Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ßr. 12 1924 HP"' Der Israelit mm Die Pnrim-Gesrllschaft. Von Hermann Seckbach. Bei Brunners war Einladung. Esther, die Tochter, hatte sich verlobt, und nun folgte für Verwandte, Freunde und Bekannte eine ununterbrochene Kette von Veranlassungen, das gastliche Haus aufzusuchen. Und welchen Benutz versprach da der Abend! Abgesehen von der opulenten Bewirtung, die das Lob der'Gäste herausforderte, gab es mannigfache Gelegenheit, angenehme Stunden zu verbringen. Die mit vornehmer Pracht ausgestatteten und gut durchwärmten Räume waren aber auch so ganz dazu angetan, jeden Besucher in eine behagliche Stimmung zu versetzen. Atlen voran war die fürsorgende Hausfrau. Ihre Blicke waren überall, wo es nötig schien, zum Wohle der Gäste einzugreifen. Dabei hatte sie für jeden einzelnen stets das rechte Wort, und sie konnte ihre Vielseitigkeit auch da merken lassen, wo es galt, Geist und Verständnis zu zeigen. Diesmal war die Einladung zu Purim ergangen, und damit der Purim so ganz zu seinem Recht kommen sollte, war „frühzeitiges Erscheinen" erbeten. Man war gewohnt, im Hause Brunner durch allerlei Aufmerksamkeiten erfreut zu werden. Das heutige Fest übertraf aber alle Erwartungen. Die wundervolle „S'udo" mit der auserlesenen Speisenfolge, die geradezu künstlerischen Aufführungen der Kinder, die sonstigen Überraschungen, alles dies versetz e die Gäste in echte, frohe Purimstimmung. Ziemlich ernst satz Dr. Goldstein zwischen all den Plaudernden. „Nun, verehrter Herr Doktor," meinte Frau Brunner, „warum sind Sie eigentlich heute garnicht in Stimmung und so ganz in Gedanken? Und dann, darüber mutz ich mich auch beklagen, kamen Sie reichlich spät und haben das Essen fast unberührt an sich vorübergehen lassen." „Gestatten Sie, verehrte Frau, datz ich mich neben Sie setze, um pflichtgemätz Ihre freundlichen Fragen beantworten zu können. Ich bewundere immer, wie Ihnen nichts entgeht, und deshalb bitte ich Sie um Entschuldigung, wenn ich vielleicht Ihre Zufriedenheit nicht erlangt habe." „Bei Ihnen, lieber Herr Doktor, das brauche ich wohl nicht erst zu bemerken, mutz ich Nachsicht üben. Aber man sollte meinen, es wäre doch für Sie, lieber Freund, ratsamer, wenn Sie all das, was Sie bei Ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit so sehr bewegt, wenigstens während 'der paar Stunden vergessen würden. Sie brauchen mir vielleicht garnicht zu erzählen, was Sie heute abend zum Grübler gemacht hat. Aber schauen Sie her, wenn wir hier alle, die wir da sind, auf jede Freude Verzicht leisteten, wenn wir alle tief ins Menschenleid hinabsteigen würden, glauben Sie, datz da auch nur ein Iota geändert werden könnte an dem für uns Menschen Bestimmten? Ich meine immer, wenn wir Geist und Körper frisch erhalten, wenn wir unsere Kräfte stählen, datz wir etwas leisten können, dann, ja dann können wir, wie wir es ja auch tun, helfend beitragen, wo es gilt, Not zu lindern." Ueberrascht sah Dr. Goldstein diese Frau an, wie sie vor ihm satz. Das pulsierende frische Leben strömte bei ihr eine Lebensfreude aus, die ihn ihre Gedankengänge verstehen Netz. „Sie haben recht, gnädige Frau; wenn Sie mir dies heute abend sagen, haben Sie doppelt recht, denn es wäre eine Sünde, in dieses herri liche Purimbild hier den grauen Alltag hinein- 1 zubringen. Aber wir wollen mal versuchen, trotz allem, einen Ausgleich herzustellen. Sie wissen, datz mir als Arzt in der Tat jetzt trostlose Bilder vor Augen kommen. Die verminderte Verdienstmöglichkeit. „der Abbau" hat bereits verheerende Folgen mit sich gebracht. Ganze Familien kämpfen um ihre Existenz, und sind nun gar bei diesen Gruppen schwere Krankheitsfälle vorhanden — so sind die Folgen entsetzlich. Einweisungen in milde Stiftungen — die früher glatt erfolgen konnten — sind kaum mehr möglich. weil die Anstalten selbst jeglicher Stütze bar sind und tagtäglich mühselig die Gelder auf wohltätigem Wege aufbringen müssen, um nur einigermatzen lebensfähig bleiben zu können." „Sehen Sie, lieber Herr Doktor, ich wutzte, Sie sind wieder mit sozialen Problemen beschäftigt." „Darf ich Ihnen, verehrte Frau, einen Gedankengang unterbreiten, den ich hatte, als ich gerade zu Ihnen ging? Ich sprach vorhin von einem Ausgleich. Wie wäre es nun, wenn jed^r Teilnehmer Ihrer entzückenden Veranstaltungen eine festgesetzte — na, nennen wir es einmal „Gesellschaftsspende" von, ich will nicht hoch greifen, etwa 5 Mk. leisten würde? Dann kämen bei Ihnen heute abend — lassen Sie mich schätzen — es werden wohl etwa 50 Gäste hier anwesend sein, 250 Mk. zusammen." „Ja, lieber Doktor, was wollen Sie denn mit diesen armseligen 250 Mk. anfangen?" „Diesen Betrag, gnädige Frau, können Sie beliebig multiplizieren, denn wir haben ja von Familie zu Familie Gelegenheit, das Gleiche einzuführen. Wie steht doch in der heute verlesenen Megilloh? Bechol Daur wodaur, Mischpochoh Umischpochoh, Medinoh Umedinoh usw. Und wenn dann überall bei allen Veranlassungen unser Vorschlag, der ja ganz anspruchslos ist, Aufnahme findet, dann können wir wertvolle Beihilfe leisten. Damit haben wir dann aber auch den Ausgleich und können, wie Sie vorhin so richtig sagten, Geist und Körper frisch halten und uns den Annehmlichkeiten des geselligen Zusammenseins hingeben." „Bravo, lieber Doktor, mich haben Sie für Ihre wundervolle Idee zum Bundesgenossen, und ich will mir alle Mühe geben, bei Freunden und Bekannten zur Verwirklichung beizutragen, aber unter einer Bedingung: Bei unserer nächsten Veranstaltung mutz Herr Dr. Goldstern nach Erstattung der „Gesellschafts-Spende" seine Sorgenfalten verschwinden lassen!" Haman's Urkundenfälschung. Von Jacob Teßlrr in Nürnberg. Die Königin Esther formuliert ihre Bitte um Zurücknahme des Ausrottungsurteiles, wie folgt: rnana rnnspVn D’i227V iVxi -ins^i annV T»B?nV ,'»vi ns 1212m '2 •*]Vnn praa n 1 v isn ps '2 ,'visinn „Denn verkauft sind wir worden, ich und mein Volk, vertilgt, gemordet und vernichtet zu werden! Wären wir noch zu Sklaven und Sklavinnen verkauft worden, ich hätte geschwiegen, aber der Verfolger erwägt nicht den Nachteil des Königs." Da sprach der König Ahasweros:!? p nmV 12V isVn ivs sin nnsi ni «in 'v „Wer ist der und wo ist der, der sich unterfängt, so was zu tun?" Hier erscheint nun manches unverständlich. . 1. Die Worte Esthers „Denn wir wurden verkauft" sind hier durchaus nicht am Platze; wo es sich um Vertilgung und Ausmerzung eines Volkes handelt, mühte es heihen: wbv ma '2 „denn es wurde über uns verhängt" usw. 2. Sprach Esther: „Wären wir noch zu Knechten Und Mägden verkauft, würde ich schweigen". Von einer Versklavung des Volkes war aber doch überhaupt keine Rede!" 3. Am meisten aber befremdet die naive Verwunderung des Königs: „Wer ist der und wo ist der, dessen Herz es zuliehe, so etwas zu tun?" Wurde doch das Vernichtungsurteil namens des Königs und mit seinem Siegel versehen erlassen! Sollte nun Ahasweros ein so kurzes Gedächtnis gehabt haben, sodatz er von nichts mehr wußte?! In dieses Dunkel dringt nun der berühmte Apter Rabbl b"pisr ein, das er in seinem Werke „Oyew Jisroel" "i>siv' ams* an Hand eines historischen Ereignisses als Beispielaufzuhellen sucht. Im Jahre 4760 (vor also ca. 924 Jahren), zur Zeit als Rabbi Scherira (psa si'iio 21) Leiter der berühmten Hochschule zu Pumbedita (sn’iaaiB) war, lebte in einer Stadt Babyloniens ein sehr reicher Mann, der ein nun ivv in seinem Besitze hatte, das angeblich von ivivn mw geschrieben wurde und somit einen sehr kostbaren Schatz darstellte. Nach dem Ableben des Besitzers dieser Antiie entstand ein heftiger Erbstreit unter seinen zwei hinterlassenen Söhnen, da ein jeder lieber auf sein Erbteil verzichten wollte, um-nur in den Besitz der Sefer Thora zu gelangen. Die Angelegenheit kam vors pi n'2 zur Entscheidung, und dasselbe fällte den Rechtsspruch, dah das Los entscheiden möge, wem das Sefer-Thora zufallen soll. Der eine Bruder auf den das Los fiel, war überglücklich und erklärte, dah er um alle Schätze der Welt die Sefer-Thora nicht hergeben würde; der zweite Bruder hingegen war ob seines Mißerfolges ganz unglücklich und selbst das riesige Vermögen, welches ihm zufiel, konnte ihm für den Entgang der Sefer-Thora weder Ersatz noch Trost bieten. Da geschah etwas Unerwartetes. In derselben Stadt lebte ein getaufter Jude. Dieser Täufling vernahm, dah der eine Bruder die ganze Erbschaft hingab für eine Sefer-Thora. Da entbrannte aufs neue der Hah gegen die alte Religion, und er entschloh sich, einen verwerflichen Plan durchzuführen, um der Freude des Besitzers des Sefer-Thora ein Ende zu bereiten. Er schlich sich ins Gotteshaus, in welchem das betreffende Sefer-Thora aufbewahrt war und versteckte sich in einen Winkel, um abzuwarten, bis alle Besucher des Gottesdienstes dasselbe verlassen werden. Als das Gotteshaus von auhen gesperrt war, hob der ivivv das Sefer-Thora aus der heiligen Lade, rollte es auf dem pto des Almemors auf. Die erste Stelle, auf die er stieß, war: (2. Buch Moses Kap. 23, Vers 25) "*p'ö nxi -pni> m -p’ai 'piVs m tik 07112221-- „und Ihr sollt dienen dem Ewigen, eurem Gotte und er wird segnen dein Brot und dein Wasser". Rasch entschlossen nahm er ein Messer, radierte den Buchstaben Ajin im Worte 07112221 aus und setzte an seine Stelle mittels mitgebrachter Tinte und Feder den Buchstaben Alef. Dadurch erzielte er, dah das Sefer-Thora $>iod wurde. Außerdem aber beging er dadurch eine der schwersten Gotteslästerung «denn 07112271 mit "27-- heißt im Hebräischen „diene n", während dasselbe Wort mit « geschrieben, „vern l ch t e n " bedeutet. Befriedigt über sezne ruchlose Arbeit rollte er das Sefer-Thora wieder zu und stellte es an seine frühere Stelle. In seiner großen Eile und Aufregung stieh er jedoch, als er das Sefer-Thora in den vnpn pis hinemstellte, mit dem Kopf an einen spitzen Gegenstand, empfand plötzlich im Auge einen fürchterlichen Schmerz und gewahrte, daß er sich ein Auge ausgefchlagen hatte. Von einer Ohnmacht überfallen, stürzte der ivivra nieder. Er mag einige Zeit gelegen haben, bis er sich erholte und erheben konnte. Schnell entschlossen begab er sich zu seinem früheren Versteck, das Oeffnen des Gotteshauses abzuwarten, um sich unbemerkt entfernen zu können. Von der ruchlosen Tat des Täuflings hatte niemand etwas vernommen, denn er hatte gar keine Spur seiner Anwesenheit zurückgelassen. Am folgenden Sabbat wurde das Sefer-Thora wie gewöhnlich zu nniTin Tisnp aus der heiligen Lade gehoben. Der niip i>272 las die Sidra vor. Als er jedoch zu der Stelle von 'pii>s m rs 07112221 kam, da stockte er plötzlich und gewahrte zu seinem großen Schrecken, daß das Sefer-Thora an dieser Stelle einen Schreibfehler enthalte und aus demselben nicht weiter „geleint" werden darf. Die Wahrnehmung rief allgemeine Aufregung hervor. Am meisten schmerzte es den Inhaber des Sefer-Thora. Er gebärdete sich ganz verzweifelt und war untröstlich. Der Gedanke, daß das Sefer vielleicht nicht von Esra herrühren könnte, (denn bekanntlich waren die von Esra geschriebenen o'isv ganz fehlerfrei), war ihm unerträglich. Sein bisheriger Glaube an die Echtheit des Sefer war erschüttert und er nahm sich dies so zu Herzen, daß er schwer erkrankte. Sein Zustand war schon besorgniserregend, als eine Wendung eintrat, die auf seine Krankheit einen günstigen Einfluh ausübte. Sein verstorbener Vater erschien ihm im Traume und teilte ihm die eigentliche Entstehungsursache des Schreibfehlers im Sefer mit. Er bezeichnet ihm ganz genau alle Einzelheiten, wodurch die Sefer-Thora pofol gemacht wurde und befahl ihm, er möge morgen in der heiligen Lade nachsuchen lassen, wo man ein menschliches Auge finden werde.und zwar das des i»iv». welches er' sich beim Zurückstellen der Sefer-Thora in der Erregung aus-