Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1924)
- Date
- 1924-10-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 43 Der kommende Tag brach schon festlich an in den sahnen- und guirlandengeschmückten und mit Blumen bestreuten Gassen des jüdischen Viertels. Hornsignale kündigten mit Sonnenaufgang den großen Tag an und im Vethause Chelebis versammelte sich alles, was zu Sabbatai und Ehelebi hielt. Auch von auswärts waren viele gekommen, um Zeugen der Messiasvermählung zu sein. Auf beiden Flügeln des Palais waren lange Tafeln, für Männer rechts, für Frauen links, reich gedeckt. In der Mitte des Raumes stand auf atlasweißem Sockel ein Baldachin aus kunstvoll geschnitztem Olivenholz mit einem Dach aus rotemPurpur und mit vielemGoldbehang.Von Chelebi und Jachini geführt, erschien etwas spät Sabbatai im wallenden Talar von weißer Seide, zusammengehalten vorne von goldenen Spangen, die in zwei Reihen vom Kragen bis zur Brust gingen und einem goldgestickten breiten Gurt um die Lenden. Auch der turbanartige Kopfputz war aus weißschimmerndem Atlas und mit bunten Bändern verziert. Sein Gesicht in der schwarzen Vollbartumrahmung war zart und bleich und die Augen, groß und dunkel unter schwarzbuschigen Augenbrauen, sahen in unbestimmte Fernen. Es war, als würde er keinen anschauen, und dennoch alle auf einmal erfassen. Eine Weile lehnte er an das weißgedeckte Pult unter dem herrlichen Baldachin still und regungslos, als hielte er Zwiesprache mit unsichtbaren Wesen und bewegte sich sein Geist in höheren Regionen. Eine innere, zitternde, in keinem Ton sich äußernde Unruhe ergriff die Menge, wie sie ihn so verklärt und weltentrückt dastehen sah. Man wußte, die Entscheidung drängte. Das Jahr der drei Sechs nahte für die Welt draußen heran, und mit ihr das letzte End. Man hatte sehnlichst auf die Messiasbraut gewartet, die nachgerade ebenfalls zu einem fernen Wunder geworden war, an das man glaubte oder nicht glaubte. Das Wunder war eingetreten. Eine Königin hatte das Volk gestern umjubelt. Die Menschen schrien nach weiteren Wundern, die die Reihe der kommenden einleiten sollten, heute am Tage, da sie für würdig gefunden wurden, der Messiasvermählung lebendige Zeugen zu sein. In Mizrajim, so hatte man in den Büchern der Kabbala gelesen, hatte sich Gott, der Bräutigam, seine Jsraelbraut angelobt, um sie sich in der Wüste unter dem Donnerhall des Sinai als Weib zu wählen. Damit war die erste Erlösung gegeben. Heute wird wiederum in Aegypten durch die symbolische Ehe des Messias mit der ihm vom Himmel zugesandten Braut die letzte Erlösung angekündigt werden. Aus Mizrajim ginge es nach dem gelobten Lande, ganz wie damals . . . Heil dem Auge, das dieses sehen durfte Noch nie warst du in dieser Gegend. Sie ist dir fremd. Den Wald, durch den dein Zug soeben fährt, hat noch niemals dein Fuß betreten. Denoch wirst du dich nicht verirren. Du erreichst dein Ziel. Es wird dunkel. Bald wird die Nacht anbrechen Und doch bist du nicht ängstlich. Bist so weit von der Heimat entfernt, bist unter fremden Menschen; trotzdem bangt dir nicht. Du erreichst dein Ziel. Neben dir sitzt eine junge Dame, die ein Buch in der Hand hält und liest. Dir gegenüber hat sich ein alter Herr in die Ecke gedrückt und schläft. Ein paar Reisende besprechen eifrig ein Geschäft. Sie alle haben das gleiche Ziel. Alle werden es erreichen, weil sie das getan haben, was dazu nötig war. Sie haben sich für Geld eine Fahrkarte gelost, sind rechtzeitig in den richtigen Eisenbahnzug gestiegen, haben sich damit den Zugbeamten anvertraut und fügen sich nun der Ordnung, die für die Reisenden aufgestellt worden ist. Obwohl sie auf die verschiedenste Weise die Zeit verbringen, sie kommen doch gleichzeitig nach demselben Ort, falls sie die gleiche Fahrkarte in Händen haben. Was sie dort zu tun beabsichtigen, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis. Alle erstreben einen gewissen Zweck, so wie du ja auch mit deiner Reise eine Absicht verfolgst. Ob ihnen und dir selbst die Erfüllung dieser 2lbsicht beschieden sein wird, das ist dir vollkommen unbekannt. Die Reise auf bisher unbetretene Gebiete verursacht auch keine Sorge. Was nach ihr folgt und euch verhüllt ist,das bildet den Gegenstand eures Nachdenkens und oft auch euerer Besorgnis. 2. Wie alt bist du? Genau so lang ist es her, da hast du dich auch auf eine Reise begeben, und viele andere mit dir. Ihr habt keine Fahrkarten gelöst und euch zunächst über die Fahrt keine Sorge gemacht. Mit der Zeit hat sich das geändert. Als ihr mehr Verständnis für die Gebiete empfinget, die ihr berührt, da regten sich allmählich allerlei Sonderwünsche. Manchen gefiel die Strecke, anderen wieder nicht. sind jeder begann, selbst etwas zu unternehmen, um die Reife für sich angenehmer zu gestalten. Dabei dachten die wenigsten an das Ziel; hatten wohl auch gar keines im Auge und wünschten nur, daß sie niedahin gelangen möchten. Sie sahen wohl selbst, wie fortwährend Mitreisende zum Aussteigen gezwungen wurden, lasen in ihren Blicken Enttäuschung, ja noch mehr Angst und Furcht ob der völligen Unbekanntheit mit dem Bestimmungsort ihrer Reife, richteten aber trotzdem schon nach wenigen Augenblicken wieder all ihre Gedanken aus das, was sich von ihrem Fensterplatz aus beobbachten ließ.- Die Reife blieb ihnen die Hauptsache. Die m e i st e n machten es so, doch nicht alle. Und zu diesen Ausnahmen gehörst du selbst, du, der du soeben gemütlich am Freitagaben-Tisch sitzest und diesen Aufsatz liest. Wieso ich das weiß? Ja, du hast doch erst vor wenigen Stunden im Gebete davon gesprochen, daß Gott den siebenten Tag als Ziel der Schöpfung seinem Namen geheiligt hat. Du freust dich stets fo innig auf diesen Tag, der dir das Ziel deiner W o ch e n a u f - gäbe bedeutet, hast erst vor kurzer Zeit den alljährlich wiederkehrenden „Schabbos Schabbosaun" denkend erlebt, weshalb sollst du nicht an den Tag denken, der- Halt! Fast hätte ich alles verraten! Das möchte ich aber nicht, sondern jetzt will ich dir das Wort lassen. So denke denn heute noch darüber nach, was die obigen drei Gedankenstriche bedeuten können, und wenn der Schabbos zu Ende ist, so schreibe an den „Israelit", wie du dich auf deiner Reife verhältst. Und wenn deine Schilderung die schönste unter den von mir erwarteten Antworten ist, soll sie nächstens als 3. Das Hochgefühl machte sich bald in verzückten Worten, in unartikulierten Lauten, in wortlosen Liedern, in phantastischen Tänzen Luft. „ , . , . m « Noch hatte Sabbatai seine Braut nicht ge- 5 2tuf,“Sc5 deinem Namen im Druck sehen, und er schien auch kein großes Verlangen danach gehabt zu haben. In höheren Sphären lag für ihn der ganze Vorgang. (Fortsetzung folgt.) Rinderecke. Auf der Reise. Von Heinrich Einstädter. 1. Seit mehreren Stunden sitzt du auf einem Fensterplatz im Schnellzug. Das viele Schauen hat dich ermüdet. Du legst öfters die Hand vors Auge und denkst. die Talmud Thoraschule leistet, als eine Tat unserer Ver. klärten gewertet werden, die ihn in seinen Plänen nicht nur verständnisinnig förderte, sondern stolz daraus war, daß der Gatte seine Zeit, seine Kraft, sein Vermögen solchen heiligen Bestrebungen opferte. Sie war auch ohnedies eine von den Frauen, die gleich Jael gesegnet wurde von den Ahninnen des jüdischen Volkes: Sara segnete sie, weil sie, ihr ähnlich, den Geist heiliger Jüdischkeit an das Dach ihres Hauses band, weil sie keinen Teig knetete, von dem nicht auch den Armen ihr Teil ward, weil sie das Licht jüdischer Familieninnigkeit, Woche um Woche, all die vielen Jahre ihrer ehelichen Gemeinschaft in treuer Hut hielt. — Rebeka segnete sie, weil sie, diesem Symbol des jüdischen . nwjx nachstrebend, ihre Töchter in vorbildlich häuslicher Weise zu keuschen Jüdinnen heranzog. — Rahel segnete sie, weil auch ihr ganzes Leben und Sinnen dem Wohl, der Zukunft ihrer Söhne galt. So war sie eine echte, edle Frau, von deren Wirken der Draußenstehende nur deshalb weniger spürte, weil sie bewußt die Schwerkraft ihrer Persönlichkeit auf das Innere ihres Hauses legte, um da eine Königin zu fein: na mma!?a — und so vermissen sie vor allem, neben den vielen Freunden, Gatte und Kinder. Möge sie darum vor allem ihnen eine sein, daß noch im Tode gesegnet und wirksam sei das Andenken dieser guten und frommen Frau. ruxjn Berlin, 29. August. Eben in den Stunden, als man sich zum nahen vip nav rüstete, hauchte einer de. Würdigsten — Moritz Rothstein — seine n-nno n»w aus. Aus einer in 'n nans ns-p fest verankerten Familie in Schrimm bei Posen stammend, ausgerüstet mit tiefer jüdischer Lebensweisheit, stand Rothstein schon frühzeitiger als manch einer inmitten des Erwerbslebens, um unter Entbehrungen mannigfacher Art für sich und die Seinen tätig zu fein. Und diese Selbstlosigkeit und Aufopferung war zu seiner zweiten Natur in all den kommenden Jahren des Erfolges geworden und bis zum jüngsten Tage seines Wirkens geblieben. Er kannte kein Verzagen und Helfen, sei es im engeren und erweiterten Familienkreise, wo ohne seinen Rat kein bedeutungsvoller Schritt unternommen wurde, oder sei es im Gemeinde- und Freundesleben. Wie selten einer verstand er es, Mittel für orthodoxe Institutionen herbeizuschaffen und welche innere «nn«D empfand er alsdann, wenn durch sein Bemühen ein Erfolg zu buchen war. Sein t>"'i naar war ihm sein Höchstes und verstand er es, diesen Tag immer im eigenen Heim, das unter Führung seiner ihm treuen Gattin der Sammelpunkt weiter Kreise unabhängig jeder Tagesstunde war, zu feiern. Ein Zeichen, wie ernst ihm der tue? war, ist die Tatsache, daß sich stets an diesem Tage alle Reisenden seines in der Provinz bedeutendsten Geschäftes melden mußten, auf daß er sich überzeugen konnte, daß sie nicht etwa für ihn tätig sind. Durch den n"°> mußte sich das Rabbinat der Adaß Jisroel jeden asvn bei der n*nap versagen, was auch an und für sich im Sinne des Verstorbenen war, aber die überaus starke Beteiligung weiter Kreise legte beredtes., Zeugnis für die allgemeine Wertschätzung und Verehrung ab, deren sich der Verblichene erfreuen durste, so daß sein Andenken allezeit nanai> sein wird. Vermischtes. Personalien. Köln, 10. Okt. Am 1. November begeht die Restauration Wolf in Dortmund die Feier des 28 jährigen Bestehens. Sicherlich interessiert das große Kreise. Denn viele fanden und finden in dieser Oase in Westfalens religiöser Wüste einen Ruhepunkt in ihrer Arbeit, einen Sabbat in ihrem Kampf, ein jüdisches Heim in ihren Sorgen. Es ist wohl die einzige Restauration, die in Rheinland und Westfalen durchgehalten hat, wo man beruhigt essen kann. Eine der wenigen rheinischwestfälischen Großstädte, in denen man einen Tisch und ein Lokal findet, in dem man sich zu Hause fühlt. Möge es dem Inhaber mit seiner Gattin noch lange Jahre vergönnt sein, für viele ein familiärer und religiöser Mittelpunkt auf Reisen zu bleiben. Hamburg, 10. Okt. In Frau Thekla Goldschmidt geb. Seligmann ist eine Frau dahingegangen, die die hohen Traditionen ihrer väterlichen Familie, die zu den angesehensten Süddeutschlands gehörte, in ihrem eigenen Heim viele Jahrzehnte verwirklichte. Sie war die Gattin unseres Jakob Goldschmidt. Und wenn nach dem alten Wort nana nan nvn die Frau durch den Mann und ebenso der Mann durch die Frau lebt, sein Tun nur gesegnet ein kann, wenn die Frau es fördert und mitträgt, so )arf eine Fülle von all dem, was Jakob Goldschmidt hier an thorafördernder Wirksamkeit in der Jeschiwah und für j Bad Nauheim, 28. Sept. Gestern erhielten Herr und Frau Wiener aus Lodz von der hiesigen Kurverwaltung ein großes, in feinen Farben gehaltenes Rosenbukett mit einem Schreiben, worin diesen Gästen für Treue zu Nauheim, das sie seit Jahren regelmäßig besuchen, Dank ausgesprochen wird. Diese angesehene Gäste nahmen während dieser vielen Jahre ihren Aufenthalt in dem bekannten Hotel Leop. Adler Bad Nauheim. Herr Wiener zählt jetzt 81 Jahre. Wien, 21. September. Das Rabbinat der Adas Jisroel (Schiffsfchul) macht bekannt, daß es keinerlei religiöse Verantwortung für Genuß- und Nahrungsmittel übernimmt, die aus Verkaufsstellen oder Fabriken stammen, welche nicht ausdrücklich in der von der Gemeinde veröffentlichten Liste enthalten sind. Auch wenn Verkaufsstellen bekannt machen, daß sie ihre Waren aus beaufsichtigten Betrieben beziehen, so besagt dies nicht, daß die betreeffende Verkaufsstelle die Aufsicht des Rabbinates genießt. Wochenkalender. 25. Okt. bis 1. Nov. 1824 , 27.Tischri bis 4. Cheschwon 6683. Samstag Okt. 25 27 'nvn Naufchchaudefch-Benfchen Manled Dienst, vorm. 7** Sonntag 26 28 - Montag 27 29 Dienstag 28 30 1. Rarrschchaudefch-Tag Mittwoch 29 1 2. Ra«fchcha«defch»T,rs Donnerstag 30 2 .! Freitag 31 3 Samstag Nov. 1 ni 4 pvn Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz;Inserate 1. B.:S. Schachnorvitz, sämtlich .; Pädagi in Frankfurt a. M.; Pädagogische Beilage: Lehrer _ . in Fulda. — Verlag „Israelit", CR. m. b. H„ Frankfurt a. M. Druck: Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.