Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1924)
- Date
- 1924-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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seiiilleion Beilase Der Israelit Br. 14 1424 Wenn er schreiben und lesen könnte. Lob Maselnik. der von Polen herübergekommen war, konnte auf deutschem Boden nicht auf den grünen Zweig kommen.. Und er hatte eine zahlreiche Familie, die er ernähren muhte. So bewarb er sich um die Sch ammesst ekle in Obornik. Er gefiel durch sein einnehmendes Wesen und seine natürliche Intelligenz dem Vorstand so sehr, dah er ihn gern angestellt hätte. Zu den Obliegenheiten des Synagogendieners in Obornik gehörten aber die Eintragungen der Spenden und andere kleinere Registraturarbeiten. Löb Maselnik konnte aber kein deutsch weder lesen noch schreiben. Und so bekam er die Stelle nicht. Er zog mit seiner Familie nach Berlin, und es gelang ihm mit Hilfe der Wohltätigkeit und einiger Verwandten, ein kleines Lebensmittelgeschäft in einem Keller der Grenadierstrahe zu eröffnen. Während seine Frau das Geschäftchen versah und die Kunden, die aus Nachbarn der ostjüdischen Kolonie bestanden, bediente, versuchte sich Löb Maselnik noch in anderen kleinen Geschäften aller Art. Er war ehrlich und redlich, und mied alles, was ungrad und unreell schien, oder zu einem Konflikte mit dem Staatsgesetze hätte führen können. Dabei entwickelte er eine Energie und eine Intelligenz, die ihm Achtung und Vertrauen aller Kreise einbrachten. Großkaufleute fingen an, sich seiner Vermittlung zu bedienen. Er war absolut zuverlässig. Das Geschäft ging gut und er konnte bald das armselige Gewölbe in der Grenadierstrahe schlichen und die Frau ihrem eigentlichen Berufe zuführen, dem Haushalt, und der Kindererziehung. Er bezog auch bald eine ordentliche geräumige Wohnung, und mit der Wohlhabenheit wuchs bei Löb Maselnik das Pflichtgefühl noch mehr und auch der Wohltätigkeitssinn. Löb Maselnik war bald eine bekannte hochgeachtete Persönlichkeit im Berliner Nordost. Es kam der Krieg. Und ohne dah Maselnik etwas dazu tat, ging die Konjunktur in schwindelnder Höhe und sein Geschäft mit ihr. Er hatte bald Warenlager an verschiedenen Teilen der Stadt und Fabriken, die vielen Arbeitern Nahrung gaben. Er sorgte für diese aus reinem Instinkt und Pflichtgefühl, bevor noch ein Gesetz an Regelung der Arbeit und Löhne dachte, wie ein Vater. In seinem Hauptkontor im Zentrum der Stadt arbeiteten viele Beamte und Angestellte an grohen Haupt- und Kassabüchern, denn er, Maselnik selbst, hatte keine Zeit gefunden, die versäumte Schulbildung nachzuholen. In seinen vielen Filialen in Berlin und auswärts hatten ebenfalls viele tüchtige Kräfte Brot und Erwerb. Er selbst zog mit seiner Familie nach dem Westen der Stadt und. bewohnte sogar eine eigene Villa mit wunderschönem Garten auf dem Kurfürstendamm. Auch ein Auto hatte er. Aber von den üblichen Parvenumanieren war bei Herrn Leon Maselnik — so hieh er jetzt — nichts zu spüren. Das Auto benutzte er nur für die Fahrt ins Geschäft, in die Fabrik und in die weit voneinander gelegenen Filialen, auch rum Besuch der vielen Anstalten und Institutionen, die er gegründet oder mit seinem Gelde mitunterhallen wurden. Seine Damen iiehen, wenn sie ausgingen, ihre Brillanten und Perlenketten daheim, und auch Frau Maselnik setzte ihre jetzt im Hause entbehrliche Kraft für das Wohl ihrer Mitbrüder und Mitschwestern ein, besonders in der früheren Nachbarschaft im Nordosten der Stadt. Auch seines Judentums hatte Maselnik beim ungeahnten Aufstieg nicht vergessen. Er blieb in der alten jüdischen Frömmigkeit und Schlichtheit. und es gab kaum eine jüdische Institution in Berlin, die sich nicht seiner reichen Zuwendungen erfreute. Die ostiüdischen Synagogen und Bethäuser sahen ihn oft und sehr gern als Gast, denn seine Spenden waren reichlich bemessen. Aber auch der Stadt und dem Staat gegenüber tat er mehr als seine Pflicht, steuerte und spendete mit vollen Händen überall, wo Not, in welcher Gestalt immer, ihn anrief. Einem neugegründeten Kinderspital überwies er ein so großes Legat auf den Namen eines ihm noch in den Jahren der Not, vielleicht infolge von Unterernährung, verstorbenen Kindes, daß der Bestand der Anstalt für lange Jahre gesichert war. Einees Tages ging Herrn Leon Maselnik von der genannten Anstalt eine Einladung zu einer kleinen häuslichen Feier zu, und Herr Maselnik folgte gern dem Rufe, sah sich bei der Gelegenheit alle Räume genau an und war voll des Lobes über die herrlichen Einrichtungen zur Rettung vieler von Hunger und Krankheit bedrohter jrmger Kinder. Er war überglücklich, zu einem solchen Werke der Liebe nach Kräften beigetragen zu haben und nahm sich vor, es noch weiter zu tun. Nach der Besichtigung ging er noch mit dem Direktor der Anstalt ins Amtszimmer, um noch einige Einzelheiten zu besprechen. Der Direktor wies auf ein kunstvoll ausgestattetes Buch hin und bat Herrn Leon Maselnik, er möchte, wie es viele andere Philantropen, die das Haus besuchten, getan, sich in das Buch eintragen, was der Anstalt zur großen Ehre gereichen würde. Ganz unbefangen antwortete Herr Maselnik: „Ich bedaure von Herzen, Herr Direktor, ich kann nicht schreiben." „Sie scherzen, Herr Maselnik . . „Nein, Herr Direktor, im vollsten Ernst. Ich habe es in der Jugend nicht gelernt und später keine Zeit mehr gefunden, das Versäumte nachzuholen." Der Direktor machte ein überaus erstauntes Gesicht. Es drückte ihn auch das Gefühl, den Wohltäter vielleicht verletzt zu haben und er suchte es mit einem Kompliment wieder wettzu: machen: „Wie weit hätten Sie es wohl gebracht, wenn Sie schreiben und lesen gelernt hätten?" „Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, Herr Direktor, bis zum Schammes in Obornik. . ." Die Geschichte des Baron von H . . . . Eine wahre Begebenheit. Von A. Meder. *) Im Weltkriege stand Baron Ludwig Wolfgang Sylvester von H. mit seiner Reiterdivision in Litauen. Cr entstammte einer alten ostpreußischen Baronenfamilie und hatte alle Eigenschaften, die einen preußischen Baron von hohem Adel auszeichnen: er war ein Mensch von eisernem Charakter, fester Natur, streng und stolz. Last not least — er war ein Verwandter des bekannten Generals L . . . und ein Freund des Feldmarschalls H . . . Als die Deutschen 1916 die Breg, Njemen ») Aus dem Jüdischen. und Wilija siegreich überschritten, quartierte sich Baron von H. als Oberbefehlshaber des ganzen Kreises in dem Städtchen Kermelischki ein. Von dieser Zeit an konnte man einen starken wirtschaftlichen Aufstieg der Gegend bemerken. Wie im ganzen russischen, besetzten Gebiet, machten auch hier die Deutschen jedes Stückchen Erde urbar, sie rodeten die dichten Wälder aus und hoben dadurch den Handelsverkehr. Es entstanden neue Krämerläden, Restaurants, Teehäuser und dergl. Die wenigen Juden» die von Nikolai Nikolajewitsch nicht nach dem Innern Rußlands vertrieben wurden, sondern gnädigst in Litauen Zurückbleiben durften, konnten sich einer materiellen Besserung erfreuen. Baron von H. verhielt sich anfangs den Juden gegenüber, sehr feindselig. Wie sollte er auch anders als preußischer Junker! Ständig ritt er hoch zu Roß, mit gerümpfter Nase und gewichstem Schnurrbart, von einer Schar großer Jagdhunde umgeben, die der Schrecken der Juden waren. Er haßte die Juden, konnte „ihren Atem nicht riechen". Während der Besetzung war es befi Juden verboten, mit täglichen Bedarfsartikeln wie Zucker, Mehl, Futter usw. zu handeln. So trieb man Geschäfte in der Stille. Man kaufte von den Soldaten und verkaufte an die Bauern — trotz aller „Wachsamkeit" der Gendarmen. Der Baron wußte wohl, daß seine Soldaten Heeresgut unterschlagen, und daß die Gendarmen offene Hand haben, er stellte sich aber ganz unwissend. Nur wenn er einen Juden erwischte, — wehe diesem, er stellte ihn sofort vor das Feldgericht. Eines Tages — es war nach Purim — erfuhr er, daß der Kermelischker Raw Weizen gekauft hatte und ihn im Geheimen mahlen ließ, damit seine Gemeinde mit Mazzos auf Pessach versorgt sei. Er ließ den Raw verhaften. Das ganze Städtchen bestürmte den Unerbittlichen und versuchte ihm klarzulegen, daß des Raws Handlung nicht als Verbrechen angesehen werden könnte, daß er nur eine religiöse Pflicht erfüllt habe: die Juden vor der großen Sünde zu bewahren, am Pessach Brot zu essen. Umsonst '— der Baron war nicht zu überzeugen, nicht zu erweichen. Die letzte Hoffnung war Anitschka. die Tochter des Raw, mit ihren Tränen sollte sie versuchen, das versteinerte Herz zu rühren. Anitschka war bezaubernd schön. Schwarze Haare, schwarze Augen, schlanker Körper, ein idealer Rahel-Typ. Sie war gebildet, hatte das Kownoer Mädchengymnasium mit einer goldenen Medaille absolviert. Sie wurde dem Baron gemeldet und abgewiesen. Er mit einem Juden, gar mit einem Judenmädel verhandeln! Die Tat an sich war in seinen Augen nicht so verbrecherisch, nur daß der Raw, der Führer der Gemeinde, der als gutes Beispiel als Erster „des Kaisers allerhöchsten Befehl" ausführen sollte, es war, der das ungesetzliche Vorgehen selbst leitete, war für seine Begriffe unverzeihlich. — Doch' das Mädchen wich nicht von der Stelle und wurde schließlich vorgelassen. Sie blieb eine Stunde bei ihm und gewann seine volle Achtung. Nicht allein ihre Schönheit fesselte ihn; er war betroffen von der Intelligenz und dem reifen Wesen 'des Mädchens. Niemals hätte er geglaubt, daß die Tochter eines strenggläubigen, m seinen Augen fanatischen Rabbiners, so klug und unterhaltend sein könnte! Sie ging von ihm mit dem Befreiungsbrief ihres Vaters. Pessach kam. Der Raw saß beim Seder und erzählte von den Wundern beim Auszug aus Aegypten. Neben ihm faß der. .Baron, welcher ein intimer Hausfreund geworden war.