Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1924)
- Date
- 1924-03-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. io 1924 5SS?V Der Israelit ivfo ms». mm Der Herr gibt. Skizze aus dem amerikanischen Leben der Gegenwart, Von Anzia Pezierska. (Uebersetzung aus dem Englischen des Menorah-Iournals von A. M.) (Schluß.) „Können Sie leben vom Apfelstrudel, den Sie in Rußland hatten? In Amerika muß ein Mann arbeiten, um seine Familie zu ernähren." „Alle Diäköpfe ernähren ihre Familien," verteidigte sich Rabbi Ravinskys Frau. „Jeder Dickwanst kann Geld schaffen. Mein Mann ist eine Leuchte für die Welt. Er wirkt für Gott, der sogar den Wurn unter dem Stein ernährt." „Sie sch'cken Ihren Mann in mein Amtszimmer. Ich wünsche, mit ihm zu sprechen." „In Ihr Amtszimmer? Allgütiger! Er wird nicht gehn. In Schnipishok kam man aus den vier Enden der Welt zu ihm. Die ganze Stadt segnete sich obseiner Frömmigkeit." „Der erste Grundsatz der Religion ist für einen Mann, für seine Familie zu sorgen. Sie müssen genau tun, wie wir sagen — oder wir können Ihnen nicht helfen." „Bitte, bitte." Frau Ravinsky lenkte ein. „Wir bekommen keine Hilfe, wenn nicht von Ihnen. Ich werde ihn morgen auf Ihr Amtszimmer bringen." r Die Rechercheurin fuhr nun in der lästigen Pflicht ihrer mehr formalen Fragen fort. „Wie viel M ete bezahlen Sie? — Halten Sie Kostgänger? — Gehört Ihr Mann zu irgendeiner Gesellschaft oder Loge? — Haben Sie Verwandte, die Ihnen helfen können?" — „Oi—i—i! Was wollen Sie noch mehr von mir?" schrie die verwirrte Frau. Als Fräulein Raughton ihre Fragen beendet hatte, blickte sie im Zimmer umher. „Es tut mir leid, darüber zu sprechen, aber warum ist Ihre Wohnung in solcher Unordnung?" »Ich zog erst gestern ein und hatte keine Zeit, sie herzurichten." „Aber in der andern Wohnung war es ebenso sch'imm. Wenn Sie unsere Hilfe wünschen, müssen Sie Ihre Pflicht tun. Seife und Wasser sind billig. Ieder kann reinlich sein." Die Kniee der Frau wanklen, als Fräulein Raughton die Deckel der Töpfe im Ofen aufhob. Und dann — Gewalt! Es wurde schwarz vor Frau Ravinskys Augen. Halb bewußtlos stürzte sie zu Boden. Die „Mildtätigkeits"-Dame öffnete die Backofentür und entdeckte die vorerwähnte Bratpfanne und die beiden Eier. Augen voll sprachloser Verdammung durchbohrten das vor Schreck gelähmte Geschöpf, dessen Zähne klapperten im nutzlosen Kampf, sich zu verteidigen. Aber kein Laut kam aus ihrer gequälten Keh'e. Sie konnte nur in hilfloser Angst ihr Kind umfassen. Ohne ein Wort begann die Dame ieden Winkel,' jede Ecke zu durchsuchen und kam sch'ieß ich zu der Schublade, wo sie Butler, Eier, Käse, Brot und sogar ein Glas Gelee fand. „Schmach!" brach es aus dem verwundeten Herzen des betrogenen Fräulein Raughton. „Sie, — Sie bitten um Unterstützung?" Unten in der Halle traf Rabbi Ravinsky, der von der Synagoge zurückkehrte, einen Ausläufer. „Wo wohnen die Ravinskys", fragte der Bursche. „Ich bin Rabbi Ravinsky", sagte er, den Weg zeigend, als er den Kasten voll Kolonialwaren sah. Von dem Iungen gefolgt, stieß Rabbi Ravinsky die Türe auf und trat freudig ins Zimmer. „Sieh nur, wie das Manna vom Himmel fällt!" — Rabbi Ravinsky nicht beachtend, zeigte Fräulein Raughton auf den Kasten. „Nimm die Sachen sofort zurück," befahl sie dem Iungen. „Wie Sie mich mit Ihrem hungringen Blick eingenommen haben!"! Es lag mehr Kummer als Aerger in ihrer Stimme. „Sogar Ihr Kind zum Lügen veranlassen! — Und Ihr Mann, ein Rabbiner, — ein frommer Mann, — zu heilig, um zu arbeiten! Was würde für würdige Fälle übrig bleiben» wenn wir Leuten wie Ihnen gestatten wollten, die rechtmäßige Wohltätigkeit zu mißbrauchen!" Gebeugt schloß Rabbi Ravinsky die Türe, hinter der Besuchenn. Die Schmähungen der Dame waren ihm wie ein Peitschenhieb auf sein nacktes Fleisch. Das Herz wollte ihm brechen seiner hilflosen Familie wegen. Dunkelheit erstickte ihn. „Mein hungriges kleines Lamm, wimmerte seine Frau, sich an Rahel klammernd, „wohin uns nun wenden um Brot!" Mitfühlende Hände breiteten sich im Gebet über die kummerbeladene Frau, über das arme arme Kind. Rabbi Ravinsky stand wieder vor seiner Flucht nach Amerika seinem trauernden Volke gegenüber. Der Iammer seiner Frau um ihr verloren gegangenes Brot brachte die beraubten, oerweisten Ueberlebenden des Pogromes zu ihm zurück, — des Pogroms, das ihre Söhne und Töchter hinwegrissen. Erfüllt von der unentwegten Glaubensglut seines Stammes sang er den uralten Trostspruch: „Der Herr gibt, der Herr nimmt, Sein heiliger Name sei gelobet." Meister Ehrentreu Von einem seiner Lehrlinge*). iiv'QIi '^»a i'rwva Kxaa «V nVisn imsa nrv>n nvn n*vm :jwn 2'vn waii ’m An Rabbiner Ehrentreu ist ein guter Handwerker verloren gegangen. Ohne den beiden anderen ehrwürdigen Mitgliedern zu nahe zu treten, behaupte ich kühn: Rabbiner Ehrentreu ist der beste Handwerker in dem rabbinischen Landesrat. Die Reparatur eines beschädigten Schlosses macht ihm keinerler Schwierigkeit, m früheren Jahren ersparte die Art im Hause auch ihm den Zimmermann, und die feine zarte Hand ist voll Kunstfertigkeit. Nun mutmatzte keiner, der Meister sei bet einem Handwerker in der Lehre gewesen. Nur in den Werkstätten der Tauroh hat er gelernt, nur diese war von Kindesbeinen an sein umnus. Aber aus diesen Werkstätten brachte er nebst vielem anderen zwei Eigenschaften mit, aus denen sich die selbstanerzogene Geschicklichkeit der Hand erklären lätzt. Das ist, zum ersten, die Gründlichkeit, in den Grund jeder Sache zu dringen, nicht an der Dinge Oberflächlichkeit Genüge zu finden, sondern tief hineinzuschauen, . Ursache und Wirkung zu erspähen und jede Einzelheit präzis und sorgfältig zu prüfen. Und, zum zweiten, gehört dazu die Er üllung von Kopf und Sinn mit der Erkenntnis, wie unsere Zadikim, von Jaakauw owinu her, jüdisches Eigentum $>2n«r> bv nnan als anvertrautes göttliches Gut zu werten pflegten. Daher kommt es, daß der Münchner Raw erbleicht, wenn irgendwo in seiner Gegenwart ein Gefätz zerbricht. Denn da wurde durch Unachtsamkeit das Verbot „lau saschchis" übertreten, ist vor seinen Augen ein Nationalverlust entstanden. Als Pikodaun, als Verwaltungsbesitz zur Wartung und Pflege unter persönlicher Verwaltung betrachtet er jeden Gegenstand, tudiert und behandelt er ihn. Bei dem Mittagsmahl einer Münchner Familie an einem ersten Pessachtag *) Siehe den Artikel unter „Personalien". wurde in der Suppe ein Korn gefunden. Erschrocken schickte man zum Raw; selber erschreckt, kam er persönlich. unbekümmert um den weiten Weg, und fragte die Beteiligten der Reihe nach aus. Niemand konnte erklären, woher das Korn in die Schüssel geraten sein könnte. Wann die Suppe' gekocht, wohin sie getan wurde, wo sie bis zum Anrichten stand, wurde gefragt. Die Suppe war am erew jomtow gekocht und zum Frischhalten auf die äutzere Fensterbank der Küche gestellt worden. Oertliche Besichtigung: über dem Küchensenster, im höheren Stockwerk, entdeckte der Raw einen Kanarrenkäfig. Dessen Vogelsutter, geprüft, war dem Korn in der Suppe gleich. Der Fall war geklärt, das Korn war beim Picken des Vögelchens herunter und in die Schüssel gefallen; der Psak konnte weit milder lauten, als die Betroffenen gefürchtet hatten, und an momaun schel Jisroel konnte ein gut Teil durch Mühe. Erüi.dtich'tei: und guten Blick gerettet werden. Auch ein guter, Ingenieur wäre Rabbiner Ehrentreu geworden. Dampfmaschine, elektrische Apparate und Architektonik liegen ihm offen, wie ein aufgeschlagen Buch. Auch dafür bezog er das Rüstzeug aus den Thora- Lehrstätten. Den Webstuhl mutz kennen, wer Traktat Sabbat ganz verstehen will, die Dimensionen des Misbeach müssen dem geläufig und anschaulich sein, der Mischnajos Midaus lehrt, und die genaue Bauart des Mikdofch mutz den Kauhen fesseln, deh Seele nach Tempeldienst auf Zion lechzt. Hat aber eine verhältnismähig einfache Maschinerie den regen Geist eines Forschers zu interessieren begonnen, dann geht leicht das Erkenntnisstreben. weiter zu den Problemen der Technik und verlangt bino, die „Zwischensicht" dafür. Datz den grötzten Werken, den aus Gottes Hand hervorgegangenen, feine bewundernde Aufmerksamkeit. gilt, datz Rabbiner Ehrentreu ein Naturfreund ist, begreift sich nach dem Vorauserzählten. Schön ist es wahrlich und genutzreich zuzuschauen, wie er strahlenden Auges einen Sternenhimmel oder von ragender Höh eine entzückende Landschaft aufnimmt, eine Blume koset, eine edle Frucht betrachtet. Dann erzählen ihm die Himmel des Ewigen Ehre, kündet ihm die Erde Seiner Hände Werk. Ein gleichfalls kunstfertiger Schüler, der des Rabbi wundervolle Liebe zu Gottes Natur - erschauernd erlebte, hat vor Zähren zu jedem Halbvers von Borachi nafschi (Psalm 104) eine dem Inhalt entsprechende Künstlerkarte ausgesucht, darunter je den Wortlaut der Vershälfte in schöner Soferschrist gesetzt, das Ganze zu einem schmucken Album gebunden und dem verehrten Lehrer geschenkt. Dieser liest seitdem Borachi nafschi an jedem Neumondstag aus dem kleinen schmucken Album des Schülers. Ein gütig, ein unendlich gütiges Herz wendet sich dem sechsten Schöpfungswerke Gottes zu. lietz den Naturfreund zum allumfassenden Menschenfreund werden. Meint ihr nun, gewitz sei Rabbiner Ehrentreu ein leutseliger Herr, herablassend und wohlwollend im Verhalten zu Mitmenschen, so irret ihr. Leutseligkeit, Herablassung, Wohlwollen. das bedeutet das Niedersteigen eines Höheren zum Geringeren. Unser Meister steigt aber nicht hinab zu einem Menschen, er steigt hinauf zu ihm, weil er jeden Menschen ehrt als in Gottes Ebenbild erschaffen und ihm zugetan ist in grenzenloser Liebe. So ist es kein Wunder, datz fein Zimmer stets Leute aller Art füllen und drautzen im Vorraum immer andere zur Ablösung bereit sitzen. Denn in. dem Lernzimmer lauscht ein teilnehmend und verständnisinnig Ohr aller Sorge und allem Kummer, ist das Herz eines Weisen ständig zu Rat und Belehrung offen. Ueberhaupt dieses Gmillus chessed, zart, oft unmerklich geübt, es ist ein ganzes Kapitel für sich. Was Wunder auch, datz die Ehrentreusche Zdokokasse ein Fatz der Danaiden ist; kommt noch so viel hinein — es fällt allemal ebenso viel heraus, . nur gut angewendet, wohlüberlegt ausgestreut über den rechten Boden, vom Sämann der Menschenliebe. Diese Liebe gesellt sich dem scharfen Verstände, und beide vereint verleihen dem Manne einen weitausschauenden Blick, wenn sich's um Menschheitsschicksal dreht. An dem Tage war's, an dem aus Serajewo die Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers gedrahtet wurde. Rabbiner Ehrentreu schied freudig von einer froh verlebten Familienfeier und wollte Heimreisen. Am Bahnhof erfuhr er das Geschehnis, verfärbte sich, wurde verstört und verharrte während der ganzen Fahrt in dumpfem Grübeln. Gefragt, was ihn daran so überaus aufrege, antwortete er, datz dieser Fürstenmord ein Unglück bedeute, so entehlich, wie es die Welt noch nicht gesehen. Was niemand damals begriff, das zeigte ihm mit furchtbarer Deutlichkeit jene Paarung von durchdringendem Scharfblick und an Liebe überreichem Herzen. Wahrlich, wenn unsere Weisen sagen, ein Talmis Ehochom sei großer denn ein Prophet, so können wir an diesem Beispiel erkennen, welche maalaus umiddaus, welche Eigenschaften des Vertandes und des Gemüts sie sich bei einem wirklichen Talmid Ehochom vorgestellt haben. Zu wahrer Grütze gehört aüher der Weisheit und der Güte indessen noch eine Eigenschaft, die größte und seltenste; und das Bild aus des Meisters Werkstatt wäre ohne jenen Hebel unfertig und unklar. Es ist nicht ganz leicht, davon zu sprechen, weil damit jede Zeile dieser Plauderer als Unrecht gegen den Gefeierten bloß-