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Der Israelit · 1924-03-27 · Heft 13 (27.3.1924) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 13 (27.3.1924)
Date
1924-03-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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27. März 1924 Nr. 13 Veite 13 frankfurter Berichte. Helfen. Von Manfred Neuberger *). Leise weht Frühlingsodem über Winterfluren, Leis zittert auf Schneefeldern Frühlingssonne, Doch Eiseshauch umklammert Mutterherzen, Die sorgend Leid um ihre Kinder tragen. Um ihre Kinder, die mit kranker Seele In Sonnensehnsucht ihre Jugend leben, Jugend, die dumpf und freudlos-welkend hinsiecht. Kein Kinderlied steigt auf aus ihrer Kehle, Kein fröhlich Kinderlachen hat ihr Mund. Wo sonst der Kindheit Engel schützend stehen, Da halten Sorg' und Hunger graue Wacht, Und er — der letzte, namenlose Gast. Doch sieghaft bricht wie aus Gewitterdunkel Ein Strahl sich Bahn voll hellen Sonnenglanzes: Der Hoffnungsstrahl lebend'ger Menschenliebe! Noch glimmt der Funke von der Gottesslamme, Die durch das Schicksal der Jahrhunderte Das Abrahamsgeschlecht sich rettete. Und edler Frauen heilige Begeist'rung Gießt Freude ein freudlosen Kinderherzen, Bringt Hoffnung, wo Müttern Verzweiflung drohte. Ihr, die Ihr Mutter sein dürfte sorglos-stolz, Ihr Kinder, deren Jugend freudig hinströmt: Wenn rauschend fetzt Musik den Saal erfüllt, Dann wollen wir uns schwören heil'gen Schwur, Wir wollen helfen Not und Elend bannen, Wollen im Herzen heil'ges Mitleid tragen, Wollen der Liebe Flammen neu entfachen, Und stärker als der Tod sei unsre Liebe! Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft. Die am Sonntag stattgehabte Gemeindeversammlung war von über 200 Mitgliedern besucht. Nach Eröffnung durch den Vorsitzenden, Herrn N. Schwabacher, verlas der Gemeindesekretär den Geschäftsberich t, der sich im wesentlichen mit der wechselvollen Finanzgeschichte des abgelaufenen Jahres besaht und dem Finanzausschuß der Gemeinde besonderen Dank für seine Leistungen votiert. Die Gemeinde- Institutionen hatten sich ruhiger Fortentwicklung zu erfreuen. Warme Worte des Gedenkens widmet der Bericht besonders Herrn Direktor Dr. Lange und der Freifrau Mathilde von Rothschild. Im Anschluß an den Geschäftsbericht entwickelte sich eine recht angeregte Aussprache, die zum Teil den Charakter einer rednerischen Vorbereitung für die anschließenden Ergänzungswahlen trug. Es wurde Auskunft über ein in Vorbereitung befindliches Regulativ für die Thoralehranstalt verlangt, das die Rechte der Gemeinde angeblich nicht genügend wahren solle. Der Vorstand verweigerte jede meritorische Erklärung, weil das Regulativ zurzeit noch Entwurf sei und der satzungsgemäßen Beratung der Gemeindeorgane unterliege. Dagegen fanden zahlreiche Anfragen und Anregungen finanz- und steuerpolitischer Natur ausführliche Beantwortung. In der zweiten — außerordentlichen — Gemeindeversammlung wurde der Antrag des Vorstandes auf Aenderung von § 7 der Satzung (siehe den Bericht in voriger Nummer) einstimmig angenommen. Der Vorstand gab hierzu eine ausführliche Darstellung des mit dem 1. April zur Anwendung gelangenden Besteuerungssystems, das an Stelle des Einkommens den Verbrauch zur Grundlage nimmt und subsidiär, in Berufungsfällen, auf das Vermögen als Maßstab zurückgreift. Die Wahlen ergaben für den Vorstand die Wiederwahl der ausscheidenden Herren Emil Isaac und Nathan S o n d h e i m e r, für den Gemeinderat die Wiederwahl des Herrn Studienrats Dr. Schüler und die Neuwahl der Herren Leopold Oppenheimer und Hermann Frankenthal. Die letztgenannten Herren drangen mit bedeutender Mehrheit auf Grund eines Wahlprogrammes durch, das „verständnisvolle Würdigung und Förderung der östlichen Kreise", größere „Fühlung mit den Jugendvereinen" und Wahrung „der Selbständigkeit der Gemeinde bei Angliederung bisher selbständiger Institutionen" fordert. Jacob S. Posen S'XT* Eine Persönlichkeit von markanter Eigenart und seltenem Werte, ein »an T>»Vn und min f’an» ersten Ranges ist der jüdischen Gemeinschaft Frankfurts unerwartet schnell entrissen worden: Jacob Salomon Posen hat heute im Alter von 67 Jahren nach verhältnismäßig kurzer, schwerer Leidenszeit die Augen zum letzten Schlummer geschlossen. Von seinem Vater, Rabbi Salomon Posen, einem der Mitbegründer der „Israelitischen Religionsgesellschaft", von Jugend an neben seinem jüngeren Bruder Wilhelm zum fleißigen Lernen angehalten. hat sich der Heimgegangene, als er dann, kaum dem Knabenalter entwachsen, verwaist ward, schon frühzeitig ein ausgedehntes talmudisches Wissen angeeignet, das er, vermöge eines glänzenden Gedächtnisses, — ohne je eine na»»» besucht zu haben — unablässig zu . *) Vorgetragen vom Verfasser als Prolog beim Wohltätigkeitskonzert der Jüdischen Frauenvereimgung am 16. März 1924. __ Der Israelit_ mehren und bis zur Meisterschaft zu vertiefen verstand. Was aber seinem ganzen Leben das Gepräge verlieh, war der in ihm in ungewöhnlicher Stärke innewohnende Trieb zu lehren. Hunderte von Knaben und jungen Leuten, ganze Generationen von Schülern hat er in beispielloser Hingebung, jede freie Minute seiner Mußezeit bei Tag und bei Nacht ausnützend, in die Hallen der Thorawissenschaft eingeführt; auch bei angestrengtester Berufsarbeit war ihm diese Lehrtätigkeit der eigentliche, der ideale Beruf seines Lebens und bis in die letzten Monate hinein konnten ihn weder physische Leiden, noch stärkste geschäftliche Inanspruchnahme zur Preisgabe des kleinsten y’ap mw nötigen. Heber die Grenzen Frankfurts ist der Heimgegangene durch seine Tätigkeit als 5>m» bekanntgeworden; nach vielen Tausenden zählen die von ihm bv vmaa eingeführten jüdischen 'Kinder und als Vorsitzender der v^ni» man hat der der Förderung der nV-n nix» ernste Fürsorge zugewandt. Aber auch auf allen anderen Gebieten des jüdischen Lebens, im Kuratorium des Berliner Rabbinerseminars, in der Ritualkommission der Israelitischen Gemeinde, deren Seele er war, im Vorstand des Lemaan Zion- Vereins betätigte er sich mit dem ihm eigenen tatenfrohen manVnn. Die Frankfurter Eemeinde-Orthodorie hat in Jacob S. Posen wohl ihren hervorragendsten Führer verloren. Aber auch diejenigen Kreise, die in treuem Festhalten an dem geistigen Erbe Samson Raphael Hirschs die öffentliche Wirksamkeit des Heimgegangenen nicht in allen Stücken zu billigen vermögen, werden seiner tm? nrn'i minn nanu den unendlichen nvat die er sich speziell um das Thoralernen der Jugend erworben, verehrungsvolle Anerkennung zollen und sein Andenken allezeit in hohen Ehren halten. Die Beerdigung fand Mittwoch vormittag statt. Die große Frkedhofshalle der Israelitischen Gemeinde konnte kaum die Menge der Teilnehmer fassen. Herr Rabbiner Dr. Hoffmann schilderte in zu Herzen gehenden Worten die Größe des Verlustes, die tiefe Lücke, die der Tod dieses nun pan» und letzten Ehrendajans in der Gemeinde schlägt. Warme Worte der Trauer und Verehrung fand auch Herr Rabbiner Dr. Jakob H o r o w i tz , der zugleich für die vielen Institutionen, insbesondere die Synagoge und Schule, Hermesweg, denen der Verstorbene ein gut Teil seiner Zeit und Kraft widmete, dankte. n"axan Nathan Birnbaum über „Wesen und Wesentlichkeit der Form im Judentum. Im folgenden sei der Gedankengang dreier Vorträge wiedergegeben, die Dr. Nathan Birnbaum vor vierzehn Tagen hier gehalten hat, und die tiefen Eindruck machten. Die Religionen drücken ihren Sinn in Formen aus. Im Judentum sind diese, zum Unterschied von anderen Religionen, lebensbegleitende Formen; das heißt, daß alle Handlungen und Gedanken erst durch die Form ihre Geltung und religiöse Wirklichkeit erlangen. Diese lebenbegleitenden Formen sind ihrem Wesen nach nicht Willkür oder Zufallsprodukt, sondern System, welches eine planmäßige Erziehung und Züchtung des jüdischen Volkes zu einer „Weltanschauungsorganisation" im Auge hat, das „zwischen Sinne und Welt ein aus dem Uebersinnlichen genommenes Betrachtungsprisma einschiebt". Dieses System der jüdischen Lebensform, das nicht nur die Erziehung zur jüdischen Lehre, sondern auch ihre D a rstellung ist, hat zwei Funktionen. Die erste bedeutet die immer neue Weckung der Anerkennung des einen Gottes und Verknüpfung des Gläubigen mit ihm; die zweite geschieht im Sinne der Auserwählung des jüdischen Volkes. Im Leben des Juden einen sich die beiden Funktionen. Denn Auserwählung bedeutet ja nicht im voraus zugesicherte Alleinseligmachung, sondern die Aufgabe, für den Sieg des Monotheismus mit all seinen Konsequenzen für Erkenntnis, Sittlichkeit und Kultur zu arbeiten. Sie bedeutet „die Erstgeburt der Idee", die uns zur Einsamkeit und Zucht verpflichtet. Mit Hinblick auf diese Idee wirkt das Formensystem wie ein Hebelwerk (welches Bild man durchaus nicht mißverstehen muß, wenn man es sich überlegt.) Die Auserwählung gipfelt in der Verheißung des Messias. Dies erschließt einer Gemeinschaft (denn bei dieser Betrachtung kann von der Wesentlichkeit der Form nur als von einem Gemeinschaftsproblem die Rede sein) ewige Möglichkeiten und Zeiträume, mit und in denen sich die Pflicht zur Isolierung und Disziplin als eine Pflicht zur Heiligkeit erweisen wird. Durch diese Funktion wurde das aufgestellte Heer zur wandernden Festung des Lebens und der Welt. Darum muß - sich der ganze Plan durchsetzen; Plan und Zucht ist in Gefahr, wenn der kleinste Teil -ausgegeben wird. Dieser Wille zum ganzen Plan erklärt auch den Einwand, der oft wegen Gleichstellung von Formsünde und Verbrechen im Judentum gemacht wird. Auch der Einwand, das Judentum habe der Kunst keinen Raum gelassen, erhebt sich nur aus Unkenntnis der Tatsache, daß das jüdische Formsystem nicht bloß eine gewaltige religiöse Institution ist, sondern mit allem, was zwischen, durch und um sie herum sich gebreitet hat, eine reiche Kultur. Darum reich, weil in ihr der relgiöse Urkern wirkend bleibt, während sich andere Kulturen von: religiösen Urkern selbständig machen. Kultur wird bejaht, nur die entgottete Kultur verworfen. Dieser Satz ist bedeutsam für Birnbaums „geistliche Weltanschauung", die nicht im Gegensatz zur Welt zu denken ist, sondern zu weltlicher Weltanschauung. („Nichtwille zur Macht bedeutet nicht Nichtwillen zum Leben") Es kommt auf die Hingebung zum „Außerweltlichen" an, mit der das Leben durchdrungen werden muß. Auch die Form wird erst das, was sie sein soll, wenn die betreffende Handlung an sich, mit jener Hingebung durchdrungen wird. Ohne sie bleibt die Handlung nur „Formhülle". So ist das wahrhaft gebetete vorgeschriebene Gebet keineswegs „nur Formhülle", ebenso wie das spontane Gebet nicht „nur Hingebung" ist. Solche durch Hingebung vollendete Form aber widerspricht der „Entwicklung", der sie sich nicht unterordnen darf. Entwicklung? — Ja, aber sie lenken, sie bestimmen. Unwahr ist ein Wunsch nach Erneuerung, die die Aufhebung der „Form" voraussetzt. Es lebt in den Juden eine alte Unzulänglichkeit, das Wort Gottes zu erfüllen. Diese Unzulänglichkeit wird wahre Erneuerung überwinden wollen, nicht ihr nachgeben. Ihre Parole wird sein: Erneuerung des Judentum s i n den Juden. — Dies etwa der Gedankengang der drei Vorlesungen, an die sich Aussprachen anschlossen, in denen manche Fragen des jüdischen Gesetzes und seiner heutigen Möglichkeiten und Aufgaben erörtert wurden. In solch kurz bemessener Zeit, da sich wenig Endgültiges sagen läßt, kam es mehr auf die mannigfache und gesunde Anregung an, wofür Dr. Nathan Birnbaum ganz besonders zu danken ist. t t Wir fühlen uns verpflichtet, unsren Lesern den uns zugegangenen objektiven Bericht über die wertvollen Vorträge nicht vorzuenthalten, ohne daß hierdurch unser ablehnender Standpunkt gegenüber der Stätte, an der sie gehalten wurden, dem „Freien Jüdischen Lehrhaus", berührt wird. Der religiöse Reinheitsbegriff des überlieferten Judentums kann nicht dulden, daß von einem und demselben Katheder heute die radikale mn>» verkündet und morgen die Treue zu nixvi nun gelehrt wird. Der Wunsch, geistige Eroberungen in fernstehenden Kreisen zu machen, ist zwar durchaus berechtigt, und es sollte ihm im gesetzestreuen Lager mehr als bisher Rechnung getragen werden; aber das kann nur auf dem Boden der reinen und eindeutigen Bekenntnistreue geschehen, nicht im Rahmen der der Halacha unbekannten akademischen „Lehrfreiheit", die ja auch Birnbaums Gedankengänge entschieden negieren. Im Reiche des Tutanchamon. Ein Vortrag von Dr. V a t t e r, Kustos mr; Völkermufeum, über die Ausgrabungen in Aegypten und die Bloßlegung des Grabes des Königs Tutanchamon füllte an zwei Abenden den großen Saal des Dolksbildungsheimes bis auf den letzten Platz. Man mußte das hohe geistige Interesse der an den Schaltern sich drängenden Massen bewundern, die in dieser Zeit schwerer Uebergangsnöte sich eine Stunde der Wissenschaft und ihrem Resultate hingeben wollten. Viele Hunderte mußten am ersten wie am zweiten Abend, da alle Plätze vergeben waren, unverrichteter Sache heimkehren. Dr. Datier zeigte uns in Wort und Bild das Gelände der Ausgrabungen und diese selbst. In populär gefälliger Weise suchte er die Hörer in das Reich der Afsyrologie und Aegyptologie einzuführen. Eine Reihe prachtvoller Lichtbilder gab Gelegenheit, die altägyptische Kunst zu bewundern und das Hof- und Staatsleben der Pharaonen kennenzulernen. Von den 31 Dynastien, von denen sich immer die neue auf den Trümmern der vorhergehenden aufbaut, bekam man manches zu hören, was auch zum besseren Verständnis des biblischen Tertes beiträgt. Man versteht den Bericht der Schrift: „Und es erstand ein neuer König in Mizrajim, der von Josef nichts wußte." Auch sah man, daß die Angaben des Talmuds über Einmauern von Sklaven, auch Kindern, keine Sage sind. Vatter selbst spielte auf die Bibel nicht an und nannte nicht einmal ihren Namen, was besonders für die vielen jüdischen Zuhörer eine große Enttäuschung war. Denn man hätte doch gar zu gern erfahren, in welches Verhältnis die Wissenschaft den neu auferstandenen Tutanchamon, von dem man nur weiß, daß er Träger der 18. Dynastie war, nur 6 Jahre regiert hat und jung gestorben ist. ohne daß seine Regierung namhafte Spuren hinterlassen hätte (abgesehen von den gut erhaltenen Mumien), zum Pharao der Bibel und zum „Auszug" bringt. Darüber werden noch weitere Forschungen anzustellen sein. Das „große Verhör" in der Thoralehranstalt. In der Thoralehranstalt Friedberger Anlage (Jeschiwo des Herrn Rabbiner Dr. Breuer) ging an den letzten zwei Sonntagen die Jahresprüfung — das „große Verhör" — vor sich. Die obere Abteilung der Jeschiwo zählt 30 Jünger, von denen mehr als die Hälfte deutscher Abstammung sind. Alle und nicht zuletzt die einheimischen jüngeren Jahrgänge zeichneten sich beim Verhör durch vorzügliche Beherrschung des durchgelernten Stoffes aus. Gelernt wurden Teile der Traktate pvia'p und v>aiT>» sowie zahlreiche einzelne nt'aiv mit allen älteren und späteren Kommentatoren. Neben dem Herrn Rabbiner wirken drei Dozenten im Hauptamts am Lehrbetriebe der Jeschiwo mit. Dem Verhöre wohnten bei: Vertreter des Kuratoriums, der Gemeindeverwaltung, die Dozenten der Untergruppen der Jeschiwo sowie viele Mitglieder als Gäste. Nathan Homburger-Stiftung. Der Verein „Mekor Chajim" E. B. versendet ein Rundschreiben an die Mitglieder der Synagogengemeinde der Israelitischen Religions-Gesellschaft, dem wir folgende Sätze entnehmen:

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