Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1924)
- Date
- 1924-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 15 Eigen Schicksals ober ethischen Irrens und Fehlens verherrlichende. den freien Willen niedergebrochen darstellende Tragödie als ästhetische Darbietung über sich ergehen und vom Leben der Wirklichteit sich durch das Grinsen der Komödie „ablenken" läßt, daß aber der in talmndischem Denken und Tun ausgewachsene Jude dieser Seelenhaltung kein ernstes Verständnis entgegenbringt, — daß für eine das Diesseits „hinnehmende" Poesie in der jüdischen Gedankenwelt kein Raum bleibt, — daß Recht, Gerechtigkeit und ihre Verwirklichung in unseren Psalmen anstelle der anderwärts beliebten Menschengestalten den Gottesthron umkreisen, — daß Gott nicht kommt, um die Erde vor seiner Gewalt erschauern zu lassen, sondern um sie zu richten, um als Haschem, als Menschen- Vater und Herr, als liebender „Ewiger" zu herrschen, — das alles sind Dinge, für die man uns als der Erdenwelt fremd erkannt, viel befehdet, aber ebenso oft den Geber unserer Gesetze göttlich gepriesen hat. Sollen wir aus dieser Fremdheit herausrreten? Sollen wir die „würdige Haltung gegenüber dem Schicksal", die man am griechischen Tragödien- und Wirklichkeits-Zuschauer bewundert, auch uns angewöhnen? Das entspräche gewiß nicht unserer Bestimmung, und vielleicht ist auch der übrigen Welt hieraus nicht immer nur Segen erwachsen. Vielleicht sind die Gewalttaten und Kriegsgreuel mancher sonst hoch kultivierten Völker so zu erklären: Man hat sich am poetischen Bilde der Wirklichkeit unrichtig erzogen. Man hat sich an ihm still bewegte Teilnahme, untätiges Nacherleben ins Herz geprägt, und unbewußt diese Haltung ins Wirklichkeitsleben übertragend, gibt man dem Kriege, was des- Krieges ist, der Blutgier, was der Blutgier ist, der Rücksichtslosigkeit, der Macht, dem Ehrgeiz, dem Magen, der . Faust, was ihrer ist. Und der Gottesdiener in jedem Lande erfleht den Sieg seines Gewalthabers, und der Sänger besingt ihn. Wir bekennen aber: „Und Du bist Alleinherrscher in Allem, und allem kannst Du Kraft und Brühe verleihen," und wollen zur Rechtfertigung allen Erdengeschehens durch unsere Werke beitragen. Nichts ist von dieser Möglichkeit der Veredlung durch Menschentat ausgeschlossen: keine Sekunde dürfen wir von dieser Tätigkeit rasten; nirgends statt ethisch einzugreifen, ästhetisch zusehen. Unrast und Geschäftigkeit, die vollendeten Gegenpole des bei anderen Völkern gepriesenen beschaulichen Lebens, gelten im jüdischen Kreise als wirkliche Zeichen von frommer Gesinnung. Viel lernen und schaffen, auch im Gebete zumeist sich be- Betrachtung zum Wochenabfchnitt und Vinn nap- Von Rabbiner Dr. WinNer in Kopenhagen. 'Ul jpn ■’Vd. Ein irdenes Gefäß. Zedernholz, Ysop, Karmesin und Vögel, das sind die Gegenstände, die für den Aussätzigen zur Anwendung kommen, wenn er wieder für rein erklärt werden soll. - Niederst im Reiche der Schöpfung stehen die leblosen Dinge, die Mineralien oari' höher die Pflanzen nais» noch höher die Lebewesen »n- und sie alle überragend oerMensch, alssprechendes Wesen, •■ma- Besteht sein Vorzug in seinem Sprechvermögen, so ist damit gegeben, daß es durchaus nicht gleichgilttg sein könne, was und wie er spricht. Ist das, was er zum Ausdruck bringt, von §uter und nützlicher Beschaffenheit, im Sinne von lauro und Mlzwaus, so steigert er damit seinen Wert und erhebt fich zu den Höhen überirdischer, _Der Israelit_ lehren und richten ist jüdische Art, nicht aber sinnen und sich der Andacht hingeben. Aus unserem Mangel an Plastik und sonstiger darstellender Kunst, aus unserem Beschranken der Seele auf das Leben des Wortes, des alles heilenden Gesprochenen, des von allen Anbetern der Gewalt gefürchtetenyarc* B. C. Wochenrundschau. Bayerische Wahlen. Der Münchener Prozeß mündete in die bayerischen Landtagswahlen ein, und man hatte mit diesen gleich das Barometer für die Stimmung des bayerischen Volkes unter der Wirkung der an großen Momenten gewiß nicht reichen, aber zu demagogischer Verhetzung weidlich ausgenutzten Verhandlungen des Volksgerichtes. Die Wahlen in den Bayerischen Landtag haben am 5. April stattgefunden und endeten, wie nicht anders zu erwarten war, mit einem Siege der extremen Richtungen; in München und Oberbayern, a-uch das war zu erwarten, mit einem vollen Siege der Rechtsradikalen. Die Völkischen können zufrieden sein mit der Wahlarbeit, die Hitler und Ludendorff für sie im Gerichtssaal geleistet haben. Alle die bürgerlichen Kreise, alle auf der Mittellinie liegenden Rechts- und Linksparteien, von den vereinigten Nationalen bis zur Sozialdemokratie, haben erhebliche Einbuße erlitten. Was rechts gerichtet ist wählte völkisch, was auf der linken Seite steht, kommunistisch. Was dazwischen sich noch halten konnte, ist nicht von großer Bedeutung. Ebenso groß ist der Deutschvölkische Erfolg in Nürnberg und in ganz Franken. Dort konnten sich indes die Sozialdemokraten gegen die Kommunisten besser hallen als in Oberbayern. Wenn auch die Wahlresultate kein erfreuliches Bild bieten, so kann wenigstens mit einiger Genugtuung konstatiert werden, daß aus Arbeiterkreisen der erwartete und so sehnlich erwünschte Zuwachs für die Völkischen ausgeblieben ist. Ihre Gewinne sind überall auf Kosten der bürgerlichen Parteien erzielt. Wo die Sozialdemokratie sich nicht halten konnte, unterlag sie den Kommunisten. Viel gelernt hat aber das Bürgertum im größten süddeutschen Bundesstaate aus den Zeichen der Zeit nicht. Worauf es die Völkischen abzielen, wenn sie einmal, wie beispielsweise jetzt in Thüringen, im Besitze der Macht sind, beweist das Programm des dortigen deutschnationalen Abgeordgeistiger Wesen: mißbraucht er dagegen die ihm vom Allgütigen verliehene Gabe des Sprechens zum Bösen und zum Unheil, so erniedrigt er seinen Rang und sinkt im Werte herab sogar unter den Staub aus der Erde, der doch irgendwie nützlich ist und keinen Schaden anrichtet. Dilleicht mag das auch der Sinn des Schlutzgebetes nach der nnaiy sein: •Visa »Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem, — '\m bsb 1SV2 'VS21. datz ich wenigstens gleich dem Staub der Erde sei, wenn auch nur geringen Nutzen, so doch zumindest keinen Schaden bringend." Die Leiden des Aussätzigen sind Strafen für die Wirkungen seiner bösen Zunge (sn rr'Xia snisa)- Will er nun die leibliche und seelische Reinheit wieder zurückgewinnen, so lasse er die Dinge der Schöpfung in ihrer Stusenreihe an fich vorüberziehen: Das irdene Gefäß vertritt das Mineralreich, Zeder und Ysop dasPflanzenreich. Karmesin und D ögel das Lebewesen, um solchergestalt seiner übergeordneten Stellung als sprechen des Wesen eingedenk zu sein; daß er nicht wieder die kostbare Gabe, die ihm zuteil geworden. mißbrauche und sich dadurch wertloser als den Scherben mache. Das vin '^>3» das irdene Gesäß mutz vielmehr fortan von v"N D'a* vom reinen Quellwasser der lebensprudelnden Gotteslehre gefüllt sein! — Zu den Vorschriften, die am brorr natf verkündet werden, gehört auch die, daß Tongefäße nicht ..gekaschert" werden können, napn anb j'K vin 'bs mraff rVk, für diese gibt es kein anderes Mittel, als zerbrechen. Auch für den sündigen Menschen. der solchem Gefäße gleich ist - wah o*tfD bwa - gibt es kein anderes Mittel, als gebrochen und zerknirscht Reue zu empfinden. Ee gilt „baudek Chomez" ___ iq Avril 19B* netcn von Eichel-Streibe. er sogar in Hite? Versammlung des Zentrrüo reins M srckvickelz sich bemüßigt fühlte: „1. Bewußter und geschlossener Rücktritt der Juden aus der staatspolitischen Führerschaft. 2. Bewußter und geschlossener Verzicht auf die Führung des Voller in geistiger Hinsicht. 3. Abbruch aller Beziehungen mit dem Judentum, das jenseits der deutschen Grenze steht." Man will die Iuden auch aus der Führung im geistigen Leben verdrängen. Was macht man aber mit der bösen Welt, die in Pani Ehrlich. Einstein und vielen anderen dennoch geistige Führer sieht? Es dürfte den Deutsch völkischen alles andere ehe glücken als die Entjudung des geistigen Lebens. DieAusgleichsbemühungeninJerusalem. Wir haben in voriger Nummer das Schriftstück veröffentlicht, das die Stellungnahme der polnischen Rabbinen zu dem Bruderkrieg der Gesetzestreuen in Jerusalem enthält und das seinen Selbstwert als Dokument unserer Zeit in sich trägt. Aber es darf nicht verkannt werden, daß die Absicht der Urheber dieses Schriftstückes nicht auf dokumentarische Bekundung^ gerichtet war, sondern auf die Erfüllung der •n’anV en« pa mbv ntan mxa* Wie steht es mit diesem Endzweck der ganzen Aktion? Aus Jerusalem wird die Nachricht verbreitet, das Vesdin Rabh. Kucks habe den Schiedsspruch ab gelehnt. Nun liegt uns jedoch eine beglaubigte Abschrift des Schreibens vor, das von dem genannten Besdin an die Gegenseite gerichtet worden ist, und wir vermögen eine Ablehnung keineswegs darin zu finden, mindestens keineunbedingte. Es heißt in dem Briefe lediglich, daß man die "njn windle „Meinungsäußerung" der Rabbis nicht als N'a pvsanzuerkennen vermöge und sich über diese Bezeichnung des Schriftstücks wundere, da man die Herren vorher nicht als D'i"*r in der Sache anerkannt habe. Nun ist aber der Ausdruck pvs nur in der Nachschrift des Gerer Rebbe, nicht in der nsn am selber gebraucht, sodaß die Verwahrung gegen den formellen Charakter der Meinungsäußerung durchaus keine Verwerfung der darin niedergelegten Ideen und Anregungen zu bedeuten braucht. Nicht nur um der Ehre der hervorragenden Männer willen, die sich wochenlang um die Herbeiführung eines Friedenszustandes gemüht, sollte man in Jerusalem auf beiden Seiten jeden Schimmer einer Verständigungsaussicht unter den Gesetzeszu sein, nach all dem zu suchen, was mit dem Geiste des unverfälschten Judentums unvereinbar ist, um es endgiltig zu entfernen. Doch wie mutz diese Bedikas Chomez vorgenommen werden? — *y^ nann-. Nicht beim blendenden Licht des weitsichtigen Zeitgeistes, denn bei dessen Licht besehen, wird der Suchende, als braver Mensch, wenn auch als destt minder braver Jehudi, kein Chomez, kein Unrecht an U 4 wahrnehmen, naafcr xb> auch nicht beim blaffen Schein des nachsichtigen liberalen Judentums, denn auch bei diesem wird er kein Chomez an sich entdecken, yviaun und auch nicht bei der Fackel des kurzsichtigen, bloß nationalen Judentums, denn auch bei diesem funkensprühenden Lichte wird er. noch so frei von Mizwaus, kein Chomez an sich finden, un Das richtige Suchen darf nur beim Lichte einer Kerze, beim Lichte des msa des gesetzestreuen Judentums geschehen» w iifjnaV NS' ian. weil bei seinem Lichle nur allein es möglich ist, eine gründliche Untersuchung des geistigreligiösen Besitzstandes, eine getreue Selbstprüfung vorzunehmen! Meines Feuilleton. Die Sedernacht zu Bne Brak. Von Willy Wolf in Köln. „Es geschah, datz R. Elieser, R. Joschua, R. Eleasar den Äsarja, R. Akiba und R. Tarphon in Bne Mai (beim Seder) angelehnt saßen und vom Auszuge Aegypten jene ganze Nacht erzählten, bis ihre Schüler