Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1924)
- Date
- 1924-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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65. Jahrgang Frankfurt a. 2TL, den 21. ^ebniar 1924 16 Adar 1 56>4 Nr. 8 Oer Israelit || Ein Centralorgan für du orthodoxe Judentum ((fOj f 11 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. lll I Der Isroetu erjcheiin icben X'üiuierf.iütf. Jnjeratr 30 Goldpfen»>ge, füi $teUeutud)inDe 8» Goldpf.. für die kiebengeipaltene Ranpareille-Zeile. Die Ä> mm breite ReNamezeiler letzte Tertseite SN Pfg., vorletzte Tertseite 1.80 Pfg.; Edtffregebühr in Höhe eine» doppelten Fernbriefporto». Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen tarifm. Pre»serdöhung jederzeit Vorbehalten. Inseratenannahme durch den Verlag des Israelit W. m. b H.. Frankfurt a. M.. Dr. Eschenheimer «trotze 88, Tel. Hansa 5H49 sowie durch sämrl. -Innoncen-Erped. des In- und Auslands?lUein<ue Inkeraienannabme für Frankfurter E>i0>äf»^a»»eigen' Jul. Gchrnidt. LanaeNraKe x. Vlatzvorkctiriften ohne AerbindliN keit. Abonuemeni ab Januar 1924: T euilchlonr 1 lKoldmart niuuotlicb; Ausland: Viertel» iahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ver» lande») Deulsch-Lfterreich: 600l>0 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 18 Fr.: Holland 8 fl.; Italien 8" Lire; Jugoslawien 70 Tin.; Litauen 7.50. Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs; Tchwel« 8 Fr.; Tfchecho-Slowaket 80 Kronen; Ungarn 16000 Kronen: Dänemark 5 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dre'tzig Goldpienniae Zürich vul 7<jS4 — Pofische«kamt Amsterdam 4k r Ä^09 — Böhmische Unionbank in Brno - fiii» Rl»nt (tt C<>. in Bnlareft - Filiale des Aiiener Bankvereins in Äaram. Mil Rücksicht aus die heut« beiliegenden „Mütter des Gruppenoerbandes der Ag lda» Zisroel" »ird der fällige Bogen 4 von S. R. Hirsch, „Frühling und Freiheit", der nächsten Nummer beigegebrn. mmmmmmammammmsmsmmmmmmmm Abban oder Ausbau? Don Heinrich Elnstädter ln Frankfurt a. M. „Alles hat seine Zeit, und eine Zit hat jede Angelegenheit unter dem Himmel . . . Eine Zeit hat das Einreigen und eine Zeit das Aufbauen." <Koh. 3.) Eine alte Wahrheit, aber deswegen nicht minder Wahrheit. — Seit Monaten lesen wir in den Tageszeitungen von dem Abbau. Aemter, Schulen, sozia'e Einrichtungen und vor allem Beamtenste.len sollen abgebaut werden. Ueber die Notwendigkeit dieser Maßnahmen ist man sich einig; aber über Ausmaß und Tempo konnten die öffentlichen Gewalten trotz a ler Be.atungen und Erhebungen bis jetzt noch nicht zu einem endgültigen Entschlüsse gelangen. Da muß man denn doch sagen, daß sich die deutsche Judenheil in dieser Angelegenheit als fortgeschritten erwiesen hat. Sie ist mit dem Abbau allen vorangegangen. Ohne sich über Notwendigkeit und Folgenschwere langen Erwägungen hinzugeben, ist sie flott zur Tat geschritten. Sie hat Volks- und Religionsfchu en, Lehrerseminare und P äparandenanstalten. Rabbiner- und Lehrerstel.en in raschem Tempo abgebaut. Und wie gründlich! In Süddeutschland, wo die Gemeinden noch verhältnismäßig dicht beisammen liegen, findet sich oft auf zehn Stunden Entfernung kein jüdischer Lehrer mehr. Von sämtlichen Seminaren bestehen noch zwei, und auch sie stehen schon auf dem Aussterbeetat. Mit den P.äparandenanstalten bat es die gle che Bewandtnis. Mit einem Lehrernachwuchs ist niht mehr zu rechnen. An einer der genannten Anstalten kommen zwei Lehrer auf einen Schüler. Sollte es angesichts solcher tieftraurigen Zustande noch notwendig sein, die Frage aufzuroerfen: Wohin soll das noch fuhren? Wenn diese Entwicklung auch nur noch kurze Zeit so roeitcrgeht» . werden - wir ähnliche. Verhältnisse haben wie in Frankreich: Außer in einigen kleinen Stadtgemeinden ist jüdisches Leben nicht mehr vorhanden. Wir sagen mit Vorbedacht: kleine Stadtgemeinden. Denn wenn die Quellen versiegen, sinkt auch der Spiegel der Ströme. Ja, alles hat seine Zeit, das Aufbauen und auch das Einreißen. Aber ist denn wirklich gegenwärtig die Zeit zum Niederreißen? E.fordern es die Umstände mit zwingender Gewalt? Handelt es sich um eine Rückbildung, die mit so elementarer Wucht erfolgt, daß es garnicht möglich ist, sich ihr entgegenzustemmen? Nein, tausendmal nein! 2m Gegenteil Seit vielen Jahrzehnten wa en die Verhältnisse niemals so günstig für den Aufbau gelegen wie in der Gegenwart, und es ist desha b frevelhafter Leichtsinn, wenn man sie nicht beachtet. Die Landflucht, die seit mehr als einem halben Jahrhundert an dem Mark unserer Landgemeinden zehrte, hat aufgehöct. Infolge der Wohnungsnot in den Städten ist die Verlegung des Wohnsitzes vom Dorf nach der Stadt unmöglich geworden. Die Jugend, die früher zu ihrer allgemeinen und beruflichen Ausbidung in Stadtschulen und S adigeschäfte geschickt, dem Landleben und oft auch der religiösen Führung entf emdet und zur Ansiedelung in der Stadt hingeleitet wurde, bleibt in der Heimat; denn die Mehrzahl der Ettern kann nicht mehr die Kosten erschwingen, die heute die Unterb.ingung ihrer Kinder e fordern würde. Es ist also mit einem Ersta.ken der Landgemeinden sicher zu rechnen. Diese erstarkenden Gemeinden können der Kulturbeamten weniger denn je entraien. In früheren Zei.en, als in ihnen noch „gelernt" wurde, bildeten die blühenden Landgemeinden den S.olz und das Rückgrat der deutschen Judenheit. Als die Lamdonim schwanden, blieb doch nur der Amhoorez zurück, der. aus der Vergangenheit sich ein so starkes religiöses Gefühl gerettet hatte, daß er oft mit den größten Opfern streng an den Gebo en und Gebräuchen festr.ielt. wenn er auch nicht immer imstande war. über ihren Grund und tieferen Sinn Aufschluß zu geben. Würde nun aber auch der Religionsunterricht der Jugend noch mehr eingeschränkt werden, dann könnte?'n der Amhoorez erstehen. den wir aus unserem Schrifttum als einen Feind und Hasser jeder wahren Religiosität kennen. Doch nicht nur den Religionslehrer braucht die Landgemeinde. Sie bedarf vielmehr auch des Pädagogen, der in der Lage ist, den Kindern den Grad der allgemeinen Bildung zu vermitteln, auf den trotz des Wegfalls des Besuchs höherer Schulen nicht verzichtet weiden soll. Und der tüchtige jüdische Lehrer ist dazu imstande. Er kann begabtere Kinder in Sprachen, B chführung, kaufmännischem Rechnen usw. wohl unterweisen. Er kann darüber hinaus auch jüdische Fortbildungskurse errichten und bei gutem Wil'en von beiden Sei'en wieder die Samenkörner der göttlichen Lehre auf dem Boden ausstreuen, auf dem einst so prächtige Saaten emporgeblüht sind. Dazu bedarf es aber natürlich der geeigneten Lehrerbildungsanstalten. Gieße Männer, Gelehrte von Namen, wahrhafte Säu en des Judentums, wie der „Wü zbi rger Raw", Rabbi Lazarus Ottensoser in Höchberg. Rabbiner Hirsch in Burgprepprch, Rabb.ner Dr. Pla'o in Köln ^»"rrr haben seinerzeit erkannt, daß solche Schulen das geeigne ste M tiel bilden, di: Kenntnis der Thora im Volke zu erhalten und zu verb.etten; sie haben der G.ündung und dem Ausbau dieser Anstallen ihre Kräfte geweiht und in ihnen einen Hauptteil ihres Lebenswerkes gesehen. Wäre es da nicht ein Frevel, wollten wir leichtsinnig zerstören, was jene in mühevoller A.beit aufgerichlet haben? Und dazu noch heute, wo die Verbreitung religiösen Wissens und Fuhlens so dringend nottut? Man wende nicht ein. daß ja das Schülermaterial fehle! Es wird da fein, sobald sich das Bedürfnis einstellt. Ist doch die Auswahl der Lebensberufe für den Juden so beschränkt worden, daß mancher gern seinen Sohn elnem Amt widmen wlrd, das für die Allgemeinheit von höchster Bedeutung ist und seinem Inhaber auch stets eine sichere und angenehme Eristenz bieten wlrd, wenn — jeder seine Pflicht tut. Also nicht zum Abbau, zum Aufbau laßt uns schreiten, denn für ihn ist es Zeit. Das jüdische Haus wlrd oft als ein ..Heiligtum im Kleinen" bezeichnet. Es möge wieder die Regel anstalt der Ausnahme werden, und auf es wollen wir heute die Worte unsres Gebetes anwenden: „Um unsrer Väter willen, die dir gehorsam waren. Erbau dein Haus wie ehemals, errichte deinen Tempel auf seiner S'ätte. Und laß uns seinen Aufbau wieder sehen Und mit seiner Wiederherstellung uns erfreun." 1