Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1924)
- Date
- 1924-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Frankfurt a. M., den 13. März 1924 7. Adar II öti.s4 Nr. 11 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deursch-Lfterreich: 80000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 15 Fr.; Belgien 18 Fr.; Hollands fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowaket 25 Kronen; Ungarn 15000 Kronen; Dänemark 5 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 3.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellenluchende 80 Goldpf., für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 80 mm breite Rekkamezetle: letzte Tertseite 90 Pfg., vorletzte Terrseite 1.20 Pfg.; Ebiffregebühr in Höhe einer doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Inseratenannahme durch den Perlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M., Gr. Eschenheimer Straße 83, Tel. Hansa 581s sowie durch sämtl. Annoncen-Erped. des In- und Auslands Alleinige Inseratenannahme für Frankfurter Geschäftsanzeigen: Jul. Schmidt. Langestrahe 0 Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an den Perlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79603 — Postsparkasscnamt Budapest Nr. 18421 — Postscheckamt Zürich Ar VIII 7234 — Postscheckamt Amsterdam Nr 84 839 — Böhmische Unionbank in Prag — Barn-a Marmarosch, Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Der heutigen Gesamtauflage liegt | Bogen 5 (©.65— 80) von S.R Hir s ch, x Frühling und Freiheit für unsere | Abonnenten bei. | Sücfier %u pvcijcn für 3si?acli(~$l6onncnfcn: Statt: Abonnenten: G. M. G. M. Zirsch, Pentateuch 8 Bde geb. 35.— 80.— pirsch. Gebete . .. . . 9.— 7.— (nur noch wenige Exemplare) iLrhmann. Samuel Ha-nagtd iSchachnorvttz. Merelaika „ Luftmensche» „ > Jenseits „ sm Judenstaat der Chasaren „ Salomo, der Falascha ludäur, Daalschem von Mi. chelstadt , Lieferung gegen vorherige Einsendung des Betrages zu« liüglich Versand-Porto oder gegen Nachnahme. >t» drosch. 2 — geb. Lbv Frankfurt a. M. Vetlag des Israelit G. m. b. H. Frühlingsboten. Don Dr. phil. Simon Goldmann in Köln. Durch die Welt geht ein Ziehen und Zerren, lein Sehnen und Strecken. Krisenstimmung überall! Nach den Jahren blutiger Kämpfe wetzt man die geistigen Waffen geschmeidiger Diplomatenkunst. Durch alles Räntespiel der j Diplomaten geht aber ein Sehnen und Streben nach Nahe, nach endgültigem Frieden hindurch. ^Die Welt ist kampfesmüde. Sie strebt aus Wlntersnacht dem Frühlingsmorgeu entgegen. Engjwerbunden mit dem Kämpfen und Ringen der Völker ist auch das Golusgeschick Israels wie stets seit den Jahrtausenden seiner Eoluswanderung. Aengstlich harrt es beim Fallen und Steigen des politischen Barometers nuf dessen vorauskündende Auspizien. Wie aber auch die Wü:fel fallen mögen, dessen' ist sich oas Gottesvolk gewiß, daß da drinnen in den Diplomatenstuben sein letztes Wort nicht gesprochen wird. Wie alljährlich kündet uns auch ,etzr die Purimgeschichie die eindringliche Lehre: kVi du’ mb nan „Siehe, er schlummert nicht und läßt andere nicht schlafen, weil er der Hü er Israels ist." Indessen der einzelne zwischen Furcht und Hoffnung die gewohnten Lebensphasen vollendet, baut sich der Jude in seiner religiösen Lebensanschauung ein weltentlegenes Dasein auf. „Wenn der Adar eintritt, mehrt man die Freude." Aus der Wintersnacht tönen uns befreiende Rufe entgegen. Frühlingsboten weisen uns den Weg zum Feste der F.eiheit. Wiederum erschallt der Schekelruf an die Gesamtheit zur Ableistung ihrer Pflichten für das Allgemeinwohl. Die Frühlingsboten des Adar nehmen die erste Ankündigung des 15. Schwat wieder auf, befestigen in uns durch Schnee und Sturm, durch Nacht und Eis die nie versiegende Ueberzeugung von der Ewigkeit der jüdischen Lebensbejahung, die sich wie Licht auf Dunkel, wie Frühling auf Winter endlich Bahn brechen muh! Ailes Wel enerleben krisenhafter Natur hat naturgemäß Schädigungen an Geist und Körper im Gefolge. Ungleich schwerer als die materiellen Schäden wiegen aber die geistigen Einbußen. Beim Ausbruch des Weltkrieges stockte für den Augenblick der jüdische Lebensodem. Das mit den schönsten Erwartungen begonnene Werk der Brüdervereinigung, der Agudas Jisroel, schien in seiner Geburtsstunde dem Untergang geweiht zu sein. Auf den weiten Schlachtfeldern des Ostens und Westens erlag die blühende Intelligenz des Judentums einem grausigen Gesch'ck. Im Innern schlossen sich Pflegestätten der Thora aus Mangel an Menschen wie an Betriebsmaterial. Die Not der Zeit riß manchen mm!? jpd nieder, trieb viele dazu, sich ganz dem Nihilismus in dis Arme zu werfen. Eine Jugend wuchs heran, verwildert und bar aller religiösidealen Werte, und die Nachkriegszeit mit ihrem wilden Valutataumel beschleunigte das Werk der Zerstörung. ' Fast zehn Jahre sind seit jenen ersten Schreckenswochen verflossen. Die toll gelaufene Stäatsmaschine scheint wieder eingerenkt zu sein und das Leben verläuft in normalen Bahnen. Halten wir Umschau! Haben sich unsere Befürchtungen bewahrheitet? Heller als je tönt. der Schekelruf zur Sammlung um die jüdischen Heiligtümer. Aus Nacht und Eis winken die Frühlingsboten des Adar und Anden von den zarten Regungen der Natur, die unter der Eisdecke zum Lichte keimen wollen. Eine religiöse Lebenserneuerung kündet sich an, die sich auf rauchenden Trümmern eine neue Weit zimmert. Das erwachende jüdische Leben hat sich neue Brennpunkte gesucht. Während die jüdischen Einöden auf dem Lande allzusehr den S.empel der Zeit erkennen lassen, sind insbesondere die Städte zu Zentren frisch pulsierenden jüdischen Lebens geworden. Neue Thoralehrstät en sind vielerorts gegründet, die alten erweitert worden.' Die jüdische Jugend drängt und stürmt zu frischen, freudigen Taten. Mehrere Anzeichen sprechen dafür, daß auch im Lager der abseits Stehenden, der Indifferenten. eine Neuorientierung nach rechts vor sich geht. Mancher religiös Schlummernde fühlt durch allgemeines oder persönliches Erleben sein jüdisches Bewußtsein erwachen und begehrt der Hand, die ihm den rechten Weg weise. Mein Beruf führt mich vielfach mit Kreisen zusammen, die bisher nur in losem Zusammenhang mit dem Judentum standen. Sie sind nicht die Schlechtesten unseres Volkes und deshalb nicht zu verachten, weil sie das Religionsgesetz mit Füßen treten. Haben sie es doch nicht besser vor Augen gesehen und wissen es mitunter gar nicht, daß sie irregehen. Die großen Gefühlserlebnisse, die das Leid erschließt, lassen auch das religiöse Gefühl erstarken. Kürzlich sagte mir der Vater einer meiner Schü binnen, dessen aus religiösem Hause stammende Gattin sehr über den Tod ihres Vaters trauerte: „Wie gern hätte ich es doch, wenn Sie an einem Freitag abend zu uns kämen und uns die Weihe des Sabbats vor Augen führten, damit ich sie meinen Kindern zu bieten imstande bin." Ein anderer Herr, das religiöse Erziehungsprodukt einer Samsonschule, mit dem ich anläßlich des Todes seines Vaters erst das Kaddischgebet üben mußte, äußerte mir gegenüber die Absicht, seine noch unreifen Kinder später der hiesigen gesetzestreuen Schule übergeben zu wollen. Dabei bat er mich, ihn selbst allwöchentlich in das jüdische Schrifttum und dessen Lehren einzuführen, damit er sich später vor seinen Kindern nicht zu schämen brauche. „Al tikro bonajich elo baunajich." Unsere Kinder sind unsere Erbauer! Man ist es bei uns gewohnt, die Berührung mit diesen Kreisen zu scheuen, sich hermetisch von ihnen abzuschließen. Wie manches Samenkorn harrt dort unter der Eisdecke der Frühlingsboten, die es zum Leben erwecken sollen.