Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 4 20. Mürz 1924 . Der Israelit Blätter da die Zentren des jüdischen Lebens zum großen Teile außerhalb des Bahnverkehrs liegen und nur mühselig mit Schlitten auf tagelangen Reisen Kowno erreicht werden konnte; teilweise weil in der Tat gegenüber dem Terror der Gegner in Litauen heute noch ein gewisser Mut dazu gehört, sich zur Agudoh zu bekennen. Der vorbereitende Waad-Hapoel in Kowno hatte daher nur mit einer beschränkten Besucherzahl und demgemäß mit einem kleinen Versammlungsraum gerechnet. Als aber am Montag Morgen, den 12. Adar l., immer mehr und mehr Delegierte eintrafen, sah man sich noch in letzter Stunde genötigt, ein größeres Lokal zu wählen. Aus Telschi, Schawli, Poniwesch, Chelmi, Plungian, Wilkomir, Zoschinski. Memel, Janova. Schukian, um nur die hauptsäch ichsten zu nennen, hatten die Agudohgruppen (seit der Kenessio Gedaulo sind 13 neue Ortsgruppen in Litauen gegründet worden) teilweise rabbinische, teilweise Laiendelegierte gesandt. Zahlreiche Begrüßungsschreiben, offizielle Begrüßun gen durch Delegierte der Agudas Harabonim, des „Jawne", der orthodoxen Arbeiter und last not last des Kownoer Oberrabbinats zeigten, wie die Agudaidee sich überall Anhänger geschaffen hatte. Das Eis war gebrochen; man scheut sich in Litauen nicht mehr, den Namen eines Agudisten zu tragen. Die Konferenz hat vor aller Welt gezeigt, daß eine litauische Agudoh lebt und darin liegt, unabhängig von den Beschlüssen, die sie gefaßt. ihre Bedeutung für Litauen: oira mui onV «jkj; aber auch der Inhalt der Konferenz hat eine die Stunde weit überragende Bedeutung. Die Frage der nationalen Autonomie bewegt nicht erst seit heute und gestern die Gemüter der litauischen Juden; aber erst in der allerjüngsten Zeit hat es sich herausgestellt, daß im Grunde genommen diese Autonomie nichts anderes besagt als eine im Grunde legalisierte Steuerkompetenz der einzelnen Gemeinden und möglicherweise eine die Gemeinden umfassende nationale Gesamtorganisation, die aber ihr Budget unter Ausschluß alles Religiösen aufstellt, d. h. mit anderen Worten, die großen und kleinen Gemeinden Litauens sollen zwangsweise zu Steuerbeiträgen für alle möglichen gesellschaftlichen und kulturellen Zwecke herangezogen werden, natürlich auch für die assimilatorischen Schulen der „Kulturliga" und die zionistischen Schulen des Tarbus. Ein Gewissenszwang, der dadurch nicht geringer wird, daß auch das orthodoxe, von der Aguda mitgegründete Schulwerk „Jawne" ebenfalls unterstützt werden soll. Dieses Zerrbild unjüdischerjüdischer Autonomie erhielt in der letzten Zeit noch seine besonderen Farben dadurch, daß in zwei lebenswichtigen Punkten für die litauische Iudenheit ebenfalls trotz der nationalen Autonomie und trotz des jüdischen Ministers die jüdische Masse vor der Gefahr einer Vergewaltigung steht. Das eine ist der M i l i t ä r z w a n g der Jeschiwoh-Vesucher, der entgegen den bisherigen Traditionen unter der russischen Herrschaft und während der deutschen Okkupationszeit, die Jeschiwohs zu entleeren droht und ferner das Sonntags ru hegesetz, welches die Existenz tausender sabbathaltender Juden aufs schwerste gefährdet. Die nationale Autonomie ist augenblicklich bekanntlich den litauischen Juden genommen, wird ihnen aber voraussichtlich wieder gegeben werden. Zu ihr und zu den mit ihr zusammenhängenden Fragen Stellung zu nehmen, war zunächst Aufgabe der Konferenz. Es ist nun ungemein charakteristisch für die seelische Einstellung der Führer der litauischen Orthodoxie, daß sie nicht eine Resolution faßten, worin sie die nationale Autonomie erbaten, wohl aber ihre Forderung nach der religiösen Autonomie eines jeden thoratreuen Juden in folgende Fassung kleideten: Die erste Landeskonferenz der Agudas Jisroel , in Litauen beauftragt das Aktionskomitee nach Prüfung der Angelegenheit der Kehilla Steuer und in Anbetracht des Umstandes, daß kein thoratreuer Jude gezwungen werden kann, Institutionen und Angelegenheiten, die gegen die Religion gerichtet find, mit seinem Gelde zu unterstützen, bei der Einheitlichkeit der Lehila den Weg zum Ausgleich zu finden, im Einvernehmen mit dem Moezas Gedaulei Hathora. Mit flammenden Worten wird auch in Sachen des Sonntagsruhegesetzes an den Staat appelliert, das älteste Heiligtum der Menschheit, den Sabbat, nicht zu gefährden. Jnbezug auf die Mi itärpflicht der Bachurim wurde noch während der Tagung die Entsendung einer Delegation der Konferenz an die zuständige Stelle beschlossen. Diese drei politischen Forderungen wurden von den beiden agudistischen Sejm-Abgeordneten, Rabbiner Kahnemann- Ponüvesch und Dr. Holzberg-Telschi mit einer Glut der Begeisterung vorgetragen, daß die darauf bezüglichen Resoluttonen in der Tal nicht nur formal, sondern auch de facto den einstimmigen Willensausdruck der Konferenz darstellten. Um aber die Eigenart der litauischen Orthodoxie recht zu verstehen, muß an das Bonmot als die Vertreter der Kownoer Tiferes-Bachurim namens dieser Vereinigung der Landeskonferenz ihren Dank dafür aussprachen, daß hunderte jüdische Menschen von., der Straße aufgelesen und der Thora zugeführt worden waren. Diese Tiferes-Bachurim-Vereinigungen in allen größeren Städten zu gründen, hat die Konferenz ebenfalls beschlossen. Ein trauriges Symptom des Niederganges der Zeiten ist der Konferenzbeschluß in Litauen nach dem Vorbild des jüngst in Kowno gegründeten „ M ä s h i r e i - S ch a b b o s " - V e reins, auch in anderen Städten solche Organisationen zu gründen, deren Aufgabenkreise ungefähr dem seinerzeit in Deutschland gegründeten Verband der Sabbatfreunde gleichkommt. Die Herausgabe einer Broschüre über den Sabbat sowie eine über Ta h a r a sMis chpocho würde von der Konferenz beschlossen. Da leider in Litauen infolge der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse eine Reihe kleinerer Städte ohne Mikwoaus geblieben sind, beschloß die Konferenz, daß Agudas Jisroel im Verein mit den Gemeinden selbst mit möglichster Beschleunigung die Einrichtung von. Mikwoaus übernehme. Neben Chinuch und Chifsuk-hadaß drückte darstelle. Es gibt kein Land, in dem die Sorge für die Erziehung der Heranwachsenden Jugend so im Mittelpunkte alles Interesse steht wie in Litauen. Dadurch erklärt sich, daß die E h i n u ch- Debatte einen unverhältnismäßig weiten Raum bei der Verhandlung der Konferenz einnahm. Die Pflanzstätten der Thora in Litauen sind neben den Ehadorim die fast an jedem Orle befindlichen Jefchiwohs-Ketanohs, deren Lehrziel die Ermöglichung des selbständigen Lernens ihrer Besucher bildet. Neben diesen Jeschiwoh-Ketanohs sind in Slobotka, Telschi, Poniwesch und Ehelmi die Jeschiwot-Gew o h o s, in welchen — beispielsweise in Slobotka allein — über vierhundert selbständig lernende Bachurim sich dem Thorasiudium widmen. Außerdem sind die sogen. Kaule lim da, in denen bereits verheiratete Talmidei- Ehachomim sich weiter vervollkommnen. Da die bisherigen Hilfsgelder zur Unterstützung der Jeschiwohs aus Amerika in den letzten Monaten völlig ausgeblieben find, hat die Konferenz zunächst jedem Agudisten die Pflicht auferlegt, pro Jahr Lit. 18 (Doll. 1,8) für die Jeschiwohs zu zahlen. Damit können die kleinen Jeschiwohs erhalten werden: für die großen Jeschiwohs hofft man auf die Unterstützung durch den Keren-hatora der Agudas Jisroel. Das Bild der litauischen Unterrichtsanstallen wäre aber ein unvollständiges ohne das grandiose Schulwerk „Jawne", welches nicht nur eine Reihe von Schulen eingerichtet hat, darunter ein orthodoxes Mädchengymnasium in Telschi, das inbezug auf die jüdische Mädchenerziehung im Osten einzig dateht, sondern auch ein Lehrer -und Lehrerinnenfeminar in Telschi erhält. Die Unterstützung des „Jawne" sowie auch der Eha-- dorim hat nicht nur mit außerordentlich großen materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, sie steht auch in einem ideellen Kampfe gegen die zahlreichen Gegner von links, welche wissen, daß das Thorajudentum in Litauen mit diesen Anstalten steht und fällt. Die Konferenz hat daher ihren scharfen Protest in einer Resolution gegen alle diejenigen ausgedrückt, welche die Ehadorim bekämpfen. Sie verlangt die regierungsseitige Anerkennung der jüdischen religiösen Schulen und die materielle und ideelle Förderung der Ehadorim und des Jawne-Schulwerkes. Seit kurzem hat die litauische Agudoh auch unter dem Namen „Tiferes-Bachurim" Abendkurse für die arbeitende Bevölkerung, zunächst in Mischnajoth und Dinim eingerichtet und es war ein ergreifender Moment, in der Konferenz, eritmert werden welches ein Teilnehmer der>di- Behandlung der Erez Jisivel-Fiagen Versammlung gebrauch!-. datz unter bet, Sti n.|ber Konferenz ihren Stempel auf. Nach dem der Agudoh die litauische Landes- Referat des Vertreters der allgemeinen Paorgamfation den ..Jesch.wah-Bachur"-lzstinazenirale über die Erez Ji-roel-Aufgaben beschloß die Konferenz die Gründung einer Kolonie der Agudas Jisroel in Litauen. Es ist nun ungemein charakteristisch, daß in der Tat für die Einzeichnungen zum Bodenkauf bei der Konferenz nicht genügend Papier mehr vorhanden war. weil jeder der Delegierten, ebenso wie die zahlreich erschienenen Gäste zu den ersten gehören wollten, die an dieser litauischen Kolonie teilnehmen. Wie die allgemeine Palästinazentrale mitteilt, sind bis zum Schreiben dieser Zeilen bereits über 2000 Dunam in Litauen gekauft worden. Auch die anderen Probleme der praktischen Erez Jisroel- Arbeit, Häuserbau in Erez Jisroel, Schmittofond. Unterstützung des Schulwerkes, wurden nicht nur durch Nesoluiionen, sondern durch sofortige Taten von der Konferenz gefördert. Es wäre zu wünschen, daß die elementare Kundgebung von Ehibashoorez in der litauischen Landesorganisation auch für die übrigen Landesorganisationen vorbildlich würde. Auch in rein organisatorischer Beziehung hat die Landeskonferenz wichtige Beschlüsse gefaßt, so die Umgestaltung des „Jüdischen Lebens" aus einem Wochenblatt zu einer Tageszeitung, die Einrichtung eines Büros, die Wahl eines Landesvorstandes aus Kowno und der Provinz und die Entsendung von Propagandarednern in die Provinz. (Die Arbeitsmethode der Konferenz bestand in einer Zweiteilung; während in den Abendstunden von 7—1 die Plenarversammlung tagte und die prinzipiellen Gesichtspunkte eingehend besprach, arbeiteten des Tags über die einzelnen Kommissionen die Resolutionen aus, welche dann zum Schlüsse von der Plenarversammlung angenommen wurden.) Wir können diesen kurzen Bericht nicht schließen, ohne daraus hinzuweisen, daß die gesamte Agudoh das größte Interesse daran hat, daß die großzügigen Beschlüsse der Konferenz, zur Ausführung gelangen. Li tauen ist heute noch das Thorareservoir der jüdischenWelt.ist heute der Zufluchtsort tausender Flüchtlinge aus Sowjetrußland, ist das Land, in bem immer heftiger der Kampf zwischen einem antireligiösen Pseudonationalismus und dem Thoranationalismus, wie ihn Agudas Jisroel vertritt, zum Austrag gelangt. Der Agudist außerhalb Litauens darf und wird nicht bloß müßiger Zuschauer dabei sein wollen, sondern sich das Hochgefühl verschaffest wollen, einer seits dazu beizutragen, daß in dem. klastischen.