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Der Israelit · 1924-02-07 · Heft 6 (7.2.1924) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 6 (7.2.1924)
Date
1924-02-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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9 Die verwunschene Herberge. Auf Meilen hinaus kannte man weit und breit die fluchbeladene Herberge, und man wuhte auch, woher der Fluch kam. Man mied sie, soweit man's konnte. Ein Jude hatte einmal diese Herberge in Pacht. Der Gutsherr aber, ein polnischer Edelmann und ein Tyrann, bedrückte seine Untergebenen und seine Pächter und mißhandelte den Juden einmal öffentlich vor all seinen Freunden und Knechten, ohne daß sich der Jude etwas zuschulden kommen ließ, schwer, nur um seinen Herrscherwillen zu zeigen und den betrunkenen Gästen eine Belustigung zu bieten. Der Jude verließ alsbald mit seiner Familie Haus und Dorf. Und seitdem lastete Fluch auf dem Hause. Wer hier abstieg, so ging die Mär, wurde von Unglück begleitet. Böse Geister hatten sich in den Mauern eingenistet und trieben hier ihr Unwesen. Die Bauern weigerten sich, die das Haus umgebenden Aecker zu bestellen, und kein Handwerker wagte sich ins Haus, um Ausbesserungen vorzunehmen. Ein Dachdecker, der sich oben zu schaffen machte, stürzte herab und wurde mit zerbrochenen Gliedern vom Platz getragen. Das Haus war leer und verödet. Keiner wollte es mehr versuchen, hier sein Domizil zu nehmen und seine Existenz zu errichten. Die Fuhrleute machten nachts einen weiten Vogen, r-m den Platz nicht zu streifen, und die Arbeiter setzten sich lieber den schwersten Bestrafungen aus, als daß sie sich entschlossen hätten, hier in Haus und Garten eine Arbeit zu verrichten. Dem herrischen Gutsbesitzer machte dies viel Kummer. Das leerstehende Haus und die brachliegenden Felder bedeuteten für ihn einen großen Geldausfall. Cr bereute schon seine Tat und dachte im Stillen darüber nach, wie er sie gut machen könnte. Das einzige Mittel wäre gewesen, den beleidigten und mißhandelten Juden aufzusuchen und ihm Abbitte zu leisten. Dafür war aber der Edelmann zu stolz. Er entschloß sich zuletzt, das ganze Anwesen zu verkaufen, sogar tief unter dem Werte) allein es fand sich, kein Käufer. Nicht geschenkt wollten die Leute die ..verwunschene Herberge" haben. Der frühere jüdische Bewohner der Herberge hatte sich indessen im gegenüberliegenden Städtchen ansässig gemacht, nahm dort einen Krug in Pacht und betrieb noch anderen Handel, der aut ging, sodaß er mit seinem Lose sehr zufrieden war. Die Bauern, die den Edelmann von der anderen Seite bitter haßten, stiegen hier bei dem Juden gern ab, liebten und achteten ihn sehr und brachten ihm viel Verdienst ins Haus. Die einfachsten Leute sahen, daß eine höhere Vorsehung, die dem Juden angetane Schmach dem Gutsbesitzer schwer heimzahlte und priesen die göttliche Gerechtigkeit. Unter den Juden des Städtchens erzählte man sich aber, daß der Rabbi seine Hand im Spiele hatte. Der Pächter allein, der weder gelehrt, noch übermäßig fromm war, konnte den Fluch auf den Edelmann nicht heraufbeschworen haben. Man wußte aber, daß der Mißhandelte gleich nach dem Vorkommnis zum Rabbi geeilt war. um sich bei ihm Rats zu holen. Seitdem begann sich das Schicksal am Pachtgut des despotischen Edelherrn zu vollziehen. Die Tatsache blieb bestehen, daß alles das fluchbeladene Haus mied und der Edelmann zum Schaden auch noch den Spott der Nachbarsbesitzer erleiden mußte, die gern an den Vorgang rm Hofe erinnerten und ihn als einen Mann hänselten, der mit dem Juden sich selber ins Gesicht schlug . . . Da geschah es eines Tages, daß der Pächter eine Tochter verheiratete und den Schwiegersohn in seinen Krug einziehen ließ. Tr selbst zog ins Städtchen zurück und sah sich nach einem neuen Wirkungsfeld um. Wie dies der Gutsbesitzer hörte, ließ er dem Juden durch dritte Hand die Herberge mitsamt den Feldern zum Kaufe um ein Fünfte! des Wertes anb'eten. Hersch, so hieß der Jude, ließ ihn aber wissen, daß er das Anwesen nur dann übernehme, wenn es ihm der Besitzer ganz unentgeltlich und als gesetzliches Eigentum überschreibe und außerdem ihm, dem Juden, noch ein Sühnegeld von dreitausend Talern zahle für die seinerzeit ihm angetane Schmach. Der Edelmann, glücklich, daß sich überhaupt ein Weg zu seiner Rehabilitierung austat, überlegte nicht lange und willigte ein, unter der Bedingung freilich, daß die Tatsache der Verschentung und Sühnezahlung geheim bleibe. Die Neuigkeit vom W'iedererwerb der Herberge durch den alten jüdischen Pächter redete sich bald herum, man staunte und war begierig, wie es Hersch wagen würde, das verlassene Haus, in dem die bösen Geister ihr Unwesen trieben, den Schrecken der ganzen Gegend, zu betreten. Hersch aber ließ zunächst das Haus ordentlich reinigen und ausräuchern, allen Schutt und alles Geröll entfernen. Dann ging er zum alten Rabbi des Städtchens und lud ihn mitsamt den Gelehrten der Gemeinde ein, da diese gerade daran waren, die sechs Teile der Mischna auszulernen, in seinem neu hergerichteten Hause die Schlußfeier mit einem solennen Mahle auf seine Kosten abzuhalten. Die Bauern erzählten sich, der Rabbi mt' seinen Getreuen kämen, um die bösen Geister zu beschwören und sie aus der verwunschenen Herberge zu bannen. Und sie sammelten sich neugierig um Haus und Fenster. Was sie sahen, war nicht viel. Die Männer saßen bis zur späten Stunde an Folianten, lasen laut und diskutierten eifrig, dann erhüben sie sich und sprachen Gebete. Und zum Schluß gab es eine herrlich gedeckte Tafel, bei der sich die Männer bis zur Morgenstunde gütlich an Speise und Trank taten, dabei sangen und tanzten und viele Segenswünsche für das Haus und seinen altneuen Herrn aussprachen. Die Bauern bekamen ihren reichlichen Anteil an Schnaps und Leckerbissen und waren überzeugt, daß der Bann nun wirklich gewichen war . . . Die Mischna war ausgelernt und das Haus eingelernt und neues Glück kehrte darin ein. Es gingen wieder Menschen aus und ein und die Felder und Gärten blühten so üppig wie nie zuvor. Die dreitausend Taler überwies Hersch der Gemeinde, Ledung sich aber aus, daß der Sijum auf Mischna alljährlich in seinem Hause und auf seine Kosten gefeiert werde. Josef Israels. Zun: hundertjährigen Geburtstage Jozef Israels entnehmen wir einem Aufsätze von O. E. in der „Jüdischen Preßzentrale" Zürich folgende biographische Angaben und künstlerische Wertung des unsterblichen Meisters: Jozef Israels, der große unsterbliche Künstler, den man oft Hollands modernen Rembrandt nannte, und der bis zum heutigen Tag in seinem Vaterlands unübertroffen dasteht, ist am 27. Januar 1824 in Groningen geboren, wo sein Vater ein kleines Bankgeschäft hatte. Nach dem Wunsche seiner Mutter sollte er Rabbiner werden; er studierte Hebräisch und vertiefte, sich in den Talmud. Mein andere Einflüsse herrschten vor und er mutzte sich im Büro seines Vaters der kaufmännischen Laufbahn widmen. Schon frühzeitig erwachte der Künstler in ihm und die Ränder der Hauptbücher, in die er die trockenen Zahlen einzutragen hatte, verzierte er unablässig mit seinen Skizzen, bis endlich sein Vater einwilligte, daß er den Künstlerberus ergreife. Man weiß, daß Jozef Israels nach dem ersten Kunstunterricht in seiner Heimatstadt nach Amsterdam zog, wo er 1644 in das Atelier von Jan Adam Kruseman e'rnlral. Er wohnte bomote « W freundeten jüdischen Familie in der Breeststraat, im Judenviertel, wo einst Rembrandt gewohnt hatte. So-1 dann ging er für drei Jahre nach Paris, wo er sich bet Ed. Picot dem Schüler Davids Und später an der „Ecole des Beaur Arts" unter Paul Delaroche zu vervollkommnen suchte. Als er 1848 nach Amsterdam zurückkehrte, stand er mit seinen historischen Gemälden völlig im Bann der romantischen Schule und noch auf der Pariser Weltausstellung von 1855, stellte er sich mit seinem „Prinz von Oranten trotzt den Dekreten Philipph H.", als Historienmaler alten Stils vor. Bis zu seinem 40. Lebensjahre malte Israels, wie alle die andern seiner Epoche, konventionell Bilder aus der Geschichte, darunter auch einen Luther, die Bibel übersetzend. Erst in seiner Lebensreife, wo andere bereits auf ihren Lorbeeren ausruhen, wurde er er selbst: 1856 hat er in Zandvoort, wo er nach schwerer Krankheit Erholung suchte, sich selbst und den lebendigen Kunstschatz semer echt jüdischen Seele gefunden. Von da ab schuf er jene wundervollen ernsten Kunstwerke aus dem holländischen Schiffer- und Fischerleben, mit der ihm eigenen, lyrisch-elegischen Stimmung und er stellte seine Bilder von goldigerem zu immer lichterem Helldunkel fortschreitend, in jenem Zauberlicht Rembran'ots dar, das den Beschauer in eine so andächtige und märchenhaft mystische Stimmung versetzt. Und wie Rembrandt empfand er mit den Figuren, die er malte und init seiner Seele goß er zugleich all sein jüdisches „Rachmonus", sein Mitgefühl in die Gestalten, die er mit seinenr Pinsel belebte. Rembrandt malte mit seiner Seele, Israels malte nicht mir mit seiner Seele, er matte auch mit seinem Herzen, mit seinem jüdischen Herzen. Israels hat eine Reiseerzählung mit Handzeichnungen „Spanien'' geschrieben (erschienen bei Bruno und Paul Cassierer, Berlin, 1900), und eine Episode, die er darin über seinen Aufenthalt in Marokko erzählt, scheint das Leitmotiv für die Charakteristik des Malers Israels zu enihalten. Er schildert, wie er eines Tages in den schmutzigen, holperigeil Gassen von Marokko umherlief und neugierig war, zu erfahren, wie die vrercckigei! Steinklumpen, die hier als Wohnungen dienen, von innen aussehen. Obwohl es gefährlich ist, orientalische Häuser zu betreten, geht er in eines hinein und sieht „einen hohen dunklen Raum, in den: sich ein steinerner Brunnen befand, wie er wohl auf den Bildern von Rachel und Lea dargestellt ist. Ein Rad war hoch über denr Brunnen angebracht, woran Seile und ein eiserner Haken hingen, alles all und verwittert . . . Ich wagte mich nicht weiter, nicht wissend, was mir passieren könnte. Doch als ich da unentschlossen stand und nachdachte, hörte ich in hebräischer Sprache „Ma mewukschecho?" (Was ist dein Begehr?) Da trat ich ein und sagte ineinerseits: „Schalorn adonai, schalom aleichem, onochl jehudi meeretz Holland!" (Friede mit Euch, mein Herr, ich bin ein Jude aus Holland!) Ich war einge- I getreten in einen dunklen Raum, erleuchtet durch ein ö kleines, längliches, horizontal liegendes Fenfterchen . . . Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf dem Steinflur ab. In der Nähe dieser Ocffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen, und darüber lag ein großes weißes Pergament, das beinahe ganz den Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter dem Tisch der jüdische Thora-Schreiber (siehe bekanntes Bild), beide Arme auf das Pergament gestützt und wandte sein fürstliches Haupt mir zu. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig, bleich wie Alabaster; Falten, kleine und große, liefen um die Augen und die große gekrümmte Nase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel und ein langer, weiß-gelber Bart lag in großen Strähnen über das beschriebene Pergament. Er saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne, und zw er Krücken lagen neben ihm auf der Erde. Aus diesen humpelte er mit mir nach dem offenen, flachen Dache. Hier lagen Matten, worauf er sich niederließ und mich aufforderte, mich neben ihn zu setzen. So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den langbärtigen Alten, auf den Matten des flachen Daches in Marokko, überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblick in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte." In diesen seinen eigenen Worten spiegelt sich die ganze Eharakteristik des Malers Israels, und in allen seineil Bildern erkennt mau den Menschen, der diese Worte schrieb. Von den zahlreichen Gemälden Israels, die die meisten Kunstgalerien der Welt schmücken, behandeln nur wenige rein jüdische Sujets. Außer einer Historie seiner frühen Zeit, „Aron findet im Zelt die Leichen seiner Söhne" und einem „David vor Saul", malte er noch „Den Thoraschreiber" und „Ein Sohn des alten Volles" (voll Hermann Struck meisterlich radiert). Erwähnt seien noch zwei Radierungen Israels „Alte jüdische Sage" und das Titelblatt zum Buche des Jalobus H. Kann, „Erets Israel, Het Joodsche Land", eine Radierung Israels, die an die biblische Gestalt der Rebekka erinnerf. Aber alle die wunderbaren Werke, die Israels gemalt hat, sind erfüllt von tragischer Lebenswahrheii, getragen von tiefstem Mitleid für die Armen, Bedrängten und Kleinen und erfüllt von großer Innigkeit des Gemüts und sehnsuchtsvollem Bangen und Hoffen. Wt \<äxvt. Bilder tragen nicht nur die Signatur der Persönlichkeit Israels, sie sind gekennzeichnet durch den spezifischen Charakterzug der jüdischen Seele.

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