Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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V BE* Der Israelit nt.» Weltklänge. Das Schaudern am Radio.*) Einer meiner jungen Freunde lud mich ein, mit ihm die Londoner Oper zu besuchen. Und ich sagte zu. Um die festgesetzte Zeit fuhr ich. mit der Elektrischen dahin und war in wenigen Minuten am Platze. Wir gingen durch einen sauberen, wohlgeordneten Bücherladen und gelangten in ein dunkel abgetöntes Hintergemach. Wir waren in der Londoner Oper. Die Aufmachung ist nicht groß. Die Szenerie: ein Apparat auf dem Podium, der nicht größer ist als ein Grammophon, mit drei glühenden Zündern. Etwa vier Sessel für geladene Gäste. Parkett und Loge zugleich. Hinter den Sesseln noch ein paar Gäste, die stehen und ungeduldig auf die Ablösung warten. Stehgalerie. Wir vom Parkett bekommen ein Ding über den Kopf gestülpt, das hufeisenförmig in zwei Hörern ausläuft, die sich hart und platt an beide Ohren anschmiegen. Es kann losgehen. Es ist längst losgegangen. Die Oper ist in vollem Gange. Die Ohren sind in London, der Geist kommt langsam nachgehinkt. Allmählich tritt die ganze Situation vor das Geistesauge. Die Damen in rauschender Seide in den vordersten Reihen, die Herren mit den Monokels in den Logen, das Publikum im terrassenförmigen Hintergründe; die Darsteller auf den Brettern, die in diesem Falle wortwörtlich die Welt bedeuten. Beifall, Spannung, Blumen ... Das Ohr, das wirkliche, nicht das geistige, hört starke Orchesterklänge. Eine Männerstimme singt. Ich gestehe zu meiner Schande, ich weiß nicht, was. Dieses klingende, klagende und jubilierende Englisch wäre mir auch auf weniger als auf einige tausend Kilometer Wellenlänge unverständlich geblieben. Auch die Melodie ist mir nicht sehr bekannt. Aber dieser Gesang, diese melodische Stimme, diese herrlichen Silbertöne, die bis zur höchsten Höhe spielend hinaufklimmen und dann wie ein Bergbach hinunterrieseln! Schmerz, Zorn un> Jubel, Kampf und Sieg und Erlösung . . . Ich habe keine schöneren Klänge aus Menschenkehle in meinem Leben gehört. Es könnte meinetwegen Caruso sein, wüßte ich nicht ganz bestimmt, daß mit der Ober- und Unterwelt noch keine Radioverbindung existiert. Und Caruso weilt bekanntermaßen seit einigen Jahren dort . . . Da überkommt mich auf einmal ganz urplötzlich tiefes Schaudern, ich weiß nicht warum . . . Und ich erhebe mich, gebe den Doppelhörer an meinen Hintermann, an die Stehgalerie weiter. Wie ich, noch ganz benommen, in die frische Abendluft hinaustrete, da weiß ich plötzlich den Grund meines Schauderns. Die Welt ist voller Klänge und Töne, voller Schreie und Jauchzer, voller Hilferufe und Jubelgesänge, die Atmosphäre ist angesüllt vom Wimmern Gepeinigter, von Flüchen und Verwünschungen, vom Schluchzen des Jammers und von Gesängen des Lebensrausches . . . Und all diese Geräusche, all diese Töne und Klänge sind uns so nahe, so greifbar nahe ... Es bedarf nur einer Antenne, eines Zünders und eines Hörers, um sie zu fassen. Es ist nur reiner Zufall, daß w i r von den Tönen der Londoner Oper erfaßt wurden. Es hätten gerodaso gut auch andere Klänge aus denr wogenden Meere der Weltgeräusche sein können. Ein entsetzliches Bewußtsein! Sechs Jahre lang haben in Schützengräben und auf den Schlachtfeldern junge Menschenleben unter allen Schauern des Todes gezittert und gebetet, mit dem Schrei nach Mutter oder nach Weib und Kind ihr Leben ausgehaucht. Wir hätten es hören müssen, wie wir eben die Londoner Musik gehört haben, und die Welt hätte erschauern müssen von Pol zu Pol bei den Tönen, die ihr so nahe waren. Sie hörte es nicht. Es fehlte an der Antenne und an den Funken . . . Mit Füßen getretene Völker schreien um Recht, um Freiheit, um Brot für Millionen, die schuldlos das Verbrechen Einzelner büßen. Im Rate der Großen, die, über die Völkerschicksale verfügen, gibt es noch keinen Radioanschluß . . . Wer hat die Funken aufgefangen, die die Todesschreie unter mörderischer Kosakenhand ausröchelnder jüdischer Gemeinden am Dnjeper und am Bug trugen? Auf den Hochschulen der Randländer brüllt der Mob im Studentenwichs: „Numerus clausus!" und *) Radioaufführung bei Auffahrt, Frankfurt a. M., Zeil 124. in den Ländern der Hochkultur der Plebs im Frack wie im Arbeiterrock: „Der Jude ist schuld!" Ausgetriebene verlassen Haus und Hof. Warum bringt kein Radio das Wüten und Weinen der einen und anderen ans Ohr der Welt? Und jenseits des Atlantus in Ellis Island: Tränen, Tränen, jüdische Familien, die man mit dem häßlich schrillen Worte „Quote" wie mit einer verrosteten Schere auseinandertrennt... Wo die Antenne, die all die Tränen und Seufzer ausnimmt, und sie uns in Funkeneile auf Tausendkilometerwsllen näher bringt? So nahe sind uns all die Töne und Schreie, zum Greifen nahe, sie umschwirren förmlich unser Ohr. Ein kleiner technischer Apparat, und wir hörten sie wie wir den Sänger in London hören. Ein Radio für das Wellenleid! . . . Ein Radio für die jüdischen Tränen! . . S—tz. Der Herr gibt. Skizze aus dem amerikanischen Leben der Gegenwart. Von Anzia Pezierska. (Uebersstzung aus dem Englischen des Menorah-Journals von A. M.) (Fortsetzung). Frau Ravinsky sparte die Waren, welche die Nachbarn ihr geschenkt hatten, für Mann und Kind auf. Sich selbst gestattete sie nur die Ueb erbleib sel, die Krumen, die Kruste. Am folgenden Nachmittag, als sie ihr knappes Mahl beendet hatten, fühlte sie noch das gewöhnliche Nagen ihres unterernährten Körpers, so nahm sie einen sauren Pickel und schnitt eine Scheibe von dem dahinschwindenden Brot ab. Aber dieser Bissen schärfte nur ihre Gier nach mehr Nahrung. Der zurückgebliebene Wöhlgeruch der Butter und Eier, die sie für ihre Familie aufgespart hatte, quälte ihre verhungerten Nerven. Ermattet und schwach durch den Kampf, ihren Hunger zu unterdrücken, wurde sie einmal in ihrem Leben rücksichtslos und überließ sich der hastigen Befriedigung mit dem Besten ihres kargen Mundvorrats. Mit zitternder Hand öffnete sie verstohlen die Schublade, nahm Butter und strich sie dick auf eine zweite Scheibe Brot. Das Ganze in den Mund stopfend, ergriff sie rasch zwei Eier und schlug sie in die Bratpfanne. Der Geruch der zischenden Eier erfüllte die Luft mit dem süßen Duft des Sabbats. „Ach, wie würde die Sonne mein Herz durchleuchten, wenn ich mir nur den Bissen in den Mund erlauben dürfte." Erinnerungen an gefüllte Fische und den Wohlgeruch frischgebackenen Apfelstrudels erweiterte ihre Nüstern. Sie sah sich nach Rußland zurückversetzt, den Sabbattisch zurecht machend, als die geehrte Frau des Rabbi Ravinsky. Das plötzliche Festtagsgefühl, das ihre Sinne durchbebte, weckte ihr Gewissen. „O weh, Sünderin, die ich bin, wie kann es mir einfallen, derart zu essen, wenn mein Mann nicht so viel verdient, um trockenes Brot zu kaufen! Was beginnen, wenn dies hier aufgebraucht ist? Angenommen, die „Mildtätigen" würden mich überraschen, so üppig schmausend!" Heißhungrig über die Eier geneigt, — ein Auge an der Tür — hob sie gerade den ersten Löffel voll zu ihrem zitternden Mund, als Rahel hereinflog, die Augen weit vor Erregung. „Mama, die Dame der „Mildtätigen" kommt! Sie fragt den Fischhändler an der Ecke, wo wir jetzt wohnen." „Schnell, versteck' die Bratpfanne in den Backofen! Weh mir! Das Haus nicht gekehrt, die Teller nicht gewaschen, alles umhergeworfen! Rahel, schnell, kehre den Schmutz in eine Ecke. Wirf diese Lappen unter das Bett! O weh, versteck all diese schmutzigen Sachen hinter den Koffer!" — 2n ihrer Hast, aufzuräumen, erinnerte sie sich an die Lebensmittel im Schrank. Sie steckte sie — zerbrochene Eierschalen und alles — in die Kommodenschublade. „O weh, wenn nur die „Mildtätigteits"-Dame nicht all dies Feiertagessen entdeckt." Schritte auf dem Vorplatz und Fräulein Naughtons fröhliche Stimme: „Hier bin ich. Frau Ravinsky, wie kann ich' helfen?" Mit geübtem Auge gewahrte sie das elende Möbel, das knappe Bettzeug, die unterernährte Mutter samt Kind. „Wieso all dies Schlimme?" Fräulein Naughton zog einen dreibeinigen Stuhl vor. „Bitte, sagen Sie mir alles, damit wir die Ursache Ihrer Not erkennen." Sie legte mit freundlicher Miene ihre Hand auf die Schürze der Frau. Frau Ravinsky biß sich auf die Lippen, um den erstickenden Druck der Tränen zurückzuhalten. Die Lebhaftigkeit, die Heiterkeit, sogar die Güte der Dame grub den Stachel ihres Elends tiefer. „Weh mir! all meinen Feinden mein verzweifelt Herz! So viele Kinder, so viel junge Leute sterben jeden Tag, aber zu mir kommt nicht der Tod, mich von meiner Schmach zu befreien." „Nicht so, nicht so." versetzte Fräulein Naughton, peinlich berührt von der Bitterkeit, die sie nicht zu verstehen vermochte. „Sagen Sie mir nur einiges Wenige, damit ich besser imstande bin, zu helfen." „Wieder mich mit Fragen in Stücke reißen?" Frau Ravinsky zerrte an der runzligen Haut ihres Halses. „Ich will nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten spähen, aber wenn Sie nur wüßten, wie oft wir hintergangen werden. Verflossene Woche verlangte eine Frau, daß wir ihre Miete bezahlen. Als ich kam, mich zu erkundigen, kochte sie gerade ein Hühnchen zum Mittagessen." Der Stuhl knarrte unter Frau Ravinskys schwankendem Körper. „Sehen Sie," fuhr die harmlose Fragenstellerin fort, „wir haben nur wenig Geld, und es ist nur in Ordnung, daß es an richtiger Stelle angewandt wird." Nach einigen einleitenden Bemerkungen sah Fräulein Naughton fragend auf. „Wo ist Herr Ravinsky?" „In der Synagoge!" „Hat er keine Arbeit?" „Er kann nicht arbeiten. Seine Gedanken sind auf das Jenseits gerichtet." Fräulein N. runzelte die Stirne. Sie war an diese Art Entschuldigung gewöhnt. „Wer nicht träge ist, kann immer Beschäftigung finden." Frau Ravinskys plötzliches Erblassen sehend, fügte sie freundlich bei: „Sie haben heute noch nicht gegessen? — Sind keine Lebensmittel im Haus?" Frau Ravinsky wankte. „Nein. — nichts — ich aß noch nichts." Das sinnende Grau in Rahels Auge dunkelte vor Scham, als sie, zum Schutze ihrer Mutter, deren Schürze ergriff. Der Blick des feierlichen kleinen Gesichts schien sich gegen Fräulein Naughtons wärmstes Gefühl aufzulehnen, ihr die reiche Kraft der glühenden Jugend zum Vorwurf zu. machen. „Hattest du Frühstück, meine Liebe?" Der Dame Hand ruhte sanft auf dem verwirrten, glanzlosen Haar. „ N nichts — nichts," das Kind wiederholte die Worte der Mutter. Fräulein Naughton stand plötzlich' auf, sie durfte ihre Gefühle nicht Herr über sich werden lassen. „Ich werde Verschiedenes einkaufen."