Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 12 Der Israelit u * schlug. Das herausgefallene Auge des Täuflings wurde tatsächlich am bezeichneten Ort gefunden und es ist an ihm in Erfüllung gegangen die in der Thora enthaltene Strafe 1'*" für die Fälschung des Buchstaben *»• büßte er sein Ajin (Auge) ein. So lautet die merkwürdige Begebenheit. . Nun erklärt der Apter Rabbi: Aehnlich wie jener Täufling durste auch Hamann an dem königlichen Dekret eine Fälschung begangen haben und zwar stand in dem in Hebräisch abgesaßten Dekret .V'NINM jik iayV (iLivbs VN1 o?i ianaa NI'-MI nria) Das Wort "ia»> mit „Ajin" geschrieben, bedeutet so viel, als sie d i e n st b a r zu machen; das Geld hat er auch dem tmiemK zu diesem Zwecke angeboten, um die v'iin' zu Sklaven und Bediensteten zu machen. Der König wies das Geldanerbieten zurück, unterschrieb aber das Dekret. Nachträglich, als das königliche Dekret jedoch schon unterschrieben war, korrigierte pari das Wort "viayb" so, daß er an Stelle des i'§ ein b k setzte, womit das Wort eine ganz andere Bedeutung erhielt (nämlich die Juden zu vernichten). Als die Hofschreiber sahen, daß das königliche Dekret lautet: "iaia«> gaben sie die nähere Erklärung dazu, nämlich Tapn!» •jaaVi innV Mithin wären die eingangs angeführten Stellen der nb'L» in sinnreicher Weise gelöstv'nayb ‘uiök sagte zu »vnwin* Wären wir als Sklaven verkauft worden, so wie Haman dem König dies ursprünglich beantragte, hätte ich geschwiegen; aber ich bitte dich um Zurücknahme des Vernichtungsurteils. Als der König aus diesen Worten vernahm, daß gegen die Juden ein Vernichtungsanschlag geplant sek, war er entrüstet, denn er hatte das Dekret nur mit ^viavbunterzeichnet und Nicht wissen können, daß das Dekret auf "onattV gefälscht sei. , # . Der Apter Rabbi ist nun längst vwpi «a!jya (er starb am 5 .Nissan im Jahre 5589), seine hier wiedergegebene originelle Erklärung scheint aber in unserer Zeit der Reaktion sich besonderer Aktualität zu erfreuen; — das jüdische Ajen bedeutet nicht nur Auge, sondern auch Quelle, — die Quelle unseres Lebens ist unsere heilige Lehre! ("a'i'y m-tw ma m nia»-)- Gar oft haben Israels Feinde es versucht, uns um unser „Ajin" zu bringen. Von Amalek ganz abgesehen! Machte nicht auch jener AMmoniterkönig es zur Bedingung, nur alsdann einen Friedensbund mit den Söhnen Israels schließen zu wollen, wenn ein jeder von ihnen das „rechte Auge" (die Thora gemeint; siehe ^'"nyizu Samuel l, Kap. II) preisgeben würde! Hamans Getreuen wissen es durch tausendjährige Gesch'chte und die gemachten Erfahrungen, die eine totale Vernichtung Israels nur durch Streichung seines „Ajins" möglich ist, um aus tnasrt», zu machen! — So war es dann owa zu jener Zeit des Ahasweros, so zur Zeit eines Raw Scherira ,wo der Lichtstrahl des jüdischen Ajin die dichtesten Nebel am mittelalterlichen Horizont durchbrach — und so ist auch noch mn pan- Bileams Erben und Gesinnungsgenossen jenes "pvn dwp» des „Einäugigen" (siehe Talmud Sanhedrin S. 105) gönnten und gönnen eben Israels Sönen ihr Angesicht nicht. — Man versucht sie zu blenden —, man faselt von geheimen und schädlichen Lehren des Judentums, man beschuldigt sie der „Vrunnenvergiftung" — jeder Kunz und Hans will'in die Tiefe des Talmuds eingedrungen sein und seine der gesitteten Welt gefährdenden Irrlehren erforscht haben. — Sie tasten an Israel- Ajin, und möchten, ganz nach der Methode ihres Großväterchens Haman, das Ajin streichen und mit einem Ales korrigieren und das Vernichtungsurteil ganz perfekt, mit dem Königssiegel versehen, herbeiführen. — Nun, diesen „Talmudkundigen" müßte auch jene Talmudstclle (Traktat Giiin S. 57) wohlbekannt sein: ßtnwa) jna wort i>3 ii'N naaa sm iVsa „Wer Israels Auge antastet, der greift sein Auge an". — Diese Tatsache hat sich im Wandel der Zeiten oft bestätigt. Ein Beispiel hierzu gibt auch Haman, der Urkundenfälscher. Wir verzagen nicht und vertrauen auf unseren gütigen himmlischen Vater, der uns versicherte, apy» r? “na nva tm-iv pav'i „und Jisroel wohnt sicher, für sich allein, die Quelle Jakobs." Abiturientenentlassung. Ein wunderschöner Märztag lädt die Leipziger Juden nach der Höheren Israelitischen Schule, die wieder einmar eme Feier zur Entlassung ihrer Abiturienten veranstaltet. Wichtige Tage für das Leben der Schule waren vorausgegangen. Am 19. Febr. hatte die dem früheren Einjährigen-Eramen entsprechende Reifeprüfung stattgefunden, der sich 14 Schüler der 1. Klasse unterzogen. Die schlechteste Zensur war 3 a, ein Zeugnis für die Leistungsfähigkeit der Schule. Dann hatten sich die Absolventen der drei Oberrealschttlklassen als Erlerne an der Oberrealschule im Süden zur Prüfung gestellt und alle bestanden. Es war dies ein garnicht genug zu schätzender Erfolg der Anstalt, der einzigen von den jüdischen Schwesternanstalten, die ihren Zöglingen die Gelegenheit gibt, ihre gesamte Schulbildung bis zum Uebertritt auf die Universität, also auch die Vorbereitung zum akademischen Beruf in einer jüdischen Schule zu genießen. Und endlich war auch noch die Prüfung der Mädchen der 1.. Klasse vor fremden Examinatoren gewesen und glücklich bestanden worden: Grund genug für die Leipziger Schulgemeinde, sich ihrer Schule stolz zu freuen und den Tag der Entlassung am tr&kn Messesonntag in der schönen Aula feierlich zu begehen. Und feierlich ernst betraten unter dem Spiel des Harmoniums die Abiturienten den biauf den letzten Platz besetzten Saal. Im „Abschied" von Hossmann v. Fallersleben verabschiedete sich eine Schülerin der 2. Klasse von den Abgehenden, während der darauffolgende Chorgesang Freundschaft" die Bande, kaum gelöst, von neuem knüpfte. Dann folgten die Abschiedsansprachen der scheidenden Schüler, deren einer als Sprecher der Oberrealschulabsoloenten m kurzen, klaren Strichen die Verbindung kennzeichnete, die unsere Schule zwischen Weltkultur und jüdischer Kultur herzustellen vermochte. In dem prachtvollen Schülerorchester offenbarte sich dann der künstlerische Sinn, der in den Zöglingen schon früh geweckt und zu einer seltenen Höhe entwickelt zu werden scheint. Mit Stolz konnte der Direktor, Rabb. Dr. Carlebach, aus die Erfolge seiner Schule zurückblicken. Und dennoch wies er die Abgehenden mit Ernst auf die Lücken hin, die sie natürlicherweise im jüdischen Wissen noch haben und ermahnte sie, dieses Wissen zu vervollkommnen und zu ergänzen, indem er sie an ein Wort des Midrasch erinnerte, daß die Worte der nim nicht zu lesen seien wie die Gesänge des Homer, sondern wie das Gesetz über Reinheit und Unreinheit. Nach Verteilung der Zeugnisse und. Verleihung der kostbaren Prämie an den besten Schüler der Schule ging Dr. Carlebach zum letzten Teil der Feier über: zur feierlichen Verabschiedung von dem langjährigen Kollegen Dr. M. Elias. Er schilderte, wie derselbe der Anstalt seit ihrer Gründung , angehörte und in geradezu vorbildlicher Treue gedient hat; mit welcher Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit er seinen Prosaunterricht erteilte, ob es nun Deutsch oder Französisch oder Geschichte war, überall hätte er seinen Schülern gesicherte Kenntnisse vermittelt. Dann sprach er von der Haupttätigkeit des Scheidenden, die auf rein jüdischem Gebiet gelegen habe, wo er alle Zweige des jüdischen Wissens als trefflicher Lehrer der hebräischen Sprache wie als Dozent der jüdischen Geschichte gegeben habe. Die Unterweisung in yin die seine Persönlichkeit zu richtiger Auswirkung kommen ließ, sei durch eine jüdische Lebensanschauung glücklich Unterstützt worden. Für die Schule bedeutet der Fortgang eines solchen Mannes, zumal bei der schwachen Möglichkeit, ihn durch eine auch nur annähernd gleichwertige jüdiscke Lehrkraft zu ersetzen, einen sehr großen Verlust. Möge er, so chloß der Direktor, in seinem neuen Wirkungskreis als Direktor der Realschule in Fürth sich ebenso viel Freunde erwerben, wie es hier der Fall war. — Nach einer ergreifenden Erwiderung des Scheidenden, der sich mit innigen Worten der Erinnerung Und des Dankes an den Direktor, die Kollegen und die abgehenden und bleibenden Schüler und Schülerinnen wandte, schloß die eindrucksvolle Feier. Ktnberecfe. Eine Mizwo. Von Heinrich Einstädter in Frankfurt a. M. Der Winter steht sich heutzutage mit den Leuten schlechter als je. Die teuren Lebensmittel, die knappen Brennstoffe und die mangelnde Arbeitsgelegenheit lassen den Wunsch aufkommen: Wenn der Winter nur schon vorbei wäre! Aehnlich dachten wohl schon früher viele, denen der Aufenthalt im Zimmer weniger behagte als das Tummeln im Freien, auf trockenen Plätzen im Lichte der warmen Sonne. Unter ihnen besonders die Kinder! Bringt doch der Winter nicht nur Tage, geeignet zu fröhlichem Spiel mit Schlitten, Schlittschuh und Schneeball, sondern auch feuchtes, ungesundes Wetter, das selbst die wildesten Buben von der Strahe veriagt. In Hintermondingen, einem Dörfchen im Vogelsberg, sah man von Ende November bis anfangs Februar kaum einen fremden Menschen. Man war förmlich eingeschneit. Die Männer fuhren zwar mit ihren Schlitten zu ihren Geschäften „über Land", aber die Frauen und die Kinder kamen selten über die Gemarkung des Dorfes hinaus. Wenn das Fuhrwerk _20. März 1924 dßs Arztes aus dem Krtzisstadtchen vor der Wirtschaft hielt, so galt das schon als ein Ereignis. Desto vollkommener war den Leisten, der einzige Fremde, der regelmähig bei ihnen einkehrte, der alte jüdische Lehrer von B., einem nahen Dorfe, den die Väter der vier schülpflichtigen Kinder abwechselnd abholten, damit diese auch im Winter hebräischen Unterricht erhalten könnten.- Im Somnier gingen ja hte Kinder gern nach B., utst die dortige Äeligionsschule zu besuchen. Ader vom Novemhdr an machte ihnen der hohe Schnee und der rauhe Wind dies unmöglich. So freutet! sich: denn die Kinder stets auf die beiden Nachmittage, die ihnen eiste willkommene AbchechslüM brachten. ‘ Nicht minder aber freuten sich die Erwachsenen: denn nach dem Unterricht widmete ihnen der Lehrer meistens noch ein oder zwei Stündchen, die mit anregenden und belehrenden Gesprächen und kleineren Darbietungen aus hebräischen Büchern ausgefüllt wurden. An diesen Stunden der Erbauung zehrten sie die ganze Woche. Im Dorfe aber hatte man " kein jüdisches Gemeindehaus: doch um ein Schullokal waren die Leute nicht verlegen. Es wohnte unter ihnen eine fromme Frau, die schon früh ihren Mann verloren hatte. Sie erbot sich von vornherein, ihr Wohnzimmer für den Unterricht zur Verfügung zu stellen, um dadurch zur Verbreitung der Thora auch ihrerseits beizutragen, und da die Kinder gern zur Frau Iochebed gingen und alle ihr gut waren, gönnte man ihr auch die Mizwo. So kam es, daß sich noch nach vielen Jahren für die Leute, die nun schon selbst herangewachsen waren, ein Teil der Erinnerungen, die zu den liebsten ihres Lebens gehörten, an Iochebeds Haus knüpften. Einer von ihnen berichtete jüngst einem Freunde von den Veränderungen, die die Gegenwart auch in Hintermondingen hervorgerufen hat, und von der Not, die manche alten und alleinstehenden Leute in diesem harten Winter leiden müssen. „Doch," fügte er hinzu, „der alten Iochebed geht es, Gottseidank, nicht schlecht. Oft kommt der Geldbriefträger zu ihr mit einem Grub von guten Freunden, die sich ihr nicht nennen, und befreundete Geister füllen ihr, während sie schläft, ihr Holzlager so gut mit Brennholz und Kohlen, daß sie des Morgens die Hände zusammenschlägt vor Verwunderung und Freude." Und der Erzähler muhte wohl auch Grund zur Freude haben: denn im Lichtstrahl erhellte sich sein ganzes freundliches Gesicht. nnid GRUDEN Gas- und Kohlenherde Komb. Herde Transport. Kachelöfen Horstkötter, Knodt <& C2 Am Escbenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683