Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-04-03 · Heft 14 (3.4.1924) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 14 (3.4.1924)
Date
1924-04-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450300--71171-2528456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 10 Nr. 14 Der Israelit 3. April 1924 in Paradeuniform mit goldenen Epauletten und erlebte den ersten „Judenpassah". Man erzählte sich im Städtchen gar manches über diesen Sederabend: Als der Baron hörte, daß man zu „Passah" Wein braucht, brachte er als Geschenk etliche Flaschen bester Sorte mit (in Litauen war damals der Wein sehr schwer zu bekommen.) Der Raw, in großer Verlegenheit, entschuldigte sich, daß man an diesem Feste besondern „pesachtigen" Wein trinken müsse und deutete auf eine große Flasche Rosinenwein. Der Baron trat neugierig an den Tisch, nahm die Flasche in die Hand und machte so des Raws „Arba Kausaus" zu „Nesech". Anitschka muhte alle ihre Geisteskräfte und ihr Taktgefühl Zusammennehmen, um dem Paron, ohne ihn zu verletzen, seinen Fehler verständlich zu machen. Der Baron verkehrte täglich beim Raw, und er lernte alle jüdischen Gebräuche kennen und lieben. An seiner äuheren Erscheinung schon konnte man sehen, wie sich sein Wesen innerlich wandelte. Sein Schnurrbart war nicht mehr so stolz in die Höhe gewichst-'er kam zu Fuß und ohne Hundebegleitung zu seinen jüdischen Freunden. Ä s der Sommer kam, ging er oft mit dem Rabbiner und Anitschka spazieren. Eines Tages warb der Baron um die Hand Annchens, die ihm versagt wurde. TrotzdeiU verkehrte er nach wie vor bei den Freunden. Er wurde Generalmajor und sollte nach Grodno versetzt werden, er setzte aber durch, daß er in Kermelischki bleiben durfte, er wollte sich nicht von Kerme.ischki trennen. Da kam die Rrvolu.ion. Der Baron wurde nach Ostpreuhen abberufen und erlebte dort den Sturz der Aristokratie, den Zusammenbruch seiner Klasse. Baron v. H. dachte viel über Glaubensdinge nach und zog, mutig wie er war, die Konsequenzen. So kehrte er — ein Vierzigjähriger — nach Litauen, das jetzt selbständig geworden war, zurück, überschritt als „Ger", als. Jude, die Schwelle des Rabbinerhauses und schritt mit seinem heißgeliebten, schönen Ännchen unter den Trauhimmel. Der Baron blieb im Städtchen und unterrichtete an der jüdischen Volksschule die deutsche Sprache und Naturkunde. Bei seinem Schwiegervater lernte er Tefiloh und Chumesch. Äuf seinen Baronentitel war er weiterhin stolz. Seine hohe Gestalt zeichnete sich nicht nur in der Klaus aus, sondern überall, wo er ging, ragte er hervor. Äls die Polen in Litauen einfielen, kamen sie auch in die Kermelischker Gegend und wollten Pogrome veranstalten. Der Baron organisierte einen jüdischen Selbstschutz, der ein Schrecken für die blutdürstigen Polen wurde. Einmal fuhr er mit der Bahn und sah, wie man einem armen Juden den Bart herausreihen wollte. Er eilte sofort seinem bedrängten Glaubensbruder zu Hilfe, traktierte den Angreifer mit Faustschlägen, überwand ihn und zwang ihn, den Juden um Verzeihung zu bitten. Als im Herbst 1621 der Baron naturwissenschaftliche Versuche mit seinen Schülern machte, erlitt er eine Blutvergiftung an der Hand. Die Wunde war schon fast zugeheilt, da verschlimmerte sie sich plötz'ich, und man muhte den Baron in die Klinik nach Kowno überführen. Jedoch unterwegs starb er in den Armen seines getreuen Annchens. Man brachte ihn nach Kermelischki zurück, wo er unter Beteiligung des ganzen Städtchens begraben wurde. Der. greise Raw hielt eine von Tränen erfüllte Trauerrede für den Ger Baron Abraham ben Abraham. An der Gruft ihres Mannes stand das schwergeprüfte Annchen — die schöne Anitschka — mit ihrem kleinen Jungen auf dem Ärm. »MM « BAD HOMBURG Loulsenstraße 16 Elisabethenstr. 49 (am'Markt) Telefon 297 (am Kurgarten) Bücherbesprechuugen. fit« ntoa ,s"-w osm rVp '"an v'Lim ö'VVa tw *VlSj? »vnsa V’aan vn V» as? Tnasaaa naVv "> lanan mV fb'ivsn w .vamian »tn miss qi'X *nn vir» naipna itriaaa tun rnivi? non /mrop« .163 pag. S. gr. 8 Va-tn -pii'-na |rbtV»b Zu den populärsten Büchern der jüdischen Hausliteralur gehört seit einem Menschenalter der Kizzur Schulchan Aruch des R. Salomon Ganzfried V"st Diese Beliebtheit verdankt er nur in letzter Reihe der unfreiwilligen Reklame, die seinerzeit der badische Oberrat durch sein Verbot für das Buch zu machen verstand, sondern weit mehr der geschickten Form und präzisen Fassung, in die hier das große Gebiet des das ganze jüdische Leben in allen seinen Ausstrahlungen regelnden Religionsgesetzes gegossen wurde, sodaß es auch dem wenig Borgebildeten möglich ist, in allen ihn bewegenden Zweifelsfragen sich rasch und zuverlässig Rat und Belehrung zu verschaffen. Allein, das Leben steht nicht still und jeder neue Tag schafft neue Situationen und neue Probleme, die Behandlung und Lösung auf dem Wege der Ableitung aus den überlieferten und gesicherten halachischm Grundsätzen fordern. Das Material hierfür liefern in ununterbrochener Folge die Kommentare zum Schulchan Aruch und Responsensammlungen der „Großen" aller Zeiten, die sich nicht damit begnügen, alte Stre'tfragen neuerdings zu prüfen, sondern auch aus der Praris des Tageslebens geborene Zeitsragen zu behandeln und zu beantworten. Es erschien daher nur allzu angebracht, auch dem K. S. A. eine Ergänzung in dem Sinne zu geben, daß beide Seiten — Nachprüfung der behandelten und Einführung neu zu behandelnder Probleme — zu ihrem Recht gelangten. Welch, ungewöhnliches Maß von Wissen bei der kaum übersehbaren Fülle des Materials, und welch durchgebildetes kritisches Vermögen dazu gehört, um dieser Doppelaufgabe gerecht zu werden, braucht nicht erst ausgesprochen zu werden; und man wird es daher begreiflich finden, daß diese schon lange als Bedürfnis empfundene Aufgabe trotzdem keine Erfüllung fand. Erst jetzt hat sich in der Person des Nabb. Feldmann in Leipzig der berufene und für den erforderten Zweck nach jeder Richtung hin ungewöhnlich gut ausgestatteten Meister gefunden. Mit angebrachter Pietät hat er den Tert des KSA. so wie ihn sein Verfasser V»2r veröffentlichte, unverändert gelassen und nur durch Auflösung der Abbreviaturen, S'ellenindicies, Tertverbesserung und L?s:- zeichen dem Leser die Aufgabe erleichtert. Dafür aber hat er in Fußnoten, die eine stupende Literaturkenntnis verraten, so ziemlich alles zusammengetragen, was an neueren Ergebnissen zu den alten und zu neuen Problemen zu sagen war und gesagt worden ist; aber damit nicht genug, auch aus weitschauender Erkenntnis und tiefdringendem Verständnis für die Bedürfnisse des Tages in einem besonderen Anhang an der Hand von instruktiven Zeichnungen Anleitungen gegeben, die es eiiiem jeden ermöglichen, die Praris der Geboterfüllung (z. B. das Knüpfen der Zizith und Tefillin u. a.) zu erlernen und zu betätigen, wobei ihm eine mit gründlicher Gelehrsamkeit sonst selben gepaarte technische Fähigkeit offenbar sehr zu statten kam. Eine dankenswerte Zugabe ist auch eine dem Werk vorangeschickte kurze religionsgeschichtliche Abhandlung (aus dem hiesigen Nachlaß des R. S. Eanzfried), die dem Uneingeweihten wenigstens einen Einblick in die Entwickelung der Halacha bietet. Es ist beschämend und tieftraurig, daß Rabbiner Feldmann aus Mangel an Mitteln vorerst nur den ersten Teil des Werks erscheinen zu lassen vermochte, und daß er immer noch des Mäcens vergebens harrt, der es ihm ermöglichen möchte, den zweiten Teil, der auch Einleitung und andere Beigaben bringen soll, ve-öfsentlichen zu können. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, ihm diesen Gönner zu verschaffen. Aber auch jeder einzelne hat es in der Hand (und erfüllt damit eine Ehrenpflicht) durch Ankauf des Buchs, das in keinem Hause fehlen sollte, den Herausgeber in seinem idealen Streben zu fördern und zu unterstützen. E. B. Aus der Schützenstraße. Kindheitserinnerungen von Hermann Schwab. Hermon, Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. Preis geb. 0.75 Mk. „Nicht geschichtliche oder biographische Skizzen, Kindheilserinnerungen nur birgt dieses Büchlein", so schreibt der Verfasser in der kurzen Einleitung. Dieses „nur" ist aber in diesem Falle ein Plus. Es ist subjektiv höhere Wahrheit in diesen prachtvollen Schilderungen, auch da wo sie vielleicht nicht ganz im geschichtlichen Rahmen bleiben. Wir haben beim Erscheinen des Büchleins eine kleine Probe aus der ersten Schilderung „Der Rabbiner" wiederäegeben. Man muß aber diese Dokumente warmer jüdischer Pietät alle lesen, um sich ein Urteil zu bilden. Der Frankfurter, der die große Zeit des Werdens seiner Gemeinde unter Samson Raphael Hirsch miterlebt hat, läßt das Buch, wenn er einmal die ersten Zeilen gelesen hat, nicht mehr aus der Hand und wird immer und immer wieder danach greifen, um alte Erinnerungen wachzurüfen und aus der Erinnerung neue Liebe zu der großgewordenen Khilla und den Prinzipien, auf die sie aufgebaut ist, zu schöpfen. Aber vieles wie beisvielsweise das Kapitel „Die Gemeinde" bietet auch Nichtfrankfurtern mancherlei. Was aus diesem Kraftzentrum, der Hirschkehi'la, sich nach anderen Städten ergoß, schuf ähnliche Verhältnisse und zeitigte ähnliche Formen, wie sie hier ist diesem genannten Abschnitt in poetischer Verklärung vor vnr aufleben. „Schon an Wochentagen schuf die Fülle der Beter in Schul eine festliche Stimmung, die in immer mächtigeren Akkorden tönten, je nach dem Tage, der im Kreislauf des Jahres zu uns kam. In der Menge des Volkes offenbart sich die Majestät des Königs der Könige" — in unserer Schul ward es zur Wahrheit, ob der Ernst des Taanis Zibbur oder die Heiterkeit des Chaul Hamaued zu Gaste waren, ob „Moaus Zur" ertönte, oder die Megillo ausgerollt wurde, — immer und immer war Platz an Platz besetzt, ganz zu schweigen von dem Jomim Tauwim und Jomim Nauroinr. da die Schul die anströmenden Besucher bei weites nicht zu fassen vermochte. Aber nicht nur in Schul standen die Khiilomitglieder in vorbildlicher Weise nebeneinander, auch das Leben fand sie in der gleichen innigen Gemeinschaft. Die große Khillo war Ku Grunde nur eine Familie, die ihre Sorgen teilte und ihre Freuden gemeinsam trug. — Geschlechter kommen und schwinden, die Khiflo meiner Kindheit ist eine andere geworden, und langsam lockern sich die Faden, die mich mit ihr verbinden. Das Bild der alten Khillo aber ruht wohlgeborgen in meinem Herzen." Aus seinem vollen Herzen wahrlich schöpfte der Autor seine fünf Bilder, die aus 61 Seiten ein Ganzer und ein Schönes darstellen, nicht allein für die, die die Verhältnisse miterlebt und für die, die schon in die neue große Khillo hineingeboren sind, sondern für alle die aus dem Zibburgedanken, wie ihm von der Frankfurter Schützenstraße aus die altneuen Wege gewiesen wurden, ihre Kraft und ihre Liebe schöpfen. Das Büchlein ist in seiner prachtvollen Ausstattung auch ein Ehrenzeugnis für den Hermon-Verlag und sollte in keinem gut-jüdischen Hause fehlen. Literarische Notizen. Ein Testament. Bei S. Marcus Verlag Hamburg .36, erschien das bekannte Testament des Rabbi Jecheslel Katzenellenbogen, des Vorgängers Eibenschütz'r auf dem Rabomatssihe der Dreigemeinden (Altona, Hamburg, Wandsbeck). Rabbi Jecheskel wirkte in den genannten Gemeinden vom Jahre 5473—5509 (1749). Die um, ist von höchstem erzieherischen Werte uni war zum ersten Male durch den Sohn des Rabbi im Jahre 1750 in Amsterdam herausgegeben worden. Interessenten werden das neu auferstandene Merkchen, nachdem es lange vergriffen war, mit Freude begrüßen. Im Verlage Sänger & Friedberg erscheint demnächst ein größeres Werk des Frankfurter Schriftstellers Ben Jair. Kinderecke. Rifkas Kummer. Von Hermann Seckbach. Es ist Freitag nachmittag — — — Jacob und Rifka spielen zu Zweien In ihrem kleinen Zimmerlein. Sie lachen und scherzen voll kindlicher Lust, Ein fröhliches Jauchzen entquillt ihrer Brust. Doch wenn's Spiel vorüber, hat Rifka keine Zeit; Bis zum Schabbos ist's nicht mehr' weit. Muß das Tischlein noch richten, ein seines Deckchen dazu. Denn auch im Kinderzimmer gibt's Sabbatruh'. Die Leuchter, dke Berches, sie dürfen nicht fehlen, Und schnell den Kidduschbecher herbei, Bis Vater kommt, muß Rifka erzählen, Daß bei „ihr" schon alles in der Reih'. Derweilen ist die Mutter in der Küche Kocht Süppchen — feine Sabbatfische. „Hm, wie schmecken die vorzüglich!" Denkt Mutti stilloergnüglich. Doch plötzlich ein Lärm, ein Geschrei, Laut -weinend kommt Rifka herbei: „Mutter, ach Mutter, sieh' nur an, Was der Jacob mir getan! Meinen Schabbostisch nahm mit dem Ball er zum Zst! Daß alles dann zu Boden fiel; Die Leuchter, der Kidduschbecher sind entzwei, Und auch die Berches liegen dabei!" Voll Kummer, weinend ohne Paus', Ruft Rifka tieferschüttert aus: „Und — ich — hab's — ihm — doch — gefsK Das hat Tantchen aus — Plastelina gemacht!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.