Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450302--71222-2528509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17. April 1924 Nr. 16/17 Sette 23 arteten Tage vor Uebermut zu schützen. So liegt stets in Zeiten wirtschaftlichen Aufstiegs für die junge Generation die Gefahr nahe, der Vergangenheit zu vergessen und mit den bequemeren Verhältnissen sich leicht an ein üppiges Leben zu gewöhnen und dadurch das Gefühl der Hilfsbereitschaft gegen sozial minder Begüterte zu verlieren. Und auch für die bereits im Leben stehenden Menschen selbst ist — besonders in jungen Jahren — die Sorglosigkeit und die Ablehnung der Sparsamkeit eine Gefahr, die für ihr späteres Leben recht verhängnisvoll werden kann. Man kann ja nicht wissen, ob alles so bleiben wird hier unter dem wechselnden Mond. Und ändern sich die Verhältnisse einmal, dann fällt die Eingewöhnung in engere Grenzen sehr schwer. Wir erleben heute das praktische Beispiel für den Inhalt des K’jy KönV xn> Ein leicht wieder verfliegender und zum Teil bereits verflogener Scheinwohlstand war eine der vielen Erzeugnisse des Krieges und der Nachkriegszeit. Nur bei einer kleinen Oberschicht haben sich die Verhältnisse konsolidiert. Sie hat die besonders schwere Pflicht der Erziehung. Ihre Kinder müssen wissen, daß es einst anders gewesen ist. Eltern und Kinder dürfen des Brotes des Elendes nicht vergessen. Unsere Altvorderen haben stets ängstlich darüber gewacht, dah uns in allen freudigen Stunden des Lebens das “WT vor Augen stehe — in Tat und Wort. Vor dem Tischgebet führten sie uns im Geiste an die Ströme Babels, an deren Ufern die enterbten und ins Ungewisse irrenden Familien die Davidsharfen aus den schwachen Händen legten. Wir lesen aus dem 137. Psalm vor dem Tischgebet die Mahnung, nicht gedankenlos uns vom Tisch zu erheben. Wie einfach auch die Tafel besetzt gewesen sein mag, die Mahlzeit war in Ruhe und Frieden, in einer Behausung, in der Familie eingenommen und diese Tatsache allein ist ein dankbar hinzunehmendes nvn vom Allgütigen, dessen wir uns im mdi gar nicht genug bewußt werden. Nehmen wir uns doch keine Zeit und manche haben in der Tretmühle des Berufes keine Zeit, sich am Tage des Liefern Lebenssinnes zu erinnern. Wir lassen uns ganz von den an der Oberfläche liegenden Dingen gefangennehmen. Unsere Sinne betäuben unsern Sinn. Selbst diejenigen, welche die täglichen Gebete verrichten, haben die Seele des Gebetes aus ihm verloren. Nur das äußere Gerippe, der körperliche Lippendienst, ist geblieben. Drum fehlt Ernst, Haltung und Benehmen beim Gebet und an der Stätte des Gebetes. Der Zweck des Gebetes, die Sammlung, ist unbekannt, wird gar verlacht, wird jedenfalls nicht mehr angetroffen. Wenn der Mensch auch auf seinen Werkdienst bis zum späten Abend ausgeht, so sollte er doch dabei sprechen: wie groß sind Deine Werke, Haschem! Die Sorge um unser täglich Brot, die in unserem Jahrhundert den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, soll das Wunder nicht verwischen, dah der Mensch trotz seiner Wurzelung im Erdenboden die Zweige seines Höhestrebens zum Himmel strecken soll. Das Leben und Genießen ist zu kurz, als dah es unseres Seins vollen Umfang ausmachen könnte. Das Dortsein darf im Hiersein nicht aus dem Auge verloren werden. Der Gedanke an „dort" gibt dem „hier" erst seinen Inhalt. Kindern, jungen Menschen, die das Leben erst vor sich haben, und denen im Aufstieg die vor ihnen liegende Spanne Zeit groß vorkommt, kann man schwer die Ueberzeugung von des Lebens Kürze predigen. Man bleibt unverstanden. Sie begreifen die Sünde von p? $»wa von Müßiggang nicht. Sie meinen noch später nachholen zu können. Die Alten, die im Abstieg begriffenen, die auf dem Wege von der Spitze zum Fuß des Berges auf schräg abfallendem Pfad schnell, zu schnell, vorwärts zu kommen empfinden» senden mit Verständnis das vergebliche Gebet empor, das der Lateiner in die Worte gekleidet hat, die zu deutsch heißen: Möchte mir Jupiter die verlorenen Jahre wieder¬ Der Israelit geben. Zudem ist die Zeit für unser Volk nicht dazu angetan, mitll'^va trim sich zu beschäftigen. Drohend steigt aus der politischen Atmosphäre ein Schreckgespenst empor, das in Wort und Tat, gesellschaftlich und im Gericht, auf den Verkehrswegen und in den Häusern, Hah und Neid, Scheelsucht und Mihgunst speit und ganz offen das Ziel ausspricht iurtoS Da müssen wir zum bewährten Mittel der Abwehr greifen, nicht mit den Waffen von Eisen, auch nicht mit denen des Geistes können wir siegen. „Uns steht nur unser Vater im Himmel zur Seite." Haben gleich unsere Feinde aus der Geschichte nichts gelernt, wissen sie nicht und wollen nicht wissen, dah Gottes Wort" über die Erde hingerufen ist und nicht zu Ihm zurückkehrt, ohne Seinen Willen vollführt zu haben, das Wort, das da in der Sprache des Psalmisten lautet: Rühret meine Gesalbten nicht an und tut Meinen Verkündern kein Unrecht, Er gestattet niemandem, sie zu bedrücken und weist ihretwegen Könige zurecht. — Wir aber sollen endlich gelernt haben, dah auf Erden keine Macht für uns eintritt, kein Volk für uns eine Lanze bricht, dah man eher das Recht krümmt, sein eigen Volk demoralisiert, als Juden mit Gerechtigkeit richtet und behandelt. Wir müssen gelernt haben, daß wir nur unsere Sprache sprechen dürfen. Unsere Waffe ist unsere Stimme, mit der wir unsern Schöpfer erflehen, dah Er uns Schutz und Hilfe leihen möge. Wenn wir Ihn zum Bundesgenossen gewonnen haben, dann fürchten wir keine Macht auf Erden, keinen Haman des Altertums und der Neuzeit, dann wissen wir, dah wir auch heute noch in fremdem Lande weilen, heute noch fremde Laute der Gewalt, des Unrechts, des Machtstolzes, der Lieblosigkeit, des Klassen- und Rassenhasses, der Religionsverfolgung, vernehmen, daß nur zur Rückkehr zur Herzens¬ und Rechtssprache reiner Menschlichkeit und aufrichtiger Gottesfurcht gerufen zu werden braucht, damit „wir im kommenden Jahre freie Leute auf jüdischem Boden sein dürfen." Jüdische Dankbarkeit. Vom dritten Tage Pessach an sagen wir bekanntlich nur „halb Vpn“, d. h. wir lassen den ersten Teil des 115. Psalms und den 116. Psalm aus, weil mit unserer Befreiung der Untergang eines Staates Hand in Hand ging, in dem wir lebten. „Wenn unser Feind fällt, freuen wir uns nicht." Es betrifft das im Fall der Aegypter einen Staat, der uns zwei Jahrhunderte nicht nur zu körperlichen Frondiensten verurteilt hatte, sondern auch infolge derselben uns geistig und sittlich vollkommen gebrochen und uns wirtschaftlich enterbt hatte. Auch wenn der Aegypter sich zur Aufnahme ins Judentum meldete, sollte er vom dritten Geschlecht ab eine jüdische Ehe eingehen dürfen, wir sollen ihn nicht für immer abweifen, weil wir einmal „in seinem Lande weilten". (V. 23, 8). Diese treue Dankbarkeit bewahren wir selbst dem Lande gegenüber, dessen Behandlung, die es uns zuteil werden lieh, wir im Genüsse des Moraur festhalten, dessen Geschmack uns daran erinnern soll, daß die Aegypter einst das Leben unserer Vorfahren verbitterten. Daß wir trotz aller Zurücksetzung alle Opfer für das Land, in dem wir gerade im. Golus weilten, mit den Mitbürgern teilten, dah wir auch' das Opfer unseres Lebenswenn das jeweilige Vaterland in Not war, als selbstverständliche Pflicht betrachteten, verdient nach jüdischem Maßstab keine Hervorhebung. Menschlich gesprochen ist es aber eine duldende Größe, die nicht jedes andere Volk an unserer Stelle ohne Murren bewiesen hätte. Welche Kränkung liegt in der absichtlichen Uebergehung der Verdienste auf dem Gebiete des geistigen, wirtschaftlichen Schaffens oder kriegerischer Auszeichnung, wenn ein Jude sich hervorgetan hatte. Mit dieser uns gegenüber erwiesenen Undankbarkeit und Ungerechtigkeit finden wir uns ab. Schon Mordechai vergab man am persischen Thron die Lebensrettung des Königs. Wir haben nie um Orden oder Ehre willen das Gute getan, sondern aus menschlicher Pflicht. Welchen Hohn empfinden Eltern, die Kinder im Kriege hergegeben haben, bei Worten aus dem Munde eines Mannes, der als Heerführer am besten wissen muh, wieviel jüdisches Blut geflossen ist, und nun hinterher uns Mangel an Treue und Pflichterfüllung vorwirf. Aber wir wissen uns alle eins mit einem bekannten deutschen jüdischen Großindustriellen, der auf einer Reise von einem nichtjüdischen, gerecht denkenden Mitglied einer nicht deutschen Nation nach der Berechtigung der Vaterlandsliebe der deutschen Juden gefragt wurde. Er antwortete: „Deutschland ist unser Vaterland. Und wie das Kind seine Eltern liebt, wenn sie es auch strafen oder gar ungerecht behandeln, so lieben wir unser Vaterland, wenngleich es uns manchmal als Stiefkinder betrachtet. Wir sehen in ihm unsere legitimen Eltern." Und in der Tat, wir haben alle deutsche Schulen besucht, deutsche Kultur hat uns erzogen, an den Einrichtungen und Wohltaten des Staates haben wir teilgenommen. Hat der Staat so wenig Vertrauen in seine Schulen, dah sie die ihnen anvertrauten Kinder so erziehen, wie er es von ihnen verlangt? Das wäre ein großes Armutszeugnis, das er sich selbst ausstellte. Im kaiserlichen Deutschland gab es doch sicherlich ein fest umschriebenes, einheitliches Ziel, ein Geist und eine Methode, ein Drill und ein Wesen beherrschte alles. Da darf man schon annehmen, dah dasjenige, was so bewuht dem Herzen der Kinder und der Heranwachsenden Jugend eingeimpft wurde, sich für das Leben nicht verlor. Es ist aber traurig um den Menschen und das Volk bestellt, das seine treuesten Freunde, seine selbstlosesten Stützen mißtrauisch ansieht, besonders wenn sie, wie das jüdische Volk eine Vergangenheit haben, in der es in allen Staaten des Altertums und der Neuzeit, seine Treue zu beweisen Gelegenheit hatte. Blicken wir in der neuesten Zeit nur nach Holland hinüber. Welcher wahre und tiefe Patriotismus lebt dort in den jüdischen Herzen. Mit welcher glühenden Begeisterung wird dort das gesegnete Haus Oranien verehrt. Welchen dankbaren Jubel löste der Besuch der Königin in der großen Synagoge zu Amsterdam, der vor wenigen Tagen erfolgte, aus! Ist es nicht psychologisch begründet, dah das jüdische Volk dankbar ist? Der, welcher allüberall nur Mißgeschick erlebt und auf Mißverständnis stöht, ist naturgemäß für ein freundliches Wort, für ein Zeichen menschlicher Regung, wohlwollenden Verstehens oder gar freundlicher Hilfsbereitschaft treu ergeben. Und das jüdische Volt, dessen Eigenschaft als „Fremdling" es allüberall hin mit einer zaghaften Scheu begleitet, muß durch eine geneigte Geste, die ihm einen Augenblick nur das geringste Menschenrecht zugesteht, tief innig berührt werden. Ja, selbst vom einfachen Jnteressenstandpunkt gesehen, kann das jüdische Volk ja nichts Besseres tun und hat nie anders gehandelt, als in Befolgung des Wortes des Propheten Jirmijahu, „das Wohl des Staates zu fördern, in den es verschlagen wird, denn im Wohl dieses Staates ist auch das Wohl des jüdischen Volkes gelegen." Nicht Freude, sondern Trauer beschleicht das jüdische Volk, wenn sein Wirtsvolk an den Folgen der Ungerechtigkeit gegen seine Juden zu leiden hat. Und selbst, wenn es für immer von seinen Feinden durch deren Untergang erlöst würde, könnte es dieser seiner Freiheit nicht völlig froh werden, seine Freude wäre nicht ungemischt, sein Loblied entbehrte nicht elegischer Untertöne, denn sein Herz gehört in jüdischer Dankbarkeit in Treue nicht nur dem eigenen engen Kreise, sondern der Menschheit weitem Bunde, weil Klassen und Rassen, Völker und Bekenntnisse schließlich in einem Punkte ihre Ueberbrückung finden: über allen Gegensätzen steht die Einigung in der Eotteskindschast aller Menschen.