlag. Wollen Sie gleich hören? „Der Enge Ketten . . ." Ich laufe davon, was ich kann, um der Sphären Musik und dem Wellenschlag zu entgehen und hätte beinahe einen alten graubärtigen Rabbi, auf dessen Gesicht die Ruhe und die Freude des Eden spiegeln, umgerempelt. „Warum so eilig und so aufgeregt, Mann", weist er mich sanft und lachend zurecht. „Und woher diese geruhige Freude bei Euch?" geb ich zurück. „Allen Grund, mein Lieber. Ich komme vom Beshamedrasch. Seit drei Tagen streiten wir, ja liegen wir uns in den Haaren über den „harben Maharfchoo", der garnicht in Einklang zu bringen war mit dem „Maharam" und einer Stelle im „Rambam". Nun hatte ich es auf einmal raus. Alles ist offen und klar, alle Rätsel gelöst. Reb Äokew, ein wenig rechthaberisch, will es zwar noch nicht eingestehen. Aber wenn er sich die Sache noch einmal ansieht . . . Also, Herr, wissen Sie, was eine solche Freude bedeutet?" Ich werde nun wankend, wem von den letzten drei Glücklichen der erste Preis gebühre . . Etwas müde von der Fülle des Glückes, stelle ich nun eine Stunde später den Unglücklichen nach. Ein Kaufmann mit aufgeschlagenem Kragen trotz der Frühlingswärme sieht sehr betrübt in die Welt hinein. „Was ist Ihnen passiert, lieber Herr, daß Sie so unglücklich dreinschauen?" „Mir eigentlich nichts. Aber mein Geschäftsfreund schloß heute ein Geschäft ab. das ihn für alle Zeiten seines Lebens der Sorge enthebt." ... Ein paar Schritte weiter treffe ich einen Zeitungsjungen mit verweinten Augen. „Na, warum so unglücklich, Iunge? Hast du denn nichts verkauft?" „Verkauft schon," jammert der Junge, .aber ich kriege immer nur einen Zehner, mein Freund drüben bekam vorhin einen ganzen Fünfziger . . . Am Hofeingange sehe ich ein Mädchen mit dem Briefträger verhandeln. „Sie haben für mich nichts? Aber meiner Freundin vom dritten Stock haben Sie heute einen Brief gebracht. Ich sah es, wie glücklich sie von dannen ging." Sie rechtet zu Tode betrübt mit dem Postmann, als wäre er für das ausgebliebsne Glück verantwortlich . . . Ich treffe noch ein weinendes Kind, das mir unter Tränen erzählt, daß seine ältere Schwester ein neues Kleid, Schn he, und dazu passende Strümpfe bekommen hat . . . ^Eine junge bürgerliche, sauber gekleidete Frau springt atemlos in die Elektrische, sie hält eine frische Schlüsselblume in der einen und ein Paketchen in der anderen Hand. Ihre Augenlider zeugen von tränenreichen durchwachten Nächten. Ich eile ihr nach und erfahre, daß sie ins Spital fährt, wo ihr Kind gestern operiert wurde . . . Ich bin schon im Begriffe, dieser Frau und Mutter den ersten Preis für den Kummer zuzu erkennen, als ich, zurückgekehrt, in der Nähe der Redaktion einen jungen hochaufgeschossenen Menschen mit fast erloschenen Augen und verworrenen Blicken gewahre. Mit gesenktem Haupte faltet er einen engbeschriebenen Bogen zusammen und steckt ihn in die Tasche. Es ist der Dichter, der sein Lied von den Sternen und der Liebe bereits wieder im Besitze hat . . Als ich aber in der nächsten Straße einen hageren bärtigen Rabbi mit stark verdrießlichem Gesichte daherkommen sehe, weiß ich: Es ist Rabbi Iokew, der im Beshamedrasch nach dreitägigem Kampfe um „Maharam" und „Maharschoo" unterlegen ist . . . Ainderecke. Peßach in der Kinderstube/' Von Bero Berlinger. I. Meier war des Hauses Zier, Brüder hatte er zwar vier, Aber doch nur eine Schwester. Wie die hieß? Natürlich Esther. Hohe, blühende Gewächse Waren wirklich alle sechse, Edlen Hauses edle Sprossen, Die gern trieben ihre Possen. Mitten in der Jugendschar Stündlich Tante Pine war, Um sie herzlich zu betreuen Und sich selber zu erfreuen: Wer mit Kindern lacht und singt, Fühlt sich wunderbar verjüngt. Aber wer kroch 'rum am Boden Ueber Tische und Kommoden? Wer war Esel, Ochse, Hahn, Zweirad, Zirkus, Eisenbahn? Wer zog an die Kinderseelen Und ließ immer willig quälen Sich als Rabbi, Schofarbläser, Schamesch und Magilloleser? Onkel Rüben. Sehr beschwerlich War sein Dienst, doch unentbehrlich. Schon als Wiegenkind war Meier, Dieser Sänger, Quietscher, Schreier In des Onkels Herz gehüpft Und ganz tief hineingeschlüpft. Fragen stellte er so klug, Daß das Herz sich überschlug Ob der Freude. Dick und seist War sein Körper, stark sein Geist. *) Konnte wegen Raummangels in der Peßachnummer nicht erscheinen.; ■> 't '/ ’;4'. " ' \ ' V v 4'

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