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Der Israelit · 1924-10-23 · Heft 43 (23.10.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 43 (23.10.1924)
Date
1924-10-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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NIM iE Der Israelit Br.« 1924 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. mmrniä Von S. Schochnowlh. (Fortsetzung.) Indes Sarah im Hause eines alexandrinischen Freundes von Chelebi sich wie eine Sultanin auf kostbarem Diwan streckte und von türkischen Dienerinnen mit Kaffee und Süßigkeiten bewirten ließ, stieß Abraham Jachini draußen vor dem Hause auf einen Mann, den er überrascht und nicht mit ungeteilter Freude begrüßte. „Ihr hier, Rabbi Nathan?" Der Angeredete, ein Mann mit leicht angegrautem wildem Barte, stark geröteten Augen und asketisch ovalem Gesichte, nahm Jachini scharf ins Auge und die beiden sahen sich so ins Gesicht, wie Männer, die mancherlei von einander wissen, sich verstehen und sich gern aus dem Wege gehen . . . „Ist es Euch nicht genehm, mich hier zu treffen, Abraham Jachini?" fragte Nathan nicht ohne Anflug von kaltem Hohne. „Davon war nicht die Rede," heuchelte Jachini und streckte dem Fremden die Hand entgegen, da es ihm einfiel, in der ersten Ueberraschung ihm den Schalomgruß nicht entboten zu haben. „Aber was führt Euch hierher? Der Weg von Gaza nach Alexandria ist immerhin kein Katzensprung." „Ich komme von Jerusalem und fahre weiter nach Kairo." „Nach Kairo? ..." „Ja, nach Kairo, ist Euch das wieder nicht genehm?" „Aber gewiß doch, Rabbi Nathan, Ihr seid heute sehr empfindlich, etwas gereizt- Ich dachte nur ..." „Was dachtet Ihr?" „Wißt Ihr, was in Kairo vorgeht? ..." „Es wird dort Hochzeit geben und ich fahre natürlich zur Hochzeit." Er sah dabeiJachini scharf und herausfordernd ins Gesicht. „Seid Ihr von Chelebi oder Sabbatai dazu gebeten?" forschte dieser. „Von Chelebi gerade nicht, aber was Sabbatai anbelangt, so bedarf es seines Rufes nicht. Ihr wißt wohl nicht, Jachini, daß alles, was Sabbatai heute ist und hat, er aus meiner Hand empfangen hat . . ." „Ihr meint wohl, Euere Weissagung vor so und so viel Jahren? Sabbatai war damals noch ein Kind und er denkt nicht mehr daran." „So werde ich es ihm in Erinnerung rufen." „Woran wollt Ihr ihn erinnern?" „An den Ausgangspunkt seiner Sendung und an den, der ihm vor Jahren den ersten Antrieb gab." „Den Antrieb gab ein altes geheimes Dokument, darin alles geschrieben stand," bemerkte Jachini etwas spitz. In den geröteten Augen Nathans spielte ein boshaft überlegenes Lächeln. „Ich w e i ß um das Dokument, das Abraham Jachini zur rechten Stunde fand und überbrachte — er unterstrich den Namen und die letzten Worte scharf. — Es war lange, nachdem ich den Namen des jungen Messias durch den ganzen Orient getragen und besonders im Heiligen Lande in aller Munde und Herzen gebracht hatte ..." Jachini hielt es an der Zeit, das heikle Thema abzubrechen und auf ein anderes Gebiet hinüberzuleiten, das ein Einlenken ermöglichte. „Ihr kommt aus Jerusalem. Wie ist dort zurzeit die Lage unserer Brüder?" fragte er. Nathan aus Gaza schien sich eine Weile zu überlegen, ob er auf den Uebersprung eingehen sollte. Die Sache mit dem Dokumente gefiel ihm und schien ihm noch nicht erschöpft. Er antwortete endlich etwas zögernd: „Die Armut in der heiligen Stadt ist groß, seitdem die Almosengelder von Polen, wo die Kosaken wüten, ausbleiben, noch größer ist der Druck von seiten des Pascha, der den Juden Geld erpressen will und mit Folter und Tod droht, aber stärker wie Not und Druck ist die Sehnsucht nach Erlösung ..." „Aber die Sehnsucht ist keine Münze, um damit dem Pascha den Tribut zu zahlen und schützt sie vor Tod und Folter nicht." „Freilich nicht. Darum begebe ich mich nach Kairo zum Saraf-Baschi Rafael Josef Chelebi, daß er den Jerusalemern aus der Not helfe und das Geld beschaffe." „Ich dachte, Ihr wolltet zur Hochzeit?" „Von der Hochzeit und von der Anwesenheit Sabbatais in Kairo hörte ich erst hier, ich werde mir sie schon weidlich zunutze machen. Darum muß ich zeitig dort sein. Kann ich mit Euch fahren? Ihr habt Wagen mit flinken Rossen." Jachini überlegte. Unklare Gedanken jagten durch seinen Kopf. Eine neue Situation brachte Nathan, man mußte ihr Nutzen abgewinnen, wenn sie sich nicht anders gegen ihn und seine Sache richten sollte. „Seid Ihr gut mit Dokumenten versehen?" „Ich habe Empfehlungsbriefe von Jakob C h a g e s, der in Jerusalem höchstes Ansehen genießt, ebenso von Abraham A m i g o und Jakob Zema ch." „Es sind gute Namen, die man in der Zerstreuung, besonders in Kairo als die der Führer der heiligen Stadt gut kennt," bestätigte Jachini. „Und dann ..." Nathan holte aus einem Lederfutteral ein zusammengefaltetes Pergament, das er behutsam aufrollte. „Was ist das?" „Ein Schreiben in phönizischer Schrift aber heiliger Sprache. Könnt Ihr es lesen?" „Nicht leicht. Ihr müßt schon mithelfen." Mit Hilfe Nathans entzifferte Jachini die wenigen Zeilen des Briefes nach Titel und Anrede, die zwei Drittel des Dokumentes ausfüllten. In gutem Hebräisch, aber fremdartiger Quadratschrift war da zu lesen: „Wir sind groß und stark jenseits des Sambation. Euere Erlösung ist nahe und unsere Vereinigung steht bevor." „Was ist das?" fragte Jachini, mit Kennerblick für derlei Dinge das Pergament musternd. Nathan erklärte den Zusammenhang. „Ein Sendbote aus Jerusalem, Baruch Gad ist sein Name, war bis Persien und weiter hinaus gelangt. Dort traf er mit einem der Mosessöhne von jenseits des Sambation zusammen, der ihm diesen Brief an die Brüder in Jerusalem überreichte . . ." „Und wie kommt der Brief in Euere Hand?" „Ich bekam ihn von den Rabbinern Jerusalems, daß ich ihn Chelebi zeige und allen, die mitsteuern wollen zur Abwendung der Gefahr in Jerusalem, daß sie sichtbarlich erfahren, wie nahe das Ende ist ..." Jachini unterdrückte ein leises Lächeln. Ein Gedanke blitzte ihm durch den Kopf. „Gebt mir die Urkunde!" Nathan zog rasch und ängstlich das Pergament zurück. „Ihr wollt nicht? Wollt selbst diese Karte ausspielen! Auch gut. Aber höret, Rabbi Nathan, die Sache muß richtig angepackt werden, daß sie für Sabbatai, für Jerusalem und auch für uns Früchte trägt." „Wie meint Ihr das, Jachini?" „Ihr sollt den Brief nach Kairo überbringen, aber nicht heute. Ihr fahrt erst morgen und kommt in Kairo nicht eher an, als bis ich dort alles vorbereitet habe. Es darf kein Mensch erfahren, daß wir hier zusammentrafen . . ." Nathan traute seinem Freunde noch nicht recht, und so mußte dieser wohl noch eine Stunde auf ihn einreden und ihm seine Pläne entwickeln. Sie hatten sich zuletzt darauf geeinigt, daß Nathan aus Gaza allein und erst einen Tag später den Weg nach Kairo nehmen sollte. 22. Die Vermählung. In Kairo war, als Sarah eintraf, die ganze Judenheit auf den Beinen, um die Auserwählte des Auserwählten, von Angesicht zu sehen. Dunkle Sehnsucht ließ in der Ankunft der Braut das erwünschte Ende ahnen. Selbst durch die kalten Zweiflerherzen ging wie heiliger Schauer, als das Weib, von dem Sabbatai immer wie von einem fernen Wunder in verzückten Tönen sprach, nun wirklich und leibhaft in Erscheinung trat. Sie wußten, die Entscheidung nahte, so oder so, und der Alb, der schwer auf aller Herzen lastete, müßte sich bald lösen. Jubel ertönte unter Klängen der Musik, junge Mädchen warfen Blumen in den Wagen. In der Stadt standen die Menschen bis zum Palais Chelebis Kopf an Kopf Spalier. Suggestion und gesteigerte Erwartung hoben Sarahs Schönheit über das Menschliche hinaus in himmlische Dimensionen. Ihre Wangen glühten von der Reise und der Eerregung der Stunde, ihre Augen blitzten in die dunkle Menge. Wie eine Königin, die mit geübter Miene Huldigungen entgegennimmt, lächelte sie herüber und hinüber. Und wen ihr lächelnd Auge traf, der ging beglückt, beschenkt von dannen, wie von einem Seraph gegrüßt. Sie schaute spähend in die Menge, über die Menge nach allen Seiten. Tausende beugten vor ihr das Knie, tausende lagen ihr im Geiste zu Fußen. Doch wo war e r, der Stolze, der Große, der Einzige, der Göttliche, ihr Messias . . .? Aus dem Gartentore, vor dem der Wagen hielt, trat ein großer, älterer Mann in einem Rocke, der von goldenen Ketten und Ordenssternen strotzte, vor dem viele Diener das Haupt beugten. Es war der Saraf-Baschi Rafael Josef Chelebi, der sie als Gastgeber freundlich willkommen hieß. Wo war er? Sie durfte nicht fragen. Sie wurde in ein großes, schönes, mit kostbaren Teppichen wohlbelegtes Gemach gebracht, wo junge Dienerinnen ihr in goldenen und silbernen Schalen Speise und Trank reichten und ein märchenhaftes Ruhebett zurechtrückten. Wo war er? Eine ältere Dienerin, Hamara nannte sie sich, verstand den fragenden Blick ihrer neuen jungen Herrin und sagte mütterlich: „Morgen wirst Du ihn sehen." „Morgen?" „Ja, morgen wird Hochzeit sein, es wird ein Fest sein, wie es Kairo noch nicht gesehen." Sarah erschrak. „Morgen schon?" Sie empfand ein Gefühl wie in der Kinderzeit, da sie im Kloster zu einer Kasteiung geführt wurde, die ihr Fprcht und Scham eintrug. Sie hatte später, und besonders seitdem sie Herrin war, beides verlernt, Furcht wie Scham. Jetzt aber kam es nach Jahren wieder über sie, daß sie still weinen mußte. „Die Herrin ist müde," streichelte sie die alte Dienerin, „und morgen ist Hochzeit ..."

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