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Der Israelit · 1924-02-21 · Heft 8 (21.2.1924) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 8 (21.2.1924)
Date
1924-02-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 8 Der Israelit 21. Februar 1924 zu lenken gesucht haben. Im radikalen „Haschachar" des Perez Smolenski waren vor 50 Jahren die Artikel Jaweh' die einzigen, die zum Festhalten an der Tradition gemahnten. Im hebräischen Sammelbuch ov» aVnan von Jizchak Suwalski trat er in den 80 er Jahren mit einer Artil'el-Serie gegen Mendelssohn und gegen die Asfimilaüon hervor, die die größte Beachtung fanden. Im Jahre 1591 wanderte Jaweh, von glühender Liebe nach dem heiligen Lande getrieben, nach Palästina aus. wo er mehrere Zeit- und Sammelschriften herausgab. Er vertrat die Ansicht, daß der orthodore Jude zugleich aus der Höhe der Kultur stehen mutz und sich das beste von allen Kulturen anzueignen hat. Auch einige belletristische Werke entstammen seiner Feder, die alle die Kraft des religiösen Glaubens zum Motiv haben. Nach fechssährigem Aufenthalt in Palästina kehrte er 1897 nach Rußland zurück und schloß sich dem Misrachi an, dessen Organ er auch längere Zeit leitete. Sein größtes, ja fein Lebenswerk, ist aber seine jüdische Geschichte in hebräischer Sprache, rmVw mit der er bereits 1871 begonnen hat und von der bis zum Kriegsausbruch 8 Bände erschienen sind. Es ist ein prachtvolles Geschichtsbuch, das einzige, das wir in dieser Ganzheit haben und ohne Bedenken unseren Kindern in die Hand geben dürfen. Jaweh berücksichtigt zuweilen auch die neuesten Forschungen des Rabbr Jzchak Halewi und dessen Feststellungen gegen Grätz, Weiß und Krochmal. Aber das Jawetzsche Werk will kein Quellenbuch für den Fachgelehrten, sondern Geschichtsbuch für Haus und Schule sein. Es hält sich darum von jeder Polemik fern und ist in seinem geruhigen methodischen Aufbau eine Wonne für Alt und Jung. Das Ganze ist auf den festen Boden der Tradition gestellt, ohne daß der strengen Wissenschaftlichkeit des Werkes im mindesten Abbruch getan wird. Speziell für die jüngere Jugend bestimmt ist sein kleines geschichtliches Handbuch unter dem Titel •>»’■nxr i>rrne». Ebenso sein Schulbuch nnV’ bo und seine Anleitung für den Unterricht in der Weltgeschichte in vier Teilen unter dem Namen dVw nn* Außerdem gab er einen Kommentar zum Gebetbuch unter dem Namen atm mm heraus, der noch nicht genügend gekannt und gewürdigt ist. Eine tiefreligiöse Natur, strömt aus allem, was er sprach und schrieb, tiefe Religiosität, heiße Liebe zur jüdischen Vergangenheit und zu den jüdischen Heilig? tümern aus. Wolf Jaweh wird unter den Besten unseres Jahrhunderts genannt werden. Hundert Jahre Russisch-Indischer Geschickte. Zum Erscheinen des hebräischen Memoirenbuches „Sichron Jakob". Wenn schon die ganze dreitausendjährige Geschichte des jüdischen Volkes noch wenig erforscht ist, so ist die Geschichte der russischen Judenheit im letzten Jahrhundert vollkommen in Dunkel gehüllt. Eine Aera von Bedrückungen und Verfolgungen ohnegleichen ist dieses Jahrhundert. eine Aera von historischen Geschehnissen, die in ihrer Verzweigung und Auswirkung bestimmend waren für die Entwicklung der Geschicke der gesamten Judenheit, und dennoch fast vollständig unerkundet und unerforscht. Einfach darum, weil die jüdischen Historiker des letzten Jahrhunderts fast alle vom Westen kamen und die Dinge in Rußland entweder nicht kannten, oder nicht die Fähigkeit besaßen, hinter deren tiefere Zusammenhänge zu schauen. Ein histori'ches Werk von inne~em Verständnis und zuverlässiger E.ündlichkeit über dir^e Periode jüdischen Lebens und Leidens wäre schon an sich von größter Bedeutung, um wieviel mehr, wenn der Verfasser nicht nur historische Ereignisse registriert, sondern Erlebnisse im eigentlichen Sinne wiedergiirt, sozusagen aus der Schatzkammer seines reichen Jchlebens all die Reminiszenzen auspackt, die die Vorgänge wie in einem Panorama voll Licht und Leben an uns vorüberziehen lassen. Rabbr Jakob Halevi L i p s ch i tz stand über ein halbes Jahrhundert im Mittelpunkt aller historischen Ereignisse der jüdischen Welt. Im Arbeitszimmer des alten Kownoer Raw, Rabbr Jzchok Elchonon Svektor b'sr liefen all die verschlungenen Fäden des jüdischen Lebens zusammen, und der Freund und Berater und der eifrigste Mitarbeiter, man würde heute sagen Kanzler, dieses überall das letzte ent'cheidende Wort sprechenden großen Rabbr war Jakob Lipschih, in dessen Memoiren all die Vorgänge dieser bewegten Zeiten der Nachwelt erhalten sind. Der Mann, der drei Jahrzehnte das rückhaltlose Vertrauen des Kownoer Raw genossen hatte, stand aber auch km regelmäßigen persönlichen oder brieftichen Verkehr mit den anderen Größen der Zeit, wie Rabbi Israel Salanter, Rabbi Josef Baer und dessen großem Sohne, dem letz'en „Brisker Raw", Rabbi Etjie Chajim Meisel aus Lodz, aber nicht minder mit den führenden Männern im Auslande, wie Hildesheimer, S. R. Hirsch, Chief- Rabbi Adler. Vater und Sohn, in London, Zadok Kahn Paris, ebenso mit den bedeutendsten Chassidimrabbis. Mit prüfendem Verstand und klarer Einsicht in die Dinge erfaßt er stets die Situation, und die Aufzeichnungen zeugen zuweilen von einer Gestaltungskraft, die die Lektüre des kn fließendem leicht faßlichem Hebräisch gehaltenen Tertes auch noch obendrein zu einem Vergnügen macht. Wie hier die ganze Haskalabewegung in das richtige Licht gerückt wird, wie hier in einzelnen kurzen Kapiteln das Innen- und Außenleben der litauischen und polnischen K eh illa gezeigt wird, das alles ist eigenartig und im Gegensatz zu den bekannten Schilderungen der neujüdischen Literatur mit einer Liebe zum Judentum und zur Judenheit, und daber mit einer Objekt» iiät geschrieben, die allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren läßt. Der Verfasser ist vor wenigen Jahren, 65 Jahre alt, nachdem er noch all die Leiden des Krieges und des Ftüchtlingslebens bis zur Neige ausgekostet hat, gestorben, ohne das Erscheinen seines vollkommen druckreif geordneten großen Werkes mitzuerleben. Sein jüngster Sohn Noter Lipschitz (Kowno-Slobodka, Jurburao g-ve 83), hat von ihm das heilige Vermächtnis übernommen, das Werk in drei Bänden herauszugeben. Der erste Teil ist bereits im Druck erschienen und er zeigt uns erst als Einleitung des Ganzen, welche gebieterische Pflicht uns obliegt, das Erscheinen der zwei folgenden Teile zu ermöglichen. Der Herausgeber selbst, der vor kurzem erst aus der ukrainischen Verbannung heimgekehrt ist, kann es naturgemäß aus eigenen Mitteln nicht bewerkstelligen. Aber man darf hoffen und vertrauen, daß Freunde der jüdischen Literatur und Geschichte nicht zurückstehen werden bei der Hebung dieser kulturge'ch chtlichen Sch'ihe aus dem Wust der Zeiten. Der erschienene erste Band ist die beste Reklame für das ganze Werk und find Interessenten gebeten, sich mit dem Herausgeber unter der oben angegebenen Adresse in Verbindung zu setzen. Sch. Ainderecke. Des Kindes Traum. Don Hermann Seckbach. Der ferne Mar lag krank zu Bett. F'ebernd warf er s'ch im Bett herum, dann und wann laut aufsch"eiend. wenn ihn die Schmelzen plagten. Enge, kable Räume, armselige Verhältn'sse, s'eben Kinder — die Mutter leidend, der Vater mühselig dem Erwerb nochgehend, das war das häusliche Familienbild. Mar, ein schwaches Ke lchen, konnte da nicht gede'hen. In der Schule kam er kaum mit — und doch, wer ahife wobl das Sehnen des K^e'nen, den anderen gle'ch zu kommen, den anderen — ja, die hatten zu Hause doch alles — alles, was Mar entbehren mutzte. Das emnf-nd er besonders, wenn ab und zu sein Klassenkamerad Rudolf ibn m'tnahm, und er dann Einblick in dessen Häuslichkeit bekam. Wie war da alles so glatt, so schön, so geordnet. Dann und wann holte er ihn ab, dann durfte er wohl auch mar nach „oben" kommen, da stand noch der schön gedeckt Frühstückstisch, aber was ihm'noch mehr imvon'erte, das war die. rübrende Fürsorge, die hier ausgeübt wurde — alles wetteiferte, datz ia die Vorbereitungen zur Schule richtig getroffen wurden. Neben den E'tern das Kinderf'allein, selbst die alte Köchm — alle waren bemüht, dem Jungen noch mal d-e Aufooben e'nzuvräaen und ihm dann sein Desperpoke^chen zuzustecken. So ausgerüstet, ging er mit Mar zur Schule. Einmal war es an e'nem trüben Tag, es regnete in Strömen, da wurde Rudi im Auto zur Schule gefahren, und Mar du-fte mit einsteigen. O, war das schön! Unzählige Male drückte Mar seinem Kameraden dankbar die Hand. Und nun war Mar wieder auf Wochen durch die Krankheit zurückgeworfen. Der Schulbesuch, sein Rudolf, auf den er ganz im S i'len so stolz war, traten in den Hintergrund, in seinen Schmerzen lag Mar einsam auf seinem bargen Lager. Das gramgebeugte Ees'cht der Mutter neiqte s'ch über ihn — Hamaloch haaaueil autzi mikol ro, jeworeich etz han'orim. Der Engel, der mich erlöst hat aus allem Uebel, segne de Knaben. Und bei den innig hingeflüsterten Gebetsworten der Mutter schlief der fiebernde Junge endlich ein. Mitten im wohltuenden Schlaf erlebte er Merkwürdiges. Die kahlen Wände des Zimmerchens dehnten sich, die schmalen Fensterchen erweiterten sich — sanft und weich wurde das harte Lager, und die Sonne, die liebe Sonne lieh ihre Strahlen so Herr ich hereinleuchten, datz alles im Raume sch in wundervolles Gold verwandelte. Und siehe da, da kam auch der Rudolf hereinspaziert und hinter ihm der Jakob, der Aba, der Josef. „Na, Marek, wo steckst du denn", rief ihm Rudo.f zu, „hallo hopp, auf, wir holen dich ab und du mutzt mitgehen." Frohbewegt erhob sich der kie'ne Mar. War das eine Ueberraschung, ein feiner Anzug lag fir und fertig da, feine Stiefelchen wurden ihm angezogen, schnell noch eine wundervolle Mütze aufgestülpt, und dann gmg's hinaus. „Mcrel, geh mit uns. nein mit uns, — nein mit uns", jeder wollte ihn zur Seite haben. So kam die kleine Schar in die Schule hineinspaziert — gerade stand das Lehrerkollegium plaudernd zusammen. „Da schauen S'e doch mal h'n, Koliege Baumann — ist das nicht geradezu herrlich, wie meine Jungen sich um das blasse Marel bemühen? Ich weitz nicht, was da los ist, das Kerlchen kam partout nicht mit, war immer so bläh und elend, und nun st es doch wirklich ein Wunder, was meine Buben aus ihm gemacht haben!" Dieser schaute der glücklichen Kindergruppe zu. „Ra, Marel, komm mal her, mein Junge; du siehst ja heute tadellos aus. We tzt du auch, datz du in der Klasse jetzt ganz obenan sitzt? Ganz stolz bin ich auf dich! Na, und deine Mutter, wie wird die sich freuen! Die Mutter — — — Hamalach hagaueil autzi mikol ro, ieworeich etz hanorim . . ." A emlos neigt sich die Mutter über das Bett 'hres Kindes. Ja, was ist denn das? Ein Lachen, ein Jauchzen, ein Glück geht von dem Lager des Kindes auf sie über. „Ach, Muttchen, ist das schön! Bist du nicht stolz auf mich? Aber was ist denn das? Bin ich ganz allein? S nd alle fort? Haben sie mich-vergessen?" „Rein, mein Kind," sagt wehen Herzens die Mutter, auf den Traum ihres Lieblings eingehend, „alle, a le lassen dich grühen und kommen wieder." Glücklich lächelnd schläft in den Armen der Mutter der kleine Mar wieder ein. Literarische Notizen. Es ist der alte „Kizzur Schulchan Aruch" von R. Schlaume Ganzsried, wie er seit einem Jahrhundert als Kompendium unserer religiösen Tagesvflichteu uns allen wohloertraut ist. Aber welch neues herrliches Gewand, welch gesundes, schönes Aussehen hat er gewonnen! Rabb. David F e l d m a n n, Leipzig, hat ihn neu herausgegeben, kn breiterem Formate, in lichtem Drucke (Druck von M. T e i ch e r , Leipzig), mit Erläuterungen und Quellennachweis unter dem Titel p'x nnix» und “ml mix» iinb mit einem Anhang von Illustrationen versehen, d§e folgende religiöse Hebungen und Handfertigkeiten veranschaulichen: Zistoanmachen, Talithumhüllen, das Binden von Tesillinknoten, Mesusohanschlagen, die Hantierungen des Soffer, Sabbatgürtel u. v. m. Als Orte der Herausgabe werden Leipzig und Newyork angegeben. In der Tat eine Kombination von deutscher Gründlichkeil'und amerikanischen Schönheitssinnes in punkto Ausstattung und Buchschmuck. Unser alter, guter Kizzur in einem Festgewande, das ihn besonders der Jugend doppelt wert und lieb machen wird. Sch. Die ,, Denkwürdigkeiten der Glücket von Hameln", die der Jüdische Verlag in Berlin in einer von dem Heimgegangenen Dr. Alfred Feilchen<- seld-Fürth ins Hochdeutsche übersetzten illustrierten Ausgabe in Deutschland salonfähig gemacht hat, liegen in vierter Auflage vor. Man liest das Buch, dem der Erdgeruch ursprünglichen jüdischen Empfindens trotz der Uebersetzung anhaftet, mit immer neuem Genuß. Die beigegebenen 25 Bilder stehen zwar mit dem Tert in keinem Zusammenhang und wirken daher etwas unorganisch, aber sie sind an sich kulturhistorisch interessant. Das in letzter Nummer besprochene halachische Werk vnb nabn ist im Verlage „Menora", Wien, erschienen und auch beim Verfasser, Rabbiner M. Neumann, Zabokreky, Tschechoslowakei, zum Preise von 50 tsch. Kr. zu beziehen.

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